Renate: Dann habe ich angefangen, das Buch zu schreiben – das war nicht geplant. Irgendwann kam einfach der Moment: Ich will das nicht verlieren, was wir hatten. Und trotzdem merkte ich, ich kann mich gar nicht mehr so genau erinnern, wie das alles genau war. Dieses Bedürfnis, sein Leben niederzuschreiben, festzuhalten – daraus ist dann das Buch entstanden. Ich notierte einfach verschiedene Anekdoten, lustige und traurige, wie sie mir gerade in den Sinn kamen. Eigentlich kam es mir so vor, als diktiere mir Till diese Geschichten. Daraus entstand dann die Idee, ein Buch zu gestalten und ich habe noch einen Rahmen mit Hintergrundwissen darum herum geschrieben. Es war natürlich auch eine intensive Auseinandersetzung mit Till – und sicher auch Verarbeitung.
Andri: Er war ja dann nicht mehr da … und du, du hast das mit dem Buch, mit dem Schreiben – war das für dich ein Reden über ihn oder eher ein inneres Reden mit ihm?
Renate: Ja, er war ja einfach physisch nicht mehr da. Aber für mich war klar, dass er in energetischer Form noch da ist. Für mich ist diese Umwandlung sehr schnell gegangen – es ist einfach eine andere Beziehung geworden. Aber es ist immer noch eine Beziehung. Ich habe seine Präsenz recht schnell gespürt. Überall kamen Dinge, die an ihn erinnerten – etwas, das er gesagt hatte, oder beim Spazierengehen plötzlich eine Erinnerung. Am Anfang hat das wehgetan. Ich habe Dinge gesehen, die mich an ihn erinnerten – zum Beispiel Robidog Säcken, die er immer gesammelt hat und dann kamen die Tränen. Aber mit der Zeit konnte ich darüber lachen. Ich dachte: „Ja, die hat Till doch gerne gesammelt.“ Das war sicher ein Prozess, dieser Wandel vom Schmerz. Ich sehe etwas, bin traurig – aber auch dankbar, dass es schön war. Ich bin ein sehr gefühlsbetonter Mensch, ich weine schnell. Aber für mich war das Weinen nie etwas Schlimmes. Ich wusste immer: Ich bin so traurig, weil ich diesen Menschen so unglaublich gernhatte – aber einen Menschen so gern gehabt haben zu dürfen, ist ja ein riesiges Geschenk. Und dann habe ich angefangen, das Schöne in der Trauer zu sehen. Eigentlich ist in der Traurigkeit auch das Glück – es ist nicht nur Schmerz und Schwere. Und seine Schwester ging diesen Prozess noch viel schneller. Sie hatte gar keine lange Trauerphase. Sie war traurig, wenn sie wegen irgendetwas wütend auf uns war, dann hat ihr Till gefehlt – er war ja immer auf ihrer Seite, ihr Verbündeter gewesen. Aber wenn ich traurig war, kam sie zu mir, kuschelte sich an mich und sagte: „Wieso bist du traurig, Mama? Till ist doch noch da.“
Renate: Für Seine Schwester war das immer ganz klar – er ist noch da, bei mir. Sie hat das auch immer so formuliert. Manchmal kam ja von aussen die Bemerkung: „Jetzt bist du ein Einzelkind.“ Und sie hat dann immer ganz bestimmt gesagt: „Ich bin sicher kein Einzelkind, ich habe ja meinen Bruder.“ Und das ist wirklich unglaublich – bis heute hat sich das nie verändert. Ich erinnere mich, als einmal die Trauerbegleiterin vorbeikam – sie brachte ein Herz aus zwei Teilen mit und sagte: „Jetzt ist das Herz gebrochen, weil Till gestorben ist. Es wächst wieder zusammen, aber die Narbe bleibt.“ Und seine Schwester fragte ganz ungläubig: „Wieso ist mein Herz jetzt auseinandergebrochen und wieso soll das nie mehr richtig zusammenwachsen?“ Dann haben wir versucht, ihr das zu erklären. Sie sagte: „Ich stelle das gebrochene Herz lieber zum Till ins Zimmer, der hat sicher Freude daran, weil er ja alles immer gesammelt hat.“ Für sie war es einfach selbstverständlich, das Till noch bei ihr ist und immer bei ihr bleiben wird. Für sie war es kein schwerer Abschied – und sicher keiner der ihr einen bleibenden Schaden zurücklassen würde. Es sind überhaupt so viele spannende Dinge passiert in dieser Zeit. Und auch, wie die Leute auf uns zugekommen sind – die Bestatterin, die Trauerbegleiterin, Freunde– da haben wir gemerkt, wir waren einfach schon viel weiter in dieser ganzen Trauerphase. Für uns war es kein Schock, dass er gestorben ist. Wir haben uns unser ganzes Leben lang mit dem auseinandergesetzt, und seine Schwester ist damit gross geworden. Für sie war das einfach normal. Von aussen aber – viele waren überfordert, mit dieser Art umzugehen. Ich war schon wieder am Lachen, am Erinnern, und andere wussten gar nicht, wie ihnen geschah. Das war aber auch verständlich, weil die meisten diesen Prozess gar nicht mitgemacht hatten. Nur der engste Kreis hatte das wirklich Schritt für Schritt mitbekommen. Alle anderen nicht. Und ich war dann oft die, die die anderen trösten mussten – weil die Leute den Trauerprozess, den ich über Jahre immer wieder durchlebt hatten, erst in diesem Moment begannen.
Andri: Es ist schon entscheidend, dass ihr eigentlich von Anfang an wusstet, dass er sterben wird. Dass ihr das als Eltern erleben müsst.
Renate: Ja. Und einfach dieses Auseinandersetzen mit der Vergänglichkeit – und gleichzeitig das Geschenk, dreizehn Jahre Zeit mit ihm gehabt zu haben. Ihn gross werden zu sehen, seine Persönlichkeit kennenzulernen, und auch zu erleben, was er aus seinem Leben gemacht hat. Er hat immer Wege gefunden, sich auszudrücken, sich zu beteiligen. Er hat gejubelt, gelacht, sich gefreut – einfach so, weil er leben durfte. Ein so lebensfroher Bub. Das mitzuerleben, mit diesem Wissen um die Endlichkeit, das macht auch die Schwere anders. Für mich war es irgendwann dieses Realisieren: Wir bekommen jetzt das Geschenk, ihn zu begleiten. Kinder sterben ja auch in Kriegen – und dort haben Eltern nicht immer die Möglichkeit, bei ihnen zu sein. Das wäre für mich das Schlimmste gewesen – ihn irgendwo abgeben zu müssen und nicht zu wissen, was passiert. So gesehen war es für mich ein Geschenk, dass ich ihn begleiten durfte. Ein Schlüsselmoment war, als er im Spital lag, auf der Intensivstation, da war er zwei. Ich bin vom Spital nach Hause gelaufen, und da stand so ein Mann mit einer Unterschriftenliste, die sagte: „Frauen verdienen immer noch viel weniger als Männer – unterschreiben Sie!“ Und ich stand da, völlig leer, kam gerade vom Spital. Ich sagte: „Das geht mich nichts an.“ Und er wurde richtig wütend, sagte: „Doch, du bist auch eine Frau, natürlich geht dich das etwas an!“ Und ich dachte: „Mein Bub liegt im Sterben – ich würde liebend gern nur halb so viel verdienen, wenn dafür mein Junge leben dürfte.“ Und dann kam mir gleichzeitig der Gedanke: der Mann weiss ja gar nichts von meiner Geschichte. Und da wurde mir so bewusst: Jeder Mensch, dem du begegnest, trägt seine eigene Geschichte. Jeder, der komisch reagiert – du weisst nie, was gerade in seinem Leben passiert ist. Vielleicht kommt er gerade vom Spital, vielleicht hat er sein Kind verloren. Das hat mich gelehrt, die Menschen ganz anders wahrzunehmen. Und auch zu merken: Wir leben in einer Welt, in der jeden Tag Kinder verhungern oder durch Gewalt sterben – und trotzdem ist mein Kind für mich das Wertvollste. Aber Leid lässt sich nicht vergleichen. Es ist immer schlimm – für jeden, der es erlebt. Jeder hat seine Geschichte, und aus dieser Geschichte heraus reagiert man. Das hat mir geholfen, offen zu bleiben – auch darüber zu sprechen, was mit Till war und wie es uns ging. Weil, wenn die Leute nicht wissen, wie es uns geht, wie sollen sie dann angemessen reagieren können? Natürlich zeigt man sich dabei verletzlich, aber wir haben nie erlebt, dass jemand unsere Situation ausgenutzt hätte. Im Gegenteil – wir haben unglaublich viel Unterstützung erfahren.
