Susanne: Genau. Dann sagte er, Florian habe mit ziemlich grosser Sicherheit eine spinale Muskelatrophie. Allein bis ich dieses Wort wieder aussprechen konnte. Spinale Muskelatrophie. Ich kannte es nicht. Ich kannte es nicht.
Chrige: Man fragt sich zuerst, was das überhaupt ist.
Susanne: Genau. Und dann erwähnte er noch etwas Wesentliches, nämlich Typ eins. Florian hatte also eine spinale Muskelatrophie Typ eins.
Chrige: Vielleicht magst du das kurz erklären. Es gibt verschiedene Typen, und sie sagen etwas über den Schweregrad aus.
Susanne: Genau. Es gibt Typ eins bis vier. Je früher die Diagnose gestellt werden kann, desto schwerer ist es, weil die Anzeichen entsprechend früher auftreten. Das ist jetzt fast sechzehn Jahre her. Damals war es noch anders. Typ eins bedeutete, dass die Lebenserwartung zwölf bis sechzehn Monate beträgt. Bei Typ zwei ist das Kind schon älter, und die Chance, es zu überleben, ist grösser. Dann gibt es noch Typ drei und vier. Das betrifft eher das Erwachsenenalter, und damit kann man eigentlich leben.
Chrige: Also wird die Erkrankung bei Typ vier zum Beispiel auch erst später erkannt.
Susanne: Genau. Ja, und wir hatten Typ eins.
Chrige: Was du gerade gesagt hast, ist ein Hammer. Zwölf bis achtzehn Monate Lebenserwartung. Habt ihr das in diesem Moment erfahren, oder musstet ihr nachfragen? Wie war das genau?
Susanne: Das war interessant, auch heute noch, nach dieser langen Zeit. Er sagte uns nie von sich aus etwas. Wir fragten, und wir bekamen eine Antwort. Wir fragten wieder, und wir bekamen wieder eine Antwort. Aber er sagte nicht von sich aus, dass es eine Spinalmuskelatrophie sei, dass die Abkürzung SMA laute und was das alles bedeute. Wir mussten immer fragen. Ich fragte, ob er sterben werde. Er sagte, ja, das werde der Fall sein. Wir fragten, ob er einmal laufen könne. Nein, das werde er nicht können.
Chrige: Wow. Wenn du das jetzt erzählst, nehme ich an, diese Fragen kamen einfach aus dir heraus. Als Mutter will man es wahrscheinlich wissen und zugleich auch nicht.
Susanne: In diesem Moment will man es sehr genau wissen. In diesem Moment stellt man wirklich grundlegende Fragen. Überlebt er es oder überlebt er es nicht? Kann er laufen oder nicht? Diese Fragen kamen einfach. Ich weiss nicht mehr alle, aber es waren die wichtigsten. Überlebt er es oder nicht? Und dann sagte er eben, zwölf bis sechzehn Monate. Florian war damals acht, neun Monate alt. Und dann kannst du dir vorstellen, Chrige.
Chrige: Ein riesiger Hammer.
Susanne: Ja. Das ist wirklich das Brutalste, was ich je erlebt habe. Ich sage heute noch, dass der Tag der Diagnose um ein Vielfaches schlimmer war als der Tag, an dem er gestorben ist. Ich erlebe auch, dass andere Menschen das ähnlich empfinden. Am Tag seines Todes waren wir irgendwie auf das vorbereitet, was kam. Aber auf den zweiten Juli waren wir nicht vorbereitet.
Chrige: Genau. Ihr seid an einem schönen, sonnigen Tag aufgestanden und habt gedacht, ihr hättet einen gesunden Sohn mit einer kleinen Erkältung. Dann kommt ihr mit dieser Diagnose nach Hause und habt plötzlich die Vorstellung, dass ihr nur noch ein paar Monate mit eurem Sohn habt.
Susanne: Ja, das ist wirklich hart. Das ist fast unmenschlich. Man geht am Abend ins Bett und plant im Kopf, wie die Todesanzeige des eigenen Kindes aussehen könnte.
Chrige: Ja, Wahnsinn.
Susanne: Ich habe das im Kopf geplant. Wir waren einfach so traurig. Ich weiss gar nicht mehr, wie viele Worte es danach noch gab. Wir waren müde, wir waren gelähmt. Am Abend kamen die Nächsten, die wir informiert hatten. Sie waren einfach da. Es waren wenige.
Chrige: Ja, auch die Schwiegereltern. Du hast mir im Vorgespräch erzählt, dass sie ganz eng bei euch waren. Sie haben ja auch schon das Restaurant geführt, oder? Das war so etwas wie ein Generationenbetrieb.
Susanne: Genau, ja.
Chrige: Und sie haben euch dann sehr getragen, auch in dieser Zeit und bei allem, was noch auf euch zukam. Ich stelle mir auch vor, wie ihr das mit dem Restaurant gemacht habt. Du hast gesagt, es war ein wunderschöner Tag. Ihr musstet schliessen, ihr musstet mit Flo ins Kispi. Dann seid ihr mit dieser Diagnose nach Hause gekommen. Wie ging es danach weiter? Es ist ja, als würde das Leben stillstehen. Alles ist anders, und gleichzeitig muss man irgendwie weitermachen. Wie habt ihr das geschafft? Vielleicht auch mit der Hilfe der Schwiegereltern und von Freunden.
Susanne: Ja, am Freitag hatten wir ein grosses Bankett. Wir riefen dort an, sagten, dass es uns nicht gut gehe, und fragten, ob sie trotzdem kommen wollten oder lieber nicht. Sie sagten, sie würden sehr gerne trotzdem kommen. Daraufhin boten wir alle Mitarbeitenden auf, die wir hatten, und fragten, ob sie einspringen könnten. Wir wollten keinen zusätzlichen Stress. Irgendwie wollten wir diesen Abend bewältigen. Ich konnte nicht in den Service, Patrick auch nicht. Patrick, mein Mann, hat gekocht. Dann kamen die Gäste. Ich sass mit Florian drinnen, bei ihnen auf einem Stuhl, und weinte und weinte. Die Mitarbeitenden servierten das Essen, kamen zu uns herein, weinten mit uns und mussten danach wieder abräumen. Es war ein unglaublicher Service, dieser Abendservice in der Gastronomie. Danach schlossen wir. Ich weiss nicht mehr genau, wie lange, ungefähr zehn Tage machten wir einfach zu. Das war sehr ungewohnt, weil unser Gartenlokal sonst bei schönem Wetter geöffnet ist und …
Chrige: Mhm. Dementsprechend wusste man im Ort wahrscheinlich auch, dass etwas nicht stimmte. Ihr seid dann also auch offen mit dem Schicksal umgegangen, weil ihr eigentlich keine andere Wahl hattet.
