Andri: Séverine, danke, dass du unsere Geschichte aus deiner Perspektive mit mir und der SGVE teilst. Mit der ersten Phase – das war ja die Zeit, als wir erfahren haben, dass unsere Tochter Valentina mit einem Hirntumor diagnostiziert worden ist. Wie hast du das erlebt?
Séverine: Als wir die SMS von Myriam über Valentinas Hirntumor erhielten, waren wir absolut schockiert. Ich rief sofort an, obwohl es schon 22 Uhr war. Am nächsten Tag schlug Myriam vor, gemeinsam essen zu gehen, was wir dann auch taten. Daraus wurden fast zwei Jahre lang fast wöchentliche Pizza-Abende mit Spielplatz, die zu unserer Tradition wurden. Dabei konnten wir offen über Valentinas Krankheit sprechen, erfahren, wie es euch geht, was ihr durchmacht und welche Unterstützung ihr braucht. Gleichzeitig war es schön für die Kinder – sie konnten zusammenspielen, während wir uns austauschten. So entstand eine besondere und vertrauensvolle Verbindung zwischen unseren Familien. Die Nachricht über Valentinas Hirntumor-Diagnose und die bevorstehende intensive Behandlungszeit hat uns sehr bewegt. Zu wissen, dass sie lange Spitalaufenthalte vor sich hat und dadurch zeitweise vom gewohnten sozialen Umfeld getrennt sein wird, hat bei uns viel Mitgefühl geweckt. Mit Maurice/ in unserer Familie haben wir darüber gesprochen und gemeinsam entschieden, dass wir euch in dieser schwierigen Zeit gerne zur Seite stehen möchten. Dieser Entschluss war für uns zu diesem Zeitpunkt selbstverständlich. Ein gewisses einfühlsames Herantasten hat sehr geholfen, wir hatten eine solche Situation ja bisher noch nie erlebt.
Andri: Wie habt ihr mit den Kindern über das Ganze gesprochen – oder wie habt ihr es ihnen gesagt?
Séverine: Nach Rücksprache mit euch führten wir das Gespräch mit unseren Kindern. Wir erklärten ihnen behutsam, dass Valentina eine sehr seltene Krankheit hat, in etwa mit diesen Worten: „Es ist etwas passiert, womit wir nicht gerechnet haben." Als sich Valentinas Krankheitszustand veränderte, haben wir ihnen schrittweise weitere Informationen gegeben und sie altersgerecht über die Krankheit und die Behandlungssymptome informiert.
Andri: Zum Beispiel, dass ich die Haare verloren habe aufgrund der Therapie – habt ihr sie darauf vorbereitet?
Séverine: Ja, das war dann später. Entweder haben wir sie darauf hingewiesen oder sie haben es gesehen und uns danach gefragt.
Andri: Irgendwie haben sie es gesehen und dann gefragt, oder?
Séverine: Ja, beides wahrscheinlich. Ihr habt uns aber auch immer informiert – Myriam sagte mir zum Beispiel: „Valentina hat jetzt die Haare verloren." Ich erinnere mich, dass es auch in der Kita besprochen wurde – warum sie keine Haare mehr hatte. Es waren ja nicht nur die Haare, sondern auch die Schläuche, die sichtbar waren.
Andri: Genau. Und zuhause – was habt ihr gemacht?
Séverine: Zuhause erklärten wir ihnen: „Das ist eine Reaktion auf die Medikamente, die sie nehmen muss." Wir beschrieben jeweils, was gerade passiert – ohne zu werten. Also nicht „Oh nein, das ist schlimm", sondern einfach: „Das gehört zur Behandlung dazu. So ist es jetzt."
Andri: Und wenn sie gefragt haben: „Kommen die Haare wieder?“, oder so?
Séverine: Wenn sie gefragt haben: „Kommen die wieder?“ – dann: „Ja, genau. Die Haare wachsen wieder nach, sobald die Behandlung vorbei ist, vielleicht braucht es lange, oder es geht ganz schnell. Wir haben ihre Fragen jeweils offen und möglichst direkt beantwortet.
