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Corina und Christian,verwaiste Elternerzählen

Die Geschichte von Thierry

Corina und Christian erzählen von Thierry, ihrem jüngsten Sohn, und von einem Winterferientag, der alles veränderte. In einem vollen Bergrestaurant, zwischen Familienlachen, Indoor-Spielplatz und Fotos vom gemeinsamen Essen, verschluckt sich Thierry an einem Wienerli. Alles geht unglaublich schnell: kein Husten, keine Vorwarnung – nur plötzlich blaue Lippen, Panik, Hilflosigkeit. Fremde greifen ein, Skilehrer beginnen mit der Reanimation, während Corina und Christian direkt daneben stehen und kaum fassen können, was geschieht. Auch Gregory, der grosse Bruder, erlebt alles mit. Später stellen sich quälende Fragen nach richtig und falsch, nach Verantwortung, nach dem, was man hätte wissen oder tun können. In dieser Geschichte teilen die beiden, wie sie mit diesem unbegreiflichen Verlust weiterleben und wie sie versuchen, Thierry in ihrer Familie lebendig zu halten.

TodesumstandUnfall
Erzählt am11. März 2023
Gesamtlesezeitca. 37 min
Für wen?Betroffene Eltern
TodesumstandUnfall
Erzählt am11. März 2023
Gesamtlesezeitca. 37 min

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Zeitabschnitt

Zeit des Sterbens

Lesezeit ca. 13 min
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Off-Stimme: Berührend, spannend, enttabuisierend. Mein Kind ist tot. Wie weiter? Das ist der Podcast von Stefanie Stadelmann.


Stephi: Jetzt bin ich hier in Appenzell bei der Familie Omlin, bei Corina und Christian. Vielen, vielen Dank, dass ich heute bei euch sein darf. Es ist nicht selbstverständlich, über einen solchen Schicksalsschlag zu sprechen. Ich habe damals über sieben Ecken von euch erfahren, als das mit Thierry passiert ist.

Corina: Über sieben Ecken?


Stephi: Ja. Und als wir später gemeinsam im Wir-Eltern-Heft porträtiert wurden, habe ich mich dann ungefragt bei euch gemeldet, weil es für mich spannend war, euren Artikel zu lesen.

Corina: Wie bist denn du zu Wir-Eltern gekommen?


Stephi: Das ist eine lustige Geschichte. Meine Mutter hat Wir-Eltern eine E-Mail geschrieben und vorgeschlagen, einen Bericht über Alia und über meine Tochter zu machen. Danach ist das Heft erschienen, und ich konnte lesen, was euch passiert ist.

Corina: Okay.


Stephi: Uns verbindet ja fast das gleiche Schicksal, oder? Bei uns ist Alia gestorben, und bei euch Thierry.

Corina: Genau.


Stephi: Erzählt doch einmal, was passiert ist, damit auch die Menschen, die zuhören, wissen, was mit Thierry passiert ist.

Christian: Ja, ich kann das erzählen. Wir waren in den Ferien in Obersaxen, zwischen Weihnachten und Neujahr, in einem Restaurant. Dort gab es einen Indoor-Spielplatz, und danach wollten wir zu Mittag essen. Wir waren etwas später dran als sonst. Wenn viel läuft, kommt man manchmal etwas später rein. Ich dachte, zur eigentlichen Mittagszeit sei sicher viel los, deshalb gingen wir etwas später. Wir kamen ins Restaurant und bekamen gerade noch knapp einen Platz. Dann begann der Kampf darum, wer auf dem Kinderstuhl sitzen darf. Natürlich wollte der Grosse auf den Kinderstuhl. Wir gaben nach und sagten, es sei schon gut. Der Kleine, Thierry, sass dann bei mir auf dem Schoss. Unglücklicherweise bestellten wir zum Mittagessen Wienerli mit Pommes Frittes. Mir war eigentlich bewusst, dass mir einmal jemand gesagt hatte, Wienerli seien ein eher heikles Essen. Das wissen viele nicht, weil Wienerli von der Form her ungünstig sind. Deshalb machte ich mir, als das Essen kam, extra die Mühe, sie klein zu schneiden. Ich schnitt das Wienerli auch längs durch und machte nicht nur Scheiben. Ich hatte etwa zwei Drittel von einem Wienerli geschnitten. Man bekommt ja immer ein Paar Wienerli, und das zweite hatte ich noch nicht geschnitten. Als ich damit fertig war, wandte ich mich meinem eigenen Essen zu. Corina war noch nicht am Platz. Sie hatte noch die anderen Kinder zusammengetrommelt, die Cousins von Thierry und Gregory waren dabei. Als ich mich meinem Essen zuwandte, machte Corina gerade noch Fotos vom Essen bzw. unserer Gruppe. Plötzlich fragte sie, was denn los sei. Ich hatte gar nichts gemerkt. Keine Ahnung. Ich hatte nichts gehört, kein Husten, gar nichts. Dann schaute ich Thierry an, und er reagierte nicht.

Corina: Er hatte schon blaue Lippen.

Christian: Ja, er hatte schon blaue Lippen. Es muss innerhalb von Sekunden passiert sein.


Stephi: Er hat also nie gehustet.

Christian: Nein, nie.


Stephi: Das war wie bei Alia. Alia hat auch nie gehustet. Ich habe gehört, dass sie den Luftballon eingesaugt hat. Aber ich wusste ja nicht, was sie eingesaugt hat. Genau. Ich kam ins Kinderzimmer, und sie hat wirklich nicht gehustet.

Christian: Weil er nicht gehustet hat, wusste ich persönlich in diesem Moment nicht genau, ob es wirklich das war, was ich befürchtete, oder ob noch etwas anderes dahintersteckte. Corina nahm ihn mir dann schnell weg und versuchte, ihm auf den Rücken beziehungsweise auf die Schulter zu klopfen. Vielleicht nicht so fest, weil sie eventuell nicht zu fest klopfen wollte.

Corina: Ja, ich hatte Angst, zu fest zu klopfen.

Christian: Ja, genau. Danach ist im Grunde nichts passiert. Ich wusste wieder nicht, was ich tun sollte und was man in so einer Situation genau machen muss. Ist auf die Schulter klopfen überhaupt das Richtige? Hätte man etwas anderes machen müssen? Das Servierpersonal kam sofort herbeigerannt, nahm Thierry von uns weg und versuchte, kräftiger auf seinen Rücken zu schlagen. Aber auch das nützte nichts. Corina geriet sofort in Panik. Ich geriet nicht direkt in Panik, aber ich wusste auch nicht, was ich tun sollte.


Stephi: Das Restaurant war ja voll?

Christian: Ja, das Restaurant war voll.


Stephi: Haben die Menschen rundherum realisiert, was bei euch geschieht? Ist im Restaurant Panik ausgebrochen oder eher eine Art Schockzustand?

