Séverine: Und dann, wie wars am nächsten Morgen?
Bruno: Genau, am nächsten Morgen. Mäthu hat eine Taufkerze für Launora angezündet, ein Foto davon gemacht und es im Gruppenchat geteilt – nein, im Status. Ich habe gedacht, ja, Taufkerzen, schön. Ich weiss noch, dass meine Mitbewohner mich gefragt haben: «Hey, ist es so weit?» Und ich dachte nur, hä? Nein, was? Keine Ahnung. Ich glaube nicht. Da brennen doch noch Taufkerzen. Ich habe mich fertig gemacht für die Arbeit und mich auf den Weg gemacht. Und im Zug habe ich gesehen, dass da noch eine Nachricht im Gruppenchat ist. Ich habe die Nachricht gelesen – und dann nochmals gelesen. Und nochmals. Ich dachte, ah, okay. Er hat geschrieben, sie sei eingeschlafen. In der Nacht eingeschlafen. Ich musste es mehrmals lesen, bis ich realisiert habe: «Eingeschlafen» heisst, sie ist gestorben. Dann habe ich gedacht, okay. Ich habe meinen Chefen geschrieben: «Sie ist gestorben.» Sie wussten, worum es geht. Ich bin dann direkt nach Raufli gefahren. Ich hätte im Zug bleiben können, statt früher auszusteigen. Als ich ankam, war schon viel Familie da, von beiden Seiten. Mäthu hat mich zu Launora begleitet. Sie lag dort, ganz friedlich. Es war sehr erleichternd zu wissen, dass sie jetzt gegangen ist. Das Gefühl vom Tag zuvor lag irgendwie noch sehr schwer auf meiner Brust, und ich hatte gedacht, es muss ja nicht noch länger so weitergehen. Die Trauer, die war da noch nicht wirklich präsent. Und trotzdem – sie lag dort, und sie war noch da. Es war ein klares Realisieren. Man sieht sie tot. Ich bin noch kurz zu ihr hingelegen. Ich weiss nicht mehr genau, aber ich glaube, ich habe ihr nochmals über den Kopf gestrichen. ich bin noch eine zeitlang neben ihr gelegen, habe die Decke angeschaut, habe sie angeschaut und gedacht, schön konnte sie gehen. Wirklich gut. Immerhin hat sie ein halbes Jahr durchgehalten. Es war eine lange, ungewisse, emotional kaum beschreibbare Zeit, die dann wie mit einem Schlag aufgehört hat. Und dann steht man da und denkt, was mache ich jetzt mit dieser Situation? Man ist an etwas gewöhnt – und dann hört es einfach auf. Das ist heftig.
Séverine: Was ging dir da durch den Kopf?
Bruno: Ja. Und dann fragt man sich, okay, was mache ich jetzt mit mir? Auf jeden Fall wusste ich, jetzt muss ich erst einmal tief Luft holen. Danach habe ich organisatorische Dinge mit der Bestatterin angeschaut. Sie hatte viele Fragen, Entscheidungen zu treffen – was, wie, wo. Mäthu konnte die komplexen Fragen in dem Moment kaum beantworten. Ich habe gemerkt, ich muss alles herunterbrechen auf Ja-oder-Nein-Fragen. Teilweise habe ich Entscheidungen fast stellvertretend übernommen. Die Tante hat dann auch noch beim Einladungsschreiben geholfen. Das Ganze ging etwa zweieinhalb Tage, bis dann die Einsargung, bwz. die Abdankung war. In dieser Zeit mussten wir darauf achten, dass sie gekühlt bleibt. Es gab eine professionelle Kühlmatte und wir haben mit Kühlmaschinen gearbeitet – so Ventilatoren, in die man unten Kühlpads hineinlegt, die man immer wieder einfrieren muss. Der Sommer war sehr heiss, das war ziemlich mühsam. Die Pads mussten ständig gewechselt werden, und wir mussten darauf achten, dass der Raum möglichst kühl bleibt. Es gibt ja auch den Brauch, dass man nach dem Tod das Fenster öffnet. In diesem Moment war das keine gute Idee. Mein Vater sagte einmal: «Hey, ich gehe jetzt das Fenster öffnen.» Und ich sagte: «Bitte tu es nicht auf, sonst war die ganze Arbeit umsonst.» Er meinte dann, er würde es trotzdem gerne tun. Da haben wir gesagt: Können wir das am Schluss machen? Das fand ich gut.