Andri: Und wenn ihr traurig gewesen seid – oder vielleicht zu dem Zeitpunkt noch nicht so – aber haben sie darauf reagiert? Haben sie das gemerkt? Oder habt ihr es ein bisschen versteckt? Wie seid ihr mit euren Gefühlen umgegangen – vor ihnen?
Séverine: Nein, das haben wir nicht versteckt. Unsere Traurigkeit und Betroffenheit haben sie definitiv mitbekommen. Sie kamen auch auf mich zu und haben gefragt: „Mama, warum bist du so traurig?“ Es war uns wichtig, auch mit unseren eigenen Emotionen authentisch zu bleiben, anstatt so zu tun, als wäre alles normal. Besonders wichtig war es für uns, unsere eigenen Gefühle zu benennen. Wir haben ihnen gesagt: „Ich bin sehr traurig wegen dem, was passiert ist" oder „Es tut mir so leid für Valentina und ihre Familie." Dadurch wurde es viel natürlicher, über die ganze Situation zu sprechen. Dadurch konnten wir die Krankheit besser erklären, und unsere Kinder verstanden und verarbeiteten die Situation meiner Meinung nach besser.
Andri: Und ihr habt ja auch regelmässig so Sprachnachrichten und auch Videos geschickt – als Valentina im Spital war?
Séverine: Ja, genau beides. Mit Videos und Sprachnachrichten wollten wir Valentina kleine Freuden bereiten und zeigen, dass wir an sie denken. Anfangs erklärten wir den Kindern, warum wir das machen – schliesslich war sie wochenlang im Spital. Zunächst brauchte es etwas Anschub, dann wurde es automatisch. Wir merkten, dass besonders die alltäglichen Momente lustig für sie waren, wie Videos von den Kindern beim Nasebohren, Hütten bauen, Spaghetti schlürfen oder dem Drama, wenn der Honig nicht gleichmässig auf dem Brötchen verteilt war.
Andri: Und nachher eben – dann kam ja die Therapiezeit, die relativ lange war. Und generell ist ja bei uns so ein bisschen eine Zuversicht aufgekommen. Und dann kam die Phase, als es zum ersten Mal hiess, der Tumor sei zurückgekommen. Wir müssten jetzt bestrahlen. Das war doch auch dort, wo du uns auch ein paar Mal quer durch die Schweiz nach Villigen gefahren hast?
Séverine: Ja, ich bin zweimal gefahren. Also ja.
Andri: Und wie ist das dort gewesen – also diese Zeit, wo man gemerkt hat: „Okay, Scheisse … es ist nicht nur einfach der Krebs, bei dem ja heute 80 % der Kinder geheilt werden …“ – sondern dass es allenfalls eben auch nicht heilbar ist, unter Umständen?
Séverine: In dieser Zeit schöpften wir vorsichtig Zuversicht, denn zwischen Frühling und Sommer hattet ihr sogar wieder angefangen zu arbeiten. Diese Zeit empfanden wir als sehr kurz und unsicher, wir wagten noch nicht richtig zu hoffen. Und dann kam dieser Dienstagabend im August, an dem ihr die neusten Resultate erwartet habt. Myriam rief mich weinend an, und ich weinte mit ihr. Die Nachricht, dass der Krebs zurück war, traf uns wie ein Schlag ins Herz. Es war kaum zu ertragen. Trotz allem hofften wir sehr, dass die Bestrahlung helfen könnte. Eure medizinischen Erklärungen halfen uns dabei zu verstehen, was diese letzte Therapie bedeutete und welche realistischen Chancen sie bot. So konnten wir die Situation besser einordnen, auch wenn das Gefühl der Ohnmacht blieb. Am nächsten Tag sass ich in einem Arbeits-Workshop, stand mittendrin auf und fuhr zu meinem Lieblingsberg am Thunersee. Ich brauchte diese Zeit und Stille, um mich zu sammeln – für mich und für unsere Familie. Uns mit diesem Schicksal abzufinden, war sehr schwierig.
Andri: Wie hast du das mit den Kindern gemacht? Wie ging es euch dabei?