Andri: Genau, das ist noch so ein Thema, das mich interessieren würde: Was waren das für Menschen, die euch in dieser Zeit unterstützt haben – und zwar auf eine Art, die euch wirklich gutgetan hat?
Renate: Also sicher meine Eltern – sie haben einmal pro Woche zu Till geschaut. Die Pflegefachfrauen der Spitex übernahmen die Pflege am Morgen und machten Till bereit für die Schule. So hatte ich Zeit mit seiner Schwester zu Inhalieren und die Atemübungen mit ihr zu machen. Die Spitex übernahm auch die Betreuung an zwei bis vier Nächte. Till hat ja in der Nacht durchschnittlich nur vier Stundengeschlafen und hat Unterstützung gebraucht beim Positionswechsel, Abhusten, Kratzen wenn es ihn gejuckt hat. Dann natürlich das ganze Lehrer- und Therapeutenteam der Blindenschule Zollikofen, zusammen mit dem Ärzteteam des Inselspital. Später, ab dem Zeitpunkt, als er etwa acht war, hatten wir über Pro Pallium eine Freiwillige, die jeweils einmal in der Woche, einen Nachmittag zu ihm schaute. Und dann wurde sie später sogar Tills persönliche Assistenz. Wir hatten auch sonst Assistenzpersonen, weil er ja nur am Vormittag in die Schule konnte – am Nachmittag war er zu müde. Also war er am Morgen in der Schule und am Nachmittag zu Hause – da hatten wir am Schluss dann zwei Nachmittage in der Woche, an denen er durch Assistenzpersonen fremdbetreut wurde. Und dann natürlich die Familie meines Mannes. Seine Schwester ist Ärztin, und die Cousinen – die sind deutlich älter – konnten sehr gut mit ihm umgehen. Dann unsere Freunde, die mit uns in die Ferien kamen – entweder, um mit seiner Schwester Skifahren zu gehen, wenn wir bei Till waren, oder um bei Till zu bleiben, wenn wir mit seiner Schwester im Schnee waren. Till haben wir zwar auch manchmal im Dualski auf die Piste mitgenommen, aber dann waren wir ganz mit ihm beschäftigt, alles ging in seinem Tempo, das war für seine Schwester nicht lange lustig, oder sie haben für uns gekocht oder einfach zur guten Stimmung beigetragen.
Andri: Waren das Leute, die ihr schon vorher kanntet? Also – Familie ist Familie, die ist da, die kann man nicht auswählen – aber hat sich das über die Jahre verändert, als Till da war?
Renate: Nein, die Freunde sind eigentlich die gleichen geblieben. Es kamen einfach mit der Zeit fremde Personen dazu – Pflegefachfrauen der Spitex, und eben die von Pro Pallium oder die Assistenzpersonen. Fachleute, die wir vorher nicht kannten, die wir bewusst dazugeholt haben.
Andri: Hattet ihr in dieser Zeit auch Austausch mit anderen Familien, die Kinder mit Krankheiten oder Behinderungen hatten – also ein bisschen vergleichbar mit eurer Situation?
Renate: Sehr wenig. Wir haben zwar Tills Gspänli von der Blindenschule eingeladen, so wie man das halt macht – wie Eltern von „normalen“ Schulkindern eben auch. Es kam vielleicht zwei-, dreimal vor, dass mich jemand angerufen hat, um zu fragen, wie das ist, mit so einem Kind zu leben. Betroffene mit spezifischen Fragen zum Beispiel über Ketogene Diät, Ferienplanung, Inhalieren. Aber wir selbst haben nie aktiv den Kontakt gesucht. Und bei Till war es ja wirklich so: Es gibt keinen Vergleich. Und selbst wenn – jedes Kind, jede Situation ist anders. Wir wollten niemanden kennenlernen, der tatsächlich sein zwei Jahre altes Kind verloren hat. Es war eine Prognose, niemand wusste ja, wie sich Till tatsächlich entwickeln würde. Wir wollten seine Zukunft bewusst offenhalten und unvoreingenommen einen Tag nach dem anderen nehmen. Darum haben wir den Austausch auch nie wirklich gesucht. Es gab ja auch Elterngruppen und so, aber wir waren so stark in unserem Familienmikrokosmos eingebunden. Es war alles ganz klar durchstrukturiert: Betreuung, Arbeit, Arzttermine, Pflege, Spitex – es war alles genau organisiert. Da blieb nicht viel freie Zeit. Wir habe so gearbeitet, dass immer jemand zu Hause sein konnte. Wenn Till für ein paar Stunden fremdbetreut war, nutzten wir die Zeit für das Nötigste – vielleicht einmal kurz Skifahren, oder einfach in den Wald spazieren gehen oder sich mit Freunden treffen, um zu reden oder etwas mit seiner Schwester unternehmen. Und auch nach seinem Tod war das ähnlich. Ich habe einfach Menschen gebraucht, mit denen ich Till lebendig behalten konnte – über ihn reden konnte. Ich hatte gar keine Kapazität, um mir andere Geschichten anzuhören, so wahr und traurig sie auch gewesen wären. Ich musste meine Geschichte erzählen. Ich glaube, ich wäre keine gute Teilnehmerin in so einer Trauergruppe gewesen – ich hatte kein Bedürfnis nach allgemeinem Austausch, sondern das Bedürfnis, über Till zu sprechen.
Andri: Also du hattest Menschen, die zugehört haben?
Renate: Ja, definitiv – und die Till gekannt haben.
Andri: Die wussten, von wem du redest.
Renate: Genau. Mir hat es am meisten geholfen, wenn die Leute Anekdoten erzählt haben – wenn jemand sagte: „Da musste ich an Till denken“, oder: „Till hat doch das und das gesagt oder gemacht.“ Das war das, was mir unglaublich geholfen hat. Zu merken: Er wirkt weiter, über seinen Tod hinaus.
