Stephi: Ja. Man verändert sich, oder? Das Leben verändert sich, die Sicht auf das Leben verändert sich, und man selbst verändert sich auch, wenn man so etwas durchmachen musste. Man ist nicht mehr derselbe Mensch wie vorher. Das ist einfach so, ja. Musstet ihr euch anhören, dass ihr ja noch jung seid und noch einmal ein Kind haben könnt? Haben euch Leute das gesagt? Das musstet ihr nie hören?
Simona: Nein, daran kann ich mich gar nicht erinnern. Für uns war auch ein Stück weit klar, dass die Familienplanung abgeschlossen war. Also ja, für uns ist …
Stephi: Ihr habt sozusagen zwei gesunde Kinder, oder?
Simona: Genau, ganz genau. Ja, es ist gut so.
Stephi: Ja. Das war im Krispi schon ein Thema, als Nicholas sagte, wir müssten noch einmal ein Kind bekommen.
Stephi: Dieser Impuls kam also eigentlich, als die Diagnose da war. Wir sagen immer, es ist der Verlust des Kindes, der unglaublich schmerzt. Aber es ist auch die Zukunft, die einem genommen wird. Das Lebensmodell, das man sich aufgebaut hat.
Simona: Ja. Für mich war es aber so, dass ich dachte, oh nein, was bringst du da für eine Idee? Erstens wussten wir damals noch nicht, welche Therapien auf uns zukommen würden oder was überhaupt auf uns zukommt. Für mich war einfach klar, dass ich mich mit dieser Idee nicht anfreunden konnte.
Stephi: Ja, so weit weg war das damals noch.
Simona: Ja, nein. Und dann war es erst einmal gut, sage ich mal. Nachdem Tiia gestorben war, kam das Thema bei ihm wieder auf.
Stephi: Er hatte also eher das Gefühl, er hätte gerne noch einmal …
Simona: Mhm. Und ich glaube, es war nicht einmal egoistisch auf ihn bezogen, sondern es ging eben um dieses Familienbild, wie du es vorher gesagt hast.
Stephi: Mhm. Es ist zusammengerückt.
Simona: Genau. Und er sagte auch immer, weisst du, für Liva. Und ich dachte immer, ja, okay. Ich konnte mich in diesem Moment wirklich nicht mit dem Gedanken anfreunden. Wirklich nicht. Für mich war es dann im Spätsommer 2022 so, dass ich dachte, ja, es wäre schon schön. Und sie war wie so …
Stephi: Sie ist im Juli gestorben.
Simona: Genau, im Juli. Sie ist Anfang Juli, am 7. Juli, gestorben.
Stephi: Und ein paar Wochen später hattest du dann das Gefühl, ach …
Simona: Genau, ja. Es würde passen, jetzt auch für mich. Nicht nur für das Familienbild, sondern wirklich auch für mich. So kam das dann ein wenig in Gang.
Stephi: Ja, logisch. Hattest du Angst, dass Liva auch einen Hirntumor haben oder krank sein könnte?
Simona: Bei der Diagnose wurde gleich gesagt, dass es nicht genetisch sei. Also, weisst du …
Stephi: Das ist einfach wie …
Simona: Bei den Kindern, die diesen Tumor haben, kann man nichts zurückverfolgen. Das war schon sehr beruhigend. Was auch noch dazukommt, ist diese Art von Vergleich, die manche Leute machen. Das finde ich sehr schwierig. Wenn sie zum Beispiel sagen, schau mal, wie Tiia, oder …
Stephi: Ja, ja. Sie machen das jetzt bei Liva.
Simona: Genau. Sie sehen sich immer ähnlicher. Ja, und dann schaut man manchmal schon genauer hin. Nicholas hatte grosse Ängste, dass Liva etwas passieren könnte.
Stephi: Ich habe das Gefühl, das schwingt nachher bei einer neuen Schwangerschaft mit. Oder nicht? Man verbindet es damit. Jetzt kommt wieder ein Kind. Wir sagen also ja zu einem Leben. Und damit sagen wir auch wieder ja dazu, es allenfalls in den Tod zu begleiten. Er hat es ja erlebt. Es kann ja passieren. Und darüber macht man sich vorher, wenn man Kinder möchte, gar keine Gedanken.
