Mathias: Andri, willst du mir zum Einstieg einwenig von dir und deiner Erfahrung erzählen?
Andri: Gerne. Ich bin Andri, ich bin 51 Jahre alt. Meine Tochter Valentina ist am 27. November 2023 mit fünf Jahren gestorben. Sie war am 9. November fünf geworden. Ja, diese Erfahrung, diese transformative Erfahrung, den Begriff habe ich neulich in einem Podcast gehört, als es um das Thema Kinder ging und die Moderatorin meinte, die Erfahrung ein Kind begleiten zu dürfen, transformiere einem, hat mich zu einem komplett anderen Menschen gemacht. Aber wenn ich von meinem Erlebten erzähle, bezeichne ich es heute oft als eine Reise durch vier Welten. Die erste Welt war das normale Leben. Man geht zur Arbeit, hat mit Freunden Spass, plant Ferien, ärgert sich über Alltagsdinge und hat im Hintergrund dieses Urvertrauen, dass das Leben weitergeht und es schlussendlich immer gut herauskommt. Die zweite Welt begann mit der Diagnose, dass meine Valentina Krebs hat. Die dritte begann in dem Moment, in dem klar wurde, dass es keine realistische Hoffnung mehr auf Heilung gab. Und die vierte ist das Leben danach, ein Leben ohne mein Kind. Eine Welt, die vieles mit der ursprünglichen gemeinsam hat und doch erlebe ich sie als mir fremd und ganz besonders nicht gewünscht. Ich habe mir mein Leben nie so vorgestellt und muss das Leben jetzt komplett unfreiwillig leben. Diese Welten sind keine Orte. Sie sind Zustände des Daseins. Jede neue Welt hat sich für mich so angefühlt, als würde die alte Realität auseinanderbrechen und ich würde in eine neue hineingeworfen, ohne zu wissen, wie man dort lebt. \\Mathias: \\Willst du mir nun ein wenig detaillierter vom Anfang erzählen, vom Moment der Diagnose und wie ihr das erlebt habt?
Andri: Ja, kann ich gerne machen. Also rückblickend hatte Valentina eigentlich ziemlich typische Anzeichen. Ungünstigerweise fiel das alles in den Winter. Valentina ging in die Waldkita, und dort sind im Oktober, November und Dezember viele Kinder erkältet oder haben irgendwelche Infekte, auch Magen-Darm-Infekte. In dieser Zeit geht immer etwas um. Sie hatte Symptome wie Erbrechen und Übelkeit. Sie mochte nicht richtig essen und war vor allem am Abend eher müde und träge. Wie es dann so ist, geht man zum Kinderarzt, und dort hiess es, es sei ein viraler Infekt, das gehe vorbei und so weiter. So ging das hin und her. Im Dezember wurde es für uns zunehmend seltsam. Sie hielt plötzlich den Kopf immer etwas schräg. Irgendwann begann sie auch noch zu schielen. Da wurde ich misstrauisch. Ich fand, das gehe jetzt schon über mehrere Wochen, es werde nicht besser, und nun komme auch noch das dazu. Da müsse irgendetwas im Busch sein. Wir waren zwei-, dreimal bei der Kinderärztin. Sie kontrollierte die Blutwerte und alles, und eigentlich deutete auch nicht viel auf einen Infekt hin. Valentina war verstopft, und die Kinderärztin machte einmal einen Einlauf. Sie sagte, die Übelkeit könne auch mit der Verstopfung zusammenhängen und irgendwann könne es dann eben oben herauskommen. An einem Wochenende gingen wir auf den Notfall, weil wir fanden, dass es nun definitiv nicht mehr gut sei. Wir waren bei einem niedergelassenen Kinderarzt, der Notfalldienst hatte. Er schaute sie an, und ich fragte ihn ausdrücklich, ob es wegen des Schielens, der schrägen Kopfhaltung und des Erbrechens nicht etwas Neurologisches sein könnte. Er sagte nein. Er wolle mich wirklich beruhigen, das sei sicher nicht der Fall. Bei viralen Infekten könne so etwas vorkommen. Er erklärte noch, das Schielen könne damit zusammenhängen, wie anstrengend es für das Gehirn bei körperlicher Erschöpfung sei, die Augen immer gerade auszurichten. Das beruhigte mich natürlich ein wenig. Ein paar Tage später gingen wir trotzdem wieder zur Kinderärztin und sagten, dass wir jetzt genauer hinschauen müssten, weil etwas nicht stimme, sei erbrach immer wieder, auch wenn sie nüchtern war. Das war an einem Donnerstag. Sie sagte, sie sei langsam auch beunruhigt. Es könne etwas im Kopf sein. Das sei das Einzige, was sie so nicht ausschliessen könne, und es wäre gut, wenn wir das anschauen liessen. Dann schickte sie uns sofort auf den Notfall des Kinderspitals. Sie meldete uns mit einem Verdacht an und sagte, sie gebe den Verdacht auf einen Hirntumor an, damit wir möglichst noch an diesem Abend ein MRI bekommen würden. So war es dann auch. Das war das erste Mal, dass wir im Inselspital auf dem Notfall der Kinderklinik waren. Nicht zum letzten Mal. Wie es dort eben ist, wartet man lange, aber als sie kamen, ging alles relativ rasch. Sie sahen sofort, dass ein MRI sinnvoll und angezeigt war. Sie mussten zu später Stunde noch einen Anästhesisten suchen. Einen Kinderanästhesisten hat man um diese Zeit nicht einfach irgendwo bereitstehen. Auch ein freies MRI zu finden, war nicht ganz einfach. Aber sie konnten es machen. Wir wurden mit dem Transport unten durch die Katakomben hinübergebracht, und dort kam Valentina ins MRI. Zuerst wurde sie in Narkose versetzt. Das war das erste Mal, dass wir das erlebten, und das fährt einem schon ein. Dann hiess es, es dauere etwa zwei Stunden, bis sie wieder erwache. Sie würden uns anrufen, sobald sie im Aufwachraum sei. Wir hatten Hunger und entschieden, in die Pizzeria gleich um die Ecke zu gehen. Gleichzeitig hatten wir wahnsinnige Angst und unglaubliche Sorgen. Wir fragten uns, was das nun bedeutet. Trotzdem gingen wir irgendwie da durch und sagten uns, dass es das doch nicht sein könne. So schlimm könne es nicht sein. Sie würden jetzt schauen, und dann sei es sicher etwas anderes, so wie es bisher immer gewesen war. Nach zwei Stunden sassen wir dort und assen Pizza, mit wenig Appetit. Hunger hatten wir eigentlich schon. Dann riefen sie an und sagten, wir sollten kommen, und zwar direkt ganz nach oben auf die Intensivstation. Valentina sei dort, und wir würden dort in Empfang genommen. Da dachte ich natürlich, Scheisse, was heisst das jetzt? Für mich war klar, dass sie etwas im Kopf gefunden hatten. Ich hoffte nur, dass es kein Tumor war, sondern vielleicht etwas anderes. Und wenn es doch ein Tumor wäre, dann hoffentlich etwas Gutartiges. Wir gingen hinauf und wurden dort empfangen. Sie sagten, Valentina sei auf der Intensivstation, sie schlafe noch und werde gut überwacht. Eine Person könne zu ihr. Ich sagte zu Myriam, sie solle gehen. Sie ging zu Valentina, und ich blieb draussen auf dem Gang sitzen. Das war während der Corona-Zeit. Wir mussten Masken tragen, und auf der Intensivstation durfte ohnehin meist nur ein Erwachsener beim Kind sein. Ich war sicher eineinhalb Stunden dort. Myriam kam zwei-, dreimal heraus, und ich ging zwischendurch auch kurz nach Valentina schauen. Sie lag einfach dort, schlief weiterhin und hatte bereits Infusionen und alles. Irgendwann, es war bereits 23 Uhr, kam ein Ärzteteam. Ein Neurochirurg war dabei, ausserdem noch ein weiterer Arzt, bei dem ich nicht mehr genau weiss, welche Funktion er hatte, und ein Assistenzarzt aus der Onkologie. Auch daran erinnere ich mich nicht mehr ganz genau. Er sagte nicht viel. Es war vor allem der Neurochirurg, der das Gespräch führte. Ich sass dort und wusste insgeheim, dass jetzt etwas sehr Schlimmes kommen würde. Sonst wäre nicht eine ganze Delegation aufgekreuzt. Trotzdem war da immer noch die Hoffnung, dass es vielleicht doch nicht ganz so schlimm sei. Er bat uns, uns an ein kleines Kaffeetischchen im Gang zu setzen. Dann stellte er sein Notebook vor uns auf den Tisch, zeigte uns das MRI-Bild und sagte, «Wir haben einen Tumor im Kopf Ihrer Tochter gefunden.» Ich habe schon oft versucht, Worte für diesen Moment zu finden, aber es ist schwierig. Dieser Moment war so riesig. Ich glaube, ich kann mich nicht nur daran erinnern, sondern mein Körper erinnert sich daran. Das Atmen fällt schwer, das Herz rast, dieser kalte Schweiss. Es war keine eigentliche Angst. Es war eine existentielle Bedrohung, ein diffuses, körperliches Erschüttern. Ich war an der Schwelle zur Panik und gleichzeitig unglaublich gefasst. Als würde mein gesamtes System plötzlich in einen anderen Modus schalten, einen, den ich bis dahin nicht kannte. Alles war fremd. Die Zeit war anders, nicht langsam, aber auch nicht schnell. Ich weiss noch, dass die Stimmen, die Geräusche, das Licht und der Geruch plötzlich anders wirkten. Mein Körper funktionierte anders, und es fühlte sich überwältigend an. Ich wusste nicht, ob ich gleich in Ohnmacht fallen oder einfach wahnsinnig werden würde. Mein Empfinden, meine Gefühle, mein Körper, alles war mir fremd und so unheimlich bedrohend. Die Selbstverständlichkeit des Lebens war weg. Erst später wurde mir bewusst, dass mit diesem Moment auch das Urvertrauen verschwunden war, mit dem ich bis dahin gelebt hatte. Die Welt, in der ich gelebt hatte, existierte so nicht mehr. Der Neurochirurg erklärte uns, dass es sich um einen Tumor von der Grösse eines Avocadokerns mitten im Kopf handelte. Der Tumor sei aus der Zirbeldrüse, der sogenannten Epiphyse, gewachsen. Er sei kreisrund und blockiere aufgrund seiner Grösse den Fluss des Liquors, also der Hirnflüssigkeit. Dadurch hatte sich in den Hirnkammern, wo der Liquor produziert wird, ein Überdruck aufgebaut. Das Gehirn wurde zusammengedrückt. Das erklärte die Probleme mit dem Sehnerv, die Schwierigkeiten im Bewegungszentrum und sicherlich auch die starken Kopfschmerzen und die Übelkeit. Der Tumor drückte bereits auf das Stammhirn. Man sagte uns, dass nun eine Notfalloperation notwendig sei. Der Arzt erklärte, man würde an einer bestimmten Stelle einen Durchstich machen, damit der Liquor wieder Richtung Rückenmark abfliessen könne. So könne die Flüssigkeit wieder zirkulieren, die Ventrikel würden entlastet und der Druck im Schädel sinken. Ohne rasche Entlastung könne es zu epileptischen Anfällen und sogar zum Tod kommen. Der Eingriff sollte gleich am nächsten Morgen stattfinden. Eine sehr kompetente Neurochirurgin würde ihn durchführen. Sie würde vorne an der Stirn eine kleine Öffnung machen, hineingehen und diesen Durchstich setzen. Ausserdem würde sie versuchen, gleich eine Biopsie des Tumors zu entnehmen. Ich fragte natürlich, ob man den Tumor nicht gleich vollständig entfernen könne. Der Arzt sagte, das gehe nicht. Es wäre viel zu riskant, weil in diesem Tumorgewebe viele Blutgefässe verliefen. Man könne ihn nicht einfach so herausnehmen. Stattdessen werde man versuchen, ganz vorsichtig und mit möglichst wenig Verletzungen Gewebe zu entnehmen, damit bestimmt werden könne, um was für einen Tumor es sich handelte. Valentina werde auf der Intensivstation bleiben. Man werde ihr hochdosiert Kortison geben, um die Entzündung im Kopf zu reduzieren und den Druckabbau zu fördern. Eine Person dürfe bei ihr bleiben. Mehrere Personen hätten im Zimmer keinen Platz, die Intensivstation sei ohnehin schon überbelegt.