Susanne: In diesem Moment gingen wir noch nicht sofort offen damit um. Tragischerweise ertrank gerade in dieser Zeit bei uns im Zugersee eine junge Person. Viele meinten deshalb, das sei der Grund, weshalb wir geschlossen hätten.
Chrige: Dass das mit euch etwas zu tun habe, ja.
Susanne: Genau. Ich erinnere mich nicht mehr genau, wie es dann war, aber irgendwann öffneten wir wieder. Natürlich wurde im Dorf darüber gesprochen. Man wusste es, und wir wurden darauf angesprochen. Es war nicht einfach. Ich habe viel geweint, wir haben sehr viel geweint. Wir waren einfach traurig. Wir zählten die Monate, wir zählten die Wochen, wir zählten die Tage. Einen Monat nach dieser Diagnose bekam er eine Magensonde, und damit begann eigentlich das ganze Hin und Her.
Chrige: Ja, mit IV und Kinderspitex und …
Susanne: Genau. Man merkte, dass Florian eine engmaschige Betreuung braucht. Es zeigte sich, dass er rund um die Uhr eine Eins-zu-eins-Betreuung brauchte, und zwar nicht einfach durch irgendjemanden. Dann kam eine Kinderspitex, die in Luzern stationiert war. Auch die Schwiegereltern brachten sich ein, vor allem meine Schwiegermutter. Sie arbeitete sich sehr stark in die Materie ein. Wir konnten nie einfach ein Mädchen fragen, ob es auf unsere Kinder aufpassen könne. Das war schlicht nicht möglich. Wir brauchten immer eine Fachperson. Was wir mit den Jahren dann ja auch selbst geworden sind, oder?
Chrige: Ja, man kennt das eigene Kind selbst am besten. Und plötzlich wird man auch zu einem Spezialisten oder einer Spezialistin im medizinischen Bereich, womit man nie gerechnet hätte.
Susanne: Ja, genau. Und manchmal sind noch nicht alle so weit, dass sie anerkennen, dass die Eltern ihr Kind am besten kennen. Florian war nicht oft im Spital. Einmal musste er ins Spital, zwei Wochen nach Janas Geburt. Wir gingen damals ins Spital, weil Katharina, unsere Kinderärztin, nicht da war. Sie sagte, wir sollten mit Sauerstoff und Antibiotika ins Spital gehen. Also machten wir das. Am Sonntagabend ging ich mit ihm hin, und am nächsten Morgen sagte ich, dass er Betnesol brauche. Das ist ein Kortison, das die Atemwege öffnet. Dann kam eine sehr junge Ärztin. Das kannst du dir vorstellen. Sie hörte ihn ab und sagte, er brauche das nicht. Damals war ich noch nicht so weit, mich zu wehren. Aber es war das letzte Mal. Eine halbe Stunde später kollabierte Florian. Danach kam er auf die Intensivstation. Er war eine Woche intubiert. Das war eine sehr, sehr schlimme Zeit für alle. Er war intubiert, bekam viel Morphium und Dormicum, und wir wussten, dass man den Tag festlegen würde, an dem extubiert wird. Das heisst, man zieht den Tubus heraus, und dann muss es funktionieren. Wenn es nicht funktioniert, ist es vorbei.
Chrige: Genau. Dann hättet ihr ihn im Grunde palliativ in den Tod begleitet.
Susanne: Er wäre wahrscheinlich direkt gestorben, weil er keine Luft mehr bekommen hätte. Man kann nicht extubieren und gleich wieder intubieren. Ich weiss nicht genau, weshalb, aber es geht einfach nicht. Wir hatten dann für einen Mittag vereinbart, dass wir es machen. Dann hatte er aber wieder einen Einbruch bei der Atmung. Deshalb machte man es am nächsten Tag. Wir wussten, dass es jetzt irgendwie an ihm lag, und doch nicht an ihm … Jedenfalls konnte unser Leben innerhalb einer Stunde wieder ganz anders aussehen.
Chrige: Und ihr durftet dabei sein?
Susanne: Ja, wir waren dabei. Wenn jemand extubiert wird, muss man das Dormicum reduzieren, damit er selbst atmen kann, damit er wach genug ist, um selbst zu atmen. Das war natürlich auch nicht schön. Wenn man einen Tubus im Hals hat, stört das. Zum Glück ging es gut. Danach hatte er allerdings massive Entzugserscheinungen.
Chrige: Von diesen Medikamenten?
Susanne: Ja, vom Morphium und vom Dormicum. Das war auch hart. Nach einer Woche auf der Intensivstation war er wirklich wie in einem Tunnel. Auch ich war am Limit. Nach allem, was passiert war, bin ich zusammengebrochen. Ich war gerade noch einmal Mami geworden, und es war einfach zu viel für mich. Im Nachhinein bin ich sehr dankbar, dass es so gekommen ist, weil ich nach Hause gehen und schlafen konnte. Patrick blieb bei Flo und konnte den Entzug gemeinsam mit ihm durchstehen. Man muss sich das wirklich wie einen Medikamentenentzug vorstellen. Wenn eine Fliege im Zimmer war, bekam Florian wegen dieser Fliege Panik. Er hat nur noch gewinselt. Es war sehr, sehr brutal. Ich weiss nicht, ob ich das geschafft hätte. Patrick hat das wirklich mit ihm durchgestanden. In dieser Zeit war er eigentlich Tag und Nacht bei ihm. Florian war nur sehr selten im Spital, eigentlich nur, als er die Magensonde bekam und bei diesem Infekt. Danach sagte ich, wenn es nicht unbedingt nötig sei, machten wir es selber. Und das konnten wir bis zum Schluss durchziehen.
Chrige: Sehr schön.
Susanne: Dafür sind wir auch sehr dankbar. Möglich war das aber nur durch die gute Zusammenarbeit mit Katharina, der Kinderärztin, und mit der Kinderspitex. Es gab all diese Medikamentenpläne, neue Geräte, und irgendwann kam auch der Sauerstoff dazu. Florian hatte in der Nacht Sauerstoff.
Chrige: Über eine Maske?
Susanne: Nein, über das Nasenvelo. Immer über das Nasenvelo.
Chrige: Das Nasenvelo. Kannst du kurz beschreiben, was das genau ist?