Simona: Nein.
Stephi: Aber wenn man es erlebt hat, macht man sich in einer neuen Schwangerschaft diese Gedanken und hat diese Ängste. Oder hattet ihr das gar nie?
Simona: Doch, schon. Ich habe in der Schwangerschaft auch zusätzliche Tests machen lassen. Genau aus diesem Grund. Und der Gedanke kommt während der ganzen Schwangerschaft immer wieder, ob wirklich alles in Ordnung ist. Wie geht es mir, wenn er auf die Welt kommt und etwas nicht stimmt? Ich glaube, durch den Tod sind in mir Kräfte entstanden, geboren oder geweckt worden, um alles sehr realistisch zu sehen.
Stephi: Mhm. Ja, man ist nicht mehr auf dieser rosaroten Wolke. Man übersieht nichts mehr. Was soll denn schon passieren, wenn man gesunde Kinder hat?
Simona: Genau, ganz genau. Ich glaube, man geht auch mit einer gewissen Gleichgültigkeit durchs Leben. Gleichgültigkeit ist vielleicht das falsche Wort, aber im Sinn von, wir haben die Krankheit und den Tod miteinander überlebt. Was soll noch Schlimmeres kommen?
Stephi: Ja, das ist so. Man fühlt sich so. Ich weiss, was du meinst. Man hat keine Superkräfte, aber … Wie beschreibt man das? Man hat auch das Gefühl, jetzt kann nichts mehr passieren. Wenn ich das erlebt habe, dann haut mich nichts mehr um.
Simona: Ja, genau. Genau, so in diesem Stil. Ja, nach dem Motto, wir wünschen uns ein weiteres Kind.
Stephi: Und was auch immer du uns bringst, wir schaffen es. Wolltest du das Geschlecht wissen? War das in der Schwangerschaft für dich wichtig, um dich darauf vorzubereiten, was später auf dich zukommt? Oder nicht?
Simona: Bei den Mädchen haben wir es auch gewusst, bei beiden. Bei ihnen erfuhren wir es aber erst etwa in der Mitte der Schwangerschaft, oder eher spät, würde ich sagen. Nicholas sagte immer, er sei ein Mädchen-Papi. (lacht) Da macht man sich gar keine weiteren Gedanken. Als ich mit Olivia schwanger war, fand ich eigentlich, die Frauenärztin müsse gar nicht nachschauen, weil er ja sowieso nur Mädchen könne. Also, in Anführungszeichen, nur Mädchen. Weil ich aber diesen Zusatztest machen liess … Wann macht man den? In der zwölften Woche, glaube ich. Die Frauenärztin sagte, sie müsse auf dem Laborbericht ankreuzen, was alles untersucht werden soll. Man könne auch das Geschlecht jetzt schon bestimmen lassen. Für mich war das klar. Ja, sowieso. Nicholas war in dieser Zeit in einem Nebenraum am Telefonieren. Ich sass im Labor, weil mir Blut abgenommen wurde, und sagte einfach Ja. (lacht) Danach dachte ich, oh nein, habe ich jetzt einen Fehler gemacht? Nicholas war, wie gesagt, in einem Nebenräumchen am Telefonieren. Als ich aus dem Labor kam, sagte ich ihm, ich hätte jetzt einfach gesagt, sie sollen das Geschlecht bestimmen, und ich hätte unterschrieben. Ich fragte ihn, ob das für ihn in Ordnung sei. Er sagte, ja, ja, das sei alles gut. Ich weiss nicht mehr genau, doch, ich glaube, es dauerte etwa zehn Tage, bis sie das Resultat hatten. Dann rief sie mich an und sagte, es sei alles gut, nichts sei auffällig. Ich sagte, ja, das ist ja super. Sehr schön. Und das andere, das Geschlecht? Sie fragte, ob wir es wissen wollten. Ich sagte, ja, sicher wollten wir es wissen, ich hätte das ja von Anfang an gesagt. Dann sagte sie, es werde ein Bub.