Séverine: Diese Nachricht erschütterte uns wirklich zutiefst. Es ist schwer zu beschreiben – wir waren sehr traurig und betroffen, und fühlten uns gleichzeitig auch sehr hilflos. Wir brauchten Zeit, um zu begreifen: "Das ist jetzt die Realität." Dann stellten wir uns in der Familie bewusst die Frage: "Wie gehen wir damit um? Sind wir bereit, euch weiterhin zu begleiten?" Denn uns war klar, dass es eine Entscheidung war, sich auf diese schwere Zeit einzulassen. Nachdem wir das für uns entschieden haben, fragten wir uns: "Was braucht ihr jetzt? Wie können wir am besten da sein?"
Andri: Aber heisst das, dass es eben auch sehr belastend für euch war – diese Wahl zu haben? Ich frage mich auch, ob irgendwann mal der Moment gekommen ist, wo ihr gefunden habt: „Nein, wir können das nicht auch noch.“
Séverine: Die Wahl nein, aber die Erfahrung hat zwei Gesichter – einerseits belastend, andererseits sehr berührend. Es war tatsächlich emotional sehr herausfordernd, trotzdem war es klar für uns, dass wir euch unterstützen möchten. Wir empfanden es als eine wunderschöne Möglichkeit, eure Familie in dieser schwierigen Zeit zu begleiten.
Andri: Oh, „wunderschön“ – was meinst du damit?
Séverine: Als wir so unmittelbar mit dem Ende des Lebens konfrontiert waren, haben wir unerwarteterweise eine neue Lebensintensität erlebt. Plötzlich werden alltägliche Momente zu etwas Kostbarem – sie bekommen eine fast magische Qualität, werden spontan und berührend schön. Das Bewusstsein dafür, dass alles jederzeit zu Ende gehen kann, lässt das Leben in einem anderen Licht erscheinen und macht es unglaublich wertvoll. Diese besondere Tiefe des Lebens haben wir in dieser Zeit sehr deutlich gespürt.
Andri: Und dann ist ja irgendwann der Moment gekommen, wo es hiess, der Tumor sei nicht mehr sichtbar. Es sieht nicht schlecht aus – und wir als Familie sind ja wieder etwas mehr zurück ins normale Leben. Wir sind zur Kita zurück, wir haben verarbeitet … es ist alles wieder ein bisschen normaler geworden. Wie war das für euch? Also der Übergang – plötzlich langsam wieder in die Normalität?
Séverine: Für uns war diese Zeit viel zu kurz, um wirklich anzukommen. Da wir nicht so nah an eurem Alltag dran waren, schwebten wir noch zwischen Erleichterung und Ungläubigkeit. Wir dachten: „Ist das jetzt wirklich vorbei? Unglaublich." Aber wir konnten noch nicht loslassen – es fühlte sich noch nicht wie echter Alltag an.
Andri: Also du hattest das Gefühl, bei uns …
Séverine: … wart ihr viel schneller wieder in der Normalität.
Andri: Wir sind viel schneller wieder in der Normalität angekommen als ihr?
Séverine: Das ist von aussen schwierig zu beurteilen. Ich erinnere mich, wie sehr ihr euch gefreut habt, wieder arbeiten zu können – endlich konntet ihr eure Energie auf andere Dinge richten. Ich glaube ich war noch in diesem seltsamen Schwebezustand gefangen und fragte mich immer wieder: „Passiert das wirklich gerade? Das Leben geht weiter – unglaublich." Ich hatte innerlich aber noch keine Ruhe gefunden
Andri: Ja. Noch ein anderes Thema: mit den anderen Familien, die uns begleitet haben. Wie war das für euch? Kannst du dazu etwas sagen? Also die Koordination oder … war das ein Begleiter – dass wir nicht die einzige Familie gewesen sind? Hat euch das irgendwie zusammengeführt? Oder war das eher etwas, das ihr im Nachhinein als Erfahrung gemacht habt – als Familie eher allein gewesen zu sein?