Susanne: Unter der Nase sind zwei etwa fünf Millimeter grosse Röhrchen. Aus denen die Luft herauskommt und in die Nase strömt. Das hatte er dann in der Nacht.
Chrige: Durch die spinale Muskelatrophie hatte er also … Kannst du noch kurz sagen, was das grundsätzlich bedeutet? Du hast mir gesagt, es habe mit der Verbindung vom Hirn zu den Muskeln zu tun. Oder damit, dass die Muskeln in diesem Sinn von klein auf gar nicht angesteuert werden. Und dass es ein genetischer Defekt ist. Habe ich das richtig verstanden?
Susanne: Genau, es ist ein Gendefekt. Patrick, mein Mann, und ich passen in diesem Sinn einfach nicht zusammen. Bei uns besteht die Wahrscheinlichkeit, und das kommt wirklich gar nicht so selten vor, dass von vier Kindern eines krank ist. Diese Wahrscheinlichkeit ist relativ gross. Die spinale Muskelatrophie musst du dir so vorstellen. Du denkst, dass du den Arm strecken und hochheben willst. Wir denken daran, und dann macht man das. Der Befehl geht vom Hirn hinunter in den Spinalkanal bei der Wirbelsäule. Und dort liegt bei uns das Problem. Dort ist etwas defekt, und von dort geht der Befehl nicht weiter in den Arm, damit er hochgeht. Gedacht hat er es schon, denn geistig war Florian voll da. Körperlich war er einfach komplett gelähmt.
Chrige: Es hat also Auswirkungen auf die gesamte Muskulatur, auch auf die Schluckmuskulatur. Das ist auch der Grund, weshalb er zu wenig Nahrung zu sich nehmen konnte und schon so früh die Magensonde brauchte. Wie war es mit der Sprechmuskulatur?
Susanne: Ja, er konnte reden. Seine Stimme war einfach sehr hoch und ein bisschen krächzig. Aber das gehörte dazu. Natürlich war es nicht so deutlich. Die Zunge ist ja auch ein Muskel.
Chrige: Ja. Es war schon nicht so deutlich, aber wir haben ihn natürlich verstanden. Es war einfach der Flo.
Susanne: Es war einfach der Flo.
Chrige: Seine Stimme.
Susanne: Ja, genau. Und er hat gern geredet. Er hat gern mit den Leuten diskutiert oder Fragen gestellt. Wenn er bei Erwachsenen war und jemand etwas machte, fragte er und fragte und fragte. Das war meistens so.
Chrige: Wissensbegierig.
Susanne: Voll, ja, genau.
Chrige: Und lebensbejahend, hast du mir auch gesagt.
Susanne: Hundert Prozent, ja. Man hört oder liest ja oft, dass man von einem Kind so viel lernen konnte. Bei Florian habe ich wirklich gedacht, dass man von ihm Lebensfreude lernen konnte, obwohl er so eingeschränkt war. Er hatte ja den elektrischen Rollstuhl, den er sehr gut beherrschte. Damit konnte er sich bewegen, aber er konnte mir oder uns nicht davonrennen. Wenn er etwas wollte, musste er gewissermassen etwas überfahren oder in etwas hineinfahren. Er konnte mich ja nicht am Rockzipfel ziehen. Also fuhr er mit dem Rollstuhl immer wieder hinterher, vor, hinterher, vor, hinterher, vor. «Gehen wir, gehen wir.» Und es machte immer so tack, tack, tack, wenn er den Joystick des Rollstuhls bediente. Das war einfach sein Ziehen am Rockzipfel. «Gehen wir, Mami», oder Papi, oder Familie.
Chrige: Du hast mir auch erzählt, dass vor allem die Atmung ein grosses Thema war. Du hast vorhin vom Atmen und vom Nasenvelo erzählt. Um vielleicht noch einmal kurz an den Anfang zurückzugehen. Ihr habt die Diagnose bekommen, zwölf bis achtzehn Monate. Wie war das gefühlsmässig, als ihr gemerkt habt, dass die erwartete Zeit eigentlich abgelaufen ist und er noch da ist? Gleichzeitig wusstet ihr, dass er wahrscheinlich nicht zwanzig, dreissig oder vierzig Jahre alt werden würde. Wie konntet ihr das zur Seite legen und weitermachen?
Susanne: Wir haben immer gedacht, vielleicht wird Florian zwanzig oder dreissig. Er ist sicher die grosse Ausnahme. Diesen Gedanken hatten wir immer. Und wenn man wirklich im Fluss des Alltags und mit dem Schicksal unterwegs ist, arrangiert man sich mit der Situation. Wir haben dann etwas gemacht, und zwar haben wir gelebt. Wir haben als Familie jede kleinste Möglichkeit genutzt, die wir hatten, um etwas zu unternehmen. Die spinale Muskelatrophie konnte ihn wieder zehn Tage ans Bett binden. Wenn er erkältet war, konnte er nicht sitzen. Man musste dafür sorgen, dass das Sekret in Bewegung blieb. Solche Phasen waren sehr intensiv. Wenn es ihm schlecht gegangen war und das Antibiotikum wirkte, ging es ihm danach umso besser. Manchmal sind wir dann für anderthalb Tage in den Europa-Park gefahren. Andere Leute dachten vielleicht, wie man das nur machen könne. Wir haben unsere Weihnachtsferien, die ja zwei Wochen dauern, etwa dreimal im Europa-Park verbracht. Das weisst du ja, Chrige. Wir waren zwei Wochen im Europa-Park. Wir hatten damals die Jahreskarte und eine Ferienwohnung in Rust.
Chrige: So gut.
Susanne: Dann sind wir dorthin gefahren, weil wir nicht Ski fahren konnten. Obwohl wir passionierte Skifahrer sind. Aber das war kein Thema. Rollstuhl und Schnee, das ist wie …
Chrige: Fast unmöglich, ja.
Susanne: Das ist einfach eine ungünstige Kombination.
Chrige: Und auch für die Selbstbestimmung, die für Flo sicher extrem wichtig war, oder?
Susanne: Ja, genau. Im Europa-Park ist es auch im Winter sehr schön, für alle, die ihn kennen. Es ist dort zu hundert Prozent Weihnachten. Es gibt einen Weihnachtszirkus, eine Eisshow und auch Bahnen. So konnte jeder ein wenig das machen, was er gern hatte. Florian mochte den Zirkus sehr. Also gingen wir manchmal zweimal am Tag in den Zirkus. Wir haben gemacht, was jeder gern hatte, und für uns war das in dieser Zeit der richtige Ort.
Chrige: Und ihr habt gelebt.
