Andri: Sehr gut, danke. Ich schlage vor, dass wir mit der ersten Phase anfangen. Das ist der Moment, als ihr erfahren habt, dass euer Kind lebenslimitierend krank ist. Du kannst aber auch noch vorher anfangen – wie diese erste Zeit war, als ihr das erfahren habt. Vielleicht sah ja vorher alles gut aus. Wie ihr das erlebt habt.
Gregor: Die Diagnose… ja. Angefangen hat es im November 2010, da war Till gerade mal 10 Monate alt. Till hatte einen Nystagmus - ein Zittern der Augen. Damit sind wir zum Kinderarzt gegangen. Er meinte zuerst, das komme häufig von einer Entzündung. Wir haben Antibiotika bekommen und er sagte, das werde schnell wieder gut. Aber nach zehn Tagen war es nicht weg. Wir gingen nochmals hin, und dann sagte er, jetzt müsse man ein paar Abklärungen im Inselspital machen. Er hat uns dort angemeldet. Die medizinischen Details weiss ich heute nicht mehr genau – das kann Renate besser erklären. Für mich ist vor allem der 25. Dezember geblieben. Zur Eröffnung des Gesprächs sagte eine Ärztin, sie hätte das Gespräch auf den 25. gelegt, damit wir noch unbeschwert hätten Weihnachten miteinander feiern können... In diesem Moment haben Renate und ich schon gedacht: okee, und was kommt jetzt? Dann kam die Diagnose: – Mitochondriale Stoffwechselstörung Komplex 1 Defekt. Renate konnte das aufgrund ihres beruflichen Hintergrunds und Wissens einordnen. Ich habe die medizinischen Zusammenhänge von Tills Erkrankung nie wirklich verstanden. Aber ‘lebenslimitierend’ konnte ich einigermassen einschätzen. Ich war immer froh, dass Renate sich um das Medizinische gekümmert hat und meine Aufgabe in erster Linie darin bestand unserer Familie im Hintergrund den Rücken frei zu halten – für die ganze Situation, für sie, für mich, für unsere Tochter und für Till. Sie wollten uns also zuerst noch Weihnachten in Ruhe feiern lassen, und danach kam die Diagnose. Ich habe sie zuerst gar nicht richtig verstanden. Man versteht zwar die Worte – lebenslimitierend, Prognose… bei diesem Schweregrad zwei, maximal sechs Jahre Lebenserwartung. Aber wenn man das zum ersten Mal hört, wird dir einfach mal der Boden unter den Füssen weggezogen. Trotzdem erinnere ich mich nicht daran, dass wir in ein riesiges Loch gefallen wären und gar nicht mehr gewusst hätten, wie weiter. Till hat uns auch den Takt im Alltag vorgegeben. Für ihn hat sich nichts verändert. Mit seinen zehn, elf Monaten ist er voller Lebensmut und Freude ins Leben hinausgegangen. Eigentlich konnte man kaum glauben, was uns da erzählt wurde. Wenn man ihn so gesehen hatte… Er konnte mit elf Monaten noch nicht laufen, was ja nicht aussergewöhnlich war. Darüber haben wir uns gar keine grossen Gedanken gemacht. Ab diesem Moment hatten wir die Diagnose, und plötzlich schaust du dein Kind mit anderen Augen an. Später hat uns seine Krankheit dann schon gefordert. Vieles war Reagieren. Vieles war neu. Aber ich habe in Erinnerung, dass Renate und ich das immer als eine Art Challenge genommen haben. Wir hatten immer das Gefühl: Wir schaffen das. Und wir haben uns immer sehr unterstützt gefühlt – von allen Seiten. Zuerst wir vier als Familie, dann Renates und meine Familie. Auch aus unserem Freundeskreis. Und auch medizinisch im Inselspital, oder von der IV. Da hört man ja manchmal richtige Schauermärchen. Das können wir so nicht bestätigen. Wir hatten ein einziges Mal wegen einer kleinen Sache Rücksprache mit der IV, wegen einer Hilfsmittelanpassung. Sonst lief das immer reibungslos. Klar – man musste sich für seine Sache einsetzen, Gespräche