Séverine: Das ist ja eigentlich ein wunderschöner Gedanke.
Bruno: Ja, und ich finde es auch eine wunderschöne Geste. Er hätte das sehr gerne gemacht. Aber er hat gemerkt, dass es jetzt einfach nicht der richtige Moment dafür ist. Und dann habe ich angefangen, all diese Dinge zu organisieren.
Séverine: Du bist eigentlich sofort in Aktion gegangen.
Bruno: Ja, ich war direkt in Aktion. Das habe ich auch bei der Bestatterin gemerkt. Sie hat wie nach der Person gesucht, die funktioniert, die handeln kann. Und sie konnten bei mir andocken. Ich habe sehr viel übernommen. Ich kann gar nicht mehr sagen, was genau alles zu tun war. Diese zwei Tage haben sich angefühlt wie zwei Monate. Die erste Nacht habe ich dort geschlafen. Am Morgen habe ich wieder alles kontrolliert und geschaut, dass die Kühlpads kalt sind. Ich glaube, in der Nacht bin ich sogar noch einmal aufgestanden, um sie zu wechseln. Irgendwann habe ich gemerkt, jetzt komme ich an meine Grenzen. Ich musste duschen, ich musste etwas essen. Eigentlich habe ich kaum etwas essen können. Ich habe Salzstängeli gegessen, immer wieder ein bisschen Salz, etwas zu knabbern. Hauptsache, irgendetwas. Die Bestatterin hat mir auch gesagt, ich solle darauf achten, dass die Leute etwas essen. Also habe ich den Anwesenden immer wieder ein paar Salzstängeli in die Hand gedrückt. Gleichzeitig musste ich schauen, dass es nicht nervt. Aber es war wichtig, dass alle zumindest ein bisschen essen und trinken, dass sie hydriert bleiben. Darum habe ich mich gekümmert. Das war fast alles, was in diesen Tagen gelaufen ist. Irgendwann bin ich kurz nach Hause gegangen, habe geduscht, und am nächsten Morgen bin ich wieder nach Raufli. Dann ging es darum, sie in den Sarg zu legen, alles vorzubereiten, den Transport, die Kirche. Zwischendurch bin ich noch mit dem Auto ins Büro gefahren, um irgendetwas zu holen – ich weiss nicht mehr was. Dort habe ich gemerkt, eigentlich will ich gar nicht hier sein. Ich mag gerade gar niemanden sehen, mit niemandem sprechen. Ich habe noch kurz gesagt: «Wir schauen das nächste Woche an», und bin wieder gegangen. Ich bin dann wieder ins Auto gestiegen – eigentlich hätte ich gar nicht fahren sollen. Aber ich bin nach Hause gefahren, habe mich hingesetzt, eine Zigarette geraucht. Plötzlich stand Mäthu vor mir. Ich habe die Balkontür aufgemacht, wir haben uns angeschaut, und dann habe ich ihn nur noch umarmt. Er hat mich ganz fest gehalten. Und dann ist alles herausgekommen. Ich habe geweint wie ein Wasserfall. Ich weiss nicht mehr, wie lange. Es war einfach endlos.
Séverine: Das ist so der Moment gewesen, den du gefunden hast?
Bruno: Ja. In diesem Moment ist die ganze Anspannung vom Funktionieren abgefallen. Ich konnte einmal loslassen. Ich habe mich bei ihm bedankt, und er hat auch geweint. Er hat mir erzählt, was in der Zwischenzeit alles gelaufen ist. Er hatte bereits einige Dinge organisiert. Danach bin ich, glaube ich, nach Hause, habe geduscht und dort geschlafen. Bin mir grad nicht mehr sicher. Und am nächsten Morgen war ich wieder in Raufli. Viel ist in dieser Zeit nicht mehr gegangen. Wir haben uns eher sachlich ausgetauscht, was gerade aktuell ist. Gross über Gefühle zu sprechen, war kaum möglich. Die waren viel zu überwältigend. Die musste ich zuerst einfach aushalten und spüren. Ich glaube, ich konnte sogar recht gut schlafen.