Susanne: Voll. Wir haben bei der Stiftung Cerebral ein spezielles Rollstuhl-Wohnmobil gemietet. Wir waren auf Elba, auf Sardinien und mit dem Fahrbus auf Sizilien. In den Ferien. Florian liebte Ferien. In die Ferien zu fahren, war für ihn ein Highlight. Italien war im Herbst noch ein wenig warm. Wegen des Betriebs hatten wir nie Sommerferien und nie Frühlingsferien. Italien mit dem feinen Essen war dafür natürlich prädestiniert. Wir haben wirklich viele Fotos gemacht, weil wir wussten, dass unsere Zeit begrenzt ist. Wir wussten es ja, dachten aber immer, er sei die grosse Ausnahme. Ja, wir haben sehr viele Fotos. Und Videos. Das ist schön. Wir hatten die Möglichkeit dazu, und dafür sind wir auch dankbar. Ich bin nicht für alles dankbar. Ich bin für die Krankheit nicht dankbar. Dafür kann man nicht dankbar sein. Aber sie hat uns die Chance gegeben, Erinnerungen zu sammeln.
Chrige: Und bewusst zu leben. Und sich vielleicht auch schon ein Stück weit mit dem Thema Abschied auseinanderzusetzen.
Susanne: Das war keine Stärke von uns, das muss ich wirklich sagen. Bei Florian war das nie ein Thema, das man mit ihm besprochen hätte.
Chrige: Hat er Fragen gestellt?
Susanne: Nein, nie. Ich weiss nicht, ob es am Alter lag oder einfach daran, dass er ein Bub war. Aber es war nie ein Thema. Er hat nie gefragt, ob er krank sei oder ob er sterben müsse. Das war nie ein Thema. Was so besonders war, und das habe ich am Anfang irgendwie vergessen zu erzählen, waren diese Augen. Mit dieser Krankheit hat man solche Polly-Augen, weisst du, so grosse, runde Augen, und die sprechen Bände. Die Kinder haben auch so viele Haare. Das ist eigentlich ein Merkmal. Auch die Zunge zittert ganz leicht. Als Florian noch ein Baby war, hat er mich immer ganz intensiv angeschaut. Wenn ich ihn wickelte, schaute er mich so an, als wollte er mir sagen, ich solle ihn anschauen, der Eindruck täusche. Als wollte er sagen, er sei nicht der, der vor mir liege. Er sei dann schon … Ich habe das aber … Ich bin nicht so auf dieser Ebene von «spürst du mich». Das ist nicht unbedingt meine Stärke. Dieses «Wie fühlst du dich, wie geht es dir?» ist …
Chrige: Und du hast damals ja auch nicht mit so etwas gerechnet. Man rechnet nicht mit so etwas. Vielleicht geht einem im Nachhinein, nach der Diagnose, ein Licht auf. Dass er dir damit etwas sagen wollte. Aber an so etwas denkt man ja nicht, gell?
Susanne: Überhaupt nicht. Überhaupt nicht. Und mit der Diagnose hat das aufgehört. Ich glaube, Florian hat es gewusst. Er wollte es mir sagen. Er konnte ja noch nicht reden, weil er dafür noch zu klein war. Und als wir es wussten, war dieser Blick weg. Das finde ich schon sehr magisch.
Chrige: Und ihr habt, wie du sagst, nicht wirklich darüber gesprochen. Florian hat auch nicht viel gefragt. Er war einfach er. Er hat sein Leben so gelebt, wie er es konnte. Er hatte seinen Schalk, er hat das Beste daraus gemacht. Du hast mir erzählt, dass ihr ihn in seinem Leben etwa sechs Mal reanimieren musstet, weil er wegen der Atmung oft Infektionen hatte, sich Schleim bildete und er dadurch immer wieder dem Tod sehr nahe war, vielleicht sogar näher als dem Leben. Hattet ihr in solchen Momenten eine gemeinsame Sprache? Habt ihr als Familie gespürt, dass Florian leben will? Hattet ihr ein Codewort oder irgendetwas, woran ihr …
Susanne: Florian war ein typischer Bub. Er hat nicht viel nachgefragt und wollte nicht alles wissen. Wir haben nicht darüber gesprochen. Aber wenn es Florian sehr schlecht ging, brauchte er mich ganz nah bei sich, und ich habe ihm die Hände gehalten. In solchen Situationen fragte ich ihn jeweils, ob er noch «Tschutte» möge. Das hatte überhaupt nichts damit zu tun, dass wir Fussballfans gewesen wären.
Chrige: Und er konnte ja auch nicht Fussball sagen.
Susanne: Er konnte auch nicht Fussball sagen.
Chrige: Er war ja im Rollstuhl.
Susanne: Ja, er war im Rollstuhl. Er konnte nicht laufen. Aber das war unseres. Das war meine Frage an ihn. Und wenn er nicht sprechen mochte, sprach er viel mit den Augen. Weisst du, diese Augenbrauen konnte er wirklich hochziehen. Er konnte mit seinen Augenbrauen ein ganzes Buch erzählen. Und dann sagte er immer Ja. Entweder konnte er es aussprechen, oder er sagte mit den Augenbrauen «Ja». Für mich reichte diese Antwort. Weil ich wusste, dass er leben will. Dass er nicht müde ist von dem, was er durchmachen muss. Dafür bewundere ich ihn zutiefst. Wirklich. Er ist wirklich ein Beispiel für ganz viele andere, die wegen anderer Dinge sehr schnell die Flinte ins Korn werfen.
Chrige: Er wollte einfach. Er hat weitergemacht und hatte diesen Lebenswillen.
Susanne: Bei Florians Reanimationen, und eine Reanimation ist ja nicht planbar, funktionierst du einfach. Du funktionierst und schaust, dass er wieder Luft bekommt. Du beatmest ihn, du arbeitest mit dem Cough Assist. Das ist ein Gerät, das einen Hustenstoss auslösen kann. Man legt eine Maske auf den Mund, schaltet es ein, und dann löst es einen Hustenstoss aus, damit Sekret, das vielleicht festsitzt, in Bewegung kommt.
Chrige: Ja, es schiesst sozusagen mit Druck einen Luftstoss in die Lunge hinunter.
Susanne: Genau. Es schiesst die Luft hinunter und saugt sie danach wieder hoch. Es ist wie ein Lift. Zuerst geht es hinunter, dann kommt es hoch, und dann kommt das Sekret in den Rachenraum. Dort konnten wir es absaugen.
Chrige: Ja. Hattet ihr einen Absauger und das Cough-Assist-Gerät fest zu Hause?