führen, Dokumente einreichen, Geduld haben, sich Zeit nehmen. Aber ich würde nicht «kämpfen» sagen. Wir hatten das Gefühl: Das brauchen wir jetzt. Es gibt Möglichkeiten, und die finden wir. Und wenn etwas nicht von der öffentlichen Hand finanziert wurde, haben wir nach Stiftungen gesucht. Es gab natürlich schwierige Momente. Relativ schnell wurde es im zweiten Lebensjahr sehr kritisch. Wir waren viel im Spital. In dieser Zeit hatten wir auch schon Gedanken gemacht, wie die Abdankungsfeier für Till gestaltet werden sollte. Da haben wir das erste Mal Abschied genommen. Und dann hat Till einfach entschieden: Ich drehe das noch einmal, ich packe das, ich will leben. Ein Turnaround. Kinder sind unglaublich robust, unglaublich resilient. Das hatte alle überrascht und erstaunt. Danach sind wir irgendwie wieder in einen Alltag hineingekommen – in unseren eigenen neuen Alltag mit dieser Situation. Ich habe einfach mit dem gelebt, was wir hatten. Für mich war der Umbruch vom Single- oder Paarleben ins Familienleben eigentlich der grössere Schritt gewesen. Plötzlich sind Kinder da. Das war für mich fast die grössere Herausforderung. Zuvor war ich selbstständig und konnte eigentlich machen, was ich wollte. Ich konnte um Mitternacht aus dem Büro nach Hause kommen, wenn ich das für nötig befand. Ich konnte morgens um sechs arbeiten – oder um acht oder um zehn. Aber wenn Kinder da sind, geben sie dir einen sehr klaren Takt vor. Und das hatte für mich zuerst gar nicht so viel mit der Krankheit zu tun. Die grössere Challenge war einfach: Jetzt sind Kinder da. Oder zu diesem Zeitpunkt eben: jetzt ist ein Kind da.
Andri: Die Schwester war älter als Till?
Gregor: Nein, Till war älter.
Andri: Ah, er ist älter.
Gregor: Ja, genau. Er war der Erste. Und diese ersten zehn Monate, in denen wir noch nichts von der Diagnose wussten, waren für mich im Rückblick fast die grössere Herausforderung. Also nicht grösser im Sinn von schwieriger als später – aber die Umstellung war enorm. Plötzlich ist ein Kind da, und man muss sich anpassen. Ich musste lernen, mich zurückzunehmen und Raum schaffen in meinem Leben für dieses kleine hilfsbedürftige Ding. Ich konnte nicht mehr alles einfach so entscheiden, wie ich wollte. Mein Leben lief vorher stark nach meinem eigenen Rhythmus. Und gleichzeitig war es rückblickend so, dass Renate als Mutter am Anfang den grössten Teil getragen hat. Als Papa bin ich eigentlich erst ab dem zweiten Lebensjahr langsam in meine Rolle hineingewachsen. Das war später bei meiner Tochter nochmals ähnlich. Vor ganz kleinen Babys hatte ich Respekt. Ich hatte immer Angst, etwas falsch zu machen oder dass ihnen etwas passieren könnte. Ich glaube, für Mütter ist das von der Biologie her vielleicht etwas natürlicher. Ich weiss es nicht genau. Jedenfalls habe ich gelernt, mit dieser Situation umzugehen. Und dann kommt bei Till noch diese besondere Situation dazu – mit der Krankheit. Aber im Grunde ist es immer dasselbe: Man passt sich den Gegebenheiten an. Ob das nun eine Diagnose ist oder ein gesundes Kind. Ich glaube, man wächst halt einfach in die Situation hinein in der man sich befindet. Man ist in der Lage, in der man ist, und dann versucht man, das Beste daraus zu machen. Natürlich gibt es auch Momente, in denen man keine Kraft mehr hat. Aber Renate und ich hatten das grosse Glück, dass immer einer von uns beiden fit genug war, wenn der andere vielleicht auch mal nicht mehr die Kraft hatte. Wir hatten nie gleichzeitig den Punkt, an dem wir beide nicht mehr weiter wussten.