Mathias: Kannst du dich noch daran erinnern, auf welche Art euch die Ärzte die Nachricht überbracht hatten? Waren sie empathisch? Gingen sie auf eure Fragen und Sorgen ein?
Andri: Ja, komischerweise erinnere ich mich ziemlich genau sogar. Der Neurochirurg war noch sehr jung und sichtlich betroffen. Wir taten ihm leid. Ich fragte sehr rasch nach, was das nun genau bedeutet? Ich wollte natürlich hören, ob Valentina sterben oder leben wird. Der Neurochirurg wiederholte sich immer wieder, er sagte, zuerst bedeute es, dass man nun wisse, dass sie einen grossen Tumor im Kopf habe. Und es sei gut, dass man das jetzt wisse, weil man etwas dagegen tun könne. Was genau es bedeute, könnten die Onkologen sagen. Sie seien dafür zuständig herauszufinden, welche Therapie für diesen Tumor geeignet sei. Im Moment gehe es primär darum, diesen Durchstich zu machen. Das nahm ich natürlich zur Kenntnis. Aber innerlich wollte ich doch nur wissen, ob unsere Tochter sterben oder weiterleben würde. Darauf bekamen wir immer wieder die Antwort, dass es im Moment noch nichts bedeute. Ja, es sei eine ernsthafte Erkrankung, aber man könne noch keine Prognose erstellen. Man wisse zu wenig. Die Onkologen würden sich das anschauen. Die drückten sich um eine Prognose. Im Nachhinein weiss ich, dass es für uns wichtig gewesen wäre zu hören, dass Valentina an der Erkrankung sterben könnte, es aber auch die Wahrscheinlichkeit gibt, dass man die Tumorerkrankung behandeln könne. Diese Information wäre für uns in diesem Moment wichtig gewesen, sie hätte uns mehr Klarheit gegeben. Das hätte unser Denken und Umgang mit der Situation für die weiteren Stunden und Tage beinflusst. Ich bin überzeugt, wir hätten mit dieser ehrlichen und klaren Aussage, besser mit der Situation umgehen können. Sie sagten aber nichts weiter und verliessen uns. Sie sagten nur noch, wir sollten jetzt versuchen, ein wenig Schlaf zu finden. Alles Weitere werde man am nächsten Tag sehen. Dieser kaum auszuhaltende emotionale und körperliche Zustand dauerte zwei oder drei Tage. Zwei oder drei Tage, in denen ich mich durch diesen Nebel bewegte, durch dieses Vakuum zwischen der alten und der neuen Realität. Es waren die Tage, in denen einem bewusst wird, dass das ganze Weltverständnis, das ganze Vertrauen in eine Ordnung, in der man auf die Welt kommt, lebt und irgendwann stirbt, wenn man alt ist, nicht mehr trägt. Ich hatte Valentina und war selbstverständlich davon ausgegangen, dass sie ihr Leben leben würde, gross werden, erwachsen werden, eine Ausbildung machen, einen Beruf wählen, Partnerschaften eingehen, mit einem Mann, mit einer Frau, was auch immer, und vielleicht selbst Kinder haben würde. All diese Bilder, die ich im Kopf hatte, standen plötzlich nicht mehr sicher fest. Diese Selbstverständlichkeit war in sich zusammengebrochen. Langsam kamen dann in den kommenden Tage erst die Informationen, dass es Therapien gibt. Es gab ein Team, es gab einen Plan, Fachleute, die handeln konnten. Und in den folgenden Tagen begann ich zu begreifen, dass ich aus dieser ersten Welt, in der ich bis dahin gelebt hatte, herausgeworfen worden war. Diese Tage waren waren für mich eine der schlimmsten Reisen in eine andere Welt und wie ich später herausfinden musste, leider nicht die letzte schlimmste Reise.
Mathias: Ja, das war schon Krass, als man erfuhr, dass das eigene Kind Krebs hat. Und wie ging es dann weiter? Wie lange wart ihr dann auf der Intensivstation?
Andri: Eigentlich nur drei Tage. Irgendwann in der Nacht wachte dann Valentina auf, und wir sprachen mit ihr, was gerade geschehen ist, wo sie ist und wieso sie soviele Schläuche an ihrem Körper hat. Natürlich taten wir so, als wäre alles ganz harmlos und wie ein spannender Ausflug. Wir sagten ihr, dass es am Morgen eine Operation in ihrem Kopf geben werden, nichts grosses und dann passiere dies und das. Sie schlief wieder ein. Sie war sehr müde, müde von allem. Mit dem Kortison, den Schmerzmitteln und den Infusionen, die sie bekommen hatte, konnte sie in dieser Nacht zum ersten Mal seit Langem wieder richtig durchschlafen. Am nächsten Morgen um sechs Uhr wurde sie bereits für die Operation vorbereitet. Man zeigte uns, wie wir sie waschen mussten, den ganzen Körper mit einer desinfizierenden Waschlotion. Valentina wurde bereitgemacht. Und dann fuhren wir mit dem Transportauto zum zweiten Mal mit ihr auf dem Spitalbett durch die Katakomben des Inselspitals. Dieser unterirdische Bereich mit den vielen Gängen und Türen war unheimlich eindrücklich. Überall lagen Menschen auf Betten, fast nur Erwachsene und viele ältere Menschen, die in die grossen Operationssäle hineingeschoben oder davor gelagert wurden und auf ihren Eingriff warteten. Es wirkte wie eine Abfertigung. Ich weiss nicht genau, womit ich es vergleichen soll, aber es sah furchtbar aus dort unten. Alles ist unterirdisch, und es laufen unzählige Operationen gleichzeitig in diesen vielen verschiedenen Sälen. In einen davon wurden wir dann hineingeschoben. Alles war hektisch. Dann kam eine Anästhesistin, die wirklich sehr sehr nett war. Sie ging sofort auf Valentina ein und erklärte ihr, dass es ihr wahnsinnig leidtue, aber dass sie vorne etwas von ihren schönen Rastalöckchen abrasieren müssten. Valentina hatte eine richtige Mähne. Wir hatten schon länger mit ihr zum Coiffeur gehen wollen. Der Anästhesistin tat das sichtlich leid. Sie sagte, sie müsse nur ganz wenig abrasieren und versuche, so wenig wie möglich wegzunehmen. Valentina war eigentlich recht fit. Durch das Kortison war sie richtig wach. Dann kam wieder diese Narkose. Man sieht, wie das eigene Kind einen verlässt, und wir wussten, dass diesmal eine risikoreichere Operation bevorstand. Danach gingen wir hinaus.
Mathias: Hattet ihr bis dahin eigentlich schon jemanden informiert?