Susanne: Ja, genau. Auch wenn wir unterwegs waren, wenn wir zum Beispiel ins Verkehrshaus oder in den Zoo gingen, hatten wir das immer dabei. Immer. Wir hatten das Inhaliergerät dabei, das Absauggerät, den Cough Assist, und wir hatten immer Morphium dabei. Immer eine aufgezogene Spritze Morphium. Für den Fall, dass irgendwo etwas passiert und man merkt, dass es nicht gut kommt. Dann hätten wir ihm noch Morphium spritzen können, um ihm die Angst zu nehmen.
Chrige: Mhm. Ihr hattet das also auch für solche Situationen dabei, wenn die Luft wieder zum Thema wurde. Das ist natürlich ein riesiger Stress für alle. Und das Morphium konnte dann helfen, ihm auf dieser Ebene ein wenig die Angst zu nehmen.
Susanne: Wir haben ihm nur einmal Morphium gespritzt. Und das war am 29. April 2018. Weil Morphium dich nicht stärker macht. Morphium unterstützt dich nicht dabei, gut zu atmen. Das war uns bewusst.
Chrige: Das ist wirklich einfach …
Susanne: Das ist wirklich so. Wahrscheinlich wären wir mit dem Morphium sowieso immer zu spät gewesen. Ja, wir haben es am 29. April 2018 gebraucht. Das erste und das letzte Mal.
Chrige: Du hast mir gerade vom Morphium erzählt, dass ihr es einmal gebraucht habt. Das erste und das letzte Mal, am 29. April. Bevor wir auf diesen Tag eingehen, nimmt mich noch etwas anderes wunder. Du hast vorher erzählt, dass du noch einmal ein Kind bekommen hast, als Florian im Spital war und dir dann alles zu viel wurde. Dass du damals eigentlich ganz frisch noch einmal Mami geworden bist. Wie war das genau? Du hast vorher gesagt, dass es eine genetische Erkrankung ist und ihr beide eigentlich nicht zusammengepasst habt. Von vier Kindern hat eines die Erkrankung. Wie ist es dazu gekommen, dass ihr euch trotzdem entschieden habt, noch ein drittes Kind zu bekommen?
Susanne: Für mich war das sehr schnell klar. Wir waren damals am 2. Juli im Spital. Vielleicht waren wir zwei Stunden dort, ich erinnere mich nicht mehr genau. Danach gingen wir hinaus. Wir hatten auf einem Dachparkplatz parkiert, auf dem nur wenige Autos standen. Wir waren sehr traurig. Wir legten Florian ins Auto. Dann schaute ich Patrick über das Auto hinweg an und sagte, dass ich noch einmal ein Kind möchte. Ich wollte nicht, dass Rahel später einmal allein ist. Ich wollte nicht, dass Rahel als Einzelkind aufwachsen muss. Das sagte ich dort, und so meinte ich es auch. So schnell, wie ich es gesagt hatte, verlief es danach aber auch wieder ein wenig im Sand. Es gab natürlich tausend andere Themen, die viel wichtiger waren. Das Thema rückte in den Hintergrund. Man hatte auch keine Lust. Aber in diesem ersten Moment war es, glaube ich, ein sehr starkes Bedürfnis von mir, zu sagen, dass Rahel nicht allein sein darf, wenn sie gross ist. Dann gingen die Monate und später auch die Jahre ins Land, wie man so schön sagt. Irgendwann kam das Thema wieder auf. Florian lebte immer noch, und trotz all der Einschränkungen hatten wir uns mehr oder weniger einen normalen Familienalltag eingerichtet. Es war einfach alles anders und trotzdem für uns völlig normal.
Chrige: Genau, ihr wart ein eingespieltes Team.
Susanne: Ja, genau. Den Betrieb führten wir weiter. Das war natürlich wirklich nur dank der Unterstützung meiner Schwiegermutter möglich. Ohne sie hätten wir einpacken können. Man kann nicht ein schwer krankes Kind haben, einen Betrieb führen und das alles einfach problemlos unter einen Hut bringen. Ohne fremde Hilfe ist das nicht möglich. Es waren meine Schwiegermutter und die Kinderspitex, die uns dabei sehr unterstützt haben. Irgendwann wurde das Thema bei uns wieder konkreter. Es hatte sich in Anführungs- und Schlusszeichen normalisiert. Dann haben wir es wieder versucht. Ja, ich weiss gerade nicht, wie ich es anders sagen soll. Es war dann relativ verkrampft, und es hat auch eine Zeit lang nicht geklappt. Ein ganz wesentlicher Punkt war in dieser Situation natürlich, dass wir wussten, dass es bei Florian nicht einfach eine Laune der Natur war. Es war berechenbar, weil wir beide Träger dieses Gens sind. Das wussten wir von Anfang an. Bevor wir uns wieder auf dieses Abenteuer einliessen, mussten wir für uns festlegen, was wir tun würden, wenn das dritte Kind ebenfalls krank wäre, wenn es also auch Spinale Muskelatrophie hätte. Das ist meine ganz persönliche Meinung. Bevor man überhaupt etwas macht, muss man wissen, was man tut, falls es so kommt. Für uns war es ganz klar. Wir sagten, dass wir es noch einmal wagen und es untersuchen lassen.
Chrige: Das war also auch der Grund. Ihr wusstet, dass man es untersuchen lassen kann, und habt deshalb entschieden, zu versuchen, schwanger zu werden.
Susanne: Genau. Das haben wir dann gemacht, und es hat geklappt. Danach dauert es zwölf Wochen. Es muss irgendwie um Weihnachten herum passiert sein. Dann dauert es einen Moment, bis man die Untersuchung machen kann. Man macht dann eine Chorionzottenbiopsie. Dafür muss man in die Frauenklinik gehen, bei mir war das in Luzern. Zuerst wird ein Ultraschall gemacht. Diese Untersuchung kann man, wie gesagt, erst ab der zwölften Woche machen. Unter Ultraschall geht man mit einer Spritze in die Nabelschnur und entnimmt dort Flüssigkeit. Damit wird danach der Gentest gemacht, und dieser zeigt das Ergebnis. Man kann den Gentest gezielt auf Spinale Muskelatrophie machen und auch auf weitere Dinge, etwa Trisomie 21 und solche Sachen. Wir haben nicht alles, alles, alles abgedeckt. Das kann man ja gar nicht. Danach war es eine sehr lange Woche. Zum Glück, zum grossen Glück, bekamen wir einen positiven Bescheid. Das war natürlich grossartig. Aber ich finde, das muss auch gesagt sein. Für uns war ganz klar, dass wir das Kind nicht behalten würden, wenn es krank wäre. Das hatte nichts damit zu tun, dass ich diese Arbeit nicht wollte oder das nicht noch einmal wollte. Doch, eigentlich auch. Aber es war kein Egoismus. Es war auch Nächstenliebe, auch dem Kind zuliebe. Ich meine, es ist nicht einfach, wenn man Spinale Muskelatrophie hat. Es ist nicht lustig. Man hat nichts Gutes davon. Manchmal kommt man in einer Schlange schneller voran, aber das war es dann auch. Man hat wirklich nichts davon. Das will man niemandem freiwillig antun. Ganz klar. Darum war ich in den ersten drei Monaten wie nicht schwanger. Wir haben es nicht kommuniziert. Das macht man sonst zwar auch nicht, aber dem engeren Umfeld sagt man es meistens schon. Nach dem dritten Monat wussten wir, dass das Kind gesund ist.