Andri: Hat er für euch Rituale hinterlassen? Oder habt ihr welche entwickelt – für euch, für ihn?
Renate: Jetzt im Nachhinein, ja. Also – der Geburtstag zum Beispiel.
Andri: Der Geburtstag.
Renate: Ja, er hatte am 19. Januar Geburtstag, und drei Tage später – am 22. Januar – ist er gestorben. Genau. Am Geburtstag machen wir meistens gemeinsam Raclette. Mit der Schwester von meinem Mann und ihren Kindern und der Familie, mit der wir auch am meisten Kontakt haben – die uns immer in die Skiferien begleitet haben und immer noch begleiten. Es gibt dann einfach Raclette, weil Till das so liebte und früher oft von sich aus alle zum Raclette-Essen eingeladen hat. Und sonst – wenn ich zum Beispiel in sein Zimmer gehe, sage ich einfach: „Hallo, Till.“ Und wenn wir etwas von seinen Sachen, die immer noch in seinem Gestell in seinem Zimmer stehen, nehmen, fragen wir ihn immer um Erlaubnis. Oder an Weihnachten – bis jetzt hat er jedes Jahr irgendein kleines Geschenk bekommen, von jemandem aus der Familie oder von Freunden. Das ist so ein bisschen unsere Art, ihn lebendig zu halten. Wenn jemand etwas Schönes findet, sagt er: „Das wäre etwas für Till“, und schenkt es ihm. Er ist schon sehr präsent – durch die Bilder, durch die Gespräche, in denen man wieder an ihn denkt, oder wenn man sich fragt: Was würde er jetzt wohl sagen? Und im Juli gehen wir Glühwürmli suchen auf dem Bremgartenfriedhof.
Andri: Genau, wir waren ja bei den Ritualen … Und dann gibt es ja noch sein Zimmer – das, das ihr behalten habt.
Renate: Ja, immer wenn ich da reingehe, sage ich: „Hallo, Till.“ Dort sind alle seine Maschinen, sein ganzer Maschinenpark von Bruderer: das Pistenfahrzeug, der Kehrichtlastwagen, das Feuerwehrauto, das Krankenauto – und all seine Schätze, die er im Laufe seines Lebens gesammelt hat. Wir haben zwar schon einiges weggegeben, aber vieles ist geblieben. Zum Beispiel seine Robidog-Säckli-Sammlung– ganz viele verschiedene Arten, da gibt es ja unzählige Versionen. Dann haben wir noch Requisiten von einem Marionettentheater, das er selbst geschrieben hat, aber leider nicht mehr aufführen konnte. Das wurde später von seinen Cousinen, seiner Schwester und der Grossmutter gespielt. Die Bühnenutensilien haben wir alle aufbewahrt. Und sein Schlagzeug – das steht auch noch da, weil er ja lange noch genug Motorik hatte, um zu trommeln. Dann gibt es da diesen 20-Liter-Düngemittelkanister, den er mal von der Spitex erbettelt hat. Und die Blumen aus WC-Rollen-Krawatten, die er gebastelt hat – er hat jede WC-Rolle in Wasser eingeweicht, daraus entstehen immer zwei Krawatten, sie getrocknet und aufgehoben. Er hatte Hunderte davon! Ein paar hat er auch meiner Grossmutter mitgegeben – sie hat sie immer noch, weil sie sie nie wegwerfen konnte. Wir brauchen das Zimmer nicht dringend – das ist natürlich ein Luxus. Aber es ist einfach ein schöner Ort, um sich mit ihm zu verbinden. In jedem Gegenstand steckt eine Erinnerung. Ich sitze manchmal dort, trinke Kaffee und schaue mich einfach um – und dann ist er mir ganz nah, weil ich weiss: Zu jedem Gegenstand gibt es eine Geschichte. Warum er das wollte, was er damit gespielt hat, was er damit erlebt hat. Ab und zu kommt ein kleiner Bub zu Besuch – der hat dann riesige Freude an all den Maschinen, und dann wird das Zimmer für einen Moment wieder lebendig. Aber meistens ist es einfach ein Ort voller Erinnerungen. Wir haben auch noch eine Jacke von ihm, und seine Hemden – er mochte keine Pullover, weil er es nicht leiden konnte mit seinem Kopf durch das Kopfloch zu schlupfen. Und seine ersten kleinen Fussschienen – die ganz winzigen – die haben wir auch noch. Es sind einfach so ein paar Erinnerungsstücke. Ich habe zwar schon versucht, ein bisschen auszumisten, aber bei jedem Gegenstand kommt das Veto von einem Familienmitglied „Nein, das nicht. Nicht das.“ Und so hat jeder von uns ein paar Dinge, an denen er hängt – und die bleiben einfach.
Andri: Und warum möchtest du überhaupt ausmisten?
Renate: Ach, manchmal hänge ich an gewissen Sachen einfach nicht so stark. Wenn ich denke, es wäre praktischer zum Abstauben oder man könnte etwas Platz schaffen, kommt kurz der Gedanke: Das könnte man vielleicht weggeben. Aber natürlich mache ich das nicht, ohne die anderen zu fragen. Und das Lustige ist: Jeder einzelne Gegenstand in diesem Zimmer hat für irgendjemanden von uns eine Bedeutung. Darum steht im Moment einfach alles genau so da, wie es ist – und das ist auch gut so.
Andri: Also das ist wichtig, um sich mit ihm zu verbinden – Erinnerungen zu haben und einfach diese Nähe zu spüren.
Renate: Ja, es ist einfach etwas Schönes. Es ist noch so etwas Handfestes da. Wenn wir den Raum wirklich bräuchten, die Wohnung klein wäre, würden wir sicher schneller ausmisten, die Sammlung verkleinern – aber so, wie es jetzt ist, ist es einfach seine Gedenkstätte, sein Zimmer.
Andri: Ja. Und wenn du jetzt so zurückschaust – gibt es Dinge, von denen du sagst, das war für euch in dieser ganzen Zeit besonders hilfreich?
Renate: Ja, also etwas vom Wichtigsten, denke ich, war wirklich, Hilfe anzunehmen. Das haben wir sehr früh gemerkt – gleich, als wir von der Intensivstation nach Hause kamen. Es wäre sonst gar nicht gegangen. Anfangs läuft das ja oft so schleichend, man schafft immer noch ein bisschen mehr, man organisiert, man passt sich an. Aber irgendwann geht es einfach nicht mehr. Bei uns war es dann ziemlich klar: Nach dem Aufenthalt auf der Intensivstation ging es nicht mehr, ihn ohne fremde Hilfe zu Hause zu betreuen. Und wir haben sogar einmal bei der Krankenkasse angefragt, ob sie uns eine Putzkraft finanzieren würden. Wir sagten: „Wir möchten weniger Spitex, weil ich lieber selbst bei meinem Sohn bin – aber ich putze nicht gern. Vielleicht könnten Sie ja dafür eine Haushaltshilfe übernehmen?“ Das ist ja eigentlich nicht im Leistungskatalog – aber sie haben tatsächlich gesagt, es gäbe spezielle Fonds für ausserordentliche Situationen. Und so haben sie uns das wirklich zwei Jahre lang bewilligt.
