Interviewer: Hast du dir Sorgen gemacht, oder…?
Esther: Ja, um Gregor habe ich mir schon manchmal Sorgen gemacht. Es gab durchaus Zeiten, in denen ich mir Gedanken gemacht habe.
Interviewer: Hast du ihn darauf angesprochen, oder…?
Esther: Ja… Also Gregor ist eben… Wenn wir uns treffen – sei es beim Einkaufen oder mal bei ihnen zu Hause – kommen wir schon manchmal auf diese existenziellen Themen und Emotionen zu sprechen. Das finde ich eigentlich spannend, weil ich dann manchmal auch von mir erzähle und sage: „Jetzt weiss ich wirklich nicht mehr weiter in dieser oder dieser Situation“, oder so. Und dafür ist dann auch Raum – wir können offen darüber reden. Wir haben auch oft über Till und darüber gesprochen, wie schwierig es ist, wieder einen Sinn im Leben zu finden. Ja, da war schon Sorge da, das stimmt. Bei Renate war es etwas anders. Sie hat von Anfang an gesagt: „Ich bin sehr traurig, aber das Leben ist trotzdem schön.“ Sie hat immer beide Seiten nebeneinander stehen lassen.
Interviewer: Ist jetzt vielleicht eine etwas direkte Frage, aber du als eine Psychologin… Es ist ja ein Kind gestorben, und mit all den Veränderungen ist es völlig normal, dass man in ein Loch fällt. Du hast dir Sorgen gemacht – hast du das für dich irgendwie eingeordnet oder „normalisiert“?
Esther: Ich weiss jetzt nicht, was Renate über mich sagen würde, aber ich glaube, ich habe schon versucht… Ob es daran liegt, dass ich eine Psychologin bin oder nicht, weiss ich nicht. Aber ich habe wirklich darauf geachtet, nicht wertend zu sein – weder zu sagen, das ist richtig oder falsch, noch, das ist normal oder nicht normal. Ich hatte immer das Gefühl, das steht mir gar nicht zu. Ich kann nicht wissen, wie es für sie ist, ich kann nur zuhören und das aufnehmen, was sie erzählen. Darauf habe ich mich gestützt. Und ich habe zu Gregor schon mal gesagt, dass er allenfalls eine Therapie machen könnte. Aber er weiss ja, dass es diese Möglichkeit gibt. Ich glaube, als eine Psychologin, aber auch einfach als Mensch, habe ich immer noch das Gefühl, dass es Menschen hilft, wenn sie etwas ausdrücken können. Das bringt etwas. Und da habe ich mich auch als Unterstützung gesehen – dass ich einfach signalisiere: „Du kannst mir immer erzählen, was dich beschäftigt.“ Und es ist nicht so, dass ich nach drei Jahren denke, sie kommen immer noch mit dem Thema. Überhaupt nicht.
Interviewer: Und wie hast du den zeitlichen Verlauf erlebt? Es sind jetzt etwa drei oder zweieinhalb Jahre. Hast du, gerade bei Gregor, von aussen gesehen eine Entwicklung festgestellt?
Esther: Er hat mir eigentlich immer gesagt, er spüre keine Freude mehr. Letzten Sommer, als wir das Haus auf der Alp umgebaut haben, hatte ich zum ersten Mal das Gefühl, jetzt strahlt er wieder etwas aus… Ja. Aber die feinen Schwankungen kann ich nicht beurteilen.
Interviewer: Und wie hast du sie als Paar erlebt? Ich weiss, das sind vielleicht etwas blöde Fragen, aber mich interessiert das, weil es häufig ein Thema ist – die Paardynamik in so einer Stresssituation, gerade nach dem Tod eines Kindes. Du hast ja auch gesagt, dass sie unterschiedlich damit umgegangen sind.
Esther: Ja, das stimmt. Ich habe schon das Gefühl, dass es bei ihnen – wie vielleicht auch bei anderen Paaren – zu einer Krise als Paar geführt hat. Oder zu einer Erschütterung, die sie sonst vielleicht nicht erlebt hätten. Sie mussten sich damit auseinandersetzen und sich neu finden, denke ich. Und das haben sie auch gemacht. Deshalb denke ich, es könnte auch eine Chance gewesen sein, dass sie sich auf eine neue Art gefunden haben – etwas, das vielleicht sonst nicht zwischen ihnen passiert wäre. Aber das können sie natürlich nur selber sagen, wie es war.
Interviewer: Hast du bei diesem Thema eine Rolle gespielt?