Chrige: Und dann konntest du dich auch auf das Gefühl einlassen und dich freuen. Vorher hast du das eigentlich nicht gemacht, auch als eine Art Eigenschutz. In den ersten zwölf Wochen warst du für dich gefühlt nicht schwanger, weil das wahrscheinlich auch ein Schutz war.
Susanne: Genau, voll. Es war nichts anderes. Danach war es wieder eine wunderbare Schwangerschaft. Ich hatte immer gute Schwangerschaften.
Chrige: Und auch für Florian war das wirklich ein Geschenk.
Susanne: Ja, sehr. Er freute sich riesig. Er erzählte es allen. Er ging jeweils zu den Leuten hin und fragte, ob er es sagen dürfe. Dann fuhr er mit dem Rollstuhl zu ihnen, manchmal direkt leicht gegen die Beine, um sie anzustupsen. Und dann sagte er, Mami sei schwanger, Mami habe ein Baby im Bauch, und es sei gesund. Das sagte er immer. Heute tut mir das viel mehr weh als damals.
Chrige: Ja, weil er es einfach so verstanden hat. Und weil er sich auch einfach freuen konnte, dass seine Schwester gesund ist. Das ist sehr schön.
Susanne: Ja, genau. Etwa Mitte September kam dann unsere Jana auf die Welt. Damit war das Thema für uns wirklich abgeschlossen.
Chrige: Jetzt war es klar.
Susanne: Genau. Jetzt ist es gut. Jetzt kann das Leben mit uns machen, was es will. Es ist, wie es ist. Danach hatten wir eine sehr gute Zeit, die drei Kinder miteinander. Rahel war bereits in der Schule, Jana natürlich noch nicht. Florian und Jana waren wirklich ein gut eingespieltes Team. Florian nahm Jana gerne als verlängerten Arm. Er sagte dann zum Beispiel, Jana solle den Knopf drücken. Sie sagte, nein, das dürfe sie nicht. Er sagte, doch, sie solle jetzt drücken gehen. Dann lief sie los und drückte den Knopf. Danach gab es wieder irgendein Donnerwetter.
Chrige: Zum Beispiel beim Fernseher.
Susanne: Genau. Oder zum Umschalten oder um etwas zu holen. Oder er sagte, sie solle ihm ein paar Meringues holen. Dann schlich sie hinein und holte Meringues. Die konnte er gut essen. Er war einfach ein Luszapfen, und Jana war sein verlängerter Arm, die ausführende Begleitung. Aber man konnte ihnen nicht böse sein.
Chrige: Ja, schön. Die Geschwister untereinander, das war wirklich einfach … Sie hatten es gut miteinander, sie haben aber auch gestritten. Es war eure Normalität, die ihr gelebt habt.
Susanne: Ja. Es war nicht immer alles heilig. Da sind auch die Fetzen geflogen, und wir haben nicht immer gesagt, das dürfe man jetzt nicht, weil man ja nicht wisse … Manchmal haben wir es gesagt. Wir sagten dann, kommt, wir wissen eben nicht, wie lange wir Flo haben. Und das war dann immer mit Tränen und einer grösseren Geschichte verbunden. Aber die drei hatten es wirklich sehr gut zusammen. Ja, wir waren eine schöne fünfköpfige Familie, wirklich.
Chrige: Bis dann der 29. April 2018 kam. Florian war neuneinhalb Jahre alt. Und das war der Tag, an dem ihr das Morphium zum ersten und zum letzten Mal gebraucht habt. Magst du von diesem Tag erzählen, vielleicht auch davon, wie es ihm schon ein paar Tage vorher gegangen ist?
Susanne: Ja. Ich muss vielleicht noch etwas vorausschicken, weil ich das sehr wesentlich finde. Florian und wir wohnten im Kanton Schwyz, in Arth. Dort gab es keine Möglichkeit, dass er eingeschult wird. Wir haben es im Kindergarten noch versucht. Das war ein sehr, sehr schwieriges Thema. Danach kam er in Luzern in die Schule, in die Rodtegg. Das ist eine spezielle Schule für körperbehinderte Kinder. Dort gibt es auch ein Wohnheim, und seine Klasse organisierte ein Schullager. Als wir das Gespräch hatten, sicher fast anderthalb Jahre im Voraus, erhielten wir diese Information. Danach liessen wir das nach und nach einfliessen und sagten zu Florian, dass sie dann in ein Lager gehen würden. Vom ersten Moment an, als er das Wort Lager hörte, sagte er, er gehe ganz sicher nicht. Für ihn war so klar wie das Amen in der Kirche, dass er nicht in dieses Lager geht.
Chrige: Konnte er auch sagen, warum?
Susanne: Mit der Zeit konnte er es benennen. Es ging um das Schlafen. Florian hat seit der Diagnose immer bei uns im Bett geschlafen, weil er sich nicht selbst drehen konnte. Er konnte sich nicht an der Nase kratzen. Er konnte die Füsse nicht nach vorne strecken, sie nicht hochnehmen, nicht auf die Seite legen und sich nicht in die Decke kuscheln, so wie wir das machen. Darum nahmen wir ihn zu uns ins Zimmer, zu uns ins Bett. Mit der Zeit stellten wir ein grösseres Bett dazu, also ein Doppelbett und ein Einzelbett, damit wirklich alle Platz hatten. Er wurde ja auch grösser. So hatten wir auch eine bessere Schlafqualität. Und er sagte, er schlafe ganz sicher nicht allein. Da haben wir zu spät reagiert. Vielleicht etwa vier Monate vor dem Lager habe ich mit der Schule und mit der Spitex der Schule, also mit der Pflege, abgeklärt, ob ich doch hingehen kann. Das Lager war in Einsiedeln. Der Plan war, dass ich jeweils um neun oder zehn Uhr, je nach Abendservice, hinaufgehe, bei ihm schlafe und am Morgen um sieben wieder gehe. Ich wäre einfach in der Nacht bei ihm gewesen.