Andri: Aber was meinst du mit „nicht mehr können“? Wie hat sich das gezeigt?
Gregor: Das konnte z.B. körperliche Erschöpfung sein. Till brauchte auch nachts Betreuung. Durchschlafen war nicht möglich, wenn man Nachtdienst bei Till hatte. Das zehrt natürlich. Aber es konnte auch eine psychische Erschöpfung sein. Momente, in denen man dachte: Was mache ich hier eigentlich? Wo soll das denn hinführen? Oder in denen man einfach keine Kraft mehr hatte, oder in der Trauer feststeckte und nicht mehr weiterwusste. Und in solchen Momenten war dann der andere da und konnte übernehmen. So haben wir es eigentlich immer geschafft, dass Till bei uns zu Hause bleiben konnte. Abgesehen von den Spitalaufenthalten natürlich. Aber wir mussten ihn nie in eine Pflegeinstitution geben, weil wir selber nicht mehr in der Lage gewesen wären, für ihn zu sorgen. Er konnte immer zu Hause bei uns sein. Ein weiterer Glücksfall war, dass Till sich mitteilen konnte. Wir wussten oft, was ihm fehlte. Dann konnten wir reagieren, ihn unterstützen oder etwas dagegen tun. Und manchmal wussten wir auch: Jetzt hat er Schmerzen, und wir können nichts dagegen machen. Das hat uns dann auch leid getan. Aber immerhin wussten wir, was los ist und was er braucht und ob man etwas dagegen machen kann oder halt auch nicht.
Andri: Wie war das am Anfang mit der Diagnose? Du hast vorhin erwähnt, dass sie euch nach Weihnachten informiert haben. Hat dich das im Nachhinein gestört? Oder warst du vielleicht auch froh, dass ihr noch Weihnachten miteinander verbringen konntet?
Gregor: Nein, gestört hat mich das nicht. Es war einfach nur der Wortlaut, der mir geblieben ist. Als sie sagte, wir sollten noch unbsorgte Weihnachten miteinander feiern können, war für mich klar: Jetzt kommt gleich der Hammer.
Andri: Ah, wegen diesem Gefühl, dass jetzt etwas Schweres kommt.
Gregor: Genau. Es war einfach dieser Satz, der mich erahnen liess: Gleich hören wir etwas, das unser Leben verändern wird.
Andri: Und wie habt ihr das dann mit eurer Familie kommuniziert? Und wie haben sie reagiert?
Gregor: Puh… das ist lange her, ich weiss die Details gar nicht mehr genau. Aber wir haben natürlich unsere Familien informiert. Meine Schwester ist Hausärztin. Ich habe irgendwie das Gefühl, dass ich es war, der sie als Bruder zuerst angerufen hat. Vielleicht war es aber auch Renate, die medizinisch genauer Auskunft geben konnte – das weiss ich wirklich nicht mehr genau. Aber bei ihr wussten wir, dass sie es medizinisch einordnen kann und versteht, was das bedeutet. Und grundsätzlich hat man der Familie einfach gesagt, wie die Situation ist. Lebenslimitierend – das versteht man ja schon. Mit der Zeit wurden Tills Symptome immer deutlicher. Mit zehn, elf oder zwölf Monaten konnte man sich das alles noch gar nicht richtig vorstellen. Aber bald darauf hat man die Veränderungen natürlich schon wahrgenommen. Unsere Familien haben die Nachricht aufgenommen und verstanden und mit uns gefühlt. Und von allen Seiten kam Unterstützung. Alle haben gesagt: Wenn ihr etwas braucht, sagt Bescheid. Die, die Zeit hatten, haben Zeit gegeben. Andere haben auf andere Weise unterstützt. Wir hatten wirklich immer alles, was wir gebraucht haben. Ich erinnere mich einmal, dass ich von Freunden zu einem Besuch im Kosovo eingeladen wurde. Dort haben sie mir erzählt: Wenn man bei uns im Spital behandelt werden will, muss man Bargeld dabeihaben. Da habe ich realisiert, dass unsere Situation – so schwierig sie auch war – gleichzeitig ein riesiges Glück ist. Erstens wegen unserer Familien, zweitens weil wir hier in der Schweiz leben dürfen und von unserem System unterstützt werden. Es gibt kaum etwas