Séverine: Aha. Nein, wir haben uns nie allein gefühlt, denn ihr wart so gut vernetzt und habt alles super koordiniert. Das war besonders in der Schlussphase der Fall, aber auch schon vorher, zum Beispiel bei den Fahrten ans PSI. Es war für uns gut zu wissen, dass euch andere Freunde und Familien begleitet haben. Ihr wart in dieser schweren Zeit nicht allein. Wenn wir länger weg waren, beispielsweise in unseren Ferien in Spanien, wussten wir, dass ihr viel mit einer anderen Familie unternommen habt. Dieses Gefühl, dass ihr umgeben und getragen wart, war wertvoll für uns, um unsere Unterstützungsrolle zu teilen. Wir haben euren Wunsch, nicht mit anderen über Valentinas Krankheit zu sprechen, sehr respektiert. Deshalb haben wir uns mit den anderen Familien nur knapp abgestimmt – höchstens mal gefragt: "Habt ihr sie letztens gesehen?" oder "Wie war euer Eindruck?" Mehr nicht. Eure Privatsphäre war uns wichtig.
Andri: Und ist das etwas, wo du im Nachhinein sagen würdest: Das war hilfreich? Oder eher hinderlich oder einschränkend?
Séverine: Eure klaren Grenzen und offene Kommunikation über eure Bedürfnisse waren sehr hilfreich. Zu wissen, welche Informationen okay sind und worüber gesprochen werden darf – das war essenziell. Manche Menschen haben es persönlich genommen, nicht informiert zu werden oder nicht darüber sprechen zu dürfen. Für uns war aber klar: Das ist eure Entscheidung in dieser schweren Situation, und die respektieren wir vollständig. Gleichzeitig mussten auch wir schauen, wie es uns damit geht. Wir brauchten ebenfalls Unterstützung und haben uns deshalb mit unseren engsten Freunden und Familienmitgliedern ausgetauscht. Dieser soziale Halt half uns dabei, unsere Gefühle zu verarbeiten und mit euch durch diese schwere Zeit zu gehen. So konnten wir für euch da sein, ohne uns selbst zu überlasten.
Andri: Und mit denen – also mit euren Freunden – habt ihr das dann nachher besprechen können? Und das war für euch sehr hilfreich?
Séverine: Ja, das war unglaublich hilfreich. Wir konnten vor allem unsere Gefühle aussprechen. Einfach sagen: „Es ist so schwierig und so schlimm." Punkt. Es ging nicht um medizinische Details, Behandlungsverläufe oder intime Aspekte eurer Geschichte, sondern darum, unsere Gefühle in dieser neuen, teils herausfordernden Unterstützungsrolle zu teilen. Das hat enorm geholfen. Dadurch verstanden unsere Freunde auch besser, wo wir standen, hatten ein offenes Ohr für uns und konnten auch für uns da sein.
Andri: Und du hast noch gesagt, dass die ganze Erfahrung in dieser Zeit so war, dass ihr dem Kleinen (also Mael) auch viel Freude ermöglicht habt. Ist das jetzt auch nachhaltig? Hat das bei euch auch etwas verändert, z.B. in der Erziehung der Kinder?
Séverine: Das ist auch eine spannende Frage. Diese Erfahrung hat uns verändert. Wir können uns nun vorstellen, was es bedeutet, ein schwerkrankes Kind zu haben oder ein Kind zu verlieren. Vor einem Jahr hatte das definitiv Einfluss auf unsere Erziehung. Mittlerweile sind andere Themen in den Vordergrund gerückt, aber eines ist nachhaltig geblieben: Gewisse Dinge sind einfach nicht mehr so wichtig. Die verpassten Meetings oder beruflichen Sprünge – all das verblasst angesichts des erlebten Schicksals mit Valentinas Krankheit. Wir haben gemerkt, dass was für uns als Familie wirklich zählt, ist das Umfeld, das einen umgibt, und die Momente, die wir miteinander verbringen. Und was uns besonders geblieben ist: Wir haben so viel mit euch gelacht, selbst in den himmeltraurigsten Momenten. Das hat uns gelehrt, nicht alles zu ernst zu nehmen.