Andri: Nein. Es war ja mitten in der Nacht gewesen, als wir die Diagnose erhielten, und die Operation begann um sieben Uhr morgens. Aber es war der Moment, in dem wir uns die grosse Frage stellten, wie und wen wir informieren sollten. Wir hatten jetzt ein Kind mit Krebs, mit einem grossen Tumor. Wir hatten keine Ahnung, wie es weitergehen würde. So, wie alles geklungen hatte und wie die Ärzte reagiert hatten, war klar, dass die Situation ernst war. Das Einzige, was wir bis dahin wussten, waren diese Bilder mit diesem kreisrunden Tumor, ein richtiger Klumpen mitten im Kopf meiner Tochter. Er lag in den Hirnkammern und behinderte den Abfluss der Hirnflüssigkeit. Die erste radiologische Verdachtsdiagnose nannten sie uns nie. Ich las sie erst Wochen später auf einem Laptop, den ein Arzt in unserem Zimmer hatte stehen lassen. Dort stand «wahrscheinlichste Verdachtsdiagnose Pineoblastom». In diesem Moment, am frühen Morgen, war für uns aber vor allem klar, dass unsere Tochter einen grossen Tumor im Kopf hatte und wir nicht wussten, wie es weitergehen würde. Rückblickend denke ich, dass wir auch dafür eine gewisse Anleitung von den Fachleuten gebraucht hätten. Wen informiert man in so einer Situation? Wie macht man das? Auch dafür könnte man Kommunikationsprozesse, Hilfestellungen definieren und den Eltern mitgeben. Vielleicht gibt es sie ja, keine Ahnung, uns jedenfalls hatte niemand beraten. Wir entschieden uns, zuerst die Mütter von Valentinas beiden engen Freunden anzurufen, mit denen wir als Familien viel Kontakt hatten und mit denen sie in die Kita ging. Danach merkten wir, dass wir auch andere informieren mussten, Freunde, Familie und machten das teilweise über WhatsApp. Einen meiner besten Freunde rief ich aber an, da ich irgendwie das Bedürfnis hatte, es jemandem erzählen zu können. Ich suchte klar nach Trost und Begleitung. Ich weinte die ganze Zeit am Telefon, während ich es ihm erzählte, und er weinte auch. Das war tröstend. Zu wissen, dass es jemand auch weiss, der mir wichtig ist und dass er auch so betroffen ist. Ich weiss nicht mehr genau, was wir danach machten. Wir spazierten irgendwie in der Stadt herum, in der Nähe des Spitals. Ich kann mich kaum daran erinnern. Irgendwann gingen wir zurück. Dann bekamen wir den Anruf der Neurochirurgin. Sie sagte, es sei alles gut gegangen. Sie habe den Durchstich machen können, der Liquor zirkuliere wieder, und sie habe auch etwas Gewebe vom Tumor entnehmen können. Es habe keine Komplikationen gegeben. Valentina sei auf der Intensivstation und werde wieder erwachen. Wir könnten wieder zu ihr hinauf. Ich wollte sofort wissen, wie es weitergeht, wie die Prognose ist, um was für einen Tumor es sich handelt und welche Therapie notwendig sein wird. Sie erklärte mir wiederholt, dass sie das im Moment nicht sagen könne. Die Operation sei gut verlaufen. Alles Weitere müssten die Onkologen mit uns besprechen. Sie würden die Bilder, die Proben und alle weiteren Daten analysieren und danach eine Therapie planen. Das Wichtigste sei im Moment, dass der Liquor wieder fliessen könne und der gefährliche Überdruck im Gehirn abgebaut sei. Dieses akut lebensbedrohliche Problem sei nun gelöst. Ich fragte trotzdem weiter. Sie hatte den Tumor ja gesehen, sie hatte ja in den Kopf meiner Tochter hineingeschaut. Ich wollte wissen, ob sie aufgrund dessen irgendetwas sagen könne. Aber sie blieb sehr reserviert und gestresst. Ich wollte einfach wissen, ob Valentina stirbt oder lebt. Ich wollte irgendeine Einordnung. Aber es kam nichts. Irgendwann wurde sie etwas bestimmter und sagte, sie müsse jetzt weiter. Sie müsse gehen. Sie wünsche uns alles Gute. Falls später noch Fragen seien, könnten wir wieder nach ihr fragen, dann stehe sie uns zur Verfügung. Jetzt würden die Onkologen mit uns planen und alles besprechen. Es seien die Onkologen, die uns weiter begleiten werden. Ich fühlte mich in diesem Moment nicht begleitet und nicht abgeholt. Gleichzeitig wusste ich, dass die Neurochirurgin gerade mehrere Stunden in einer filigranen Operation gestanden hatte und vermutlich unter enormer Anspannung war. Trotzdem hätte mir ein Satz wie «Es tut mir leid, dass Sie das gerade erleben müssen» geholfen. Ich glaube, ich hätte nicht nur medizinische Informationen gebraucht, sondern auch ein wenig menschliche Einordnung. Das ist etwas, das mir erst viele Monate später richtig bewusst wurde. Eine Information kann fachlich korrekt sein und trotzdem so vermittelt werden, dass man sich als Eltern damit allein gelassen fühlt. Auf jeden Fall gingen wir danach zurück auf die Intensivstation. Valentina war schon wach, als wir kamen. An diesem Tag durften wir beide die ganze Zeit bei ihr sein. Man sagte uns, sie dürfe essen. Und sie hatte Appetit. Meine Güte, hatte sie Appetit. Es ging ihr schlagartig viel besser. Auf ihrer Stirn sah man die grosse Stelle, an der die Haare wegrasiert worden waren. Darüber lag ein Pflaster, die Wunde sah man nicht. Sie lag in ihrem viel zu grossen Bett. Am Fuss, am Arm und am Hals hatte man ihr Zugänge gelegt, am Hals direkt in eine grosse Vene. So konnten die Medikamente verabreicht werden, die sie brauchte. Irgendwann gegen Mittag waren wir völlig übermüdet, hatten in der Nacht kaum oder gar nicht geschlafen und kaum etwas gegessen. Da kam plötzlich eine Psychoonkologin zu uns. Sie stellte sich vor und sagte, sie sei diejenige der Kinderonkologie, die uns helfen werde, «durch diese Scheisse zu navigieren». Das waren ihre Worte. Wir werden sie nie vergessen. Wir standen beide da, völlig überfordert. Wir waren immer noch in diesem surrealen Zustand, immer noch auf dieser Reise aus der vertrauten Welt, aus der wir rausgeworfen wurden. Wir wussten nicht, wohin diese Reise ging oder wie lange das so weitergehen würde. Wir hatten noch kein Verständnis davon. Und dann kam diese Frau und bezeichnete unsere Situation einfach als «Scheisse». Ich dachte nur, nein. Unser Leben ist nicht Scheisse. Ja, es ist Scheisse, eine unerträgliche Situation, aber sie kennt uns nicht. Sie hat nicht das Recht, unsere Situation so zu bewerten. Es steht ihr schlichtweg nicht zu. Sie sagte, wir könnten uns jederzeit bei ihr melden, wenn wir Fragen hätten oder etwas besprechen wollten.
Mathias: habt ihr etwas darauf gesagt?
Andri: Ich weiss es nicht mehr, aber ich glaube wir waren trotzallem höflich und bedankten uns und liessen es dabei. Für uns war nach dieser ersten Begegnung klar, dass wir mit dieser Person lieber nichts mehr zu tun haben wollten. Vielleicht hätte sich das später noch verändern können, aber in diesem Moment entstand keine Grundlage, Situation, in der wir uns aufgehoben fühlten. Dafür heiterte uns Valentina auf. Seit eineinhalb Monaten hatte sie nicht mehr richtig gegessen, sie war mager geworden. Und plötzlich hatte sie so einen Appetit. Sie verdrückte Wienerli und Hörnli und alles, was man bestellen konnte. Sie hörte gar nicht mehr auf zu essen. Sie bekam hochdosiert Kortison, und dadurch hatte sie diesen Hunger. Ich hatte solche Freude daran. Von der Pflege her erlebten wir auf der Intensivstation eine unheimlich liebevolle Atmosphäre. Nach eineinhalb Tagen hiess es aber bereits, es gebe keine klinischen Gründe mehr, weshalb Valentina dortbleiben müsse. Wir würden auf die Onkologie verlegt. Am nächsten Tag war es so weit. Insgesamt waren wir drei Nächte auf der Intensivstation, danach kamen wir auf die Onkologie im Stockwerk H. Sie wurde für die nächsten sechs Monate zu unserem neuen Zuhause.
Mathias: Kannst du dich noch erinnern, wie das war, das erste mal auf dem Stockwerk H?
Andri: Ja, es war sehr speziell. Schon als wir dort ankamen, merkten wir, dass hier alles anders ist. Es gab eine Schleusentür, ich glaube, es ist die einzige Abteilungstür, die sich nicht automatisch öffnete. Man musste hindurchgehen wie durch eine Art Grenze. Dahinter sah es ganz anders aus. Es gab ein schönes Spielzimmer, die Gänge waren geschmückt mit vielen bunten Dingen, die von der Decke hingen. Alles wirkte viel wohnlicher als die anderen Stockwerke, die wir beim Vorbeigehen gesehen hatten. Weniger klinisch, nicht so voller Geräte wie die Intensivstation. Es gab sogar eine gemütliche Warteecke, in der Eltern mit ihren Kindern sassen. Und dann fiel uns etwas auf. Sämtliche Kinder, die wir sahen, hatten keine Haare auf dem Kopf. Alle waren kahl. Manche hatten nur noch kurze Haarbüschel oder einzelne Flecken von Haaren. Alle trugen eine Maske, auch die Kinder. Im Spielzimmer sass eine Familie, nur eine. Das Kind war an einen Infusionsständer angeschlossen, an dem mindestens vier Schläuche hingen. Es war ganz weiss und bleich, die Haut fast durchscheinend. Überhaupt wirkten die Kinder, die wir sahen, dünnhäutig, schwach und bleich. Das war die Welt, in die wir hineingeraten waren. Von da an wurde mir bewusst, dass die Welt, in der ich vorher gelebt hatte, für mich so nicht mehr existierte. Oder zumindest war ich im Moment nicht mehr dort. Wir waren jetzt in einer ganz anderen Welt. Das war nun unser neues Leben. Auf dieser Station H.
Mathias: Wie habt ihr die Ärzte, Pflegenden erlebt?
Andri: Eine Pflegerin, die gerade am Ende ihrer Ausbildung war, war nur für uns zuständig. Sie war eine unglaublich liebe Frau. Sie gab sich wahnsinnig Mühe und verliebte sich sofort in Valentina, so schien es uns zumindest. Ja, langsam kamen wir dort an. Da war die Routine mit dem Reinigungspersonal, das zweimal täglich kam, und mit der Pflege, die ein- und ausging, überwachte, mass und wieder hinausging. Und wir hatten tausend Fragen. Nach dem zweiten Tag hatte dann endlich der Abteilungsleiter Zeit für uns. Das war eigentlich das erste mal, dass wirklich ein Arzt der Onkologie mit uns ausführlicher gesprochen hatte. Wir gingen dafür in ein kleines enges Zimmer, und dort erklärte er uns, was sie vermuteten, um was für einen Tumor es sich handeln könnte und welche Behandlung vorgesehen war. Für den vermuteten Tumortyp gebe es ein Behandlungsprotokoll, sagte er, und ein relevanter Anteil der Kinder werde damit geheilt. Es sei eine der schwersten Chemobehandlungen, die man haben könne, mit zwei Hochdosiszyklen. Damit könne man möglicherweise auf eine Bestrahlung verzichten. In diesem Alter wolle man eine Bestrahlung des Gehirns nach Möglichkeit vermeiden, weil sie bleibende kognitive Schäden verursachen und die Entwicklung des Gehirns beeinträchtigen könne. Deshalb setze man auf diese beiden Hochdosiszyklen und alles, was dazugehöre. Wir hatten keine Ahnung, was das konkret bedeutete. Sie erklärten es uns einfach. Mich beschäftigte unter anderem, dass dabei alle Stammzellen abgetötet würden. Ich fragte, ob das bedeute, dass Valentina unfruchtbar werde. Sie sagten, ja, auch das sei ein Thema. Mit grosser Wahrscheinlichkeit werde sie später unfruchtbar sein. Im Verhältnis zu allem anderen erschien uns das damals fast wie eines der kleineren Probleme. Aber sie beantworteten unsere Fragen, auch zu den Haaren, die ausfallen würden, und zu all den klassischen Dingen, die zu einer solchen Therapie gehören. Sie sagten, die meisten Kinder würden mit dieser Therapie überleben. Wichtig sei nun, dass Valentina noch zwei Tage dortbleibe. Danach werde nochmals ein MRI gemacht, um zu kontrollieren, ob der Durchstich weiterhin offen sei. Damit hatten wir plötzlich einen Plan. Wir bekamen eine Vorstellung davon, wie es weitergehen könnte, und es gab Hoffnung, dass Valentina wieder gesund werden würde. Gleichzeitig wurden viele Dinge nicht so ausgesprochen, wie ich sie heute formulieren würde. Uns wurde nicht gesagt, dass eine solche Behandlung ein Kind möglicherweise für immer körperlich zeichnet, die Lebenserwartung beeinflussen kann und auch uns als Familie dauerhaft verändern würde. Diese Konsequenzen mussten wir uns weitgehend selbst erschliessen. Ich dachte damals einfach, gut, das schaffen wir. Sie hat einen Tumor, aber das schaffen wir. Wir haben in unserem Leben schon so viel geschafft, das schaffen wir auch. Das ist jetzt unser Projekt. Wir hatten einen Plan. Es gab sogar Hoffnung. Keine Euphorie und keine Gewissheit, aber im Gegensatz zu den Tagen davor war da etwas, woran ich mich festhalten konnte.