Christian: Nein, es war eher ein Schockzustand. Es hat eigentlich niemand mehr etwas gesprochen.

Corina: Im Gegensatz zu dir mussten wir ihn aber nicht selbst reanimieren. Es gab dort eine Skischulgruppe mit Skilehrern. Sie waren im oberen Stock und kamen herunter, um Kaffee zu bestellen.

Christian: Ja, zufälligerweise war einer von ihnen unten, um Kaffee zu bestellen. Und der hat sofort mit der Reanimation begonnen.


Stephi: Aber ihr wart die ganze Zeit bei ihm, direkt daneben.

Corina: Eigentlich schon, ja.


Stephi: Ihr habt also nicht aktiv reanimiert, wart aber die ganze Zeit dabei.

Corina: Ja, wir waren alle dabei. Und der Grosse (Gregory) auch. So wie bei dir, bei euch. Er war auch dabei. Ich war völlig in Panik. Ich habe nur geschrien. Wir haben gar nicht begriffen, dass wir die Kinder (Cousins von Gregory und Thierry) und Gregory hätten wegbringen sollen.

Christian: Doch etwa nach vier, fünf Minuten schon.

Corina: Ich habe das Gefühl, es war schon etwas länger.

Corina: Dann waren wirklich vier Skilehrer daran, Thierry zu reanimieren.


Stephi: Abwechslungsweise dann.

Corina: Ja, sie haben sich abgewechselt. Ich kann es nicht einmal mehr genau sagen. Einer ist dann etwas früher gegangen, danach waren sie noch zu dritt bei ihm.

Christian: Danach dauerte es sehr, sehr lange, bis der Rettungswagen oben war. Das Wetter war sehr schlecht. Es hat wirklich stark geschneit. Das war auch der Grund, weshalb wir im Indoor-Spielplatz waren. Weil es so extrem schneite, konnte die Rega nicht fliegen, und der Rettungswagen brauchte vermutlich ebenfalls relativ lange. Wir wussten nicht genau, woher er kam. Auf jeden Fall dauerte es sehr lange, bis er da war. Es waren wohl 40, 45 Minuten, bis er wirklich kam.


Stephi: Das ist wirklich lange.

Christian: Ja, bis er wirklich da war.

Corina: Ja, es war wirklich lange.

Christian: Spätestens als der Rettungswagen da war, war für mich zum ersten Mal klar, dass es jetzt vorbei ist. So lange überlebt das niemand, oder? Dann ging es aber relativ schnell, bis die Leute vom Rettungswagen etwas sagten. Zuerst kamen sie und sagten, sie seien jetzt daran, ihn zu reanimieren. Es gebe keine Lebenszeichen. Ein paar Minuten später hiess es, dass sie doch wieder Lebenszeichen hätten. Das Herz schlage wieder.

Corina: Also der Kreislauf war wieder da.

Christian: Genau, der Kreislauf war wieder da, und jetzt gehe es ins Spital.


Stephi: War das dann ein Moment der Erleichterung?

Christian: Ja…


Stephi: Zur Hälfte?

Corina: nicht so ganz.

Christian: Man hatte schon das Gefühl, jetzt weiss man nicht. Man will die Hoffnung sicher nicht aufgeben. Gleichzeitig weiss man natürlich, dass es noch nicht sicher ist, dass er durchkommt. Das Herz ist das eine, das Hirn das andere. In diesem Sinn waren wir sehr unsicher. Wir haben natürlich gehofft. Man kann nicht einfach aufgeben. Wir wurden dann von einem Polizisten ins Spital gefahren. Im Rettungswagen durften wir nicht mitfahren.


Stephi: Ihr durftet nicht im Rettungswagen mitfahren?

Corina: Nein. Im Nachhinein sagten sie uns, es seien deshalb mehr Leute gekommen, weil sie bereits die Meldung erhalten hatten, dass es schlimm sei. Der Intensivarzt kam mit dem Rettungswagen, er war also schon dabei, nicht nur Rettungssanitäter. Dazu kam eine Pflegefachfrau. Sie sagten uns wirklich, dass sie keinen Platz gehabt hätten.


Stephi: Ihr hättet keinen Platz gehabt. Beschäftigt euch das? Wärt ihr gerne mitgefahren?

Corina: Nein, das nicht. Also doch, ich wäre gerne mitgefahren, aber …

Christian: Ja, sicher, wenn wir gekonnt hätten.


Stephi: Aber es ist jetzt nicht so, dass ihr im Nachhinein das Gefühl habt, ihr hättet mitfahren müssen?

Corina: Nein. Nein. Sie haben mir sowieso, wahrscheinlich zu Recht, relativ viel abgenommen, weil ich so in Panik war. Sie haben mir auch gesagt, ich solle nicht hinsehen. Das fand ich eher schwierig. Die Fahrt im Rettungswagen hat mich nie beschäftigt. Nein, das hat mich bis heute nicht beschäftigt.

Christian: Nein, mich auch nicht.

Corina: Ich hatte die Hoffnung aufgegeben. Oben (im Rufalipark) hatte ich schon gefragt, warum man mir mein Kind nimmt. Von daher war es für mich – wohl – schon damals klar, dass es vorbei ist bzw. dass Thierry sterben wird.


Stephi: Klar.

Corina: Ja. Und so ist es bis zum Schluss geblieben.

Christian: Ja. Ich hatte immer das Gefühl, dass du die Hoffnung eigentlich etwas aufgegeben hast. Und genau das wollte ich auf keinen Fall. Ja, so war es halt.


Stephi: Ich weiss, dass ich damals auch so gedacht habe. Ich bin zu den Nachbarn hinausgegangen und habe gesagt, sie sei gestorben. Ich wusste es. Ich wusste es einfach, wollte es zugleich aber nicht wahrhaben.

Corina: Ja, genau.


Stephi: Ich wollte trotzdem, dass sie kämpft. Aber eigentlich wusste ich es.

Corina: Ja. Ich glaube, bei mir war es auch so. Ich habe die ganze Zeit geschrien, Thierry müsse kämpfen. Aber oben (im Rufalipark) hatte ich wirklich das Gefühl, dass es vorbei ist. Meine Eltern und ich stehen uns extrem nahe, wir alle, auch die Jungs. Meine Mutter hatte ja zweieinhalb Tage pro Woche zu ihnen geschaut. Ich sagte dann, sie müssten kommen, weil sie in der Ferienwohnung waren. Mein Bruder, der auch dabei war, sagte ihnen, dass ich sie jetzt brauche. Als sie kamen, hatten wir eigentlich zum ersten Mal schon ein wenig dieses Gefühl. Wir wussten ja, dass man normalerweise zwanzig Minuten braucht von der Ferienwohnung bis nach Obersaxen. Dennoch waren sie vor dem Krankenwagen vor Ort. Mein Vater ist gefahren wie ein «Henker». Irgendwie hatten wir trotzdem das Gefühl, vielleicht kommt noch Sauerstoff ins Hirn, wenn bei ihm sonst nichts ist. Deshalb habe ich schon gehofft.