Chrige: Das wäre der Plan gewesen.
Susanne: Das wäre der Plan gewesen. Meiner Meinung nach waren wir damit zu spät.
Chrige: Zu spät, um es Florian zu sagen.
Susanne: Oder es wurde einfach zu spät richtig thematisiert. Das ist eines der wenigen Dinge, bei denen ich denke, verflixt, das hätten wir anders machen müssen. Genau. Dann war Freitag, der 27. April. Er kam von der Schule nach Hause.
Chrige: Und das war das Wochenende vor dem geplanten Lager, in das er am Montag gegangen wäre.
Susanne: Genau. Das Lager hätte am Montag begonnen, ich glaube, am 30. April. Er kam von der Schule nach Hause, etwa um vier oder halb fünf. Er hatte ein wenig Husten, aber nicht schlimm. Wir hatten anderes erlebt, zum Beispiel im Januar davor, als er wirklich drei Tage zu Hause lag und nicht mehr ansprechbar war. Er war wie ohnmächtig oder in einem tiefen Schlaf. Man konnte nicht mit ihm reden. Drei volle Tage, wirklich wie im Koma. Und am Mittwochmorgen machte es plötzlich klick. Ich sagte zu ihm, er solle schauen, das Gotti sei dort hinten. Da öffnete er die Augen. Das kannst du dir nicht vorstellen. Da war er wieder da. Da war irgendetwas.
Chrige: Wirklich?
Susanne: Es war heftig, wirklich. In diesen drei Tagen wussten wir einfach nicht, was passiert.
Chrige: Ja. Und das war etwa ein Jahr vorher?
Susanne: Nein, das war etwa vier Monate vorher.
Chrige: Ach, vier Monate.
Susanne: Genau, das war im Januar.
Chrige: Aber dort war es gefühlt sehr schlimm, und ihr habt drei Tage lang nicht gewusst …
Susanne: Ja, wir waren völlig erschöpft. Wir wussten wirklich nicht, was mit ihm geschieht. Und dann war er plötzlich wieder da, und alles war wieder gut. Aber so war Florian. Nach jeder Reanimation haben wir gemerkt, dass es ist, als würde man fünf Marathons laufen. Man macht weiter und weiter. Es kommt kein Ziel, es ist unglaublich anstrengend, aber man läuft weiter.
Chrige: Ja, und das eigene Kind zu reanimieren. Da kommt natürlich auch noch die emotionale Komponente dazu.
Susanne: Genau. Ich hatte danach immer einen Hungerast. Ich brauchte danach immer etwas Deftiges, etwas Zucker, und dann war ich fix und fertig. Aber natürlich erst, wenn er im sicheren Hafen war, wenn ich wusste, dass die Spitex nach ihm schaut. Erst dann konnte ich mich gehen lassen. Es lief immer nach dem gleichen Muster.
Chrige: Und an diesem neunundzwanzigsten oder achtundzwanzigsten …
Susanne: Oder eben am siebenundzwanzigsten, als er mit Husten von der Schule nach Hause kam. Er fragte, ob er beim Grossi schlafen dürfe. Die Schwiegereltern wohnten direkt nebenan. Wir sagten, ja, sicher. Das bedeutete für uns auch wieder eine ruhige Nacht. Wir konnten schlafen. Am Morgen war es dann zum ersten Mal so, dass uns der Schwiegervater aus dem Bett holte und sagte, wir müssten kommen, es sei nicht gut. Wir gingen hinüber und machten einen Therapieblock auf dem Ball, mit Inhalieren und noch mehr Physiotherapie, damit das Sekret herauskam und die Atemwege frei wurden. Das war sehr wichtig.
Chrige: Und auch das hattet ihr vorher schon x-mal gemacht. Also das allein reichte noch nicht.
Susanne: Ja. Und die Schwiegermutter brauchte uns auch einfach als Unterstützung, damit sie nicht allein war. Das ist total legitim. Es war wirklich gut, dass wir zu dritt dort waren. Zu viert, mit dem Schwiegervater, genau. Danach merkten wir aber, dass ihn das auch ein wenig mitgenommen hatte. Wir gingen wieder zu uns ins Haus, in sein Zimmer. Dort hatten wir das Pflegebett, alle Medikamente, und dort waren wir einfach sehr gut eingerichtet. Wir hatten eine kleine Intensivstation zu Hause, mit Medikamenten. Wir hatten Morphin auf Vorrat, wir hatten Antibiotika auf Vorrat.
Chrige: Sehr gut ausgerüstet, ja.
Susanne: Ja, absolut. Dann war Samstag, und es gab noch eine ganz wunderbare Geschichte. Wir hatten eine Spitex-Frau, Vreni. Sie hatte eine Operation gehabt und war drei oder vier Monate ausser Gefecht gewesen. Sie konnte nicht kommen. Am Samstagnachmittag kam sie mit ihrem Mann ins Restaurant, um etwas zu trinken, und sagte, sie hätte Florian besuchen wollen. Wir sagten, das sei nicht so einfach, er sei oben. Dann ging sie hinauf, und die beiden redeten und fachsimpelten wieder, wie sie es immer gemacht hatten. Danach ging sie wieder. Florian war oben geblieben, er mochte nicht hinunterkommen. Es war sehr herzig, aber wir dachten uns nichts dabei. Dann ging der Tag zu Ende. Patrick und ich teilten uns auf und überlegten, wie wir die Nacht machen könnten. Wir bekamen keine Spitex. Also mussten wir schauen, wie wir die Nacht gemeinsam abdecken konnten. Wir sagten, gut, am Anfang bleibt Patrick bei Florian im Zimmer.
Chrige: Also wenn es ihm ganz schlecht ging, habt ihr ihn in seinem Zimmer betreut.
Susanne: Ja, genau. Dort hatten wir den Ball, die Medikamente, alles. Nicht so knapp abgezählt wie bei uns hinten. Wenn er inhalierte, musste er auf den Ball. Man konnte nicht nur inhalieren und das Sekret verflüssigen. Man musste es auch herausbringen.
Chrige: Mit dem Ball meinst du eine Art Gymnastikball, auf dem ihr …
Susanne: Genau, diese Bälle, die früher einmal so ein Boom waren und auf denen man im Büro sass.