Andri: Das war welche Kasse?
Renate: Concordia. Wirklich super – das hätten wir nie erwartet. Wir haben einfach offen gefragt, welche Möglichkeiten es gibt. Und das haben wir immer wieder erlebt: Wenn man fragt, entstehen plötzlich Wege. Und auch sonst – Hilfe annehmen von Familie, von Kolleginnen und Kollegen, die gekocht haben, die mit uns in die Ferien gekommen sind, oder durch Assistenzpersonen, die wir über die Hilflosenentschädigung finanzieren konnten. Ich weiss, es gibt viele, die Anspruch hätten, aber es nicht beantragen, weil sie denken, „ach, das geht schon“. Aber das gibt einfach Spielraum. Bei uns hiess das: weniger arbeiten, dafür mehr Zeit für Till haben. Ihn zu Hause behalten zu können. Und ich konnte mir auch selbst mehr Raum geben. Wir wussten ja, es kann jederzeit eine Notfallsituation geben – also mussten wir schauen, dass wir im Alltag nicht schon am Limit laufen. Wenn dann noch ein Spitalaufenthalt dazukommt, darf man nicht zusammenbrechen. Wir mussten also eine Alltagsstruktur finden, die langfristig tragbar ist – auch mit zwei kranken Kindern – und die trotzdem Luft für Notfälle lässt. Und ganz wichtig: immer auch auf sich selbst schauen. Wir hatten beide regelmässig einen „Ausgangsabend“ – für jeden von uns. Auch wenn es nur zwei Stunden waren – aber wenn man die bewusst für sich nutzt und wirklich abschalten kann, dann ist das so erholsam wie eine ganze Woche Ferien. Das muss man sich aber auch zugestehen. Unsere Kinder haben viel gekostet – uns, aber auch den Staat. Und wenn dann jemand sagte: „Ach, die Steuern sind so hoch“, dann sagte ich jeweils scherzhaft: „Ja, die kommen alle zu uns.“ Da schauten die Leute meist kurz irritiert, aber niemand reagiert negativ. Im Gegenteil, viele sagen dann: „Ja, dafür zahlen wir gerne Steuern.“ Und das ist etwas, das ich spannend finde: Die meisten Menschen helfen ja gerne. Sie wissen nur oft nicht, wie. Aber sie unterstützen, wenn man sie lässt. Und es gibt ja viele Studien zum Thema Glück, die zeigen: anderen zu helfen, ist einer der grössten Faktoren für Zufriedenheit. Und so habe ich mir immer gesagt: Wenn das so ist, dann machen wir mit unserer Situation eigentlich viele Menschen glücklich. Wir dürfen also ruhig Hilfe annehmen – und zeigen gleichzeitig unsere Dankbarkeit dafür. Statt zu sagen: „Wir schaffen das schon allein“, dürfen wir sagen: „Ja, wenn ihr mögt, helft uns gern.“ Ich glaube, das war ein ganz entscheidender Punkt – wirklich Hilfe anzunehmen, wenn sie schon kommt.
Andri: Ihr habt ja unglaublich viel mobilisiert – Krankenkasse, Spitex, IV, Familie … Habt ihr das alles selbst herausgefunden? Oder hattet ihr Unterstützung, um zu wissen, was euch zusteht, wo ihr euch melden könnt?
Renate: Ja, also die Spitex kam eigentlich automatisch, weil ja klar war, dass wir ein sterbendes Kind zu Hause haben. Das wurde direkt vom Spital organisiert. Und dann war auch klar: Weil es ein Geburtsgebrechen ist, muss man ihn bei der IV anmelden. Damit hingen auch gewisse Unterstützungsleistungen zusammen – die Hilflosenentschädigung zum Beispiel, die regelmässig überprüft und neu berechnet wurde. In diese Systeme sind wir eigentlich fast automatisch hineingerutscht. Das Palliative-Care-Team haben wir allerdings selber eingefordert – das kam nicht von sich aus. Da mussten wir aktiv werden. Aber das Stoffwechselteam auf der Insel war wirklich unglaublich – sie hatten eine 24-Stunden-Hotline, wir hatte eine feste Bezugsperson über Jahre hinweg. Diese Nähe war Gold wert. Vielleicht ist das auch der Grund, warum Palliative Care bei uns gar nicht so stark im Vordergrund war – weil das Stoffwechselteam so präsent und verlässlich war.
Renate: Es ist gut, einfach nochmal zu öffnen, nochmal die ganzen Sterbe Szenarien durchzudenken und die Leute dahinter kennenzulernen. Aber das ist eigentlich auf unseren Wunsch hin gewesen, und das Stoffwechselteam hat dann schon auch gefunden, es sei, glaube ich, schon gut, dass wir noch das Palliative Care Team dazugeholt haben. Also, in einem anderen Fall würden sie das jetzt auch einbeziehen.
Andri: Du hast vorhin gesagt, ihr habt Freunde und Familie, die einen haben Hilfe eingefordert oder – nicht eingefordert, aber dir hat’s gutgetan, sie haben gerne mitgemacht, die anderen glücklich gemacht. Aber ihr habt auch Dankbarkeit gezeigt – wie habt ihr die gezeigt?
Renate: Indem wir Danke sagten, eine Karte von den Ferien oder ein kurzer Brief – wir hatten gar keine Kapazität, irgendetwas Ebenbürtiges zu machen. Also, wir konnten ja nicht für sie kochen oder helfen, dafür hatten wir keine Kapazität. Aber Till hat ihnen einfach auch viel gegeben, weil er so glücklich und so dankbar war. Till war so zufrieden mit sich und seinem Leben, das hat er auch ausgestrahlt. Er empfand so viel Glück in sich, dass er oft fast platzte, konnte aber diesen Druck nicht durch Bewegung ausgleichen, da er sich ja kaum bewegen konnte. Er konnte dies nur über Worte. Deshalb hat er allen Menschen danke gesagt und auch wie lieb er sie hat und wie gut sie zu ihm schauen. Danke sagen war bei ihm kein angelerntes Programm, sondern es war ein Bedürfnis, es kam von Innen und war durch und durch ehrlich. Ich glaube, das haben die Menschen um ihn herum gespürt und das hat ihnen gutgetan und berührt. Sie kamen wirklich gerne in unsere Familie. Es haben viele gesagt, sie kommen einfach gerne hierher, weil es so viel Wertschätzung gibt. Und am Ende war das fast das Einzige, was wir geben konnten. Und natürlich gab es auch schöne Gespräche – viele Leute haben gesagt, für sie ist es einfacher, mit ihren Problemen umzugehen, wenn sie Till sehen, wie er mit seiner schwierigen Situation umgeht. Weil das ja meist Themen sind, die jeder hat, dieses Loslassen. Effektiv habe ich oft gedacht: Es ist niemals im Verhältnis – wir haben viel mehr bekommen, als wir gegeben haben. Ja… aber… so war es halt…
Andri: Für alle auch selbstverständlich gewesen, ja?
Renate: Ja, also es hat sich auch nie jemand beklagt. Sonst hätten sie ja auch nicht geholfen. Aber wir sind immer noch in engem Kontakt mit allen. Und so, wie man jetzt darüber spricht, hat ihnen die Zeit auch megaviel gegeben. Es ist ja nicht so, dass es nur anstrengend oder mühsam war, es gab auch viel zu lachen und sie haben es gerne gemacht.