Mathias: Wie habt ihr euch organisiert?
Andri: Am Anfang hat man ja keine Vorstellung davon, was das bedeutet. Die Pflege, die nicht weiss, was geplant ist, konnte einem keine Auskunft geben und die Ärzteschaft vertröstete einem auf den bald stehenden Therapieplan. Und als wir den endlich hatten, wurde uns langsam klar, was das organisatorisch bedeutete. Man sagte uns, wir müssten mit mindestens sechs Monaten rechnen und praktisch immer müsse jemand bei Valentina sein. Wir sollten jetzt nach Hause gehen, Spielsachen, Bücher und Plüschtiere packen und uns darauf einstellen, viel Zeit im Spital zu verbringen. Wir mussten natürlich auch unsere Arbeitgeber informieren. Aber auch dazu, gab es keinen klaren Prozess, ein empfohlenes Vorgehen, das uns jemand hätte erklären können.
Mathias: Aber es gab doch diese Sozialarbeiterin, wie hiess sie schon wieder?
Andri: Ja. Ich weiss auch nicht mehr wie sie hiess. Die war ja auch nie verfügbar. Es gab ja auch nur eine für das ganze Kinderspital, soviel ich weiss. Ja, die kam dann schon irgendwann und informierte uns, dass wir von der Kinderkrebshilfe 3000 Franken zu gute haben, wir müssten aber eine Mitgliedschaft mit dem Verein abschliessen. Aber wie wir mit dem Arbeitgeber verfahren sollten, meinte sie nur, das sei von Arbeitgeber zu Arbeitgeber unterschiedlich. Das hänge von der Krankentaggeldversicherung, dem Anstellungsverhältnis, etc. ab. Wir wussten weniger als vorher. Schlussendlich hatten wir alles selbst mit unseren Arbeitgebern und ich mit Unterstützung meies Psychiaters geklärt. Aber von der Onkologie bekamen wir nicht wirklich brauchbare Infos. Die Pflege fühlte sich nicht zuständig und die Assistenzärzte hatten sowieso keine Ahnung und die Oberärzte keine Zeit und verwiesen und an die Psychoonkoliginnen der die Sozialarbeiterin, deren Stelle ja dann auch noch gestrichen wurde. Die Insel musste ja sparen. Aber grundsätzlich erlebten wir sehr viel Verständnis, nur keine brauchbaren Informationen. Anders war es bei unseren Arbeitgebern. Bei mir hiess es sinngemäss, ich solle mich auf mein Kind konzentrieren, sie würden sich um den Rest kümmern. Auch bei Myriam war die Reaktion unterstützend. Das war enorm entlastend, weil wir selbst noch überhaupt nicht verstanden hatten, wie unser Alltag in den nächsten Monaten aussehen würde. Was uns aber wie gesagt weitgehend fehlte, war eine Art Anleitung für dieses neue Leben. Wie organisiert man ein Unterstützungsnetzwerk? Wen informiert man? Was kann man konkret von Freunden verlangen? Wie regelt man Arbeit, Haushalt, Essen, Besuche und Infektionsschutz? Medizinisch gab es einen Plan. Für das Leben daneben mussten wir das meiste selbst herausfinden. Wir hatten insgesamt drei normale Chemotherapiezyklen. Ein Zyklus dauerte jeweils etwa eine Woche, mit Chemotherapie, Spülen, Blutkontrollen und allem, was dazugehört. In dieser Zeit bekam Valentina auch den Port, wieder mit einer Operation und einer Narkose. Nach dem ersten Zyklus gab es eine Pause, und gegen Ende dieser Woche fielen ihr die Haare aus, wirklich büschelweise. Das sind Dinge, bei denen einem sehr deutlich bewusst wird, dass sich alles verändert. Ihr Körper hatte sich verändert, unser Leben hatte sich verändert, und plötzlich hielt man diese Veränderung buchstäblich in der Hand. Man hatte die Haarbüschel in der Hand. Sie hatte eine Rastafrisur, sehr viele Haare, und plötzlich lagen sie überall herum. Wir schnitten ihre Haare selbst ganz kurz, damit es für sie nicht so schlimm wäre, wenn sie ganz ausfielen. Ich habe ja auch eine Glatze, und darüber sprachen wir immer wieder. Ich sagte Valentina, dass es cool sei, eine Glatze zu haben. Man könne bei einem Gewitter hinausrennen und das Niederprasseln der Regentropfen direkt auf dem Kopf spüren. Das könnten alle anderen mit Haaren nicht. Wir könnten Sonnencreme auf den Kopf tun, ihn eincremen und sogar bemalen. Mit einer Glatze könne man wirklich coole Sachen machen. Sie war sogar stolz darauf, jetzt eine Glatze zu haben wie der Papa. Sie fand das ziemlich cool. Für sie war es deshalb gar kein grosses Thema. Für uns schon. Im Rückblick merke ich, dass der Verlust für uns nicht erst mit Valentinas Tod begonnen hat. Er begann viel früher, eigentlich schon mit der Diagnose und mit dem Verständnis dessen, was diese Krankheit und ihre Behandlung bedeuten würden. Zuerst war es der Verlust der Selbstverständlichkeit, dass unser Kind gesund ist und einfach gross werden wird. Dann kamen ganz konkrete Verluste dazu. Ihre Haare, ein Stück ihrer körperlichen Unversehrtheit, die Aussicht auf mögliche Spätfolgen, vielleicht ein beeinträchtigtes Gehör oder andere Einschränkungen. Uns wurde auch gesagt, dass sie mit grosser Wahrscheinlichkeit später keine eigenen Kinder bekommen könnte. Natürlich waren all diese Dinge in diesem Moment kleiner als die eine grosse Frage, ob sie überhaupt leben würde. Trotzdem waren sie real. Und sie kamen nicht einmal, sondern immer wieder. Bei jedem Eingriff, bei jeder Nebenwirkung, bei jedem neuen Therapieschritt wurde einem bewusst, dass selbst dann, wenn wir es schaffen, nicht einfach alles wieder so sein würde wie vorher.
Mathias: Aber war dir das damals schon so bewusst?
Andri: Nein, darum hätte ich das damals gerne früher verstanden und auch von den Fachpersonen so benannt bekommen. Verlust ist auf diesem Weg eine Konstante. Nicht, um uns zusätzlich Angst zu machen, sondern weil es geholfen hätte, unsere Gefühle einzuordnen. Trauer beginnt nicht zwingend erst, wenn ein Mensch stirbt. Wir trauerten schon während der Krankheit um Dinge, die Valentina und wir verloren hatten oder möglicherweise verlieren würden. Man kann um Gesundheit trauern, um eine erwartete Zukunft, um Unbeschwertheit, um einen normalen Familienalltag. Andere Familien verlieren in einer solchen Zeit vielleicht ihre Arbeit, finanzielle Sicherheit oder Beziehungen. Krankheit greift in sehr viele Bereiche eines Lebens ein. Damit kommen Gefühle in einer Intensität, wie man sie vorher vielleicht noch nie erlebt hat. Traurigkeit, Wut, Angst und manchmal eine unglaubliche Erschöpfung. Diese Gefühle sind für mich rückblickend kein Zeichen dafür, dass man mit der Situation falsch umgegangen ist. Sie sind eine angemessene Reaktion auf das, was tatsächlich geschieht. Es hätte mir geholfen, wenn uns jemand gesagt hätte, dass wir auf diesem Weg immer wieder Verluste erleben würden, dass wir darüber traurig, frustriert und wütend sein dürfen und dass es Raum gibt, darüber zu sprechen.
Mathias: Ganz generell, wie seit ihr mit den Ärzten umgegangen?
Andri: Ich kann dazu vielleicht das sagen, was für mich in dieser Zeit wichtig war. Und das hat Myriam definitiv viel besser gemacht als ich. Ich hatte immer wieder versucht zu verstehen, was uns gesagt wurde, auch wenn ich es nicht richtig in seiner Tragweite deuten konnte. Myriam hat immer wieder nachgefragt. Man erklärte uns, was ein Tumor ist und wie die Therapie ablaufen würde, und sie fragte immer wieder ganz explizit, was das nun konkret für Valentina und für uns bedeutete. Das war sehr hilfreich. Es nervte die Ärzte sichtlich. Die Assistenzärzte konnten die Fragen selten beantworten, ihnen fehlte schlicht die Erfahrung und die Oberärzte liessen sich zu selten blicken. Wir bekamen dann ja einen Behandlungsplan und erfuhren, dass es viele Untersuchungen geben würde und wir immer wieder auf neue Situationen reagieren müssten. Vieles wurde sehr sachlich vermittelt. Dazu erhielten wir zum Beispiel Tabellen, in denen aufgeführt war, wie häufig bestimmte Nebenwirkungen auftreten. Wir als Eltern mussten unser Einverständnis geben und diese Papiere unterschreiben. Die Liste war lang. Es ging um ein erhöhtes Risiko für Zweittumoren und andere, vor allem hämatologische Krebserkrankungen als Folge der Chemotherapie, um Schädigungen an Nieren, Leber und anderen Organen, um neurologische Beeinträchtigungen, mögliche Schäden am Gehör, Auswirkungen auf Gleichgewicht und Sehvermögen, Veränderungen des Darm-Mikrobioms, den sicheren Haarverlust und mögliche Veränderungen der Haarstruktur. Dazu kamen psychosoziale Belastungen und natürlich auch die Möglichkeit, an der Therapie selbst zu sterben. Das war ein riesiger Katalog von möglichen Nebenwirkungen und Langzeitfolgen, den wir irgendwie hätten einordnen müssen, um dieses Dokument zu unterschreiben. Aber was war die Alternative? Ohne Therapie konnte sie sterben. Eine echte Alternative gab es also nicht. Uns musste klar sein, dass unser Kind nicht mehr dieselbe Zukunft haben würde, die es ohne diese Erkrankung gehabt hätte. Genau diese Tatsache wurde uns aber nicht so gesagt. Man sah sie in den Wahrscheinlichkeiten und Prävalenzen. Ich bin Epidemiologe und kann mit solchen Angaben etwas anfangen, ich kann sie interpretieren. Trotzdem wurden uns diese Tabellen im Wesentlichen mit dem Hinweis übergeben, wir könnten fragen, wenn wir etwas wissen wollten. Natürlich hatte ich Fragen. Bedeutet das, dass Valentina ihr Gehör verliert? Wenn dort steht, dass sechs von zehn nach diesen Hochdosiszyklen einen Hörschaden haben wird, was bedeutet das für unser Kind? Die Antwort war, dass es möglich sei und nicht selten vorkomme. Ja, sechs von zehn ist nicht selten. So viel verstand ich auch. Aber das war nicht das, was ich hören wollte. Ich wollte eine Einordnung. Ich wollte hören, dass es passieren kann und dass es auch anders kommen kann. Unser Kind hatte einen Tumor, an dem sie ohne Behandlung sterben konnte. Wir hatten keine echte Alternative zu dieser Therapie. Aber ich hätte mir gewünscht, dass man uns die Konsequenzen nicht nur als Tabelle mit Wahrscheinlichkeiten übergibt, sondern sie in unser Leben übersetzt. Dass jemand uns direkt in die Augen schaut und sagt, was wahrscheinlich ist, was möglich ist und was eher nicht. Und ich hätte hören wollen, dass es wichtig ist, diese Möglichkeit ernst zu nehmen, weil solche Risiken von jetzt an Teil unseres Lebens waren und wir später dann mit den Nebenwirkungen leben müssen. Und dass man uns sagt, dass unser Leben nach dieser Diagnose nicht mehr dasselbe sein wird wie vorher und wir immer wieder mit Verlusten konfrontiert sein werden, auch dann, wenn die Behandlung erfolgreich ist. So direkt und ehrlich wurde mit uns damals und auch später nicht gesprochen. Im Nachhinein hatte ich manchmal den Eindruck, dass dieses vorsichtige Formulieren nicht nur uns schützen sollte, sondern es den Ärzten vielleicht auch erleichterte, solche schwierigen Möglichkeiten nicht aussprechen zu müssen. Im Rückblick ist daraus für mich etwas sehr Klares entstanden. Eltern brauchen Transparenz. Auch Unsicherheit darf transparent sein. «Wir wissen es noch nicht» ist eine Information. «Wir befürchten dieses, hoffen aber auf jenes» ist ebenfalls eine Information. Als Eltern versucht man, das eigene Kind zu schützen. Dafür muss man verstehen können, welcher Bedrohung man gegenübersteht.