Esther: Ich habe einfach zugehört, wenn sie mir davon erzählt haben. Also, ich habe schon eine Rolle gespielt, denke ich. Ich bin einfach eine Freundin, und ich rede mit meinen Freundinnen sehr gerne und oft über persönliche Themen. Ich glaube, das ist eher meine Rolle. Aber zwischen ihnen – ich denke nicht, dass ich da wirklich Einfluss hatte. Das ist wirklich etwas, das sie unter sich ausgemacht haben.
Interviewer: Was hat das grundsätzlich mit dir gemacht, das alles so von aussen mitzuerleben – oder auch miterleben zu müssen oder zu können – diese ganze Geschichte? Ich bin ja selbst betroffen. Ich weiss nicht, wie sich das bei dir gezeigt hat, aber ich kann mir vorstellen, dass man sich manchmal fragt: Wie wäre ich in so einer Situation? Wie würde ich das machen, was würde es mit mir machen, in einer solchen Lage zu sein?
Esther: Ja, das habe ich mich auch gefragt. Für mich ist... ich weiss gar nicht so recht. Aber was ich wirklich sagen kann: Es hat bei mir eine neue Dimension eröffnet, eine spirituelle Seite, die ich zuvor nicht kannte. Ich bin überhaupt nicht religiös, eigentlich total naturwissenschaftlich geprägt, in meinem Weltbild und generell. Aber diese Frage – was passiert nach dem Tod, spürt man noch etwas von einem Menschen, der gestorben ist – das habe ich mir früher nie überlegt.
Interviewer: Es gab keinen Grund, sich damit auseinanderzusetzen?
Esther: Nein, wirklich überhaupt nicht. Und das hat mich sehr, sehr bewegt. Das ist vermutlich das, was mich am meisten beschäftigt hat. Als Till gestorben ist, habe ich gemerkt, dass ich das jetzt auch irgendwie brauche. Ich brauche eine Vorstellung, dass irgendetwas von ihm noch da ist, oder dass irgendetwas bleibt. Das hat mich geprägt. Dabei habe ich auch gemerkt, wie sehr mich beeinflusst hat, dass Renate sich so intensiv mit dem Thema auseinandergesetzt hat und mir immer erzählt hat, wie sie es erlebt, was sie denkt – das war für mich eine riesige Bereicherung. Ich hätte nie gedacht, dass ich das so an mich heranlasse oder dass mich das, nachdem Till gestorben ist, so sehr beschäftigt, dass ich wirklich das Gefühl habe: Ich brauche jetzt etwas, woran ich mich festhalten kann. Aber es ist auch so, dass ich oft, fast staunend oder manchmal bewundernd, von aussen zugeschaut habe – fast ein bisschen naiv – wie sie das bewältigen. Ich habe oft gedacht: Ja, aha, so machen sie das. Und weisst du, wenn man sich vorstellt, dass das eigene Kind stirbt – das kann man eigentlich gar nicht fassen. Das ist etwas, woran ich immer noch denke. Es fühlt sich an wie eine Lücke, oder? Bis heute kann ich es nicht ganz fassen.
Interviewer: Und im Umgang mit deiner Umwelt, mit deinen Mitmenschen – hat sich da auch etwas verändert? Im Umgang mit deinem Sohn zum Beispiel. Wenn er wieder einmal zu viel am Gamen ist oder nichts mehr unternimmt, oder vielleicht sonstige Themen hat.
Esther: Das ist immer noch so. Ja, das ist eine gute Frage… Wie soll ich das sagen? Ich glaube, es ist so: Das Bewusstsein, dass man von allem irgendwann Abschied nehmen muss, beschäftigt mich immer noch sehr. Das finde ich manchmal beängstigend. Aber das ist auch eine Realität, mit der ich leben muss. Das trage ich einfach mit mir herum. Wobei, eigentlich stimmt es nicht ganz, was ich vorher gesagt habe. Mein Ex-Partner hat nämlich vor zwölf Jahren eine schwere Krebserkrankung bekommen. Das war auch eine sehr existenzielle Zeit für mich. Damals habe ich schon angefangen zu realisieren... Und jetzt, mit Till, zu sehen, wie es war, wie er gegangen ist, und wie sie damit weiterleben – ich glaube, das hat dieses Gefühl noch verstärkt. Dieses Gefühl: Was kann ich dem Tod überhaupt entgegensetzen? Und am Schluss bin ich wieder zur gleichen Erkenntnis gekommen: Ich kann es nicht vorhersehen, ich kann nicht wissen, wie es kommt, ich kann nichts festhalten. Das Einzige, was ich machen kann, ist, im Moment zu leben. Ich kann ihn nicht festhalten, aber ich kann mir immer wieder vornehmen, den Augenblick bewusst zu leben. Und ich glaube, das ist etwas, woran ich festhalte und was ich versuche umzusetzen. Dass ich nicht denke, ich kann etwas aufschieben.