Andri: Hattet ihr noch Bekannte – also nicht Familie, sondern Bekannte, oder von früher vielleicht, wo ihr Beziehungen hattet, die dann während dieser ganzen Zeit weniger geworden sind, und die sich im Nachhinein wieder gemeldet haben? So nach dem Motto: „Jetzt habt ihr wieder Zeit, jetzt seid ihr verfügbar, jetzt habt ihr die anstrengende Zeit hinter euch, jetzt seid ihr vielleicht wieder die Alten von vorher“?
Renate: Ja, also, es hat schon solche Situationen gegeben, dass Freunde gar nicht mehr so beteiligt waren, dass sie nicht mehr erzählt haben, was sie beschäftigt. Und man hat dann vielleicht im Nachhinein erfahren, dass die Beziehung schwierig war oder so, und sie sich dann gar nicht getraut haben, das zu sagen, weil sie das Gefühl hatten: „Ja, das ist ja eine Bagatelle, bei euch ist es ja viel schlimmer, das darf ich gar nicht bringen.“ Und das ist wirklich etwas, das ich oft erlebt habe. Ich habe immer gesagt: Erzählt es! Weil natürlich ist das genauso wichtig wie unsere Situation. Sonst funktioniert ja eine Beziehung nicht, wenn man aus Rücksicht auf uns etwas nicht erzählt. Aber sie wollten uns einfach nicht belasten damit. In aller Regel konnte man das dann auch klären. Es gab schon jemanden, mit dem der Kontakt weniger wurde, aber ich weiss gar nicht, ob das auch sonst so gewesen wäre. Das ist schwierig zu sagen, aber das habe ich auch nicht analysiert oder hinterfragt. Unser riesiges soziales Netz haben wir behalten. Es gab eine Nachbarin die hat immer gesagt, beim Till, ja, das kommt dann schon wieder, der läuft dann schon einmal. Sie kenne auch jemanden, der jemanden kennt, der lange nicht laufen konnte. Das hat mich so aggressiv gemacht. Da bin ich wirklich auch direkt geworden und habe gesagt: „Nein, Till hat eine progrediente Krankheit, er wird nie laufen und er wird früh sterben.“ Da ging ich voll auf Gegenangriff, auch wenn ich selbst auch ab und zu gehofft habe, dass er vielleicht tatsächlich irgendeinmal laufen könnte. Also, das sind so Sachen – ich mag es gerne, wenn man Dinge einfach benennt. Aber es gibt Menschen, die kamen mit dieser Direktheit nicht klar, weil der blosse Gedanke, dass ein Kind sterben kann, für sie einfach nicht auszuhalten war.
Andri: Du hast vorhin gesagt, dass es zwei, drei Sachen gab, die dich besonders aufgeregt haben?
Renate: Ja, also, es gab einen Menschen, wo ich gemerkt habe, da möchte ich keinen Kontakt mehr, eine Beziehung, die mir Energie raubte. Und alles, was mich anstrengt in Sache Beziehung, das wollte ich in unserer Lebenssituation nicht unbedingt behalten – dann bin ich auf Abstand gegangen. Das andere war mehr dieses Übervorsichtige. Zum Beispiel nach seinem Tod die Frage: „Äh, ohjeh, eh, soll ich dir eine Bouillon kochen, sonst kippen du noch um?“ Und ich hatte eine Stunde zuvor einen riesigen Teller Spaghetti gegessen – eine Bouillon bringt mir da nichts. Also ich weiss, es war gut gemeint, es war Vorsicht und Aufmerksamkeit, aber auch Nichtwissen, wie man damit umgeht. Oder die Leute gingen von sich und ihrer Ohnmacht aus, dass war mir ja schon bewusst. Aber ich war halt in einer Ausnahmesituation, und da hatte ich manchmal nicht die Kapazität, rücksichtsvoll zu antworten und es kam halt ziemlich generft: „Ich habe gerade Spaghetti gegessen – eine Bouillon nützt mir jetzt wirklich nichts.“ Ein Vorfall war aber für mich etwas Positives – auch wenn andere es schrecklich fanden, als ich es erzählt habe. Wir waren auf dem Friedhof, wo Till begraben ist, und da war jemand, der ganz trocken sagte: „Ja, ich habe gehört, du hast ja noch ein zweites Kind mit einer lebenslimitierenden Krankheit. Es hat dann noch Platz im Grab, um das zweite Kind zu beerdigen, falls du dir da Gedanken machst.“ Und mir hat das so gutgetan, jemand, der es einfach anspricht. Nicht wie andere die immer dachten: „bloß nichts Falsches sagen, ja nicht zu direkt, ja nicht zu lange hinschauen“, immer so mit Seidenhandschuhen angefasst zu werden. Und er einfach so geradeheraus: „Da hat’s noch Platz, man kann da zwei Kinder beerdigen.“ Und ich sagte dann: „Ja, sie hat eine Lebenserwartung von fünfzig Jahren, ich denke wir warten noch eine Weile damit.“ Mir hat das mega geholfen – einfach so Leute, die mit dem Sterben normal umgehen, weil das Teil ihres Alltags ist. Aber es ist natürlich für jeden anders, und darum gibt es, glaube ich, auch Gründe, warum es für viele Aussenstehende tatsächlich schwierig ist und sie nicht wissen, wie sie jetzt damit umgehen sollen. Am liebsten hatte ich es, wenn die Leute einfach gekommen sind und gefragt haben – also, nicht so: „Was brauchst du?“ – weil das konnte ich ja gar nicht sagen, ich wusste es ja selbst nicht. Sondern eher so: „Komm, wir gehen in den Wald“, oder: „Hast du Lust, etwas zu essen?“ – also, etwas Konkretes. Und dass ich dann auch klar sagen konnte: „Nein, ich habe keine Lust.“ Aber am allerliebsten hatte ich es, wenn die Leute einfach gekommen sind und eine Anekdote von Till erzählt haben. So: „Ich bin dort gewesen, und da ist mit in den Sinn gekommen wie Till damals…“, oder: „Weisst du noch, wir waren doch da mit Till.“ Das war für mich das Schönste. Die, die sich nicht getraut haben, das Thema anzusprechen, da war es meistens ich, die es dann doch angesprochen hat. Oder als er gestorben ist und noch zu Hause auf der Kühlmatte lag – da hat eine befreundete Familie einfach eine Suppe vorbeigebracht. Das fand ich schön. Ohne zu fragen, einfach gedacht: „Etwas zu essen muss man ja immer haben.“
Andri: Eine richtige Suppe, keine Bouillon.
Renate: Ja, eine richtige Suppe. Das hat mich sehr berührt. Und auch, was mich wirklich tief bewegt hat: Der betreuende Arzt von Tills Schwester hat mich am nächsten Tag kontaktiert. Er kannte Till vom Spital, war aber nicht sein behandelnder Arzt. Er hat gefragt, ob ich darüber reden möchte. Und dann habe ich ihm noch einmal den ganzen Sterbe Prozess erzählt. Das hätte er ja nicht machen müssen, aber er hat mir eine Stunde lang einfach zugehört. Dieses Menschliche, diese Nähe – das war so berührend. Da ist ganz viel passiert, auch von Leuten, von denen man es gar nicht erwartet hätte.