besseres als all den Support den wir hier in unserem System Schweiz erfahren durften. Wahrscheinlich würden das nicht alle Betroffenen genau gleich unterschreiben. Aber in unserem Fall habe ich es so erlebt. Und ich glaube, am Ende zählt genau das: Ich habe Unterstützung erfahren. So schwierig alles war – uns haben wirklich alle geholfen. Auch meine Arbeitgeber. Sie haben mir einfach den Rücken freigehalten. Damals habe ich in Bern unterrichtet, als die Diagnose kam. Die Schulleiterin sagte zu mir: «Schau du zu dir und deiner Familie, wir kümmern uns hier um den Rest. Sie haben die Stellvertretung organisiert und das Tagesgeschäft mit der Schulklasse organisiert. Ich musste mich um nichts kümmern. Das hat mir sehr geholfen. Und ich war sehr froh darum, denn – um ehrlich zu sein – hätte ich damals auch nichts auf die Reihe gekriegt. Was ist schon die Welt, wenn es deinem eigenen Kind nicht gut geht… Und im Nachhinein habe ich auch realisiert, dass es geldtechnisch ein Glück ist, in einer solchen Situation angestellt und nicht selbständig zu sein: Wenn man selbständig ist und nicht arbeiten gehen kann, kommt einfach kein Geld mehr rein. Dass ich angestellt war und diese Unterstützung vom Arbeitgeber hatte, war wirklich ein weiterer Glücksfall in unserer Situation.
Andri: Und wann hast du dann wieder angefangen zu arbeiten?
Gregor: Ich war anfänglich krankgeschrieben, ich glaube ein halbes Jahr bis Weihnachten. Danach teiilzeit bis Sommer. Nach einem Jahr bin ich dann wieder regulär teilzeit zurück an die Arbeit. Als Till etwas mehr als zwei Jahre alt war setzte im März und April 2012 eine massive Verschlechterung seines Gesundheitszustandes ein. Und im Juni wurde es plötzlich sehr kritisch. Till bekam damals diesen Button zur künstlichen Ernährung, und kurz danach ging es gesundheitlich bergab. Eine Lungenentzündung machte eine Intubation erforderlich weshalb er auch auf die IPS-verlegt werden musste. Nach etwa zehn Tagen musste man Till dann von der Beatmungsmaschine nehmen. Die Ärzte haben uns darauf vorbereitet, dass wir uns von ihm verabschieden müssen. Da es keine Garantie gab, dass er danach selbstständig weiter atmen würde. Und das war dann der Moment, wo Till entschieden hat, weiterzuleben. Kurz nachdem sie ihn von der Beatmungsmaschine genommen haben, haben wir gesagt: Egal, was jetzt kommt – wir wollen nach Hause. Falls er es nicht schaffen sollte, wollen wir doch wenigstens zu Hause in unseren vertrauten vier Wänden sein können. Unsere Ärzte waren sehr verständnisvoll und sagten: «Geht zusammen nach Hause. Ihr könnt euch jederzeit melden. Und wenn er es nicht schafft, können wir hier auch nichts mehr machen – dann ist es egal, ob er hier im Spital ist oder bei euch zu Hause». Von diesem Tag an erholte sich Till langsam aber kontinuierlich täglich ein bisschen mehr. So sind wir durch die Sommerferien gekommen. Diese Krankschreibung plus fünf oder sechs Wochen Sommerferien haben uns die Zeit gegeben, alles Nötige aufzugleisen: Spitex organisieren, Pflege einrichten, das Zuhause anpassen. Bis Ende Jahr hatten wir ein ziemlich gutes Setting. Im Januar bin ich dann wieder arbeiten gegangen mit einer 50% Krankschreibung, was in meinem Teilzeitpensum 1.5 Wochentage ausmachte. Ab Sommer, also ein Jahr nach dem kritischen Zustand, arbeitete ich wieder Teilzeit ohne Krankschreibung. Teilzeit, damit ich genug Zeit zuhause meinen Anteil beitragen konnte.hatte. Ich war etwa drei Tage pro Woche an der Schule, und an den zwei Tagen, an denen Renate arbeitete, war ich zu Hause. So hatten wir immer die Möglichkeit, dass rund um die Uhr jemand von uns beiden bei Till und bei unserer Tochter sein konnte.