Stephi: Das hat dich überrascht.
Simona: Ich war völlig sprachlos. Wirklich. (lacht)
Stephi: Ja, du warst auf ein Mädchen eingestellt.
Simona: Ja, es war nicht negativ oder so. Gar nicht. Aber was? Wir? Ein Bub? Später rief ich Nicholas an und sagte ihm, sie habe angerufen, es sei alles gut. Er sagte, ja, okay, das interessiere ihn nicht einmal so sehr. Was denn mit dem anderen sei, mit dem Geschlecht? Und dann sagte ich, du, ja, wir können alles neu kaufen.
Stephi: Das ist süss. (lacht)
Simona: Danach hörtest du gefühlt eine Minute lang nichts mehr. Wir mussten uns zuerst damit anfreunden. Im Nachhinein muss ich sagen, es musste wohl einfach so sein. Wir hatten nicht noch einmal einen direkten Vergleich. Auch mit der ganzen Krankheit und allem. Es ist jetzt ein anderes Geschlecht. Es ist jetzt anders.
Stephi: Es kommt jetzt ein neues Kind.
Simona: Genau.
Stephi: Hattest du Angst, dass das Baby ihr den Platz wegnimmt?
Simona: Nein.
Stephi: Gar nie?
Simona: Nein.
Stephi: Hattest du diese Angst in der Schwangerschaft nie?
Simona: Nein. Ganz am Anfang war das einmal ein wenig Thema. Da kamen auch solche Gedanken auf, auch im Zusammenhang mit der Familie und den Verwandten. Ich dachte dann, hey, nein. Nicht, dass sie jetzt einfach denken, na ja, jetzt haben sie wieder ihre zwei Kinder.
Stephi: Mhm, also so nach dem Motto …
Simona: So ein Ersatz.
Stephi: Jetzt ist mit der Schwangerschaft wieder alles gut.
Simona: Ja, genau. Ganz genau. Das hat sich dann wirklich stark auf die Schwangerschaft verlagert. Und jetzt ist es vielleicht wieder ein bisschen Thema, wenn auch eher klein.
Stephi: Ja, jetzt, wo er da ist.
Simona: Nicht einmal unbedingt in der Familie.
Stephi: Ja, aber bei Fremden.
Simona: Ja, genau. Bei Aussenstehenden. Ich finde, es gibt verschiedene Schubladen. Die einen leben völlig mit uns mit, sage ich jetzt einmal, und wissen, dass Leevi kein Ersatz ist. Dann gibt es jene, die vielleicht nicht so genau wissen, wie sie damit umgehen sollen oder weshalb wir jetzt nochmals ein Kind haben. Und dann gibt es wirklich die, wobei man sie an einer Hand abzählen kann, die finden, jetzt habt ihr ja zwei Kinder. Das finde ich für mich sehr zermürbend.
Stephi: Mhm. Jetzt ist es wieder gut, ja.
Simona: Wir haben nicht zwei Kinder, wir haben drei Kinder. Und das bleibt so, ein Leben lang. Ja, das ist schon besonders.
Stephi: Das hatte ich auch in der Schwangerschaft. Ich glaube aber, dass diese Emotion bei mir etwas stärker war als bei dir. Ich hatte immer das Gefühl, ich müsse mich rechtfertigen, wenn ich sage, dass ich schwanger bin. Es ist aber kein Ersatz, und deshalb ist es nicht wieder gut. Ich habe das wirklich oft gesagt und hatte das Gefühl, ich müsse mich rechtfertigen.
