Die Geschichte von Lou
Liliane Meier ist verwaiste Mutter, Yogalehrerin und Buchautorin. Im Gespräch erzählt sie von ihrem Sohn Lou, der fern von zuhause bei einem Autounfall starb. Sie beschreibt den Moment der Nachricht, den überwältigenden Urschrei der Ohnmacht und den inneren Impuls, einfach nur wegzurennen – weg von Blicken, Erwartungen und der Rolle, die trauernden Müttern oft zugeschrieben wird. Gleichzeitig fliessen ihre frühen Erfahrungen mit dem Tod, der Verlust ihres Vaters und ihre spirituelle Neugier in ihre Geschichte ein. Liliane spricht darüber, wie sie inmitten des Unfassbaren Momente von Liebe, Dankbarkeit und Demut entdeckt, welche Erinnerungen an Lou schmerzen und welche sie heute tragen. Ihre Geschichte zeigt, wie Trauer, Verbundenheit und eine andere Sicht auf den Tod sich gegenseitig beeinflussen.
Zeit des Sterbens
Elena: Willkommen zum letzten Stündli. In diesem Podcast sprechen wir über das Sterben. Mein Name ist Elena Ibello. Mein heutiger Gast Liliane Meier ist Mutter, Yogalehrerin und Buchautorin. In unserem Gespräch spricht Liliane vor allem über den Tod ihres Sohnes und über ihren Umgang damit. Über die Gefühle der Ohnmacht, die sie am Anfang überwältigt haben, und über die Liebe, Dankbarkeit und Demut, die sie inzwischen empfindet. Sie spricht über Rollen, die man trauernden Müttern oft zuschreibt, darüber, wie ihr Umfeld sie durch die schlimmste Zeit getragen hat, was sie gebraucht hat und was nicht. Und über Erinnerungen, die wehtun, und Erinnerungen, die guttun. Hoi, Liliane.
Liliane: Hoi.
Elena: Willkommen zum letzten Stündli. Es ist sehr schön, dass du heute da bist und mit mir über das Sterben sprichst. Vielen Dank.
Liliane: Danke, Elena.
Elena: Du hast einen sehr persönlichen Bezug zu diesem Thema. Wann ist der Tod in dein Leben getreten?
Liliane: Der Tod ist in mein Leben getreten, als ich elf Jahre alt war, also vor vielen Jahren. Damals ist mein Vater gestorben. Da wurde das Thema Tod zum ersten Mal aktuell. Ich musste mich damit auseinandersetzen. Gleichzeitig fand ich es auch sehr spannend. Da war auf der einen Seite der traurige Teil und auf der anderen Seite ein Teil, der mich neugierig gemacht hat. Ja, das ist lange her.
Elena: Ja. Und was hat diese Neugier ausgelöst? Ich finde das ein interessantes Wort in diesem Zusammenhang. Das höre ich nicht so oft. Worauf bist du neugierig geworden?
Liliane: Ich war extrem neugierig, das weiss ich noch sehr genau. Ich wollte wissen, was danach kommt. Für mich war klar, dass es nicht fertig ist. Es ist nicht das Ende. Der Tod ist nicht das Ende. Das war für mich irgendwie klar. Mich hat neugierig gemacht, wie es danach weitergeht. Es war so unerklärbar. Ich hatte immer das Gefühl, dass mein Vater ganz konkret da ist. Ich hatte immer das Gefühl, dass ich ihn spüre oder Dinge höre. Aber es war natürlich schwierig, jemanden danach zu fragen oder Informationen zu bekommen. Ich begann, Bücher über dieses Thema zu lesen, und mit zwölf oder dreizehn ging ich zu einem Medium. Ich bin diesem Medium zufällig begegnet, falls es Zufall gibt, oder das Schicksal wollte es so. Ich bekam dann einen sehr schönen Jenseitskontakt. Das gab mir die Bestätigung, dass es sich gelohnt hatte, neugierig zu sein. Der Kanal hat sich dadurch geöffnet, die Tür hat sich geöffnet. Für mich war es eine Bestätigung. Ich hatte recht gehabt. Es stimmt, es ist nicht vorbei, es ist nicht fertig. Im Gegenteil, ich durfte eigentlich noch neugieriger sein, weil eine Parallelwelt existiert. Das hat mich sehr fasziniert.