Andri: Das hattet ihr nur am Anfang oder auch später noch?
Gregor: Nein, das haben wir bis zum Schluss so beibehalten – bis Till gestorben ist.
Andri: Also Entlastung durch Institutionen hattet ihr schon?
Gregor: Ja, sehr stark. Vor allem durch die Spitex. Viele Wochenstunden wurden von der IV für Spitex-Pflege gutgeheissen. Till hatte auch eine Hilflosenentschädigung zugute, die einen Teil des Erwerbsausfalls kompensiert hat. Dadurch hatten wir überhaupt die Möglichkeit, beide Teilzeit zu arbeiten – also Renate und ich. Damit eine Rundumbetreuung zuhause überhaupt möglich war. Später kam noch der Assistenzbeitrag dazu. Den haben wir allerdings nur etwa ein halbes Jahr beanspruchen können, weil Till danach gestorben ist. Aber wir hatten das bereits so vorbereitet, dass eine Assistenzperson halbtageweise mit ihm hätte Zeit verbringen können, damit für uns etwas Freiraum entstehen können hätte. Till ging ja nur halbtags zur Schule, weil er immer gleich sehr erschöpft war mit seinem geringen Energiehaushalt.
Andri: Genau.
Gregor: Wir hätten theoretisch auch mehr arbeiten können. Oder wir hätten Till in eine Institution geben können. Aber für uns war klar, dass wir ihn zu Hause haben wollten. Er hat uns das auch deutlich gezeigt und gesagt. Das Einzige, was am Ende eines Lebens bleibt, ist die gemeinsam verbrachte Zeit. Und wir wussten, dass diese Zeit begrenzt ist. Darum habe ich mir immer gesagt: An dem Tag, an dem Till sterben wird, will ich mir nicht vorwerfen müssen, dass ich was verpasst hätte. Und ich bin sehr froh, dass wir das so umsetzen konnten. Ich glaube es ist mir gelungen, das Beste daraus zu machen. Ich sage manchmal: Till war der wichtigste und beste Job, den ich jemals machen durfte. Und als er gestorben ist, war dieser Job plötzlich weg. Natürlich habe ich mit meiner Tochter weiterhin eine Aufgabe als Vater. Aber direkt nach seinem Tod habe ich lange nach dem Sinn gesucht, obschon er für Aussenstehende vermutlich offensichtlich war. Ich wusste zwar, dass sie da ist, aber ich habe es in dieser Zeit nicht wirklich gespürt, dass das weiterhin meine Aufgabe ist. Das hat eine Zeit gedauert, bis das wieder zurückgekommen ist.
Andri: Genau, wir sind jetzt ein bisschen nach vorne gesprungen, aber das macht nichts.
Gregor: Ja, hol mich ruhig wieder zurück.