Andri: Gäbe es etwas, das du erwartet hättest und das nicht passiert ist?
Renate: Nein.
Andri: Niemand, bei dem du gedacht hast: „Das ist jetzt komisch, dass da nichts kommt“?
Renate: Nein. Aber ich glaube auch, weil ich selbst gar nicht so viele Erwartungen hatte. Ich wusste in dem Moment ja auch nicht, was ich überhaupt brauche. Erst im Nachhinein habe ich gemerkt, was mir guttut. Aber dass sich jemand gar nicht gemeldet hätte oder sich abgewendet hätte, wo ich das Gefühl hatte, „der müsste doch“ – das ist nicht passiert. Es sind ja unglaublich viele Leute an die Beerdigung gekommen, viel, viel mehr, als wir gedacht hätten. Es waren sogar Baustellenleiter da, Von den Baustellen die Till immer wieder besucht hat, zugeschaut hat und alle mit Fragen gelöchert hat. Von verschiedensten Baustellen kamen sie – das war sehr berührend. Also, eigentlich ist viel mehr passiert, als wir erwartet hatten. So viele Leute haben sich gemeldet oder sind zur Beerdigung gekommen, von denen wir nie gedacht hätten, dass sie kommen würden.
Andri: Hast du gewusst, dass sie das für euch gemacht haben?
Renate: Ja. Aber auch für sich.
Andri: Für sich?
Renate: Ja, dass sie sich auch verabschieden konnten. Weil Till sie einfach berührt hat – und weil sie ihn vermissten. Dazu kommt mir grad eine schöne Geschichte in den Sinn. Neben der Blindenschule wurde die Strasse neu asphaltiert, dort hat Till fast jeden Nachmittag zugeschaut. Der Bauleiter hat Tills Namen in die Randsteine eingefräst und mit schwarzer Farbe nachgezogen – der steht dort noch heute. Und ein älterer Mann, der dort wohnt und immer vorbeiläuft, hatte Till damals dort kennengelernt. Er war so berührt, dass er jetzt immer mit einer Zahnbürste den Dreck aus den Rillen putzt und den Namen mit schwarzem Nagellack nachmalt. Also, ja… er hat Till nur ein paar Tage gesehen und mit ihm gesprochen, und trotzdem lebt diese Begegnung weiter. Solche Dinge sind natürlich extrem schön.
Andri: Das zu hören, und zu wissen, dass er als Mensch Spuren hinterlassen hat…
Renate: …in anderen Menschen, genau. Das ist wirklich dieses Gesehenwerden – oder eben das Weiterleben, natürlich. \\Andri: \\Gibt es noch etwas, das du mitgeben möchtest?
Renate: Den Mut zu haben, zu erzählen, was ist. Ehrlichsein – das macht zwar verletzlich –aber da lohnt es sich zu hinterfragen: Was verliere ich denn schon dadurch? Durch das Ehrlichsein gibt man den Leuten die Möglichkeit zu verstehen, warum man vielleicht so reagiert, oder man gibt ihnen die Chance, sich am Trauer-Prozess beteiligen zu können, zu erkennen wie sie mich, uns oder die Familie unterstützen können.
Andri: Mit „ehrlich sein“ meinst du einfach sagen, wie es ist?
Renate: Genau. Also manchmal habe ich auch Angst, etwas preiszugeben oder zu erzählen, weil je ehrlicher man ist, desto angreifbarer ist man. Einmal, da ging es um einen Zeitungsartikel bei Tamedia, über den politischen Vorstoss, die zehn Wochen Betreuungsurlaub für Eltern von schwerkranken Kindern. Sie haben gefragt, ob ich bereit wäre, ein Interview zu geben. Dann kann man ja auch Kommentare dazu schreiben, die unpassenden werden aber zensuriert. Ich habe dann trotzdem zufällig gesehen, was jemand geschrieben hat: „Wenn man ein behindertes Kind hat und trotzdem weiterfährt mit der Reproduktion, ist das etwas bedenklich. Spätestens beim ersten behinderten Kind hätte man aufhören sollen.“ Und ich dachte nur: Der hat den Artikel ja offensichtlich gar nicht gelesen – sonst hätte er gewusst, dass ich da schon lange mit seiner Schwester schwanger war. Aber klar, man wird dadurch verletzlich. Das war wirklich das Einzige, was negativ kam. Und er hatte den Artikel ja gar nicht verstanden. Aber wenn man es nicht sagt, wie es wirklich ist, dann wird noch viel mehr interpretiert, oder spekuliert. Ehrlich sein heisst für mich einfach, mit der Geschichte rauszugehen. Den Leuten erzählen, den Freunden sagen: „Hey, schaut, wir brauchen Hilfe. Wir haben ein Kind mit einer lebenslimitierenden Krankheit. Es ist gerade schwer, wir sind viel im Spital.“ Einfach, dass der Freundeskreis oder das Umfeld Bescheid weiss. Man muss es ja nicht unbedingt in die Zeitung bringen, aber man sollte sich nicht aus Rücksicht oder aus Angst davor, was andere denken könnten, zurückhalten. Denn je ehrlicher und offener man kommuniziert, desto mehr Möglichkeiten haben die anderen, adäquat zu reagieren.
Andri: Genau das ist noch spannend für mich – es gibt ja die, die sagen: „Das ist meine Geschichte, und ich will nicht, dass das alle wissen.“ Wenn man das im familiären oder nachbarschaftlichen Umfeld transparent macht, wird es weiterverzählt. Es ist ja keine alltägliche Geschichte.
Renate: Genau.
Andri: Und dann gibt es die, die sagen: „Nein, ich will das einfach nicht, dass das alle wissen. Ich weiss ja nicht, was die mit meiner Geschichte machen oder wie sie sie weitererzählen.“ Für viele ist es einfach ein Spektakel, eine Geschichte, über die sie dann reden können – „Hast du gehört? Weisst du das?“ – so ein bisschen sensationsartig.
Renate: Ja.
Andri: Deine Erfahrung ist aber doch, dass wenn man offen über die eigene Geschichte spricht, man zwar das Risiko eingeht, aber das Umfeld eben auch reagieren kann, mit einem umgehen kann.