Christian: Ja, man hofft irgendwie, dass die Reanimation helfen kann. Vielleicht hätten sie noch etwas machen können. Wer weiss?


Stephi: Aber er ist dann ins Spital gekommen?

Corina: Genau, er ist ins Spital gekommen. Dort haben sie fast vierundzwanzig Stunden lang versucht, etwas zu machen. Versucht in dem Sinn, dass sie geschaut haben, was möglich ist. Er war ja völlig unterkühlt. Das ist fürs Hirn eigentlich gut, beziehungsweise wäre gut gewesen.

Christian: Der Arzt war sehr gut.

Christian: Er war wirklich sehr gut. Er hat auch ein wenig Hoffnung gezeigt, aber gleichzeitig gesagt, dass es sehr ernst sei.

Corina: Ja, er war sehr transparent.

Christian: Er war sehr transparent. Aber wir hatten schon das Gefühl, dass er nicht aufgibt, sondern alles versucht.

Corina: Aber er hat von Anfang an gesagt, es sei schwierig. Entweder schafft er es, oder er wäre schwerstbehindert.

Christian: Nein, das hat er nicht gesagt.

Corina: Doch, er hat gesagt, er wäre schwerstbehindert.

Christian: So hat er es nicht gesagt, nein.

Corina: Nein?

Christian: Nein, so hat er es nicht gesagt. Aber es ist gut.

Corina: Doch, ich meine, er hat es so gesagt. Normal wäre er nie gewesen.

Christian: So hat er es nicht gesagt. Aber ja. Er hat einfach von Anfang an gesagt, man wisse nicht, wie das Hirn das übersteht. Zwischen den Zeilen konnte man es schon lesen, aber so hat er es nicht gesagt.


Stephi: Ja, so eine Aussage nimmt man in diesem Moment wahrscheinlich unterschiedlich wahr. Das kann ich mir vorstellen. Ich hatte diesen Moment auch. Ich dachte auch, dass der Sauerstoffmangel Spuren hinterlässt. Auch wenn sie jetzt noch zurückkommen würde.

Christian: Genau. Der Kreislauf und die Werte auf den Geräten sahen eigentlich immer besser aus. Von Stunde zu Stunde sah es von den Werten her eher etwas besser aus. Wir durften im Spital auch schlafen. Wir bekamen dort ein Bett.


Stephi: Oh, schön.

Christian: Ja. Irgendwann in der Nacht sind wir aufgestanden und wieder zu ihm gegangen. Dann hiess es, sie hätten nun eine Hirnstrommessung angeschlossen und würden gar nichts messen. Wir wussten natürlich, dass das sicher nicht gut war. Aber viel mehr wussten wir in diesem Moment auch nicht. Ziemlich genau vierundzwanzig Stunden nach dem Unfall, also einen Tag später, hiess es dann, es gebe ein Gespräch. Wir hatten den Termin mit dem Arzt etwa eine Stunde vorher vereinbart, und eigentlich wussten wir beide, was kommen würde. (lange Pause)

Corina: Ja. Und euch, Stephi, haben sie es schon an der Unfallstelle gesagt, oder?


Stephi: Sie kamen zu uns heraus und sagten, sie seien jetzt seit einer Stunde am Reanimieren.

Corina: Noch einmal eine Stunde danach, oder?


Stephi: Ich hatte ja reanimiert, und nach mir waren sie noch einmal eine Stunde dran. Sie kamen heraus und sagten, sie seien jetzt schon eine Stunde dran, und man müsse eine Entscheidung treffen. Sie hatte ja keinen Kreislauf, gar nichts.


Stephi: Bei ihr lag der Ballon so unglücklich. Man hat ihn nicht einmal gesehen. Wir haben ja dann in die Luftröhre hineingeschaut und alles, aber man hat ihn nicht gesehen. Er war so weit unten.

Christian: Die Ärzte, die gekommen sind, hatten das Wienerli innerhalb von einer Minute heraus.

Corina: Ja, klar.

Christian: Der Rettungswagen hatte es in einer Minute heraus.


Stephi: Wahnsinn.

Christian: Ja, aber dafür musst du die Zange haben und du musst damit umgehen können.


Stephi: Nein, bei uns war es wirklich so, dass auch die Rettungskräfte vor Ort nicht wussten, was mit dem Mädchen los ist. Bei uns war es ein unerklärlicher Kindstod. Es wurde dann auch ein Verfahren wegen unerklärlichem Kindstod eröffnet. Es gab eine Autopsie, und dabei sah man, dass ein Luftballon drin war, mit der Öffnung nach oben. Er hatte alles abgedichtet. Da war man chancenlos. Chancenlos. Bei uns kamen sie wirklich heraus und sagten, wir müssten eine Entscheidung treffen. Wir durften dann noch einmal zu Alia hinein. Sie haben vor uns reanimiert und noch einmal einen Schock ausgelöst. Dann haben wir einander wortlos angeschaut und gewusst, dass wir sie gehen lassen müssen. Wir haben ihr dann auch gesagt, dass sie gehen darf.

Corina: Und wie heisst das grosse Mädchen noch einmal?


Stephi: Malea.

Corina: Sie war da also …


Stephi: Malea war dort nicht dabei. Aber vorher bei allem, ja. Dieser Moment, deinem Kind zu sagen, dass es gehen darf, ist schon … Ja. Diesen Moment hattet ihr ja auch, oder?

Corina: Ja gut, bei uns war das nicht so. Wir mussten uns ja nicht entscheiden.


Stephi: Ja. Gut, bei uns gab es auch keine Entscheidung in diesem Sinn. Aber im Nachhinein finde ich es sehr schön, dass sie uns in den Prozess eingebunden haben. Für mich wäre es anders gewesen, wenn jemand herausgekommen wäre und gesagt hätte, unsere Tochter sei verstorben. So durften wir sie gewissermassen auf den Weg schicken. Das ist für mich im Nachhinein sehr wertvoll.

Corina: Nein, gut, so habe ich das nicht empfunden. Ich bin eigentlich eher froh, dass wir nicht entscheiden mussten, ob wir die Maschine abschalten oder nicht. Ich glaube, ja. Wir kennen jemanden nebenan, der auch ein Kind verloren hat, und sie hatten dann eben entscheiden müssen … Sie ist schwer behindert auf die Welt gekommen und war danach immer wieder krank. Jede kleinste Krankheit hätte tödlich enden können. Am Schluss mussten sie entscheiden, ob sie abschalten oder nicht. Diese Entscheidung mussten wir nie treffen, und ich bin froh, dass wir sie nicht treffen mussten.