Elena: Hast du bei diesem Jenseitskontakt auch etwas über das Leben nach dem Tod erfahren, das du dir so nicht vorgestellt hattest? Oder war es vor allem der Kontakt mit deinem Vater, bei dem es um euch ging?
Liliane: Es war ganz konkret ein Kontakt mit meinem Vater. Aber natürlich hat sich dadurch auch diese Welt, diese Parallelwelt, offenbart und gezeigt. Die Erfahrung hat in mir ein tiefes Vertrauen ausgelöst. Wirklich ein Urvertrauen, ein ganz tiefes Vertrauen, dass alles gut ist, wie es ist, und dass keine Angst da sein muss, dass mich keine Angst begleiten muss.
Elena: Ich stelle mir vor, dass das später ein wichtiger Grundstein geworden ist. Du hattest viel später noch andere Begegnungen, wenn man dem so sagen darf. Magst du vom Verlust deines Sohnes erzählen?
Liliane: Ja. Mein Sohn ist vor zwei Jahren und drei Monaten bei einem Autounfall gestorben. Ich denke, es hat sicher geholfen, dass ich mich schon vorher mit dem Thema auseinandergesetzt hatte. Es wäre wahrscheinlich anders gewesen, oder mir würde es heute anders gehen, wenn ich nie mit diesem Thema konfrontiert worden wäre. Ganz klar.
Elena: Wenn das für dich in Ordnung ist, würde ich gerne noch einmal zu dem Moment zurückgehen, in dem du die Nachricht bekommen hast. Was war damals deine erste innere und äussere Reaktion?
Liliane: Ich hatte ein wenig eine Vorahnung. Er ist nicht in der Schweiz gestorben. Es war ein Autounfall in den Ferien, und ich war nicht bei ihm. Ich bekam die Nachricht, dass der Rest der Familie in die Schweiz zurückfliegt. Zu diesem Zeitpunkt wusste ich noch nicht, was passiert war, aber ich spürte es. Ich hatte eine innere Stimme, eine Empfindung, dass er wahrscheinlich nicht mehr da ist. Ganz konkret erfahren habe ich es dann von meiner Tochter. Sie sagte es mir im Spital. Es war ein Gefühl von Ohnmacht. Meine äusserliche Reaktion hat mich im Nachhinein selbst erstaunt. Ich habe nur noch geschrien. Zeit war in diesem Moment völlig irrelevant, aber ich glaube, ich habe etwa eine halbe Stunde lang einfach nur geschrien. Es war ein unbewusster und zugleich irgendwie doch bewusster Akt, weil ich in diesem Moment spürte, dass es irgendwo stecken bleibt, wenn ich jetzt nicht alles herausschreie. Es war mir so wichtig, alle Kanäle zu öffnen. Es war mir auch völlig egal, wer im Raum war. Das war alles irrelevant. Ich hatte das Gefühl, dass jetzt alles herausgeschrien werden muss, weil das der einzige Kanal ist, den ich habe, um mich auszudrücken. Sonst schlucke ich es hinunter, und dann wird der Schmerz grösser. Es war ein Urschmerzschrei, der extrem lange angehalten hat.
Unmittelbar nach dem Tod
Elena: Und als dieser Schrei verstummt ist?
Liliane: Als er verstummt ist, wollte ich nur noch weg von allen Menschen, weg von der Umgebung, hinaus in die Natur, einfach weg. Das war natürlich schwierig, weil die Umstände nicht so waren, dass ich einfach verschwinden oder wegrennen konnte. Aber der Urinstinkt war wirklich, jetzt einfach wegzurennen, weit weg, weg von allen, die Fragen haben, Erwartungen haben, mich anschauen, und vor denen ich mich rechtfertigen muss. Einfach weg davon.
Elena: Du hast also eigentlich von Anfang an eine Art Erwartung aus dem Umfeld gespürt.
Liliane: Ja.
Elena: Also schon damals die Rolle als trauernde Mutter?
Liliane: Ja. Wir waren dort noch in einem eher geschützten Rahmen, in einem Spitalzimmer mit der Familie. Aber als ich die Gesichter sah, nahm ich sehr deutlich wahr, dass sie sich fragten, wie sie mir helfen können. Natürlich war da auch die Ohnmacht der Menschen, die mich umgaben. Das ist völlig verständlich. Aber dieses Opfer, die Arme, das Opfer, das habe ich von Anfang an gespürt. Und das empfinde ich bis heute als Katastrophe. Ich finde es schrecklich.