Simona: Wenn du sagst, es sei nicht wieder gut, dann hat das bei mir vielleicht schon viel früher angefangen. Auch dort gibt es sehr viele Menschen, sei es im Freundeskreis, in der Familie oder anderswo, die finden, jetzt komme ja wieder der normale Alltag. Jetzt sei es ja wieder gut. Und ich finde, nein. Er begleitet uns ein Leben lang. Wir haben wieder glückliche Stunden, glückliche Momente. Wir können wieder lachen. Aber trotzdem begleitet es uns ein Leben lang. Und nichts ist mehr so, wie es einmal war. Auch für uns ist es nicht mehr normal. Wir haben jetzt eher einen neuen normalen Alltag. Das finde ich schon sehr besonders. Ich glaube, das hat mich auch ein Stück weit dazu gebracht, es im Leben nicht allen recht machen zu wollen. Schau auf dich, schau auf deine Familie und grenze dich klar ab. Ich habe das Gefühl, solche Dinge machen es einem noch schwerer. Weisst du, das zermürbt einen. Es ist ein elendes Kopfkarussell.
Stephi: Ja, das ist wirklich so. Neben dem Schmerz, neben dem Verlust und neben dem neuen Kind, das so viele Emotionen auslöst, muss man auch noch die Gesellschaft ein Stück weit mittragen. Oder die Menschen, die einem das Gefühl geben, jetzt müsse es aber wieder gut sein.
Simona: Genau. Und dann fragt man sich, wann es denn wieder gut sein muss.
Stephi: Man muss gewissermassen auch noch Erwartungen erfüllen. Und darunter leidet man, wenn man so etwas erlebt hat. Ja, das ist definitiv so. Wie geht es dir heute mit Leevi? Ich sage immer, als Kiana auf die Welt kam, hatte ich unglaublich Angst vor diesem Moment. Bei uns war es das gleiche Geschlecht. Schon diese Angst ist wieder enorm, und es löst auch wieder sehr viel aus. Ich hatte Angst, dass ich sie nicht annehmen kann. Ich hatte wirklich grosse Angst. Und als sie dann da war, war alles weg. Für mich war sie ein neues Geschöpf, und das war heilsam. Es gibt mir Heilung. Es nimmt die Wunde nicht weg.
Simona: Nein, nein.
Stephi: Und der Schmerz bleibt. Aber wie du sagst, es gibt wieder etwas mehr Lebensfreude, eine neue Aufgabe. Es ist heilsam.
Simona: Ja, genau. Ich glaube, ich empfinde das ziemlich ähnlich. Weil Liva erst zwei ist, ist es recht anstrengend, würde ich sagen. Der Abstand von Tiia zu Liva betrug knapp drei Jahre. Tiia war sehr gemütlich. Sie hat sehr viel und sehr gut allein gespielt. Liva ist jetzt vier Jahre jünger, wenn das Geschwisterchen kommt. Sie spielt sehr gern Baby, das hat sie schon vorher gemacht. Und sie vergleicht es dann immer mit dem Baby, weil es so klein ist. Dann drückt sie es und macht und tut. Sie meint es sehr herzig, aber es ist eben ein echtes Menschlein und keine Puppe. Dadurch ist es eher anstrengend. Auf der einen Seite hatte ich auch grosse Angst. Auf der anderen Seite bin ich völlig erwartungslos darauf zugegangen. Ich nehme es, wie es kommt.
Stephi: Mhm. Das hast du wirklich gelernt, nicht? Dass du es nimmst, wie es kommt. Durch den Prozess mit Tiia.
Simona: Ja, ich glaube schon.
Stephi: Du hast gelernt, dass du im Leben nicht alles im Griff hast. Du nimmst es, wie es kommt.
Simona: Ja, wirklich. Diese Erwartungslosigkeit hat mir, glaube ich, sehr geholfen. Als er dann auf der Welt war, habe ich auch immer gedacht, dass es wirklich das gleiche Gefühl ist wie damals bei den Mädchen.
Stephi: Mhm. Vielleicht auch, weil es ein Bub ist.
Simona: Ja, auch das. Und eben nach diesem ganzen Schicksalsschlag und allem. Es war wirklich leicht. Es war sehr schön. Und wie du sagst, diese Schale voller Angst ist dann weggefallen. Sie war wie ausgeleert. Auch jetzt kommt manchmal kurz der Gedanke auf, dass ihm nichts passieren darf. Natürlich darf Liva auch nichts passieren. Aber emotional hat mich das nicht heruntergezogen. Überhaupt nicht. Bei der Anmeldung im Spital habe ich einen kleinen Brief beigelegt und unsere Geschichte kurz erklärt, damit sie ein wenig Bescheid wissen. Das war sehr spannend.