Mathias: Ja, wir machten ähnliche Erfahrungen mit der Ärzteschaft. Aber die Pflege war immer sehr unterstützend und verständnisvoll. Habt ihr das auch so erlebt?
Andri: Ja, das betraf eigentlich nur die Ärzte, aber manchmal eben auch die Pflege. Wir hatten immer wieder Fragen. Die Pflegenden waren sehr lieb und sagten häufig, es komme schon gut und dann mache man dieses und jenes. Aber viele unserer Fragen konnten sie gar nicht beantworten. Das war anscheinend nicht ihre Aufgabe und oft auch nicht ihr fachlicher Bereich. Trotzdem hatte ich immer wieder das Gefühl, dass unsere Fragen dadurch nicht wirklich in ihrer ganzen Bedeutung aufgenommen wurden. Wenn die Psychoonkologin ins Zimmer kam und wir etwas ansprachen, sagte sie manchmal, wir könnten eine Stunde abmachen und uns Zeit nehmen, um das im Detail zu besprechen. Sie fragte, ob uns das beschäftige. Natürlich beschäftigte uns das. Was sollte uns denn sonst beschäftigen? Ich fragte mich immer wieder, warum wir dafür zu ihr gehen mussten. Warum kam nicht jemand von sich aus zu uns und erklärte, was mit uns als Familie gerade geschieht? Alle Familien auf dieser Abteilung waren mit solchen Fragen konfrontiert.
Mathias: Auch die Tatsache, dass Kinder sterben, ist auf der Abteilung wenig sichtbar.
Andri: Ja, genau. Wir waren immerhin auf einer onkologischen Abteilung, auf der Krankheiten behandelt wurden, die unbehandelt in den meisten Fällen zum Tod führen. Trotzdem hatte ich immer wieder das Gefühl, dass die Möglichkeit des Sterbens aus dem sichtbaren Alltag herausgehalten wurde. Für mich wirkte das manchmal wie ein Verneinen oder Nicht-wahrhaben-Wollen dieser Realität. Im Nachhinein muss ich sagen, dass ich mich dadurch zeitweise sogar ein wenig betrogen fühlte. Die Kinder, für die es keine Heilung mehr gab oder die gestorben waren, waren auf der Abteilung kaum sichtbar. Es gab eine Pinnwand mit Erfolgsgeschichten, aber keine Wand mit den Geschichten derjenigen, die die Krankheit nicht überlebt hatten. Und das sind nach wie vor grob zwei von zehn.
Mathias: Ja, das spürte ich später, als meine Tochter auch palliativ betreut wurde, ebenfalls sehr stark. Aber wie ging es dann weiter mit der Behandlung?
Andri: Okay, danach kamen die Hochdosiszyklen. Wir hatten schon vorher immer wieder davon gesprochen, und auch die Pflege sagte ständig, die Hochdosis, die Hochdosis. Und dann standen sie plötzlich vor der Tür. Nach den drei normalen Zyklen gab es ein MRI. Dort sah man, dass sich der Tumor verändert hatte. Er verlor an Konsistenz, wurde löcherig und so weiter. Man wusste also, dass er auf die Chemotherapie ansprach. Nun sollten die beiden Hochdosiszyklen kommen. Damit gibt man dem Tumor richtig den Rest. Aber man gibt dem Kind eben genauso den Rest. Für mich fühlte sich das tatsächlich so an, als würde man Valentina mit dieser Therapie beinahe umbringen und sie danach mit den zuvor entnommenen Stammzellen wieder zurückholen. Natürlich ist das medizinisch komplexer, aber als Vater erlebt man es genau so. Ohne die Rückgabe dieser Zellen könnte sich ihr Körper nach dieser Hochdosis nicht wieder erholen. Davor begann ein ziemlich mühsamer Prozess. Wir konnten nach Hause, und von da an bekam Valentina täglich eine Spritze in den Oberschenkel. Damit sollte die Produktion der Blutstammzellen angeregt werden. Die Stammzellen vermehrten sich so stark, dass sie irgendwann auch ins Blut ausgeschwemmt wurden. Zellen, die sonst vor allem im Knochenmark sitzen, schwimmen dann in grosser Zahl auch im Blut. Diese tägliche Spritze wurde subkutan in den Oberschenkel gegeben. Sie brannte anscheinend wahnsinnig. Am Anfang kam jeden Tag die Kinderspitex und gab sie ihr. Nach der zweiten oder dritten Spritze fanden wir heraus, dass es Valentina viel weniger wehtat, wenn man sie wirklich ganz langsam verabreichte. Eine Frau von der Kinderspitex hatte uns das bestätigt und sagte, man müsse einfach langsam spritzen. Valentina schaute jeweils ein kleines Filmchen dazu. Wir hatten herausgefunden, dass ein bestimmtes Pat-und-Mat-Filmchen etwa sieben Minuten dauert. Wenn sie dieses Filmchen schaute und die Spritze über diese sieben Minuten ganz langsam gegeben wurde, zuckte sie nicht einmal mit der Wimper. Am nächsten Tag kam wieder jemand anderes. Wir erklärten, dass wir dieses Filmchen hätten und sie einfach so lange spritzen solle, wie es dauere. Dann tue es Valentina nicht weh. Die Pflegerin stach ein und gab gleich einen Schub. Valentina schrie wie am Spiess und weinte. Wir sagten, wir hätten doch erklärt, dass es so lange dauern müsse wie das Filmchen. Die Pflegerin meinte, ja, ja, das mache sie ja. Dann sass sie neben ihr, wartete, schaute ein bisschen mit und gab wieder einen Schub. Valentina schrie erneut und weinte. Wir fragten sie, was sie denn nicht verstanden habe. Langsam und kontinuierlich, während des ganzen Filmchens. Darauf meinte sie, sie mache es immer so, und wenn wir es anders haben wollten, müssten wir ihr das schon sagen. Solch ähnliche Situationen erlebten wir immer wieder, auf all den verschiedenen Stationen im Kinderspital. Auf den verschiedenen Abteilungen, in der Kardiologie, der Nephrologie, bei den Augen- und Ohrenärzten gab es immer wieder Menschen, die das ohnehin schon schwere Aushalten all dieser Behandlungen und Untersuchungen für Valentina durch wenig Empathie und auch fehlende Routine noch schwerer machten. Gleichzeitig wurde täglich Blut abgenommen, um die Zellwerte zu verfolgen. Irgendwann waren genügend Stammzellen da. Für die Entnahme legte man Valentina in einer Operation einen grossen Katheter in eine Vene in der Leiste. Die Stammzellapherese dauerte einen ganzen Tag. Eine riesige Maschine, ähnlich einem Dialysegerät, filtert die Stammzellen aus dem Blut. Valentina lag auf dem Rücken und durfte sich kaum bewegen. Wir beschäftigten sie mit Filmchen, Büchern, Vorlesen und Spielen. Sie hatte wahnsinnig viele Stammzellen, ein gutes Zeichen. Sie wurden eingelagert. Risiken gibt es trotzdem. Die Zellen können beschädigt werden, und nach der Hochdosis kann der Körper sie ablehnen. Dann begann die Hochdosistherapie. Zunächst sah sie aus wie die Zyklen davor. Eine Woche lang bekam sie morgens die drei Chemomedikamente, nun in viel höherer Dosis. Dazu wurde sie massiv gespült, damit die Substanzen rasch wieder aus dem Körper kamen. Man gab ihr so viel Flüssigkeit, wie ihre Nieren gerade noch bewältigen konnten. Wir hatten das Gefühl, alle halbe Stunde eine volle Windel zu wechseln. Jedes Mal mit Handschuhen, weil die Chemosubstanzen über den Urin ausgeschieden wurden und für uns krebserregend waren. Und ich dachte jedes Mal, genau dieses Zeug wird meinem kleinen Mädchen in den Körper gepumpt. Ihre Leber, ihre Nieren, alles musste das ertragen. Danach kam es wieder heraus, und wir durften es nicht einmal mit blossen Händen anfassen. In solchen Momenten wird einem sehr deutlich bewusst, was man diesen zerbrechlichen Kindern antut und wie viel sie ertragen. Die Übelkeit wurde schnell gravierend. Sie ass nichts mehr, bald ging es nur noch über die Magensonde, später gar nicht mehr, dann wurde sie über die Venen ernährt. Weil die Chemo auch alle anderen sich schnell teilenden Zellen schädigt, drohten offene Wunden an den Schleimhäuten, Entzündungen, Infektionen und starke Schmerzen. Deshalb stand von Beginn weg eine Morphinpumpe am Infusionsständer bereit. Wir lebten einen Monat lang in Isolation in einem Überdruckzimmer, die Pflege kam in Schutzkleidung herein. Täglich bekam sie Bluttransfusionen, weil ihr Körper kaum noch Blutzellen bildete. Als die Chemotherapie weitgehend ausgeschieden war, bekam sie ihre Stammzellen zurück. Die Ärzte machen daraus ein Ereignis. Und dann ist da dieser Geruch nach Knoblauch. Die ganze onkologische Abteilung riecht danach. Er drückt unten durch den Türspalt, und plötzlich stinkt es überall danach. Danach wartet man. Tag für Tag Blut, Tag für Tag die Werte. Irgendwann steigen sie wieder. Das heisst, die Stammzellen haben sich im Knochenmark angesiedelt und die Blutbildung kommt in Gang. Valentina ging durch diesen ganzen Zyklus ohne Morphin, ohne grosse Entzündungen, ohne Komplikationen. Sie ist einfach da durchgegangen. Die Ärztinnen und Ärzte fanden das so erfreulich, dass sie die zweite Hochdosis unmittelbar anschliessen wollten. Wir sagten, uns sei versprochen worden, dass wir nach diesem Monat für