Elena: Dass einem das Gefühl gegeben wird, man sei jetzt die Arme?
Liliane: Ja. Ich glaube, das zieht sich durch die Gesellschaft, wenn man mit diesem Thema konfrontiert wird. Oder ich habe es so erlebt. Das Opfer, die Arme, die arme Mutter. Das Schlimmste, was passieren kann, ist, wenn man sein Kind verliert. Was macht sie? Wie steht sie wieder auf? Man wird wirklich in eine Opferrolle hineingedrängt, und das finde ich persönlich ganz schlimm. Für mich hat es auch mit einer Wahl zu tun, die man hat. Man kann natürlich sehr leicht in diese Opferrolle hineingehen. Ich glaube, das liegt uns auch ein wenig, oder? Dass man dann die Arme ist, das Opfer, angewiesen auf Hilfe. Oder eben auch nicht. Ich wollte nie ein Opfer der Umstände sein. Es ist ein Umstand, ein Schicksal, das passiert ist. Und ja, es hat immer zwei Seiten. Man kann es als Opfer betrachten und in die Opferrolle hineinfallen. Oder man kann es aus einer ganz anderen Perspektive betrachten. Dann ist man nicht das Opfer.
Elena: Mhm. Bevor wir auf die Perspektiven eingehen, einfach zum Verständnis. Wie alt war dein Sohn, und wie alt war deine Tochter? Und waren noch andere Menschen oder Familienmitglieder dabei?
Liliane: Mein Sohn, Lou, war zehn, als das passiert ist. Malin, meine Tochter, war, das muss ich zurückrechnen, sechzehn. Sie waren in den Ferien bei der Grossmutter von Lous Papa in Ägypten. Die Partnerin des Vaters war mit den Kindern dabei.
Elena: Mhm. Und beim Unfall war Malin auch dabei?
Liliane: Malin war auch dabei.
Elena: Okay. Das heisst, sie war in diesem Moment auch auf dich angewiesen, als Mutter?
Liliane: Ja, natürlich.
Elena: Auch wenn sie nicht dabei gewesen wäre, hat sie ja einen Bruder verloren. Aber wie ging das? Wie habt ihr euch dort gefunden?
Liliane: Sie war beim Unfall dabei. Ihre Schwester, sie hat ja noch eine Schwester, Geir, war nicht dabei. Beide haben dieses Schicksal erlebt. Malin natürlich viel, viel stärker, weil sie involviert war und die Bilder mit sich getragen hat. Ich hatte von Anfang an einen sehr tiefen, vertrauten und offenen Zugang zu ihr, auch über dieses Thema. Wir haben viel darüber gesprochen. Wir haben viel zusammen geweint. Wir haben Bilder von Lou angeschaut. Ich habe mit ihr auch viel über meine Sicht auf das Ganze gesprochen. Zum Glück ist sie so aufgewachsen, dass der Tod nie ein Tabu war. Das war sicher ein Vorteil. Wir konnten ganz offen darüber reden. Wir haben Lou auch beide gespürt. Wir haben seine Anwesenheit gespürt. Er hat uns immer wieder Zeichen geschickt. Das ist kein Hokuspokus, sondern etwas, das uns wirklich Halt und Sinn gibt. Ich denke, es macht auch sie neugierig auf das, was danach kommt. Von Anfang an bis heute ist es so, dass wir viel zusammen lachen. Wir können weinen, lachen und den Emotionen wirklich freien Lauf lassen. Ich denke, sie geht sehr gut damit um. Sie kann auch mit mir sehr gut in den Austausch gehen.
Mit der Trauer leben
Elena: Sehr schön. Du hast also ganz bewusst nicht die Opferrolle gewählt, sondern bist einen anderen Weg gegangen. Was war das für ein Weg, und was hast du gebraucht, um ihn gehen zu können?