Stephi: Wie sie darauf reagiert haben. Hast du das Gefühl, dass sie anders waren?
Simona: Ja. Einige, ob Hebamme, Ärztin, Arzt oder Pflegefachperson, fanden einfach keinen Zugang zu diesem Thema. Sie wussten nicht, wie sie es ansprechen sollten. Andere waren genau das Gegenteil.
Stephi: Was war dir lieber?
Simona: Ich glaube schon die, die auf einen zukommen. Und nicht so tun, als wäre nichts. Man hat gemerkt, wenn es gespielt war.
Stephi: Ja, das merkt man.
Simona: Furchtbar, ja. Es tut …
Stephi: Ja, es tut einem leid. Dass man Menschen nur durch die eigene Anwesenheit in so eine Situation bringt.
Simona: Auch die Hebamme, die bei uns das Wochenbett gemacht hat, war sehr speziell. Bei den Mädchen hatte ich im Wochenbett dieselbe Hebamme. Damals fand ich schon, dass man beim dritten Kind vieles lockerer nimmt. Irgendwann kam dann der Moment, in dem ich wieder eine Wochenbetthebamme brauchte. Es war aber von Anfang an klar, dass ich nicht die Hebamme nehmen würde, die ich bei den Mädchen gehabt hatte. Einfach, um dieses Kapitel irgendwie …
Stephi: Abzuschliessen.
Simona: Genau, abzuschliessen. Ich habe dann gar nicht lange überlegt. Das ist sehr spannend. Eine Hebamme, die im Gebärsaal im Spital arbeitet, hat Tiia auf die Welt gebracht. Sie war also bei Tiias Geburt dabei. Bei Liva war sie einmal kurz dabei, bei der Geburt selbst schliesslich aber nicht. Und sie kam mir wirklich wie ein Blitzgedanke in den Sinn. Da fand ich, ich frage einmal sie. Ich habe sie dann angefragt, und sie hat ohne Weiteres gesagt, ja, wieso nicht. Ihr bin ich so dankbar. Sie hat das so unkompliziert und völlig locker genommen. Sie hat das Thema nicht ausdrücklich angesprochen, aber doch gewisse Fragen gestellt. Diese Mischung fand ich sehr schön.
Stephi: So ein natürlicher Umgang.
Simona: Ganz genau. Das habe ich sehr geschätzt. In dieser Zeit, in der sie uns besuchen kam. Man konnte die Ängste noch einmal teilen. Und sie hat eben einmal etwas dazu gefragt und nicht einfach gedacht, sie frage lieber nicht.
Stephi: Ja, genau. Aber auch nicht zu viel, oder?
Simona: Genau, völlig im Rahmen.
Stephi: Schön. Was würdest du Eltern mitgeben, die in einer ähnlichen Situation sind? Gibt es etwas, von dem du sagst, das sei euch sehr wichtig gewesen, oder das würdet ihr anders machen, oder das würdet ihr wieder genauso machen? Menschen sind individuell, und jeder macht es anders. Aber ich finde es manchmal schön zu hören, was jemandem sehr wichtig war oder was jemand als schön empfunden hat, weil diese Möglichkeit da war.
Simona: Ich glaube, das Wichtigste … nein, ich weiss es. Für mich ist das Wichtigste wirklich, realistisch zu bleiben. Und es nicht schönzureden oder nicht wahrhaben zu wollen. Das haben wir in unserem Umfeld auch erlebt. Ich war von Anfang an sehr realistisch. Nicholas eigentlich auch. Bei ihm kam einfach noch ein wenig Verzweiflung dazu. Das liess es bei ihm nicht richtig zu. Aber es gab im Umfeld viele Menschen, die es nicht realistisch sehen konnten. Und das macht alles viel schwieriger. Viel schwieriger. Das finde ich sicher sehr wichtig. Und dass man ein wenig egozentrisch wird. Dass man sich Hilfe holt und Hilfe annimmt. Das war für mich das Schlimmste. Nicht mehr eigenständig zu sein, nicht mehr schalten und walten zu können, wie ich es gewohnt war. Meine Schwester und mein Schwager sind hierhergezogen. Sie wohnen keinen Kilometer von uns entfernt. Sie sind schon hierhergezogen, als wir noch am alten Ort gewohnt haben. Schon vor dem Umzug haben sie eigentlich bei uns gewohnt und den ganzen Alltag übernommen.