zwei Tage nach Hause dürften. Genau so war es geplant. Am Freitagabend hätten wir nach dem Austrittsgespräch gehen und am Sonntagabend oder Montagmorgen wiederkommen sollen. Am Freitag warteten wir auf den zuständigen Oberarzt. Am Morgen hatte er noch gesagt, er komme später kurz für das Austrittsgespräch vorbei. Aber niemand kam. Am Abend fragten wir bei der Pflege nach. Sie sagten, die Ärzte seien informiert und kämen gleich. Wieder kam niemand. Gegen sechs oder sieben fand der Schichtwechsel statt. Die einen gingen nach Hause, das Nacht- und Wochenendteam übernahm. Wir erklärten, dass wir eigentlich austreten sollten, dass wir gepackt hätten und bereit seien. Darauf hiess es, im Rapport stehe nichts und wir müssten bleiben. Wir waren frustriert und wütend. Wir hatten uns so darauf eingestellt, und Valentina hatte sich so gefreut. Nach einem Monat in dieser Isolation wollten wir einfach wieder nach Hause, und sei es nur für eine Nacht. Man sagte uns, wir sollten noch diese Nacht bleiben. Am nächsten Morgen werde Rücksprache mit der Oberärztin genommen. Am Samstag gegen halb zehn kam sie. Sie sagte, es tue ihr leid, aber sie wisse nicht, weshalb wir auf die Idee kämen, jetzt nach Hause zu gehen. Es sei alles vorbereitet, damit am Montag direkt mit der nächsten Hochdosis begonnen werden könne. Wir erklärten, dass wir mit dem zuständigen Oberarzt genau etwas anderes besprochen hatten. Er habe gesagt, er komme am Freitag für das Austrittsgespräch vorbei, danach könnten wir gehen und am Sonntag zurückkommen. Sie sagte, davon wisse sie nichts. Am Freitag sei alles bestellt worden, alles sei bereit, und am Montag gehe es weiter. Wir sagten, dass wir nach diesem Monat trotzdem gerne zwei Tage zu Hause hätten. Das gehe jetzt halt nicht, meinte sie. Es tue ihr leid, aber wir müssten das akzeptieren. Darauf sagten wir, dass wir trotzdem nach Hause gehen würden. Sie sagte, das könne sie nicht verantworten und nicht unterschreiben. Es gehe gegen ihre Empfehlung, und die Verantwortung liege dann vollständig bei uns. Es gibt Sätze aus dieser Zeit, die sich eingebrannt haben. Einen davon sagte sie mir damals wirklich wortwörtlich. «Wenn Sie jetzt mit Ihrer Tochter nach Hause gehen, müssen Sie sich später Vorwürfe machen, wenn es zu einem Rezidiv kommt. In der Onkologie geht es um hit fast and hit hard. Und sie bringt sämtliche Voraussetzungen mit, dass wir sofort weitermachen können.» Natürlich wussten wir, dass Valentina zu Hause einen Infekt auflesen oder sich verletzen könnte und sich der Beginn der nächsten Therapie dadurch verzögern würde. Das Risiko war mir klar. Aber wir brauchten diese zwei Tage. Valentina war wieder einigermassen auf den Beinen und es ging ihr gut. Ich fühlte mich enorm unter Druck gesetzt und gleichzeitig schuldig gemacht für eine Entscheidung, bei der es uns nur darum ging, nach einem Monat Isolation zwei Tage als Familie zu Hause zu sein.
Mathias: Und was habt ihr gemacht?
Andri: Wir gingen trotzdem. Am Sonntagabend kamen wir wieder zurück, ich natürlich mit einem gewissen schlechten Gewissen. Zum Glück war diese Oberärztin nicht mehr da, sondern jemand anderes. Dann kam die zweite Hochdosis. Auch diesen Monat hat Valentina erstaunlich gut durchgestanden. Ihre Schmerzen waren nie so stark, dass sie Opiate gebraucht hätte. Wegen der Übelkeit wurde sie wieder für einige Tage parenteral ernährt. Aber auch das ging relativ schnell vorbei. Danach konnten wir nach Hause. Nach allem, was wir bis dahin verstanden hatten, war die Therapie damit mehr oder weniger abgeschlossen. Es sollte noch ein MRI geben, und dann würde man weitersehen. Nach den beiden Hochdosiszyklen hatte Valentina einen respiratorischen Infekt, und das MRI musste um ein paar Tage verschoben werden. Als es schliesslich gemacht wurde, kam sie zum Aufwachen nicht auf die Onkologie, sondern auf die Infektiologie. Ihre Atmung war nach der Narkose nicht stabil genug, also blieben wir eine Nacht zur Überwachung. Wir lagen in einem normalen Zimmer mit anderen Kindern, die wegen respiratorischer Infekte hospitalisiert waren. Und wir mittendrin mit unserer Tochter, mit Port, Magensonde und Glatze, ein richtiges Onko-Kind. Ich sah die anderen Familien und dachte damals tatsächlich, meine Güte, das ist doch nur Nasenwasser. Die Kinder wurden bemitleidet, Grosseltern kamen, es gab Geschenke und Aufmerksamkeit. Wir hatten uns einfach an eine völlig andere Dimension von Krankheit gewöhnt. In diesem Moment spürte ich wieder diese zwei Welten. Wir kamen aus einer anderen. Eigentlich sollten wir danach nach Hause. Dann kam ein Assistenzarzt, der nicht gerade unser Favorit war, und fragte, ob er mit uns reden könne. Beim Eingang der Abteilung standen ein paar Stühle. Wir setzten uns hin, neben uns spielte eine andere Familie mit ihrem Kind am Boden. Er stellte seinen Computer auf ein Tischchen und erklärte, das Tumorboard habe beschlossen, Valentina brauche noch eine Bestrahlung. Da fielen wir aus allen Wolken. Wir hatten gedacht, genau das sei nicht mehr nötig. Er sagte, es könne noch etwas vorhanden sein, das man auf den Bildern nicht sehe. Die gute Nachricht mussten wir uns selbst daraus heraushören. Auf den Bildern war nichts mehr sichtbar. Der Abteilungsleiter hatte uns nach jedem MRI die Bilder gezeigt und gut erklärt. Dieses Gespräch war anders. Die Information kam an einem ungünstigen Ort, kurzfristig und überstürzt. Dieser Assistenzarzt hatte die unangenehme Aufgabe bekommen und war dafür aus meiner Sicht ganz klar zu unerfahren. Ich fragte, was die Bestrahlung konkret bedeute. Wir müssten nach Villigen ans Paul Scherrer Institut, täglich zur Protonenbestrahlung. Ob wir dort wohnen oder pendeln würden, könne er nicht sagen. Das Aufgebot sei schon da, am Montag der erste Termin. Wir hatten viele Fragen und konnten uns überhaupt nicht vorstellen, wie dieses Kapitel aussehen würde. Er sagte im Wesentlichen immer wieder, das sei im Tumorboard entschieden worden. Wir fragten, weshalb, und ob wir selbst noch etwas zu entscheiden hätten. Aber uns fehlte jede Grundlage dafür. Wir waren völlig überrumpelt. Im Nachhinein war die Bestrahlung vermutlich medizinisch richtig, und ich möchte die Entscheidung nicht bewerten. Aber die Art, wie wir davon erfuhren, war schwierig. Wir hatten gedacht, wir gehen nach Hause und führen in Ruhe ein Abschlussgespräch. Stattdessen erfuhren wir kurz vor dem Austritt, dass wenige Tage später die nächste grosse Behandlung beginnt. Dann ging es nach Villigen, und damit begann noch einmal eine ganz andere Geschichte. Zuerst überlegten wir ein Airbnb zu nehmen und hatten das sogar getestet. Eines auf der anderen Seite der Grenze, in Deutschland. Hotels gibt es kaum oder sie sind zu teuer, und das Airbnb funktionierte für uns dann auch nicht. Dann sitzt man den ganzen Tag an einem fremden Ort mit einem Kind, ohne Freunde, ohne vertraute Spielsachen, ohne Alltag. Also fuhren wir täglich hin und her. Wir versuchten, den ersten Termin am Morgen zu bekommen, weil Valentina nüchtern sein musste. Sie bekam jedes Mal eine Narkose, über dreissig Mal. Wenn wir früh dran waren, konnte sie danach aufwachen, etwas essen, und wir fuhren gegen Mittag zurück. Um zwei waren wir in Bern. Es war Sommer, danach gingen wir in die Badi, spielten oder trafen Freunde. Irgendwann waren auch diese fast vierzig Fahrten vorbei. Dann war es tatsächlich abgeschlossen. Wir hatten Ferien gebucht. Unsere Abmachung war, wenn alles vorbei ist, gehen wir zwei Wochen nach Sardinien. Es war vorbei, also gingen wir nach Sardinien. Valentina ging es dort nicht sonderlich gut. Sie war matt und unwohl, und wir wussten nicht, was los war. Wir riefen auf der Onkologie an, bei den Pflegerinnen, bei denen alle Familien anriefen, wenn etwas war. Dort hiess es, wir sollten eigentlich nicht mehr anrufen. Die Behandlung sei abgeschlossen, bei einem Infekt gehe man jetzt wieder zum Kinderarzt. Wir sollten uns daran gewöhnen, dass unser Leben wieder normal sei. Dann waren die Ferien vorbei. Vor der Abreise war noch das Abschluss-MRI gemacht worden, jetzt stand der Termin mit dem Abteilungsleiter an. Wir hatten uns auf ein Abschlussgespräch eingestellt. Unsere Fragen drehten sich darum, wie das Leben mit einem Kind weitergeht, das Krebs überlebt hat.
Mathias: Und das war der Moment, als ihr zum ersten mal erfahren habt, das ein Rezidiv gefunden wurde?