Chrige: Genau, ja, die grossen.
Susanne: Die grossen. Wir hatten so einen Ball, auf dem 1.80 stand. Wir konnten daneben stehen, und Florian war auf dem Ball ungefähr auf unserer Bauchnabelhöhe. Das war sehr gut zum Arbeiten. Wir konnten das Zwerchfell nicht direkt mit den Händen stimulieren, sondern von aussen arbeiten. Man drückt den Brustkasten zusammen und zittert mit den Händen ein wenig, dann löst sich das Sekret. Er lag auf dem Bauch, man konnte ihn drehen und immer wieder hinauf- und hinunterbewegen. Und man konnte auch Blödsinn machen. Man konnte dort schmusen, reden, Radio hören.
Chrige: Ja, es war also auch das Zimmer, in dem ihr in diesen schwierigen Momenten, wenn es ihm so schlecht ging, besser ausgerüstet wart.
Susanne: Ja, alles war auf einer guten Höhe. Ich hatte mit Patrick abgemacht, dass er bis vier Uhr schläft. Er war ja bei Florian im Zimmer auf einer Matratze. So musste er für die Therapien nicht immer wieder durch die ganze Wohnung. Er schlief bei ihm und übernahm die Therapieblöcke, und ich wäre um vier Uhr gekommen. Ich schlief bei mir im Bett. Rahel war auch nicht in der Wohnung, und Jana schlief bei den Schwiegereltern im anderen Haus. Um drei Uhr wurde ich wach, ich weiss auch nicht warum. Ich dachte, ich gehe jetzt doch hinüber, dann kann ich Flo übernehmen, und Patrick kann schlafen. Als ich dort ankam, waren sie gerade mitten in einem Therapieblock. Ich sagte, ich übernehme. Er sagte, nein, geh du nochmals liegen, du bist auch froh um diese Stunde. Und diese Stunde nimmt man natürlich gern. Man wusste ja nicht, was noch kommt. Sonst wäre ich selbstverständlich geblieben. Ich ging also nochmals ins Bett. Wir hatten aber alle Türen offen, alle Zimmertüren, falls jemand Unterstützung braucht. Dann schlief ich, und auf einmal hörte ich Patrick. Er rief nach mir, er rief nach Florian. In diesem Moment wusste ich, jetzt kommt es knüppeldick. Ich bin durch die ganze Wohnung gerannt, die Treppe hinauf. Ich hörte nur, wie er rief, Florian, Florian, Florian, bleib da. Da wusste ich sofort, dass es nicht gut kommt. Wir haben wirklich alles versucht. Er hatte inhaliert, und während des Inhalierens hat Florian einfach zugemacht. Patrick war am Ballon, und wir versuchten, ihn abzusaugen. Wir waren sehr laut. Wir riefen, Florian, bleib da. Florian, wir haben dich gern. Bleib da, geh nicht. Du bist alles für uns. Wir schwankten zwischen der Hoffnung, dass er uns hört, dass er es aufnimmt und nicht stirbt, und gleichzeitig wollten wir ihm diese Botschaft mitgeben, dass er so wichtig für uns ist und dass wir ihn nicht loslassen wollen. Du bist alles für uns, wir lieben dich über alles, und wir wollen dich nicht loslassen. Es war eine Mischung aus all dem. Rahel kam dann auch gerannt. Das geht nicht leise, wenn man jemanden reanimiert. Das ist kein Schweigen. Das geht nicht Hand in Hand, während alle ruhig bleiben und einfach ihre Aufgabe machen.
Chrige: Nein, es ist ein Kampf ums Überleben.
Susanne: Genau. Rahel kam, und wir sagten zu ihr, sie solle Grossi und Dada holen. Das bewundere ich sehr. Sie lief morgens um drei oder vier Uhr in der Nacht ums Haus und läutete Sturm. Sie kamen dann, und dann haben wir wirklich alle miteinander versucht …
Chrige: Und Jana ist nicht aufgewacht?
Susanne: Jana blieb bei ihnen in der Wohnung im Haus und schlief weiter, was auch völlig in Ordnung war. Sie war damals im Kindergarten. Es ist sehr schwierig, die Zeit einzuschätzen. Eine Stunde, vierzig Minuten, ich weiss es nicht. Wir haben bewusst nicht 144 angerufen, weil wir wussten, dass die Polizei und die Spurensicherung kommen, wenn 144 kommt und er stirbt. Wir haben einen Freund, der bei der Polizei arbeitet, und er hatte uns immer gesagt, wir sollten das, wenn es irgendwie geht, nicht machen. Auch die Kinderärztin hatte gesagt, wir sollten es nicht machen. Und wir haben es nicht gemacht, obwohl ich ein paar Mal wirklich kurz davor war. Irgendwann merkt man einfach, dass es vorbei ist.
Chrige: Und das Morphium habt ihr dann auch irgendwann in diesem Prozess … Da funktioniert man einfach.
Susanne: Ich habe es genommen. Es war wie das Einzige, was ich tun konnte, um ihm die Angst zu nehmen. Aber es lähmt tendenziell natürlich auch eher die Atmung. Ich sage nicht, dass … Es ging einfach darum, ihm die Angst zu nehmen. Ich weiss nicht, ob ich zu spät war. Davon gehe ich im Moment aus. Es ist, wie es ist. Er ist in der Nacht von Samstag auf Sonntag zu Hause gestorben. Einer der ersten Sätze, die wir gesagt haben, war, dass du nicht ins Lager gehst morgen. Und einmal mehr hat er seinen Kopf durchgesetzt.
Chrige: Ja, sehr berührend.
Susanne: Ja, und es hat uns auch wieder ein Lächeln ins Gesicht gezaubert. Wir dachten, Florian, du Lauszapfen, du hast wieder gewonnen. Ja, und danach kam alles. Wir waren traurig, aber wir waren nie wütend aufeinander. Das war nie ein Thema. Nie, wirklich nie. Dann haben wir ihn aufs Bett gelegt. Wir haben Jana geholt und ihr gesagt, dass Florian ein Engeli geworden ist. Kurz danach, als wir ihn aufs Bett gelegt hatten und klar war, dass es jetzt vorbei ist, habe ich das Fenster geöffnet. Ich hatte das Gefühl, seine Seele müsse weiter. Gerade Florians Seele, die so quirlig und zappelig war, das war sein Naturell, so war er als Mensch. Ich wusste, sie muss hinaus, sie muss weiter.
Chrige: Jetzt ist er frei.