Stephi: Wunderschön. Und auch für sie war es nicht einfach.
Simona: Ja, sehr. Irgendwann kam der Zeitpunkt, an dem wir merkten, dass der Fokus zwar schon bei den Kindern lag, aber noch viel klarer und ungestörter bei ihnen liegen musste. Deshalb haben wir den Hund in die Hundepension gegeben. Und Liva hat die letzten zehn Tage, oder fast zwei Wochen, in denen Tiiana noch gelebt hat, bei meinen Eltern gewohnt. So konnten wir wirklich bei Tiiana sein. Ich habe Livas Schreien irgendwann nicht mehr ertragen und fand, dass wir auch sie schützen mussten. So konnten wir den Fokus ganz auf Tiiana richten. Aber es braucht sehr viel Mut, so viel Hilfe anzunehmen und …
Stephi: Ja, und so bewusst in diese Situation hineinzugehen, oder?
Simona: Ja, genau. Genau.
Stephi: Schön. Ich bin sehr beeindruckt. Ich finde es sehr schön, wie du darüber sprechen kannst. Man kann die Emotionen, die ihr durchgemacht habt, sehr gut nachvollziehen. Und ich finde es schön, dass es euch den Umständen entsprechend gut geht. Dass ihr positiv weitergehen konntet. Vielen, vielen Dank, dass ich hierherkommen durfte.
Simona: Ich danke dir vielmals.
Stephi: Und dass du uns in eure Welt gelassen hast.
Simona: Ich danke dir vielmals. Wie gesagt, ich finde es sehr wichtig, dass es solche Angebote gibt und dass du dich diesem Thema annimmst.
Stephi: Danke.
Simona: Und dass du es ein Stück weit öffentlich machst. Denn ich glaube, erst wenn man so etwas erlebt, merkt man, wie verschlossen alles ist.
Stephi: Mhm. Wie wenig man darüber spricht und wie wenig man es zum Thema macht.
Simona: Ja. Und ich zähle uns da auch dazu. Wir waren vorher auch so.
Stephi: Ja, das geht mir auch so.
Simona: Wie schlimm ist das denn? Ja, das ist ihnen passiert, aber … Gott sei Dank ist es nicht mir passiert.
Stephi: Man ist dann so dankbar.
Simona: Genau. Nicholas und ich haben oft zueinander gesagt, wenn wir irgendeine Doku geschaut haben, Happy Day oder was es alles gibt, mit diesen schlimmen und traurigen Geschichten dahinter, wie schön es ist, dass wir zwei gesunde Kinder haben. Und plötzlich ist es nicht mehr so. Deshalb finde ich es sehr wichtig, hinzuschauen. Auch für betroffene Menschen, für betroffene Eltern, ist es wichtig, dass es Anhaltspunkte gibt, an die man sich wenden kann. Ich musste mich auch selbst auf die Suche machen. Dann habe ich dich gefunden. Dadurch habe ich auch noch zwei, drei andere ganz tolle Frauen kennengelernt. Aber man muss sich selbst darum kümmern. Und diese Kraft muss man zuerst haben. Darum finde ich es sehr schön.
Stephi: Solche Angebote braucht es einfach. Das finde ich auch. Es ist wichtig, hineinhören zu können, wie andere es gemacht haben, wie es ihnen geht, und dass man sich austauschen kann.
Simona: Ganz genau.
Stephi: Zum Glück ist unsere Welt ja eine kleine Welt. Es gibt zum Glück nicht viele Mamis und Papis von Sternenkindern. Und trotzdem gibt es sie. Man darf es nicht vergessen. Vielen Dank.
Simona: Ich danke dir vielmals. Schön, dass du gekommen bist.