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Zeitabschnitt

Unmittelbar nach dem Tod

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Stephi: Danach hattet ihr aber die Möglichkeit zur Organspende. Das habe ich im «wir Eltern»-Heft gelesen.

Corina: Ja. Dadurch, dass sein Kreislauf noch an der Unfallstelle oder nach etwa vierzig, fünfundvierzig Minuten wieder zurückkam, war das überhaupt möglich. Viele Organe waren betroffen, und zuerst hiess es, man könne noch nichts sicher sagen. Sie mussten ihm auch Antibiotika geben, vor allem wegen der Lunge, weil da noch Hoffnung bestand, dass er den Unfall überlebt. Wegen der Lunge sagten sie auch, er hätte wahrscheinlich eine Lungenentzündung gehabt, aber die wäre wohl von einer anderen Infektion gekommen. Sie sagten uns dann, ansonsten hätten wir eigentlich alle Organe spenden können.

Christian: Wir hatten kurz vorher, ein paar Monate vorher, bereits für uns selbst entschieden, dass wir das machen würden, wenn einer von uns sterben würde. Darum konnten wir relativ schnell sagen, dass wir es auch für Thierry machen. Für uns beide hätten wir ja ebenfalls so entschieden.


Stephi: Als ich das gelesen habe, dachte ich, wie schön das ist.

Corina: Für uns war es sehr wichtig.


Stephi: Das glaube ich.

Corina: Für mich war es völlig klar. Herr Dr. Binz sagte uns, er habe, glaube ich, noch nie jemanden erlebt, der so schnell entschieden habe.

Christian: Ja gut, so oft hat er diesen Fall wohl auch nicht.


Stephi: Ja, da hast du natürlich …

Corina: Manchmal hat er den Fall wohl schon. Das hat in diesem Moment natürlich geholfen. Für mich war auch der Gedanke wichtig, dass alle um ihn gekämpft hatten. Man hatte alles versucht, um ihn zu retten. Und wenn wir dadurch noch irgendwelche Familien glücklich machen konnten, dann war der sinnlose Tod für mich eher tragbar.


Stephi: Ja, ich verstehe das. Im Nachhinein denke ich oft, dass Alia ein so gesundes Mädchen war. Sie stand mitten im Leben, und ihre Organe und alles waren einfach gesund. Deshalb finde ich es sehr schön, dass ihr diese Möglichkeit noch hattet. Und dass ihr sie genutzt habt.

Corina: Für mich war trotzdem eindrücklich, was die Organspende bei Kindern alles bedeutet. Das Einzige, was mir ein bisschen fehlt, ist Folgendes. Ich weiss gar nicht, ob das im Bericht im Wir Eltern Heft oder im Artikel auch erwähnt wurde. Er lag dort, und alles musste bis zur letzten Minute angeschlossen bleiben. Das bedeutete, dass wir ihn nie mehr richtig in die Arme nehmen konnten.


Stephi: Weil er all die Schläuche, Kabel und alles noch hatte.

Corina: Ja. Das musste wirklich an Ort und Stelle bleiben, damit die Organe erhalten werden konnten.

Christian: Sie waren in diesem Fall ohnehin schon gelegt.

Corina: Genau. Wir konnten ihn berühren und halten, das schon. Aber ihn noch einmal richtig zu uns nehmen, das ging nicht. Das ist das Einzige, bei dem ich manchmal denke, dass es mir fehlt.


Stephi: Was ist danach passiert, als die Organe entnommen wurden? Kam er danach wieder zu euch? Konntet ihr ihn dann noch sehen, oder wurde er direkt …

Christian: Wir waren ja im Spital in Chur. Von dort wurde er mit der Rega nach Zürich transportiert, damit dort die Organentnahme durchgeführt werden konnte. Danach wurde er ins Krematorium St. Gallen gebracht. Eigentlich war es eine kleine Schweiz-Rundfahrt.

Corina: Organentnahmen bei Kindern werden, glaube ich, nur in Zürich und Genf durchgeführt. Es gibt also sehr wenige Orte.


Stephi: Aber im Krematorium konntet ihr ihn noch einmal sehen.

Christian: Ja, genau.

Corina: Genau, ja. Dort war ich auch froh um Chrigi, weil er sagte, dass wir noch einmal hingehen. Zuerst dachte ich, ob wir das wirklich müssen und ob man das überhaupt schafft. Aber ich bin so dankbar, dass wir es noch einmal gemacht haben.


Stephi: Ja, gell.

Corina: Im Nachhinein habe ich mich dann über sehr viele Bücher und Vorträge informiert, und sie waren alle sehr gut. Was mich bis heute stört, ist, dass uns niemand gesagt hat, dass man auch mit den Kindern hingehen sollte. Dass man also auch Gregory noch einmal hätte mitnehmen sollen. Viele Trauerbegleiter, Psychologen oder Psychiater sagen ja, dass man die verstorbene Person eigentlich noch einmal klar sehen sollte.


Stephi: Mhm. Wir haben Malea auch nicht mitgenommen.

Corina: Ihr habt sie auch nicht mitgenommen?


Stephi: Und ich bin im Nachhinein froh, dass ich sie nicht mitgenommen habe.

Corina: Wirklich? Okay.


Stephi: Ja. Ich war in diesem Moment so sehr bei mir. Ich war so mit mir selbst beschäftigt, dass ich mich nicht auch noch um sie hätte kümmern können. Mein Mann und ich waren einander zwar eine Stütze, aber wir hatten beide noch jemanden aus der Familie dabei, der uns zusätzlich unterstützt hat. Es war ein hochemotionaler Moment, und ich weiss nicht, ob sie mit dieser Situation am Ende überfordert gewesen wäre. Ich bin auch dafür, dass man Kinder überall einbindet. Aber irgendwie glaube ich, dass es so in Ordnung war.

Corina: Ja, verstehe.


Stephi: Ich habe mir auch lange Gedanken darüber gemacht. Aber ja. Mein Mann ist zum Beispiel nicht mehr hineingegangen.

Corina: Er ist gar nicht mehr hineingegangen?


Stephi: Nein. Er wollte mitkommen, aber nicht hineingehen, weil er gesagt hat, er wolle sie so in Erinnerung behalten. Für mich war es anders. Als ich hineinging, empfand ich es als etwas sehr Natürliches. Als Mami bringst du dein Kind auf die Welt, und irgendwie gehst du auch diesen Weg noch mit. Mir hat das sehr viel gebracht, und ich bin unglaublich froh, dass ich gegangen bin.

Corina: Mir ging es auch so.

Christian: Ja, ich glaube das auch. Ich weiss es nicht sicher, aber ja.

Corina: Es war schon gut, und es war auch schön. Für mich war der erste Anblick noch einmal ein Schock. Ein viel grösserer Schock als mit den Schläuchen im Spital, oder?

Christian: Ja, schon.: Es ist wirklich anders. Es ist einfach extrem heftig.