Interviewer: Was denkst du, was hat das mit deinem Sohn gemacht?
Esther: Ja, das ist eine gute Frage. Es wäre interessant, ihn selber mal zu fragen. Ich kann es wirklich nicht sagen. Er sagt nichts dazu.
Interviewer: Oder nicht zu dir.
Esther: Oder nicht mehr, ja. Ich weiss es nicht... Ja. Aber ich habe schon das Gefühl, dass er – ich weiss nicht, ob das direkt mit dem Sterben zu tun hat – aber Till gekannt zu haben, das hat ihn geprägt. Ich glaube, er ist offen gegenüber Menschen, die eine Behinderung haben, die krank sind, oder einfach anders sind. Ich denke wirklich, das hat er von all dem mitnehmen dürfen. Für ihn ist ein Rollstuhl nichts Besonderes, nichts Schlimmes. Und das finde ich wirklich schön.
Interviewer: Ja. Und er hat auch erlebt, dass das Leben ein Ende hat. Ja… Wir sind jetzt ziemlich durch. Wenn du jetzt zurückschaust: Was würdest du Menschen, die in eine ähnliche Situation kommen wie du, gerne mitgeben? Oder gibt es etwas, das du selbst gerne früher gewusst hättest?
Esther: Mhm... Was soll ich jetzt sagen.
Interviewer: Es können auch ganz praktische Dinge sein. Es muss nicht gleich eine Lebensweisheit sein. Hattest du irgendwann einmal gar keine Lust mehr? Hast du je gedacht: Ach, hätte ich doch eine andere Freundin gehabt?
Esther: Nein, nie. Wirklich nicht. Ich habe immer auch bekommen, nicht nur gegeben. Das ist wirklich so, ganz ehrlich, nie… Im Gegenteil, ich bin eigentlich mega, mega froh, dass ich sie kenne und dass ich das alles miterleben durfte. Nein. Was ich mir im Nachhinein überlegt habe: Vielleicht hätte ich noch mehr über den Tod sprechen sollen. Also wirklich direkt fragen: Hast du das Gefühl, dass er stirbt? Denkst du darüber nach, woran er sterben könnte oder so? Das hätte ich im Rückblick vielleicht noch öfter angesprochen.
Interviewer: Wieso? Hast du das Gefühl, es wäre wichtig gewesen, das anzusprechen?
Esther: Vielleicht wäre es vor allem für mich wichtig gewesen, im Nachhinein gesehen, ja. Einfach, damit ich nichts verpasse. Für die Angehörigen finde ich aber das Wichtigste, wirklich offen zu fragen. Also: Sollen wir zum Essen kommen, soll ich etwas zu essen mitbringen? Ist es für euch gut, wenn wir gemeinsam in die Ferien gehen? Oder möchtest du, dass ich wieder einmal zum Hüten komme? Oder soll ich einfach etwas vorbeibringen? Einfach so ganz praktische Sachen.
Interviewer: Das sind, wie ich heraushöre, sehr konkrete Fragen. Nicht einfach so ein: "Melde dich, wenn du etwas brauchst", sondern eben wie mit dem Essen oder den Ferien.
Esther: Ja, genau, möglichst konkrete Vorschläge machen – das finde ich viel besser. Wenn man zum Beispiel fragt: Wollen wir zusammen in die Ferien? Dann merkt die Person, dass man sich etwas überlegt hat. Und ich glaube, das hat geholfen, dass ich kein Mitleid hatte. Das glaube ich persönlich. Für mich ist Mitleid nicht das Richtige, Empathie ist entscheidend. Denn Mitleid wertet eine Person mit einer Krankheit auch ein bisschen ab – dann ist er einfach ein Armer. Aber für mich ist es anders: Gefühle und Empathie sind wichtig und dass man das Leid auch wahrnimmt. Aber am Ende ist das ein Mensch, das ist sein Leben, und er lebt jetzt sein Leben, und ich lebe meines. Ja, das ist einfach so. Und sonst: Die Tatsache, dass die Lebenserwartung kurz ist, das bleibt halt schon etwas sehr Schwieriges, dem zu begegnen… Ja, das ist wirklich eine Herausforderung. Wenn jetzt jemand, der betroffen ist, sagen würde: „Ich habe Angst, ich habe Angst vor dem Verlust“ oder so, dann finde ich: Man sollte nie eine Floskel bringen wie: „Die Zeit heilt alle Wunden“. Das sollte man wirklich nie sagen. Wenn man nicht weiss, was sagen, lieber einfach nichts sagen, nur zuhören und da sein.
Interviewer: Danke vielmals Esther für deine Offenheit.
Esther: Danke.