Séverine: Oder war das am Vorabend? Nein, du sagtest ja, dass du zu Hause geschlafen hast.
Bruno: Genau. Die erste Nacht habe ich in Raufli geschlafen, dann zu Hause, und am nächsten Tag bin ich wieder nach Raufli gegangen, um zu helfen. Alles zusammenzupacken, alles wegzuräumen. Wir haben geschaut, dass wir alles dabeihaben – alle Mutperlen, alle Dinge, die wir mitgeben wollten, dass sie beim Sarg deponiert werden. In der Küche vorbereitet, dann schlussendlich auch im Sarg. Den Sarg vorbereiten. Es ist alles irgendwie Schritt für Schritt gelaufen. Dann kam der Moment, in dem klar war. Jemand muss Launora hinuntertragen. Die Treppe hinunter. Der Sarg war schräg, das ging nicht. Und dann hat Mäthu gesagt, er macht das. Ich konnte das nicht, das hätte mich komplett zerrissen. Ich glaube, für ihn war es in diesem Moment irgendwie möglich.
Séverine: Vielleicht hat er es auch einfach nicht realisiert?
Bruno: Ja, ist möglich. Er hat funktioniert. Wenn ein Vater seine tote Tochter aufnimmt, sie in den Arm nimmt, die Treppe hinunterträgt und in den Sarg legt – das ist unbeschreiblich. Das nimmt einem alles. Ich hatte vorher noch ganz rational daran gedacht, viele Päckchen mit Nastüchern mitzunehmen. Und wir haben sie tatsächlich alle gebraucht. Danach konnten wir ihr alle noch etwas in den Sarg legen – ihre Eltern, seine Partnerin, Mäthu und ich als Götti, die Frau von Päthu, ihre Gotte, unsere Mutter als Grossmutter und unser Vater und der Grossvater. Die Bestatterin war dabei. Sonst waren wir, glaube ich, nur unter uns. Launora sah trotz allem sehr friedlich aus. Die Sarg-Auskleidung war schön. Man hat auch gemerkt, dass ihre Haut schon speziell schuppig war. Oder irgendwie so. Ich weiss nicht mehr genau, was das war. Ja, das kann sicher die Bestatterin besser erklären. Dann haben wir ihr noch etwas Ausgewähltes mitgegeben im Sarg. Es hiess eigentlich, man solle nichts hineinlegen, was nicht verrottbar ist. Ich habe ihr dann das Buch mitgegeben, das ich ihr nach der Geburt gemacht hatte. Es heisst Gute Nacht, Launora. Das ist ein personalisiertes Kinderbuch, in dem man das Mädchen im Buch anpassen kann – Haarfarbe, Hautfarbe, Kleidung, und natürlich den Namen, der im Text vorkommt. Ich fand, das passt sehr gut. Es ist ihr Buch, und für einen letzten Schlaf ist es stimmig. Das Cover war plastifiziert, aber das war mir in dem Moment egal. Ich habe es trotzdem hineingelegt. Andere haben auch noch Dinge hineingelegt. Ich weiss nicht mehr genau, wer was. Und dann den Sarg zu schliessen. Da war ich an einem Punkt, an dem ich dachte, nein, das will ich eigentlich noch nicht. Und gleichzeitig ging es dann doch weiter. Ich glaube, es war die Bestatterin, die uns ganz sanft dazu geführt hat: «Jetzt ist es Zeit.» Dann haben Mäthu und Valdrina den Sarg geschlossen. Er hatte so Schrauben, die sie angezogen haben. Danach haben Mäthu und unsere Mutter den Sarg hinausgetragen. Mäthu wollte Fotos davon haben. Ich habe gesagt, ich mache eigentlich nicht gerne Fotos. Aber für ihn habe ich es gemacht. Ich habe die Fotos gemacht. Danach haben sie Launora zum Bestattungsauto getragen. Das Auto war sogar sehr schön