Andri: Ja, das war das erste Mal. Wir sahen sofort, als er in den Raum kam, dass etwas nicht gut war. Er sagte, er habe schlechte Nachrichten. Der Tumor sei zurück. Nicht dort, wo er ursprünglich gewachsen und bestrahlt worden war. Dort sei nichts zu sehen. Aber ausserhalb davon gebe es an drei Stellen neue Auffälligkeiten. Sie hätten bereits einen Plan. Man würde noch einmal operieren und versuchen, Tumorgewebe zu entnehmen. Sie müssten genauer wissen, um was für einen Tumor es sich handelte, um danach möglichst gezielt behandeln zu können. Diese Nachricht fühlte sich ähnlich an wie die erste Diagnose. Aber wir waren an einem anderen Punkt. Wir hatten inzwischen einen Erfahrungsvorsprung und wussten, wie sich dieses Leben anfühlt. Gleichzeitig waren wir so erschöpft. Trotzdem kramten wir unser Motto wieder hervor und sagten uns, «Wir schaffen das.» Auch Valentina verstand, dass der Tumor nicht weg, sondern zurück war und dass das Leben, das für sie inzwischen Alltag geworden war, weiterging. Zu sehen, wie mein Mädchen das alles einfach akzeptierte, brach mir immer wieder das Herz. Dann ging es erneut in die Neurochirurgie. Weil die betroffene Stelle diesmal anders lag, führte einer der Leitenden der Neurochirurgie die Operation selbst durch. Er war sehr nett und erklärte uns viel ausführlicher, was er tat. Er entnahm Gewebe, aber auch dieses Mal konnte daraus zunächst nichts eindeutig bestimmt werden. Wahrscheinlich war Gewebe erwischt worden, das gar kein Tumorgewebe war. Erst in einem zweiten Anlauf und mit einer anderen Analyse verdichtete sich der Verdacht, dass es sich sehr wahrscheinlich doch um ein Pineoblastom handelte. Der Abteilungsleiter erklärte uns danach, es gebe im Wesentlichen zwei Möglichkeiten. Entweder man mache nichts Weiteres, gehe den palliativen Weg und Valentina werde sterben. Oder man bestrahle das gesamte Hirn und das Rückenmark, mit Ausnahme der Stelle im Kopf, die bereits bestrahlt worden war. Dort könne man nicht noch einmal bestrahlen, weil sonst Nekrosen drohten. Wir wurden darüber informiert, dass diese Behandlung erhebliche Folgen haben könne. Valentina war gerade vier geworden. Ihr Gehirn befand sich mitten in der Entwicklung, und eine solche Bestrahlung würde sehr wahrscheinlich Auswirkungen haben. Das wollten wir genau verstehen. Es war eines der ersten Male, dass wir selbst richtig in die wissenschaftliche Literatur eintauchten. Am Ende fanden wir, dass wir es machen. Wenn sie später keine Matur macht, nicht Professorin wird und vielleicht an der Migros-Kasse arbeitet, weil sie nicht mehr gleich lernen kann, dann wäre das für uns absolut kein Problem. Entscheidend war, dass sie leben und ein glückliches Leben führen kann. Also stimmten wir zu. Die Bestrahlung ging über November und Dezember, nochmals rund dreissig Termine. Diesmal wurden der ganze Kopf und der ganze Rücken bestrahlt. Dadurch verbrannte auch ihre Kopfhaut. Sie bekam richtige Schuppen, die Haut blätterte ab, und es sah schlimm aus. Am Rücken hatte sie entlang der Wirbelsäule eine leichte Verbrennungsspur. Diese Bestrahlungen dauerten länger, und sie war jedes Mal länger in Narkose. Es war Herbst, und leider fing sie sich wieder Infekte ein. Nach den Narkosen hatte sie immer wieder Mühe mit der Atmung, bis die Sauerstoffsättigung hoch genug war. Wenn sie sich nach zwei Stunden nicht ausreichend erholt hatte, durfte sie zwar nach Hause, aber nur unter Ambulanzüberwachung und mit Sauerstoff. So kamen wir mehrere Male bei Schneetreiben am Abend mit der Ambulanz von Baden oder Aarau nach Bern. Direkt nach Hause durfte die Ambulanz uns nicht bringen. Sie musste zum Notfall fahren. Dort wurden wir ausgeladen, mussten hinein und blieben manchmal noch bis elf oder halb zwölf, bevor wir endlich nach Hause konnten. Dann gingen wir ins Bett, und morgens um fünf mussten wir wieder los, damit wir um sieben Uhr beim ersten Bestrahlungstermin waren. Das war unglaublich anstrengend. Zum Glück hatten wir uns organisiert. Wir hatten einen Kalender, in den sich Menschen aus unserem Umfeld zum Fahren eintragen konnten. So konnten Myriam und ich uns abwechseln. Eine Person von uns war immer bei Valentina, und jemand aus unserem Umfeld fuhr. Dadurch erlebten viele zumindest für einen Tag, wie unser Alltag seit fast einem Jahr aussah. Und sie sahen, mit wie viel Würde Valentina dieses Leben meisterte. Am Ende dieser Behandlung kam das MRI, und auf den Bildern war nichts mehr zu sehen. Kein Tumorgewebe. Bis dahin hatten wir genug gelesen, um zu wissen, dass es sich um einen hochaggressiven Tumor handelte. Wir wussten auch, dass vor allem die ersten sechs Monate entscheidend waren und in diesem Zeitraum das Risiko eines erneuten Auftretens besonders hoch war. Wenn nach sechs, sieben oder später acht bis zwölf Monaten nichts zurückkam, wurde die Hoffnung grösser, dass es so bleiben könnte. Und dann begann die Zeit der Remission.
Mathias: Wie lange ging die?
Andri: Die ging ca. 7 Monate. Danach war ja diese ganze intensive Onko-Zeit gewissermassen abgeschlossen. Das war die zweite Welt, in der wir uns bewegt hatten, und diese Welt hatte definitiv nichts mit der ersten zu tun. Das war eben die Onko-Welt. Und irgendwann war diese intensive Behandlungszeit dann vorbei, und plötzlich hiess es, jetzt gehe es zurück ins normale Leben. Die Bestrahlung war abgeschlossen. Wir hatten das MRI gemacht und gesehen, dass nichts mehr da war. Weil Valentina bereits ein Rezidiv gehabt hatte, wurde nun eine Onkologin mit Spezialisierung in Palliativmedizin unsere wichtigste Ansprechpartnerin. Das irritierte uns. Auf dem MRI war kein Tumor mehr sichtbar, gleichzeitig waren wir organisatorisch plötzlich in einem Bereich angekommen, den wir mit einem erhöhten Risiko und mit Palliative Care verbanden. Ich hatte selbst in der Palliativmedizin gearbeitet und wusste, dass Palliative Care nicht automatisch bedeutet, dass ein Mensch unmittelbar sterben wird. Trotzdem fühlte sich diese Übergabe für uns wie ein Signal an. Wir gehörten offenbar nicht mehr eindeutig zu den Familien, bei denen man davon ausging, dass nun einfach alles gut ist. Wir waren irgendwo dazwischen. Es gab Hoffnung, und gleichzeitig wussten wir, dass die Situation nach dem Rezidiv fragiler geworden war. Ab diesem Zeitpunkt hatten wir sehr viele Fragen. Die Antworten, die wir bekamen, reichten uns häufig nicht aus. Über Wochen und Monate entstand bei uns zunehmend Unsicherheit darüber, wie gut die geplante Erhaltungstherapie für Valentinas konkrete Situation begründet war. Damit begann auch unser Vertrauen in diese Betreuung zu erodieren. Ich begann deshalb selbst zu lesen. Es ging um eine Erhaltungstherapie, die für einen anderen Tumortyp entwickelt worden war und nun angepasst eingesetzt werden sollte. Uns interessierte, welche Erfahrungen es damit gab, welche Daten für Valentinas Situation vorhanden waren und was man tatsächlich wusste oder eben nicht wusste. Ich fragte wiederholt nach schriftlichen Unterlagen und nach der wissenschaftlichen Grundlage. Es kam wenig, und das, was wir erhielten, liess sich aus unserer Sicht nicht ohne Weiteres auf Valentinas Situation übertragen. Für mich war das schwierig, gerade weil Myriam und ich aus der Epidemiologie kommen und gewohnt sind, Evidenz und Unsicherheit einzuordnen. Myriam war von Anfang an kritischer als ich. Ich dachte lange, vielleicht wisse die Onkologin aufgrund ihrer klinischen Erfahrung Dinge, die wir aus der Literatur nicht erkennen konnten. Gleichzeitig versprach ich Myriam, dass wir der Frage selbst nachgehen würden. Schliesslich fand ich die Forschungsgruppe, die diese Therapie entwickelt hatte, und nahm selbst Kontakt auf. In einem Online-Gespräch schilderte ich unsere Situation. Die Rückmeldung war differenziert. Man könne eine solche Behandlung erwägen, aber für Valentinas vermuteten Tumortyp gebe es keine direkte Erfahrung mit genau dieser Anwendung und Anpassung. Für uns bestätigte das vor allem, dass es sich um eine Entscheidung unter grosser Unsicherheit handelte. Man war hier ganz klar experimentell unterwegs, ohne jegliche Grundlage, sagen zu können, dass diese Therapie sinnvoll wäre.
Mathias: Was war das genau für eine Therapie? Wie musstet ihr die verabreichen?
Andri: Genau, Valentina musste also diese Medikamente nehmen, am Anfang über die Sonde. Es waren Tabletten, die wir einfach zermörserten. Die Sonde verstopfte immer wieder, und das war mühsam. Irgendwann kam die Frage auf, ob sie lernen könnte, Tabletten zu schlucken. Ein vierjähriges Kind sollte also Tabletten schlucken, und es ging nicht um eine pro Tag, sondern um eine ganze Menge. Es waren morgens drei, mittags zwei, abends vier, ungefähr so, und in verschiedenen Grössen. Irgendwann sagte Valentina selbst, dass sie die Sonde nicht mehr wolle. Wir waren in der Migros, und sie lief plötzlich ganz nahe an einer Seite des Einkaufswagens entlang. Normalerweise lief sie vor mir. Ich sagte zu ihr, sie solle doch auf die andere Seite kommen. Sie wollte aber nicht. Als ich fragte, weshalb, sagte sie, sie wolle nicht, dass die Leute ihre Sonde sehen. Da merkte ich, dass sie begonnen hatte, über sich und ihre Erkrankung nachzudenken und wahrzunehmen, dass andere Menschen sie anders anschauten. Bis dahin hatte sie die Sonde kaum gestört. Sie war damit ganz selbstverständlich in die Kita oder ins Schwimmbad gegangen. Kinder fragten vielleicht kurz, was sie da habe, und sie erklärte, dass sie darüber Medikamente bekomme. Danach wurde wieder gespielt. Nun sagte sie klar, dass sie die Sonde nicht mehr wollte. Wir erklärten ihr, dass sie dann lernen müsse, die Tabletten zu schlucken. Wenn sie das könne, könnten wir die Sonde herausnehmen. Wir kauften Tic Tacs, und sie begann zu üben. Aber sie musste würgen, und es ging einfach nicht. Dann weinte sie. Ich sagte ihr, dass das völlig in Ordnung sei, weil es wirklich schwierig ist. Danach verschwand sie in ihrem Zimmer. Wenig später kam sie wieder heraus, mit einer Schere in der einen Hand und der abgeschnittenen Sonde in der anderen. Ganz feierlich erklärte sie, sie habe jetzt keine Sonde mehr. Wir mussten ihr verständlich machen, dass wir nun wieder ins Spital müssten, um eine neue Sonde einzusetzen. Da weinte sie herzzerreissend. Sie wollte nicht mehr. Sie wollte nicht schon wieder ins Spital und schon gar nicht, um sich wieder eine Sonde legen zu lassen. Wir erklärten ihr, dass sie die Medikamente nehmen müsse. Entweder über die Sonde oder indem sie die Tabletten schluckt. Darauf verschwand sie mit einer Handvoll Tic Tacs wieder in ihrem Zimmer. Ich hatte Angst, dass sie sich verschlucken könnte, aber wir liessen sie machen. Irgendwann kam sie zurück, zeigte uns ihre leere Hand und sagte, sie habe alle geschluckt. Ich war zuerst noch unsicher. Also zeigte sie es uns nochmals. Sie nahm weitere Tic Tacs und schluckte sie einfach hinunter. Wir riefen im Spital an und fragten, ob es in Ordnung sei, wenn sie die Medikamente nun als Tabletten schlucke. Man sagte, ja, Hauptsache, sie nehme sie. Von diesem Moment an schluckte Valentina ihre Tabletten. Irgendwann nahm sie sie nicht mehr einzeln, sondern steckte gleich mehrere in den Mund, trank einen Schluck Wasser, und unten waren sie. Damit gab sie dann sogar vor den anderen Kindern an.