Renate: Ja, genau. Es gibt da kein Richtig oder Falsch – es ist einfach eine Möglichkeit. Beide Wege haben ihre Risiken und ihren Nutzen. Schlussendlich muss jeder selbst abwägen, wie man das handhaben will. Aber es lohnt sich sicher, sich zu überlegen, warum man es nicht erzählen möchte. Meistens stecken Ängste dahinter. Ich finde es lohnt sich einfach zu hinterfragen, ob es wirklich so schlimm ist, wenn das Eintritt, wovor man sich fürchtet. Ist es denn wirklich so schlimm, wenn jemand, der mich gar nicht kennt, meine Geschichte als Sensation betrachtet und denkt: „Oh, mega krass“? Weil die haben es ja auch gleich wieder vergessen. Das kümmert mich nicht. Aber vielleicht gibt es drei, vier, die kurz überlegen: „Aha, das gibt es also auch.“ Und der andere Punkt ist, wenn niemand weiss, dass es kranke Kinder gibt, die sterben, und was es bedeutet, sie zu Hause zu pflegen, wie soll sich dann politisch oder gesellschaftlich etwas ändern können? Themen müssen auch deshalb sichtbar werden, ins öffentliche Bewusstsein dringen. Wenn niemand um die Probleme weiss, wird sie auch niemand lösen. Palliative Care, Inklusion, Möglichkeiten trotz Behinderung oder Krankheit ein lebenswertes, selbstbestimmtes Leben zu führen, das alles braucht auch öffentliche Gelder. Aber niemand wird Geld sprechen, wenn er sich nicht mal bewusst ist, dass es da Bedarf gibt. Oder – ein kleines Beispiel: Ich habe ja meine Praxis im obersten Stock. Ich fragte eine neue Klientin: „Was führt Sie zu mir?“ Und sie sagte: „Ja, ich weiss eigentlich gar nicht… Ich habe vorhin Ihren Jungen im Rollstuhl gesehen – der ist so glücklich, aber er kann ja eigentlich gar nichts. Ich habe nur etwas Schulterschmerzen und kann ja eigentlich noch alles machen. – ich weiss gar nicht mehr, warum ich gekommen bin.“ Also, solche Dinge habe ich immer wieder erlebt. Die Leute relativieren Dinge in ihrem Leben – bekommen eine neue Sichtweise. Sie merken vielleicht: „Ja, mein Kind räumt das Zimmer nicht jede Woche auf, und ich ärgere mich – aber eigentlich ist das ja gar nicht so schlimm.“ Solche Begegnungen regen Prozesse an. Und manchmal erzählt man etwas nicht, weil es ein Thema von früher berührt – etwas, womit man selbst Mühe hat, damit umzugehen. Dann ist man noch nicht bereit, weil man die Reaktionen, die kommen könnten, noch nicht tragen kann. Aber solche Erkenntnisse bergen ja auch immer die Chance, sich mit diesen Themen auseinanderzusetzen und sich weiterzuentwickeln. Man kann das bei sich anschauen, bis man innerlich so weit ist, bis man frei genug ist, mit den Reaktionen umzugehen. Also, für mich war das rückblickend nur positiv, diese Offenheit. Ich kenne keine andere Strategie – ich kann’s nicht vergleichen – aber so, wie es war, war es für mich gut.
Andri: Aber für dich hat es jetzt also positiv gewirkt, dass du ehrlich mit eurer Geschichte umgegangen bist – und ja immer noch umgehst?
Renate: Ja… – so habe ich das erlebt. Wenn ich wüsste, also wenn ich jetzt nochmals von vorn anfangen und schwanger werden würde und wüsste: Das Kind hat eine lebenslimitierende Krankheit, also wieder Till – ich würde jederzeit wieder diesen Weg gehen und jederzeit wieder Ja sagen zu Till. Mein Mann sagt immer, das wäre die beste Zeit seines Lebens gewesen. Till hat so viel in uns verändert – wie wir das Leben sehen, wie wir es wertschätzen. Ich möchte keine anderen Kinder, auch wenn ich die Wahl hätte zwischen gesunden Kindern oder unseren zwei. Vorher war das aber nicht so. Ich wusste ja gar nicht, wie das ist. Ich war mir nicht einmal sicher, ob ich Kinder will. Ich dachte immer: Wenn bei einer pränatalen Diagnostik herauskäme, dass ein Kind behindert ist, würde ich abtreiben. Das hätte gar nicht in meinen Lebensplan gepasst – ich wollte Snowboarden, Skifahren, Touren machen, unabhängig sein. Ich hatte zwar schon mit Kindern mit Behinderungen gearbeitet, im Schneesportbereich, und ich fand das immer wunderschön und intensiv, aber ich konnte mir nicht vorstellen, selbst als Mutter ein solches Kind zu begleiten. Und jetzt – im Nachhinein – sehe ich vieles anders…
Andri: Darf ich etwas fragen? Du hast ganz am Anfang gesagt, ihr hattet Rahmenbedingungen, die das für euch möglich gemacht haben: Ihr hattet beide flexible Arbeitsstellen, genügend Einkommen, ihr wart gut begleitet, professionell eingebettet, ihr hattet eine Familie, die euch getragen hat. Das ist jetzt vielleicht eine blöde Frage, aber – wie wäre das gewesen, wenn all das nicht da gewesen wäre?
Renate: Ja, keine Ahnung… Ich weiss nicht, wie wir das geschafft hätten, ehrlich. Und das ist auch so ein bisschen mein Thema, wenn ich mit unserer Geschichte rausgehe. Dass ich denke: Habe ich überhaupt das Recht, das so zu erzählen, weil es uns ja im Vergleich zu anderen so leichtgefallen ist? Weil wir es so einfach hatten. Wir haben uns oft gefragt: Wenn unsere Beziehung daran zerbrochen wäre – wie wäre das dann gewesen? Ich kann mir gar nicht vorstellen, so etwas allein zu stemmen, als Alleinerziehende zum Beispiel. Bei uns war es zum Glück so, dass Till uns noch viel näher zusammengebracht hat. Ich weiss gar nicht, wo unsere Beziehung heute wäre ohne das, was wir mit ihm erlebt haben. Und gerade darum finde ich es umso wichtiger, dass man Unterstützung bekommt – dort, wo die Rahmenbedingungen eben nicht so gut sind. Dass Menschen, die nicht dieses Umfeld haben, Hilfe bekommen, um das zu tragen. Auch, wenn jemand nicht so mit der Fachsprache oder dem Medizinischen vertraut ist, sollte es Menschen geben, die das erklären, in einer Sprache, die man versteht. Oder eben finanzielle Unterstützung, Assistenzpersonen, einfach Strukturen, die helfen, dass es tragbar wird. Nicht alle haben so eine funktionierende Familie oder einen Freundeskreis – oder Arbeitgeber, die so flexibel sind. Darum spreche ich auch öffentlich darüber. Das war eine meiner Motivationen, das Thema publik zu machen: damit ein Bewusstsein entsteht, was es wirklich bedeutet, ein solches Kind zu begleiten. Damit die Gesellschaft sensibilisiert wird, dass es das gibt – und dass es Unterstützung braucht. Und vielleicht auch, dass Arbeitgeber flexibler werden. Wie zum Beispiel diese Initiative für zehn Wochen Betreuungsurlaub für Eltern mit schwerkranken Kindern, die an der Urne vor ein paar Jahren angenommen wurde. Wir konnten uns zehn Wochen Urlaub finanziell leisten, einfach so – aber das kann ja lange nicht jeder. Es sollte so unterstützt werden, dass Eltern mit einem solchen Kind im Beruf bleiben können, eine gewisse Normalität behalten – vielleicht zu 50 Prozent arbeiten. Ich finde, da können wir als Gesellschaft etwas beitragen, damit auch Familien, die es nicht so optimal haben wie wir, das tragen können. Und das ist ja letztlich eine grundsätzliche politische Frage: In was für einer Welt wollen wir leben? In was für einer Gesellschaft? Die Geschichte von Till ist ein schönes Beispiel dafür, dass nicht nur die Menschen wertvoll sind, die den Normen entsprechen, die von acht bis fünf arbeiten und dem Staat Steuern zahlen. Till hat so viele Menschen zum Nachdenken gebracht und berührt. Er hat sie wieder auf den Punkt zurückgeführt: Was ist in meinem Leben eigentlich lebenswert? Was ist wirklich wichtig? Und wenn ich begrenzte Zeit habe – wie will ich diese Zeit verbringen? Till hat das immer so offen gezeigt: „Ich bin zwar krank, aber ich kann trotzdem damit umgehen. Ich kann Dinge tun, die mir Freude machen.“ Diese Freude hat er richtig ausgestrahlt. Man hat es ihm angesehen. Und die Leute haben sich gefragt: „Was macht mir eigentlich Freude? Und warum kann ich dem nicht so viel Wert geben, obwohl ich ja eigentlich so viel mehr kann?“ Das ist schlussendlich auch für die mentale Gesundheit einer ganzen Bevölkerung wichtig – dieses Miteinander, dieses Sich-Berühren-Lassen. Kinder, die von aussen betrachtet „nichts können“, bewirken trotzdem unglaublich viel in der Gesellschaft. Und gerade in einem Land wie der Schweiz, dem es ja eigentlich gut geht, finde ich, sollte dafür Raum geschaffen werden – dass auch so etwas möglich ist, dass man das gemeinsam tragen kann.