personalisiert, innen liebevoll gestaltet. Man konnte auswählen, wie es hinten aussehen soll. Ich bin dann mit der Tante hinten nachgefahren. Viele andere waren auch schon dort. Wir hatten viele Dinge eingepackt, um später die Erde zu schmücken. Wir hatten im Vorfeld gesagt: Nehmt, wenn möglich, blaue Blumen mit. Es musste nichts Spezielles sein, einfach Blumen. Es sollte ein grosses Blumenmeer werden, weil Launora Blumen so geliebt hat. Wenn sie Blumen gesehen hat, hat sie immer darauf gezeigt und «Blum!» gesagt. Und da gewisse Blüten wie Schuhe aussahen, hatte sie beim Schuhe anziehen auf ihre Füsse gezeigt und «Blum!» gesagt. Das war mega herzig. Dann sind wir auf den Friedhof gefahren. Ich habe gar nicht richtig mitbekommen, wie der Sarg getragen wurde. Ich war irgendwo anders, mit irgendetwas beschäftigt. Ich weiss nicht mehr genau womit. Vielleicht war ich draussen, ich weiss es nicht mehr. Ich weiss nur noch, dass plötzlich die Bestatterin vor mir stand und mir Anweisungen gegeben hat. Ich habe sie umgesetzt, und das hat gut funktioniert. Ich weiss nicht mehr genau, was danach alles war. Es sind sehr viele Leute gekommen, die Kirche war brechend voll. Wirklich voll. Wenn ich nach hinten geschaut habe, waren alle Bänke besetzt. Sehr viele Menschen haben Blumen mitgebracht. Der Sarg stand in der Mitte, auf dem Podest. Die Mutperlen sollten eigentlich obenauf liegen, aber die sind vergessen gegangen. Sie waren noch im Bauernhaus. Ich habe dann schnell das Auto meines Vaters genommen, um sie zu holen. Das war nicht besonders klug.
Séverine: Oh mein Gott, du bist viel zu schnell gefahren?
Bruno: Ja, viel zu schnell. Es war extrem knapp, kurz vor der Rede. Ich habe gedacht, das muss jetzt sein, ich hole die noch. Alle haben gesagt: «Fahr langsam.» Ja, ja. Gott sei Dank ist nichts passiert. Ich weiss, ich war zu schnell. Aber in dem Moment war mir das egal. Ich habe die Mutperlen geholt, und dann konnten wir sie auch noch dazu legen. Es gab noch weitere geschmückte Dinge, und überall Blumen – unglaublich viele Blumen. Dann kam die Abdankung. Ich habe ehrlich gesagt kaum etwas davon mitbekommen. Ich weiss nicht mehr viel. Ich habe auch nicht wirklich zugehört. Ich hatte noch die Aufgabe, eine Geschichte zu erzählen, eine Geschichte mit der Libelle. In dieser Situation, vor so vielen Menschen – eigentlich hätte das schiefgehen müssen. Heute würde ich sagen, ich würde das nicht mehr machen. Aber ich hatte die Geschichte ausgedruckt, drei Seiten. Und ich habe einfach gelesen. Zum Glück hatte ich alles zum Ablesen. Anders wäre es gar nicht gegangen. Ich war in einem halbabwesenden Zustand. Ich habe gelesen und gesprochen. Sobald ich aufgeschaut habe, habe ich gemerkt, es geht nicht. Also habe ich nur noch auf das Blatt geschaut und ins Mikrofon gesprochen. Dann bin ich wieder hinuntergegangen. Danach kamen alle mit ihren Blumen nach vorne und haben sie abgelegt. Es waren so viele Menschen. Auch viele, die ich gar nicht gekannt habe. Immer wieder Leute, die nach vorne gegangen sind und Blumen deponiert haben. Das hat lange gedauert. Danach ging es weiter zum Friedhof, nach Bremgarten. Dort war