Stephi: Ja, genau. Du berührst dein Kind und merkst, dass es hart ist, nicht mehr weich. Ja.

Corina: Für uns war es auch so, dass wir beiden Buben jeweils zum Geburtstag einen Brief geschrieben haben. Und wir machen das auch jetzt noch. Auch für Thierry machen wir das weiterhin. Irgendwie war die Idee ja eigentlich, dass sie diese Briefe irgendwann bekommen und selbst lesen könnten. Diesen Brief haben wir mitgenommen, weil ich das Gefühl hatte, ich brauche dort eine Aufgabe. Ich kann nicht einfach nur dort sein. Man weiss ja nicht, was einen erwartet. Oder was das mit einem macht. Also nicht, was einen erwartet. Gregory hat ihm einen Bagger mitgegeben, und wir haben noch eine CD hineingelegt.

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Zeitabschnitt

Mit der Trauer Leben

Lesezeit ca. 19 min
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Stephi: Danach geht es ja eigentlich erst richtig los, oder? Mit der Verarbeitung und mit allem. Wie geht man damit um? Wie reagiert die Öffentlichkeit? Wie reagieren die Menschen um einen herum? Man ist mit sehr vielen Themen beschäftigt, finde ich. Ein Thema ist eben auch, wie die Menschen im Umfeld reagieren. Bei mir war sehr schnell das Bedürfnis da, aufzuschreiben, was passiert ist. Einerseits für die Verarbeitung und um Malea meine Gedanken zu hinterlassen, andererseits aber auch, um Dinge richtigzustellen. Denn im Dorf und rundherum wird viel geredet, oder? Darum habe ich das Buch geschrieben. Ich wollte richtigstellen, was passiert ist, damit es jeder nachlesen kann. Und ich wollte Malea ein Stück weit meine Gedanken hinterlassen. Das war mir ein echtes Bedürfnis. Ich fand dann auch, dass das nicht verborgen bleiben darf. Ich wollte es veröffentlichen, damit andere davon profitieren können. Im Elternheft habe ich gelesen, dass ihr einen Blog habt. Ist das richtig? Ist der für euch privat, oder ist er öffentlich?

Corina: Nein, er ist mit einem Passwort geschützt. Es braucht ein Passwort. Am Anfang wollte vor allem ich das. Chrigi hatte etwas mehr Angst.

Christian: Man weiss nicht genau, wer das alles liest. Ich hatte das Gefühl, du kannst das Passwort den Leuten geben, denen du es geben möchtest. Oder ein paar Freunden. Aber ich wollte es nicht einfach allen geben.

Corina: Du wolltest es nicht einfach allen geben.

Christian: Das ist schon heikel.


Stephi: Ja, weil es doch sehr intim ist, oder?

Corina: Ja. Ich schreibe sehr intime Dinge. Ja, ganz Intimes. Ich schreibe dort eigentlich einfach ein bisschen alles hinein. Zum Beispiel auch, wie wir den Todestag verbracht haben. Ich schreibe, wenn mir danach ist. Manchmal schreibe ich fast einen Monat lang nichts. Am Anfang war es natürlich mehr, und um den Todestag herum wurde es auch wieder mehr. Sonst ist es weniger. Für mich ist es ein bisschen so, wie du es auch gesagt hast. Bei Gregory ist es so, dass er eigentlich täglich mit Thierry kommuniziert. Es wird inzwischen auch weniger. Aber er kommuniziert sehr viel mit ihm und erzählt, wie Thierry oben lebt. Für ihn lebt er im Moment in einem roten Hochhaus. Das ist für mich einfach so eindrücklich, wie Kinder damit umgehen.


Stephi: Ja, genau.

Corina: Oder wie er einen so guten Draht zu Thierry hat. Ich habe mir dann überlegt, dass er in zehn Jahren vielleicht sagt, ich spinne doch. Er würde wahrscheinlich sagen, dass er das sicher nie gesagt habe. Und alles kann man sich ja auch nicht merken. Im Moment ist es sehr präsent, aber ob ich in zehn Jahren noch weiss, was er gesagt hat? Darum halte ich es fest. Gewisse Dinge sind einfach goldig. Einfach zuckersüss.


Stephi: Ja, sie haben einen so natürlichen Umgang damit, gell?

Corina: Völlig. Darum habe ich gedacht, dass ich das festhalten will. Einfach für mich. Das merke ich jetzt auch. Besonders am ersten Tag, als ich nach dem Todesfall wieder arbeiten ging. Da hatte ich Phasen, bei denen ich an einem anderen Ort war. Aber jedes Mal, wenn ich wieder etwas aufgeschrieben hatte, konnte ich mich anschliessend wieder besser konzentrieren.


Stephi: Also ist es auch Verarbeitung.

Corina: Ja, für mich voll.


Stephi: Aber dann doch der Schritt ins «wir-Eltern»-Heft?

Corina: Ja, ja genau.


Stephi: Habt ihr euch da gemeldet?

Corina: Ja, ich habe es schon lange abonniert. Und ca. ein halbes Jahr vor unserem Todesfall gab es da eine Reportage über Todesfälle während der Schwangerschaft. Und ich fand das damals schon sehr lesenswert.


Stephi: Ja, das ist wichtig, dass man auch darüber spricht.

Corina: Richtig. Ich fand es gut, dass die Mütter, und auch Väter, aber es sind fast nur Mütter, auch mal darüber sprechen können. Christian hat eine Arbeitskollegin, welche während der Schwangerschaft ein Kind verloren hat. Und das ist auch sehr hart. Denn unsere Kinder haben gelebt und die Leute haben sie gekannt. Wenn du jedoch schwanger bist und dich darauf freust, ist ja das Kind dennoch da und danach fragt aber keiner mehr. Und vielleicht hat das Kind unter Umständen noch nicht einmal einen Namen.


Stephi: Ich finde auch, dass es in der Gesellschaft nicht als so schlimm angesehen wird.

Corina: Ja, vor allem in der Gesellschaft nicht.


Stephi: Wenn mich jemand fragt, wie viele Kinder ich habe, sage ich immer, dass ich drei habe. Und dann sage ich, dass die mittlere gestorben ist. Oft kommt dann die Reaktion «Ach so, in der Schwangerschaft.» Und schon dieser Satz macht es ja ...

Christian: Dann ist es ja nicht so schlimm.

Corina: Krass.


Stephi: Aber ich finde, es spielt keine Rolle, wann du dein Kind verlierst.

Corina: Ja.

Christian: Ja, genau.


Stephi: Es ist immer schlimm.

Corina: Es ist immer schlimm. Und es geht ja nicht darum, etwas zu vergleichen, oder? Sie hat dann auch gesagt, wenn dein Kind gelebt hat oder wenn du einen Abschiedsgottesdienst, eine Beerdigung oder eine Todesanzeige in der Zeitung machst, dann werden die entsprechende Karten zugeschickt im Gegensatz zu einem Verlust während der Schwangerschaft.