Andri: Es ist eigentlich traurig, dass man sich überhaupt überlegen muss, was so ein Mensch für einen gesellschaftlichen Wert hat. Ich meine – allein, dass man diesen Gedankengang hat! Ein Mensch ist ein Mensch, und ein Mensch hat per se eine Daseinsberechtigung. Aber in unserer Gesellschaft überlegt man das schon: Es kostet viel, so ein Leben, für die Gesellschaft – und trotzdem hat es einen Wert. Aber der Faktor „Mensch“ allein würde ja schon genügen, um das Dasein zu berechtigen, unabhängig davon, ob jetzt… ja. Aber ja…
Renate: Schon. Aber die Reaktion – alle, die ihn kannten oder gesehen haben, sagten: „Ja, für so etwas zahle ich doch gerne Steuern.“ Ich habe nie erlebt, dass jemand ein Individuum, also einen Menschen mit Gesicht, abgelehnt hätte. Es ist mehr das Abstrakte, die „Gruppe“, die Ablehnung auslöst – aber nicht, wenn man ein Gesicht, ein Schicksal sieht. Till war wirklich ein Wunder, und sein Potenzial wurde gefördert. Er durfte werden, wer er war. Manchmal denke ich: Eigentlich sollte jedes Kind das Recht haben, so wahrgenommen und gefördert zu werden – dass alles, was es lernt und erschafft, als etwas Besonderes gesehen wird. Und nicht: „Du bist zu langsam“ oder „Die Rechenaufgabe war falsch“ oder „Der andere ist schon zwei Aufgaben weiter.“ Das würde ein ganz anderes Selbstbewusstsein schaffen – wenn man jedes Kind mit seinen eigenen Normen und Fähigkeiten sieht und in seiner Persönlichkeit unterstützt, auf seinem eigenen Weg.
Andri: Man kann wahnsinnig viel lernen aus so einer Geschichte, aus so einer Biografie wie seiner – für die Gesellschaft.
Renate: Ja, das finde ich definitiv. Und auch einfach die Achtsamkeit für die kleinen Dinge. Schon nur, dass eine Expressotasse Milch trinken anstrengend ist, dass das Koordination vom ganzen Mund-Schlund-Trakt braucht – und dass das nichts Selbstverständliches ist. Dass man für eine winzige Tasse Milch auslöffeln eine Stunde braucht und trotzdem mega glücklich sein kann und es geniesst. Ich denke, das sind diese kleinen Dinge, an denen wir so achtlos vorbeigehen – und darum wird das Leben manchmal so grau. Vielleicht, weil wir verlernt haben, einfach im Moment zu leben, das Leben zu geniessen, das Schöne in den kleinen Dingen zu sehen und dankbar dafür zu sein. Das Leben ist ja für jeden begrenzt – ob zwei Jahre, dreizehn, fünfzig oder hundert Jahre. Am Ende zählen nur die Momente, die man bewusst gelebt hat. Oder wie man miteinander umgegangen ist, in einer Familie, die Erinnerungen, die man gesammelt hat. Das bedeutet: Zeit verbringen. Und diese Qualität geht im Arbeits- und Gesellschaftsleben so schnell verloren, weil man sich die Zeit nicht nimmt, weil man immer schon woanders sein muss.
Andri: Umso wichtiger, dass man die Gesellschaft eigentlich durchmischt.
Renate: Ja. Ich weiss nicht, ob es in der Schule direkt durchmischt sein muss. Für Till wäre das nicht möglich gewesen – er wäre abgelenkt worden, hätte das Tempo nicht mitgehalten. Er hatte zwar einen IQ von 135, das wurde einmal getestet. Wenn er Energie hatte, zwei Stunden pro Tag, war er extrem clever, hat gut kommuniziert – aber nur, wenn er den Raum bekam, im 1:1-Setting. Motorisch hatte er Mühe, die Worte zu formen, und in einer Gesprächssituation, wo alle durcheinanderredeten, war er einfach zu langsam. Da hat er nicht funktioniert. Er hat wirklich profitiert vom 1:1 – wenn jemand auf ihn eingegangen ist. Ich denke, es gibt Kinder, die würden in grossen Klassen einfach untergehen. Es würde funktionieren, aber nicht in der Form, wie die Schule jetzt strukturiert ist. Da müsste man einfach die Betreuung massiv ausbauen. Und ich finde es gar nicht schlimm, wenn es gewisse Separierungen gibt – aber die Gesellschaft müsste Schnittstellen schaffen, Begegnungen ermöglichen. Zum Beispiel: Im Städtchen in Schweden, wo mein Onkel wohnt, wurde alles rollstuhlgängig umgebaut, und plötzlich sieht man überall Menschen im Rollstuhl. Früher hat man gedacht, es gibt keine – dabei waren sie einfach unsichtbar. Jetzt begegnet man sich. Das zeigt: Es sind die Rahmenbedingungen, die Inklusion ermöglichen. Es braucht keine verkrampfte „Inklusion um jeden Preis“, sondern eine Natürlichkeit, in der Begegnung einfach passiert.
Andri: Man muss einfach den Rahmen schaffen, damit es möglich wird – und dann ergibt sich das.
Renate: Genau. Für manche ist es sicher gut, inkludiert zu sein – mit einer Assistenzperson. Aber man sollte das nicht einfach erwarten und sagen: „Alle müssen inkludiert werden“, sondern jedes Kind individuell anschauen – was es braucht. Eigentlich sollte ja jedes, in Anführungszeichen, „normale“ Kind so angeschaut werden: Passt es in diese Regelschule, in der es heisst „um drei ist Mathe, um zehn ist Französisch“? Vielleicht bräuchte es generell eine grössere Bandbreite an Unterrichtsformen, die gerechter wären. Denn selbst Kinder, die „in der Norm“ sind, haben es oft schwerer, weil sie ständig damit konfrontiert sind: „Bist du gut genug?“ „Bist du schnell genug?“ Dabei hätten auch sie Potenzial – vielleicht einfach in einem anderen Feld oder Umfeld, das gar nie zum Vorschein kommt, weil sie nie die Chance dazu bekommen.