wieder viel Organisation und Logistik gefragt. Wir haben versucht, das ganze Blumenmeer in einen Kofferraum zu packen. Danach bin ich wieder mit der Tante hinter dem Bestattungsauto hergefahren. Am Friedhof angekommen, war zuerst die Frage, ob wir den Sarg vom Parkplatz bis zum Grab tragen oder ein Wägelchen nehmen. Zuerst dachten wir, wir tragen ihn. Dann kam das Wägelchen, und wir haben gemerkt, ja, das ist besser. Niemand wollte riskieren, dass etwas passiert. Also haben wir den Sarg auf das Wägelchen gelegt und alle Blumen ebenfalls darauf. Die Eltern, also Mathias und seine Partnerin, haben, glaube ich, den Wagen gezogen. Alle anderen sind hinterhergelaufen. Das hat sich unglaublich lange angefühlt. Dabei ist der Weg mit dem Wägelchen eigentlich sehr kurz. Dort angekommen, hatten wir schon abgemacht, wie wir sie hinunterlassen. Man sollte die Seile auslegen, links und rechts neben dem Grab. Der Sarg wird daraufgelegt, und dann nehmen an jedem Ende je zwei Personen die Seile. So geht man über das Loch, und der Sarg wird langsam hinuntergelassen. Ich war hinten rechts. Ich habe es nicht geschafft, das Seil loszulassen. Ich wollte es einfach nicht. Von vorne kam dann schon die Aufforderung: «Jetzt … willst du nicht loslassen?» Ich habe gesagt: «Okay, ist gut.» Und dann war der Sarg hinten schräg im Loch. Erst nach einem Moment ist es gelungen, ihn ganz hinunterzulassen.
Séverine: Was hat das mit dir gemacht? Oder war es da schon ein Loslassen?
Bruno: Es war wie ein kontinuierliches Weiter-zu-Ende-Gehen. Immer wieder ein Stück mehr. Jedes Mal habe ich gedacht, nein. Nein. Das war extrem. Nicht, weil ich unbedingt festhalten wollte, sondern weil es einfach nicht sein durfte. Als der Sarg dann ganz unten war, hat es sich wie eine Ewigkeit angefühlt. Wir standen wieder am Grab, haben hineingeschaut, uns umarmt, standen ineinander, haben uns die Schultern nass geweint. Wir sind ein paar Schritte weggegangen, dann wieder zurück, immer wieder. Irgendwann kam ein Friedhofmitarbeiter und begann, das Grab zu schliessen. Für einen kurzen Moment dachte ich: «Du Arschloch.» Dann habe ich gemerkt, nein. Es muss weitergehen. Sonst kommst du hier nicht weg. Es ist vorbei. Später hat mir Mäthu auch einmal erzählt, dass er auch diesen Friedhofmitarbeiter in diesem Moment gehasst hat. Wir mussten im Nachinein beide lachen. Aber klar, eigentlich war es richtig, dass er etwas gemacht hat. Irgendwann muss es weitergehen. Er hat das Richtige getan. Auch wenn es sich in dem Moment ganz falsch angefühlt hat. Dann hat er das Grab zugemacht, ein wenig Erde aufgehäuft. Jemand hat das Kreuz montiert, ich weiss gar nicht mehr genau, wer. Danach haben wir das ganze Blumenmeer auf den Grabhügel gelegt. Es hatte wirklich knapp alles Platz. Es waren so viele Blumen. Wir haben sie richtig aufgehäuft, es sah wunderschön aus. Mit der Schleife, dem Kreuz und ganz vielen sehr persönlichen Dingen, die verschiedene Menschen mitgebracht hatten, um sie dort abzulegen. Das geht bis heute weiter. Es kommen immer wieder neue Sachen dazu. Man muss immer wieder ein bisschen Platz schaffen.
Séverine: Ah, sicher. Hattet ihr ein Ritual?