Stephi: Aber warum eigentlich? Ja.

Corina: In der Schwangerschaft ist das dann anders. Manchmal denke ich, das ist fast noch bitterer. Ich habe mich über jedes einzelne Kärtchen, das wir je bekommen haben, enorm gefreut und bin sehr dankbar dafür. Denn dann merkst du ein wenig, dass du nicht ganz allein bist. Und dass die anderen mitfühlen. Die Leute spüren es auch. Es kann ja kaum etwas Schlimmeres passieren.


Stephi: Darum finde ich es sehr wichtig, dass man über dieses Thema spricht. Und dass es eben auch in einem Heftchen Platz findet.

Corina: Genau, genau.


Stephi: Ich fand es schön, dass ihr diesen Schritt auch macht. Und dass ihr so offen seid.

Christian: Ich wollte dort auch mitmachen, gerade im Rahmen dieses Themas, weil ich sonst fast nie mit anderen Leuten darüber ins Gespräch gekommen bin. Ich habe das Gefühl, es ist schwierig, da hineinzukommen. Kurz nachdem es passiert war, wollten natürlich ein paar Leute wissen, was passiert ist und wie es gegangen ist. Aber relativ schnell hörte das wieder auf. Wahrscheinlich wissen die Leute gar nicht, ob sie überhaupt etwas sagen dürfen. Ich verstehe das auch. Ich war genauso. Ich hätte mich gehütet, ein paar Monate später etwas zu sagen, wenn ich diese Person zum zweiten Mal gesehen hätte. Beim ersten Mal vielleicht noch, beim zweiten Mal sicher nicht mehr, weil ich nicht weiss, wie sie darauf reagiert. Vielleicht sage ich auch etwas Falsches. Also sagt man lieber nichts. Und jetzt, mit «Wir Eltern», kommen dank dem wieder einige auf uns zu und sagen, dass sie gut finden, wie wir das machen. Dadurch sind teilweise wieder interessante Gespräche möglich geworden. Ich selbst kann solche Gespräche auch nicht gut ansprechen, weil ich immer das Gefühl habe, was die andere Person denn jetzt dazu sagen soll. Vor allem, wenn ich an meinen Kollegenkreis denke. Dort wird nicht über Gefühle geredet. Ein Mann redet ja sowieso nicht über Gefühle, sondern darüber, welches Problem er bei der Arbeit hat, welche technischen Dinge neu sind und solche Sachen.


Stephi: Über das andere wird nicht geredet, gell?

Christian: Nein. Da kommst du nicht hinein. Ich glaube, mit dem Artikel konnten wir ein paar Türen für solche interessanten Gespräche öffnen.


Stephi: Ja, aus einem Tabuthema, das totgeschwiegen wird, wird wieder ein Thema gemacht. Ich finde das unheimlich wichtig. Wir müssen alle irgendwann sterben. Und wir haben alle irgendwann Kontakt mit jemandem, der einen Menschen verloren hat, oder wir verlieren selbst irgendwann einen Menschen, der uns nahesteht. Trotzdem haben wir so viele Hemmungen, darüber zu sprechen und aufeinander zuzugehen. Wenn man liest, was Menschen passiert und wie sie sich wünschen würden, dass andere auf sie zukommen, zeigt einem das wieder, wie man reagieren kann. Ich finde das mit diesen Karten sehr schön. Das hat sie auch sehr geschätzt. Und für uns war es auch eine Beschäftigung. Es waren viele Karten, und wir haben jede einzelne miteinander gelesen, zusammen mit Malea. Wir haben sie ihr vorgelesen. Das war auch schön.

Corina: Ja, das ist wirklich schön.

Christian: Ja, eindeutig. Wir haben wirklich sehr, sehr viel bekommen. Das war schon sehr schön.

Corina: Manchmal war es für dich aber fast ein bisschen schwierig, oder? Wie ihr vorhin gesagt habt, kam dann eine Karte, und danach war es kein Thema mehr.


Stephi: Ja. Jetzt habe ich meinen Teil gemacht.

Corina: Genau. Dann ist dieser Teil, der schon schwierig war durch und dann…


Stephi: … ist es erledigt.

Corina: Was soll ich dort schreiben? Gleich nebenan hat jemand ein Kind verloren. Das ist etwas anderes, als wenn jemand sein Leben hat leben können. Und danach war es, als würde man sagen, jetzt sprechen wir nicht mehr darüber. Das haben wir manchmal erlebt, vor allem Chrigi. Ich bin ohnehin eher die Kommunikative und Offene. Ich glaube auch, dass wir Frauen eher darüber sprechen, oder Mütter. Ich weiss es nicht.


Stephi: Ich glaube auch, dass wir Frauen mehr darüber reden. Und ich glaube, dass wir vielleicht auch eher jemanden ansprechen und fragen, wie es ihm heute geht.

Corina: Ja. Chrigi hat mir oft gesagt, er sei irgendwo gewesen, und niemand habe ihn auf das Thema angesprochen. Und ich dachte dann immer: «okay…».

Christian: Ja, aber ich kann es absolut nachvollziehen.


Stephi: Ja, man kann es nachvollziehen. Aber ich finde, ein solcher Todesfall, wenn man ein Kind verliert, verändert einen. Und wenn man zusammensitzt und über die Arbeitswelt spricht, ist das dann doch sehr oberflächlich. Die wichtigen Themen werden nicht angesprochen. Wie geht es dir? Wie geht es euch eigentlich? Und das ist ja eigentlich keine schwierige Frage in dem Sinn.

Corina: Nein. Aber vielleicht ist es schwierig, die Antwort auszuhalten. Viele sagen dann, sie hätten Angst gehabt, am Ende noch mehr zu weinen als du.

Christian: Ja. Kurz nach dem Wir-Eltern-Artikel wollte mich jemand darauf ansprechen. Ich habe ihm dann etwas erzählt, auch dass wir noch in einem Trauergottesdienst waren. Und ich merkte, dass mein Gegenüber bereits …


Stephi: …schon aufgelöst war, oder?

Christian: Ich merkte, dass ich eigentlich nicht mehr viel sagen konnte.


Stephi: Das habe ich auch oft erlebt. Menschen haben mich gefragt, was passiert sei. Manchmal habe ich dann gesagt, ob sie es wirklich wissen wollten. Denn es ist schon heftig. Wenn sie dann sagten, dass sie es gerne wissen würden, habe ich es erzählt. Manchmal habe ich auch versucht abzuschätzen, was man der Person gegenüber zumuten kann. Ich finde es auch sehr schön, wenn jemand kommt und sagt, dass er nicht weiss, was er sagen soll, und mit der Situation wirklich überfordert ist. Das wäre für mich manchmal schon …

Corina: …das würde ja reichen.

Christian: Das reicht schon.