Andri: Nein, das spielt keine Rolle. Mich interessiert noch etwas anderes: Ihr hattet ja diese Prognose – besonders am Anfang, wenn du sagst zwei bis sechs Jahre. Wie war das für euch? Habt ihr immer einfach Jahr für Jahr genommen? Oder gab es irgendwann einen Moment, an dem man dachte: Jetzt hat er eine gewisse Phase überlebt, vielleicht lebt er doch länger? Gab es einen Zeitpunkt, an dem ihr für mehrere Jahre hoffen konntet? Oder war es eher so, dass ihr einfach für jeden Tag, jede Woche, jeden Monat dankbar wart? Ich vermute, dieser Zeitpunkt war, als Till ca. 6 Jahre alt war. Damals haben wir eine langrfristigt Zukunft gesehen mit Autonomie, Elektrorollstuhl, und Anpassungen in der Wohnsituation. Also haben wir unser Haus hindernisfrei umgebaut, damit Till mit oder ohne rollstuhl möglichst selbständig mobil sein kann und es für uns leichter, wird ihn zu pflegen. Dafür haben wir auch Unterstützung von der IV gebraucht und auch bekommen. Da hat ja niemand gesagt: «Er lebt sowieso nur bis sechs, da lohnt es sich nicht zu investieren.» Auch medizinisch hat sich Till stabiler entwickelt, als man am Anfang erwartet hatte. Die Prognose zu seiner Lebenserwartung lautete zwei bis sechs Jahre. Aber als er sechs wurde und in den Kindergarten kam – in die Blindenschule – war sein Gesundheitszustand recht stabil. Da hatten wir schon das Gefühl: Er wird grösser, er wird schwerer, selbständiger, braucht einen elektrischen Rollstuhl. Wir müssen Platz schaffen, uns darauf vorbereiten. Also haben wir durchaus längerfristig gedacht, auch wenn wir nie eine konkrete Zeit vor Augen hatten. Und das wurde von den Ärzten und auch von der IV unterstützt, sonst hätte sie ja keine Gelder gesprochen. Man ging schon davon aus, dass wir noch Jahre mit ihm zusammenleben können. Gleichzeitig war es im Alltag oftmals ganz anders. Es gab immer wieder Zeiten, in denen sich Tills Gesundheitszustand verschlechterte und wir uns mit seinem Sterben auseinandersetzten, weil man nicht wusste, wo sein gesundheitlicher Tauchen enden könnte. Als wir damals von der Intensivstation nach Hause kamen, sagten wir zueinander: Schauen wir mal, wie die Nacht wird. Dann wurde es Morgen, und wir dachten: Gut, jetzt schauen wir mal, wie der Tag wird. Aus diesen Zwölf-Stunden-Abschnitten wurden irgendwann Tage, dann Wochen und später Monate. Aber das war ein Prozess über drei, vier Jahre. Am Anfang wussten wir wirklich nicht: Vielleicht hört er morgen einfach auf zu atmen. Und dann wäre unsere gemeinsame Zeit schon vorbei gewesen. Mit den Jahren kam langsam mehr Zuversicht dazu. Dass es vielleicht doch noch Zeit gibt, die wir miteinander verbringen können.
Andri: Zu der Schwester – sie ist ja etwa zwei Jahre später gekommen.
Gregor: Ja, 18 Monate später.
Andri: Genau. Wie habt ihr das in dieser Zeit gemacht – mit zwei Kindern, die so unterschiedliche Bedürfnisse hatten? Wie seid ihr beiden gerecht geworden? Unsere Kinder haben beide ihren Teil eingefordert. Ihr Recht. Und wir waren einfach da. Wir waren präsent, erreichbar, verfügbar. Bei Till Schwester – als Säugling – war es natürlich in erster Linie wieder ein riesiger Mama-Job. Da habe ich einfach das gemacht, was ich konnte: einkaufen gehen, wickeln, solche Dinge. Und Till war noch klein genug, dass der Unterschied zwischen ihnen noch gar nicht so gross war. Als meine Tochter geboren wurde, war Till etwa eineinhalb Jahre alt. Da habe ich realisiert: Jetzt habe ich plötzlich zwei Kinder auf dem Arm. Wir hatten von Anfang an einen Zwillingskinderwagen, in den beide hineinpassten, weil Till ja nicht selber laufen konnte. Und meine Tochter hat sich normal entwickelt und Till motorisch und energetisch bald schon mal überholt. Es gibt herzige Videos aus dieser Zeit. Sie war vielleicht zwei Jahre alt, Till dreieinhalb. Die beiden spielen Spital im Garten Sie spielt