Mathias: Du hast mir noch gar nicht erzählt, wie ihr das eigentlich mit eurem sozialen Umfeld gemacht habt. Wie habt ihr euch helfen lassen?
Andri: Stimmt. In dieser Zeit hatte sich bereits die Spreu vom Weizen getrennt. Es begann sich sehr deutlich zu zeigen, welche Menschen bereit waren, uns wirklich durch diese neuen Welten zu begleiten und welche dazu nicht in der Lage waren. Wir hatten uns ja schon ganz am Anfang gefragt, wie wir unser Umfeld einbeziehen sollten. Wen brauchen wir? Was können Menschen konkret tun? Gleichzeitig waren wir mit unserer eigenen Situation völlig überfordert. Im Onkoalltag geht es Schlag auf Schlag. Irgendwann kommt man zwar in eine Routine hinein, aber gerade dadurch merkt man manchmal gar nicht mehr, was einem fehlt. Über all die Monate schlief immer jemand von uns zu Hause und jemand im Spital. Am Abend kam man nach Hause und musste etwas essen. Das Essen im Spital war wirklich nicht gut, und wir hatten irgendwann aufgehört, es zu bestellen. Entweder nahmen wir selbst etwas mit, holten unten in der Personalkantine eine Pizza, die übrigens wirklich gut war, oder assen irgendetwas anderes. Manchmal brachte uns auch jemand etwas. Essen war tatsächlich immer wieder ein Thema. Gute Freunde von uns, die leider während dieser Zeit nach London gezogen sind, schrieben uns am Anfang jeweils, wenn sie zu Abend assen und einen Teller mehr auf dem Tisch hatten. Wir konnten einfach hingehen, wenn wir wollten, entweder ich oder Myriam. Das war wunderschön und gleichzeitig manchmal anstrengend. Denn zu jemandem essen zu gehen bedeutete auch, mit Menschen zusammen zu sein, zu reden und Fragen zu beantworten. Wir waren oft so erschöpft, dass wir das eigentlich gar nicht mochten. Ihr Sohn war etwas jünger als Valentina und ein lieber Freund von ihr, und die Mutter kochte wunderbar. Vielleicht ging ich einmal pro Woche dort vorbei, höchstens zweimal. Myriam machte es ähnlich. Dann waren da die Eltern der anderen Kinder, mit denen wir im Alltag ohnehin viel Zeit verbracht hatten. Das waren Menschen, die immer wieder nachfragten, vorbeikamen oder etwas übernahmen. Wegen Covid waren Besuche im Spital lange kaum möglich. Valentina war zusätzlich häufig immunsupprimiert. Darum hatten wir dort nur sehr wenige Besuche. Wenn wir zu Hause waren, trafen wir uns aber immer wieder mit diesen Menschen. In dieser Zeit hatten wir eigentlich erstaunlich viel soziales Leben, allerdings mit einer sehr kleinen Gruppe. Und diese Gruppe hatten nicht wir ausgewählt. Die Menschen haben sich selbst ausgewählt, indem sie entschieden, uns zu begleiten. Wir hatten weder die Kraft noch die Energie, anderen zu sagen, wer kommen soll und wer nicht. Diese Menschen richteten ihre Pläne einfach immer wieder nach unseren aus. Sie waren da. Wir haben in dieser Zeit unglaublich viel miteinander erlebt, zusammen geweint und zusammen gelacht. Wir wurden zu einer Art Schicksalsgemeinschaft. Nicht wir hatten diese zusammengewürfelte Gruppe geformt. Sie hat sich selbst gebildet. Einer meiner besten Freunde, den ich seit meiner Kindheit kenne und der etwas weiter weg wohnt, fragte mich am Anfang, ob es mir helfen würde, wenn er regelmässig anrufe. Ich war unsicher. Darauf sagte er, «Weisst du was, ich rufe dich einmal pro Woche an. Wenn du Lust hast, nimmst du ab. Wenn nicht, bist du mir nichts schuldig.» Und genau das machte er. Er rief konsequent an. Meistens ging ich ans Telefon, manchmal nicht. Wenn ich später reden wollte, rief ich zurück. Er hörte zu, fragte nach und nahm Anteil. Die Initiative lag nicht bei mir. Es gab keinen zusätzlichen Druck. Die Begleitung war einfach da. Das war unglaublich wertvoll und entlastend. Für mich ist das ein wichtiges Gegenbeispiel zu diesem Satz, den man so oft hört. «Meldet euch, wenn ihr etwas braucht.» In einer solchen Situation weiss man häufig selbst nicht, was man braucht, und erst recht fehlt die Kraft, Unterstützung zu organisieren. Ich konnte nicht auch noch für die anderen denken. Ein konkretes, wiederkehrendes Angebot kann deshalb viel hilfreicher sein. Zu den Menschen, die nicht von sich aus die Nähe zu uns hielten, verlor sich der Kontakt teilweise. In der Familie erlebten wir das sehr unterschiedlich. Manche waren offensichtlich überfordert und schrieben sinngemäss, wir sollten uns melden, wenn sie etwas für uns tun könnten. Ich weiss, dass das gut gemeint war. Für uns führte es aber oft dazu, dass eben nichts geschah, weil wir die Initiative und die Energie dafür nicht aufbringen konnten. Bei einzelnen Beziehungen entstand mit der Zeit eine grosse Distanz, teilweise brach der Kontakt ganz ab. Bis heute. Das hat mich sehr verletzt und tut teilweise immer noch weh. Gleichzeitig weiss ich heute, dass Menschen auf schwere Krankheit, Sterben und Trauer sehr unterschiedlich reagieren. Rückzug muss nicht zwingend Gleichgültigkeit bedeuten. Vielen fehlt schlicht der Umgang mit solchen Themen. Vielleicht ist das auch ein Phänomen unserer Gesellschaft, die so stark auf Erfolg, Funktionieren und Glück ausgerichtet ist. Egal, wie sehr ich versuchte, mir diesen Rückzug zu erklären oder zu entschuldigen, für mich war er trotzdem ein zusätzlicher Verlust. Andere Menschen meldeten sich von sich aus, schrieben, fragten nach und blieben präsent. Dadurch wurde mir immer klarer, dass biologische Familie nicht automatisch bestimmt, wer einen in einer solchen Zeit tatsächlich trägt. Ich selbst habe mich ebenfalls vollständig verändert. Heute merke ich, dass Beziehungen zu Menschen, die diese Zeit mit uns miterlebt haben, für mich eine besondere Tiefe haben. Sie wissen, weshalb ich heute so bin, wie ich bin. Sie haben diese Veränderung zumindest ein Stück weit mitbekommen. Mein altes Ich gibt es so nicht mehr. Zu manchen Menschen von früher fühle ich mich deshalb tatsächlich, als kämen wir aus unterschiedlichen Welten. Für mich zeigt das, wie wichtig eine geteilte Wirklichkeit für Beziehungen ist. Natürlich kamen später auch Vorwürfe, wir hätten uns nie gemeldet. Und dann denke ich, Herrgott noch mal. Man kämpft ums Überleben, lebt während dieser ganzen Zeit in einer absoluten Ausnahmesituation, und dann soll man sich auch noch um die anderen kümmern. Und sie sind beleidigt, wenn man sich nicht meldet. Auch deshalb ist der Austausch mit Gleichbetroffenen für mich so wichtig. Dort höre ich, dass andere ganz Ähnliches erlebt haben. Freundschaften und familiäre Beziehungen gehen in solchen Situationen teilweise zu Bruch. Das ist schmerzhaft, aber es hat oft Gründe, die unmittelbar mit dem Erlebten zu tun haben. Gleichzeitig hatten wir diese Familien, die uns sehr eng begleiteten. Das zeigte sich auch beim Fahren nach Villigen. Sie kamen mit und lernten diesen Protonenbeschleuniger kennen, eine Bestrahlungsanlage, die beinahe so gross wirkt wie eine Turnhalle oder eine Kirche. Dieses riesige technische Gebilde steht neben der Aare und wird, wie man uns erklärte, mit Aarewasser gekühlt. Und daneben dieses kleine Menschlein Valentina. Für die Menschen aus unserem Umfeld war es unglaublich eindrücklich zu sehen, mit welcher Selbstverständlichkeit Valentina dort hineinging. Sie kannte die Abläufe, wusste, wo alles war, ging ins Spielzimmer und machte für die Erwachsenen an der Kaffeemaschine Kaffee. Danach kletterte sie selbst auf die Liege, schob das T-Shirt hoch, damit der Port frei war, und sagte, «Ich bin bereit.» Dann wurde der Port angestochen und die Narkose vorbereitet. Wir waren immer daneben. Ganz kurz vor dem Einschlafen griff sie manchmal noch nach Myriam und rief «Mama». Diese Sekunde war für uns jedes Mal schwer auszuhalten. Für die Menschen, die uns begleiteten und das zum ersten Mal sahen, war es enorm eindrücklich. Fast alle weinten in diesem Moment. Da war dieses kleine Kind in dieser riesigen technischen Umgebung, und gleichzeitig diese Würde und Routine, mit der Valentina alles machte. Erst im Nachhinein habe ich verstanden, wie wichtig es auch für unser Umfeld war, solche Momente wirklich zu sehen. Nicht nur zu hören, dass wir wieder im Spital oder bei einer Bestrahlung waren, sondern zu erleben, was unser Alltag geworden war. Darum würde ich anderen Familien heute raten, Menschen, denen sie vertrauen, soweit es für sie und das Kind stimmt, teilhaben zu lassen. Durch Besuche, Fotos, Nachrichten oder indem jemand einmal mitkommt. So werden diese Menschen Teil der Geschichte und verstehen eher, weshalb man danach nicht einfach in den alten Alltag zurückkehren kann. Das geht gar nicht. So etwas verändert einen. Darum bin ich heute so überzeugt davon, dass man Menschen von Anfang an möglichst einbeziehen sollte. Und dann kam die Zeit, in der wir erfuhren, dass Valentina sterben würde.