Corina: Ja. Und ihr wohnt ja auch in einem kleinen Ort, oder?


Stephi: Wir wohnen in einem kleinen Dorf. Und wenn ein Kind auf diese Art stirbt, zieht das schon Kreise. Die Leute erzählen es einander. So ist das. So habe ich ja auch über sieben Ecken von euch erfahren. Aber wie geht es euch heute?

Christian: Ja, was soll ich sagen? Im Grunde geht es uns gut. Jetzt ist das dritte Kind unterwegs. Es kommt im April, also in ein paar Monaten. Darauf freuen wir uns. Natürlich denkt man nach wie vor daran, was passiert ist. Ich habe auch ein paar Mal überlegt, ob wir jetzt ein drittes Kind hätten, wenn das alles nicht passiert wäre. Ich weiss es nicht sicher. Vielleicht schon, vielleicht nicht. Ich war immer der Meinung, zwei Kinder müssten eigentlich reichen. Gleichzeitig hatte ich immer auch das Gefühl, vielleicht wären drei doch nicht schlecht. Damals war ich schon ein wenig am Schwanken, und jetzt bin ich noch mehr ins Schwanken geraten. Sonst geht es uns gut. Vor einem Monat ist allerdings noch meine Schwester gestorben. Durch Suizid. Ich hatte relativ wenig Kontakt zu ihr. Trotzdem hat mich das beschäftigt. Es war schon viel weiter weg, weil ich sie eigentlich nur ein- bis zweimal im Jahr gesehen habe. Das ist natürlich etwas anderes. Komplett etwas anderes. Es hat eigentlich mit einem Kindesverlust gar nichts zu tun. Aber es beschäftigt einen trotzdem.


Stephi: Ja, es wühlt wahrscheinlich auch wieder Emotionen auf, oder?

Christian: Genau.


Stephi: Ich habe einmal eine Frau kennengelernt, die ebenfalls ein Kind verloren hat. Sie hatte auch zwei Kinder, und das jüngere ist gestorben. Danach war sie wieder schwanger, und das Kind war schon auf der Welt. Sie sagte mir, das sei wirklich sehr heilsam. Damals dachte ich, wie kann sie das sagen? Wie geht das? Wie kann sie sagen, dass es heilsam ist? Nichts heilt diese Wunde. Aber jetzt kann ich nachvollziehen, was sie meint. Wir haben danach ja auch Kiana bekommen, unser drittes Kind. In der Schwangerschaft war ich damit völlig überfordert, obwohl ich sie wollte. Ich hatte mir gewünscht, wieder schwanger zu werden. Aber als es so weit war, war ich überfordert.

Corina: Ja, ich auch.


Stephi: Und dann ist sie auf die Welt gekommen. Heute muss ich sagen, dass es tatsächlich ein Stück weit heilsam ist. Die Wunde heilt ohnehin nie. Aber es macht es ein bisschen, nicht erträglicher, aber irgendwie tragbarer. Ich weiss nicht, ob ihr versteht, was ich meine.

Christian: Ja, hoffentlich.


Stephi: Sie hat uns wieder ein wenig eine Aufgabe gegeben, ein Lebensgefühl, eine Freude. Sie ist wieder eine Schwester für Malea. Sie ist kein Ersatz, absolut nicht. Das wird sie nie sein und das soll sie auch nicht sein. Sie ist Kiana und nicht Alia. Aber es ist sehr schön.

Christian: Hoffen wir, dass es bei uns auch so ist.

Corina: Ja. Ich habe gedacht, du bist ja auch etwa ein gutes halbes Jahr danach wieder schwanger geworden, oder?


Stephi: Ja. Alia ist im Oktober gestorben, und im März bin ich schon wieder schwanger geworden.

Corina: Ja, eben. Zeitlich ist es bei uns eigentlich relativ ähnlich. Darum habe ich schon gedacht, dass deine Geschichte unserer sehr ähnlich ist. Bei uns ist es so, dass wir vieles gar nicht mehr diskutieren müssen. Es gibt viele Dinge, die einfach klar sind, ohne dass wir sie je miteinander besprochen hätten. Einen solchen Fall muss man zum Glück normalerweise nie besprechen. Man sollte es auch nicht müssen. Ich meine auch nicht, dass man das müsste. Ich denke manchmal an das, was du vorher gesagt hast. Man zeugt ein Kind, bringt es auf die Welt, und wenn etwas passiert, gehört es eigentlich auch zu den eigenen Pflichten, es in den Tod zu begleiten. Eigentlich. Aber ich will auch nicht in jedem Moment daran denken müssen.


Stephi: Warst du dir dessen bewusst, bevor Thierry gestorben ist? Oder ihr? Ich war mir dessen auch nicht bewusst.

Corina: Nein, natürlich nicht. Und natürlich hoffst du, dass du vor deinen Kindern gehst. Ich arbeite jetzt auf dem Erbschaftsamt. Schon vorher hatte ich in diesem Sinn weniger direkt mit Todesfällen zu tun, aber mit der Vorsorge für Todesfälle. Das Thema Tod war für mich persönlich nie ein Tabuthema. Und ja, von einer guten Freundin ist das Gottenmädchen gestorben. Von unserer besten Freundin ist der Göttibub schwer behindert. Da weiss man irgendwie auch, dass er einmal zuerst gehen muss. Wobei man das natürlich nie weiss.


Stephi: Nein, natürlich nicht.

Corina: Aber man muss ein Stück weit davon ausgehen. Von daher war mir das Thema schon präsent. Aber nein, ich wollte nicht ständig daran denken. Auch jetzt nicht. Wenn ich das täte, würde mich das zermürben, glaube ich. Gleichzeitig denke ich, so krass es ist, dass man sich dessen eigentlich bewusst sein muss.


Stephi: Man muss sich dessen sehr bewusst sein.

Corina: Eigentlich schon, oder?


Stephi: Und ich glaube, dieses Bewusstsein führt dazu, dass man den Moment eher geniesst.

Corina: Ich hoffe es, ja.


Stephi: Ja. Das habe ich bei mir festgestellt. Ich geniesse Kiana…

Corina: …viel bewusster.


Stephi: Viel, viel bewusster. Und das ist sehr schön. Wirklich.

Corina: Ja, das ist schön. Bei uns war eigentlich schon am ersten Tag wieder klar, dass wir nochmals ein Kind möchten. Ich hätte vorher schon gern nochmals eines gehabt. Der Zeitpunkt wäre sicher nicht dieser gewesen. Das können wir, glaube ich, offen sagen. Vor allem war Chrigi noch gar nicht so weit.

Corina: Als wir es erfuhren, hatten wir es in diesem Moment überhaupt nicht erwartet. Wir waren beide völlig aufgelöst. In diesem Moment kam, glaube ich, auch die Trauer noch einmal sehr stark. Du hast das ja auch noch einmal auf einer anderen Ebene erlebt.