Bruno: Ja, das hat sich im Lauf der Zeit verändert. Am Anfang sind wir im ersten Jahr am Todestag und am Geburtstag gegangen. Danach nur noch am Todestag. Am Geburtstag war ich einmal auf einer Velotour, ich glaube, die anderen haben schon etwas gemacht. Im Jahr darauf war ich am Geburtstag wieder auf einer Velotour. Am Todestag haben wir uns jeweils wieder getroffen. Dann waren wir einmal im Dschangrille, gleich nebenan hat es ein sehr gutes Restaurant. Mit der Zeit hat sich das ein wenig verflüchtigt. Heute ist es eher spontan geworden. Manchmal denken wir einfach: «Komm, ich gehe auch noch schnell zum Grabhügel.» Und dann passt es.
Séverine: Okay, also nicht mehr so festgelegt.
Bruno: Letztes Mal sind wir aus einem Weihnachtsgedanken heraus gegangen. Obwohl wir an diesem Tag eigentlich alle nichts vorhatten, haben wir gefunden, gehen wir doch. Zwischendurch. Am Anfang bin ich sehr oft gegangen. Dieser Ort hat mir in dieser ersten Zeit extrem geholfen. Wirklich sehr. In der ersten Phase danach hatte ich, ich weiss nicht genau, wie man es nennt, aber doch deutliche psychische Schwierigkeiten. Ich hatte Angstzustände im Zug und habe gemerkt, es ist einfach alles zu viel. Zusammen mit meinem Psychiater haben wir dann entschieden, dass ich einige Wochen Ferien mache. Ich war dann zwei Monate ziemlich ausser Gefecht, auch weil ich mir den Finger gebrochen habe und krankgeschrieben war. Diese Zeit konnte ich nutzen.
Séverine: Also konntest du dir wirklich Zeit nehmen?
Bruno: Ja, ich konnte mir sehr viel Zeit nehmen. Manchmal war es zu viel Zeit, dann wieder zu wenig. Es hat selten wirklich gestimmt. Es war einfach schwierig. Wenn ich zum Grab gegangen bin, in diesen Raum, in dieses Areal rund um das Grab, ist der ganze Stress verschwunden. Dort war es okay. Vielleicht war es auch so, dass ich nicht wirklich loslassen konnte. Wenn ich dort war, war es wie: Ja, hier ist es. Und wenn ich weg war, war es wie zu weit weg. So kann man es vielleicht ein wenig erklären.
Séverine: Wir haben jetzt gleich mehrere Phasen besprochen. Hast du für andere Angehörige, aus dieser Zeit, deiner Sicht Dinge, Tipps, die Betroffenen helfen könnten – auch für die Zeit nach dem Sterben?
Bruno: Mhm. Also für Angehörige? Schwierig. Wer nicht über eine gewisse Intuition verfügt, sollte sich eher zurücknehmen. Es ist wirklich sehr schwer zu sagen. Es gibt kein Richtig oder Falsch. Eigentlich gibt es das nie. Auch wenn sich etwas für jemanden falsch anfühlt, ist es nicht zwingend falsch. Es fühlt sich für diese Person falsch an, und darauf muss man Rücksicht nehmen. Man kann ein Stück weit darauf hoffen, dass die andere Person sich äussern kann. Wenn nicht, muss man schauen, wie sie reagiert. Es ist sehr filigran. Es ist ein absoluter Ausnahmezustand. Wenn man von sich selbst überzeugt ist, dass man Fingerspitzengefühl hat und sich wirklich Mühe geben will, dann kann man gut auf die Menschen zugehen und einmal hören, wo sie gerade stehen. Oder man bietet sich an. Vielleicht auch nicht direkt bei den Betroffenen, sondern bei der Bestatterin, indem man sagt: «Braucht ihr Hilfe? Kann man etwas machen?» Sie ist dann gerade diejenige, die am meisten am Managen ist. Wenn man das alles nicht so kann, aber emotional stabil ist, dann kann man einfach Beistand leisten. Nicht zu viel reden. Nicht zu viel erklären. Einfach das, was gerade passt.
Séverine: Einfach ausprobieren.
Bruno: Ja, genau. Ausprobieren.