Pflegepersonal und kocht Kräutersuppenmedizin, Till spielt auf dem Sitzplatz liegend Patient und lässt sich pflegen. Für sie war das ein Rollenspiel, aber im Grunde haben die beiden einfach ihre Realität nachgespielt. Ich denke manchmal daran, als seine Schwester mit zwei Jahren dann selbst eine Diagnose bekommen hat: CF, also Cystische Fibrose. Eigentlich wurde das beim Neugeborenen-Screening schon festgestellt. Irgendetwas ist in der Bürokratie dann schief gelaufen und wir haben von ihrer Krankheit erst erfahren, als sie ungefähr zwei Jahre alt war. Wir haben damals einfach gedacht: «Gut, das kommt jetzt auch noch dazu, das kriegen wir auch irgendwie hin». Für mich war das damals wirklich so: Ja, das schaffen wir. Meine Tochter hat ihre Diagnose eigentlich recht selbstverständlich angenommen. Einmal musste wegen eines Infekts ein Spitalaufenthalt geplant werden und sie sagte voller Freude: «Darf ich jetzt auch ins Spital?» So nach dem Motto: Jetzt bin ich endlich auch krank. Und das gehört in dieser Familie ja zur Normalität. Sie hat natürlich gemerkt, dass sich vieles um Till dreht. Dass wir viel Fürsorge für ihn aufbringen, mit ihm ins Spital müssen und den Alltag stark nach ihm ausrichten. Wenn wir niemanden hatten, der zu unserer Tochter schauen konnte, haben wir sie einfach mitgenommen. Jetzt, da sie auf einmal selber Patientin war, war das wie eine Gleichstellung. Tills Pflegeaufwand war zeitlich eindeutig intensiver als bei seiner Schwester. Aber sie war nie allein. Vielleicht hatte sie nicht immer genau den Elternteil zur Verfügung, den sie sich gerade gewünscht hätte, weil einer von uns beiden bei Till war. Aber sie hat diesen Wunsch auch nie so geäussert. Zumindest hatte ich nicht dieses Gefühl, dass ihr etwas fehlen würde. Vielleicht sollte ich sie heute einmal fragen, wie das so war für sie damals. Es war immer jemand da für sie. Vielleicht auch, weil sie mit ihrer CF selbst ein «Rucksäckchen» hatte, das sie zu tragen hat und das auch Aufmerksamkeit braucht. Dadurch hat sich das irgendwie verteilt. Natürlich nicht ganz gleichmässig. Aber sie wurde auch nicht einfach nur mitgeschleppt. Wenn einer von uns gerade beschäftigt war, war unsere Tochter beim anderen von uns beiden oder bei einer betreuenden Drittperson. Wir hatten immer Leute um uns herum. Wir haben uns Hilfe geholt und konnten diese auch zulassen und annehmen. Wir hatten immer ein offenes Haus für alle, die uns unterstützen wollten und konnten. Menschen kamen und halfen. Mir wurde klar: Ich muss meine eigenen Resourcen schonen und auch einmal eine Nacht durchschlafen können. Nur so stehe ich meiner Familie zur Verfügung. Und darauf hat sie ein Recht. Seit Tills viertem Lebensjahr hatten wir sehr intensive Nächte. Er hat oft schlecht geschlafen. Und irgendwann hatten wir im Spital eine Sprechstunde, bei der sie zuerst einfach gefragt haben: «Wie geht es eigentlich Ihnen beiden?» Ich glaube, wir haben ziemlich erschöpft ausgesehen, ohne es selbst zu merken. Und dann haben sie gesagt: Jetzt braucht ihr nicht nur Spitex am Tag für die Pflege – ihr braucht auch Entlastung in der Nacht. Und auch das wurde uns zugesprochen.
Andri: Also damit haben viele Mühe – wenn plötzlich jemand Fremdes im Haus ist.
Gregor: Wir sind gefragt worden, und wir haben gesagt: Ja, das wäre natürlich super. Wenn jemand da ist, wenn wir einmal durchschlafen können oder tagsüber etwas für uns selbst erledigen können.
Andri: Also wenn jemand Fremdes im Haus ist.
Gregor: Ja. Für mich hat das nie eine Rolle gespielt – und für Renate glaubs auch nicht, zumindest hatte ich nie den Eindruck. Wir haben einfach gesehen, was für einen Nutzen uns das bringt. Wie sehr uns das entlastet. Und es waren ja auch nicht irgendwelche Fremden. Zu einigen haben wir heute noch Kontakt und es sind viele wunderschöne Freundschaften daraus entstanden.