Stephi: Ja, logisch.

Corina: Es war so, dass wir uns das gewünscht hatten. Wie du gesagt hast, es ist absolut ein Wunschkind. Aber gleichzeitig steht die Frage im Raum, was macht das jetzt mit uns?


Stephi: Genau, ja. Bei mir war auch stark, dass ich Angst hatte, Kiana nehme Alia den Platz weg. Das war bei mir so. Während dieser Schwangerschaft dachte ich die ganze Zeit, dass ich eigentlich einfach Alia wieder zurückhaben möchte.

Corina: Ja, genau. Ja. Das war bei mir auch so. Vor allem am Anfang hatte ich emotional grosse Schwierigkeiten. Inzwischen geht es langsam. Nein, eigentlich geht es schon eine Weile, weil ich finde, dass Thierry seinen Platz bei uns behält. Und das andere kommt dazu. Aber ich habe dafür schon etwas länger gebraucht als Chrigi.

Christian: Ich hatte nie das Gefühl, dass es ihm den Platz wegnimmt. Dieser Gedanke ist mir irgendwie nie gekommen.


Stephi: Er ist dir nie gekommen, ja.

Christian: Nein. Man wird ihn nicht vergessen. Im Gegenteil. Bei mir kommen eher immer wieder Gedanken an ihn auf.

Corina: Ja. Wie war es bei dir Stephi, als Kiana etwa so alt war wie Alia?


Stephi: Ich habe mir den Tag ausgerechnet. Ich glaube, das machen ganz viele. Ich habe genau ausgerechnet, wann Kiana so alt sein würde wie Alia, als sie gestorben ist. Als ich sie an diesem Abend ins Bett gelegt habe und wusste, dass sie am nächsten Tag älter sein würde, als Alia geworden ist, war das für mich eine grosse Erleichterung. Bis dahin war ich schon angespannt. Im Nachhinein dachte ich, ob sie das schafft.

Corina: Ja, genau.

Christian: Ich bin auch immer wieder sehr angespannt.

Corina: Ja, ich glaube, so ein Gefühl stellt sich bei den meisten ein.

Christian: Ja, klar. Gregory ist jetzt zwar schon knapp viereinhalb, aber manchmal habe ich immer noch dieses ungute Gefühl beim Essen. Wenn er zum Beispiel sehr viel auf einmal im Mund hat, frage ich mich, ob das gut kommt. Das kann auch älteren Kindern passieren. Es könnte sogar Erwachsenen passieren. Ja, in einem gewissen Alter wird es dann sogar wieder wahrscheinlicher.


Stephi: Und Essen ist etwas, das man muss.

Corina: Eben. Am Anfang war ich fast froh darüber. Ich hatte über eine Studienkollegin von der besten Freundin gehört, die ich selbst nicht kenne, dass ihr Kind im Whirlpool, glaube ich, ertrunken ist, also in dem Sinn auch erstickt ist. Danach dachte ich, Essen muss man ja wieder. Man kommt nicht darum herum. Ich dachte auch, wenn er jetzt von einem Trampolin gefallen wäre und sich das Genick gebrochen hätte, einfach durch so etwas Blödes, dann würde ich wahrscheinlich nie wieder ein Trampolin wollen. Oder ich würde nie mehr baden gehen. Beim Essen war ich am Anfang fast ein bisschen froh. Wir müssen da einfach wieder hindurch. Wie ist es denn bei dir mit Luftballons?


Stephi: Gar nicht. Gar nicht. Ein Luftballon ist für mich überhaupt nichts Schlimmes.

Corina: Nichts Schlimmes?


Stephi: Nein, nichts Schlimmes. Für mich ist das nicht schlimm.

Corina: Was ist denn für dich in diesem Fall schwieriger?


Stephi: Für mich ist es auch nicht schlimm, wenn Kiana in ihr Kinderzimmer spielen geht. Ganz am Anfang hatte ich eine Kamera aufgestellt, damit ich sie sehen konnte. Jetzt haben wir ein Haus mit zwei Stockwerken. Ich bin also nicht mehr so schnell oben bei ihnen. Trotzdem will ich ihr die Freiheit lassen, dass sie spielen kann und dass das Mami sie nicht einengt. Mittlerweile habe ich sie nicht mehr im Zimmer. Für mich ist das Thema Essen tatsächlich stärker.

Corina: Ach, schon?


Stephi: Als sie klein war. Wenn Kinder klein sind, verschlucken sie sich ja. Welches Kind verschluckt sich nicht? Der Moment, in dem Kiana sich verschluckt hat, hat bei mir schon wieder etwas ausgelöst. Allein dieses Husten.

Christian: Aber solange es Husten ist, ist es gut.

Corina: Ja, eben. Dann ist es immerhin besser.


Stephi: Das hat mich dann jeweils auch gleich beruhigt. Trotzdem kam zuerst das Adrenalin, und dann merkte ich, nein, sie hustet, es ist alles okay. Nein, ich habe es tatsächlich nicht. Ich habe aber auch eine Traumatherapie gemacht und es aufgearbeitet. Und ich wollte wirklich nicht zur Helikoptermutter werden, weil ich wusste, dass das für mein Kind nicht förderlich ist, ja. Nein, der Luftballon löst bei mir nichts aus. Ich habe ja auch einen Luftballon auf dem Buch.

Corina: Ja, stimmt.


Stephi: Für mich ist der Luftballon ein Zeichen von Fröhlichkeit, von Fest, von Feiern. Und Alia hat das Leben gefeiert.

Corina: Thierry hat es auch gefeiert.


Stephi: Ja. Sie war eine so herzliche, aufgestellte kleine Person. Dass sie an einem Luftballon gestorben ist, und dass dieser Luftballon auch noch rosarot war, ist für mich irgendwie einfach speziell.

Corina: Ja. Bei uns ist es so, dass Chrigi dort fast noch extremer ist. Luftballons gehen bei uns fast nicht. Also natürlich wegen deiner Geschichte.


Stephi: Bei mir dürfen sie auch nicht mit einem Luftballon spielen. Aber wenn einmal einer da ist, ist es nicht tragisch.

Christian: Also solange er aufgeblasen ist. Nicht, wenn er nicht aufgeblasen ist.


Stephi: Viele Leute denken, es sei ein Fetzen von einem Luftballon gewesen. Aber es war tatsächlich ein ganzer Luftballon. Es berührt mich sehr, eure Geschichte. Obwohl ich ja fast das Gleiche erleben musste und eure Emotionen sehr gut nachempfinden kann, ist es doch sehr, sehr berührend, euch zu hören. Und es ist sehr schön zu sehen, dass du schwanger bist und dass es euch gut geht.

Corina: Ja. Vielen Dank.


Stephi: Von mir alles, alles Gute. Und vielen, vielen Dank für das schöne, spannende Gespräch.

Corina: Danke, euch auch.

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