Liliane: Zeit. Ich habe wirklich sehr viel Zeit gebraucht. Viel Zeit für mich. Ich denke, weil der Tod kein Tabu war, konnte ich anders damit umgehen. Natürlich war es ein Schock. Natürlich war ich verletzt, traurig und erschüttert in diesem Moment. Aber es klingt manchmal komisch, wenn ich darüber spreche, doch ich habe auch so viel Liebe empfunden und so viel Schönes erlebt. Zum Beispiel gerade in dem Moment, der eigentlich so schrecklich war, als Lou aufgebahrt war und wir uns von ihm verabschieden konnten. Als er in diesem kleinen Sarg lag, habe ich eine unglaublich tiefe Liebe empfunden. Es war so schön. Und gleichzeitig war es ein unglaublich schlimmer Moment, den ich wirklich niemandem zumuten möchte. Ich kann es gar nicht anders beschreiben. Es war wirklich, als wäre mein Herz aufgegangen. Ich durfte in diesem Moment eine endlose, tiefe, warme, schöne, lichtvolle Liebe erleben. Für mich war dadurch klar, oder es hat sich für mich bestätigt, dass der Tod eigentlich Freiheit ist. Der Tod ist Freiheit und Liebe. Er ist etwas Wunderschönes, und er gehört zu uns. Wir müssen keine Angst davor haben, sondern können uns eigentlich auf diese Freiheit freuen. Wir haben jetzt Zeit, uns auf den Moment vorzubereiten, den wir alle erleben werden. Alle. Es lässt niemanden aus. Wir alle sind nicht unsterblich. Wir alle kommen an den Punkt, an dem wir uns damit auseinandersetzen müssen. Dieses Gefühl von Freiheit und Licht war so stark, dass ich mich eigentlich, und das klingt jetzt, glaube ich, wirklich schlimm, gefreut habe. Ich habe mich wirklich gefreut, weil ich wusste, dass seine Aufgabe getan ist. Er hatte seine Aufgabe auf dieser Erdenreise wirklich gemeistert und durfte jetzt weitergehen. Es fühlte sich gut an. Es fühlte sich einfach nur gut an. Ich konnte es gar nicht definieren. Es gab irgendwie keine Worte dafür. Ich glaube, diese Information oder dieses Gefühl geht über unser menschliches Bewusstsein hinaus. Aber es hat mich in diesem Moment sehr stark im Positiven überwältigt.
Elena: Wow. Was mich jetzt interessiert, ist, dass dich das trotzdem stark im Leben gehalten hat. Wenn du es so erzählst, klingt es vielleicht nicht gerade nach einer Sehnsucht, aber doch nach etwas sehr Anziehendem. Diese endlose Liebe und Freiheit könnte ja auch für einen selbst sehr erstrebenswert sein, gerade in einem solchen Moment. Aber das höre ich bei dir nicht heraus. Wie konntest du trotzdem das Leben lieben? Weisst du, du bist ja sehr stark jemand, der lebt und das Leben ausschöpft.
Liliane: Mhm. Ja. Den kleinen Tunnel habe ich schon gesehen, diesen Sehnsuchtstunnel. Der war da. Für einen kurzen Moment habe ich wirklich, ganz ehrlich, gedacht, ich wolle auch mitgehen. Ich wollte das auch. Es war sehr schön. Aber ich glaube, ich habe die Füsse zu fest auf dem Boden. Ich bin mir der Aufgabe bewusst, die ich hier noch habe, und ich habe natürlich auch noch Kinder. Ich habe noch eine kleine Tochter, Gaia, sie ist erst fünf. Mali ist 16. Ich habe hier also noch Aufgaben. Das ist mir bewusst, und ich möchte mich ihnen auch stellen. Ich glaube, ich habe auch noch etwas zu erledigen und bin noch nicht ganz durch. Ich denke, das hat mich auf dem Boden gehalten. Wahrscheinlich auch meine Arbeit und natürlich das Leben mit den Kindern, die immer wieder alltägliche Dinge brauchen, Nahrung, Aufmerksamkeit und so weiter. Das holt einen zurück.
Elena: Die sogenannte Normalität, die eben auch gewährleistet sein muss.
Liliane: Genau.
Elena: Hast du in diesem Moment auch einen grossen Teil von diesem Abschied nehmen können, den du vorhin beschrieben hast? Oder ist das ein längerer Prozess, oder haben noch mehr Elemente dazugehört? Oder ist Abschied gar nicht das richtige Wort?
Liliane: Nein, Abschied. Ganz ehrlich, ich habe eigentlich nie wirklich Abschied genommen, weil es für mich kein Abschied ist. Es ist nicht fertig. Für mich ist Lou nie gegangen. Lou ist immer noch da. Er ist extrem präsent, einfach in einer anderen Form. Ich glaube, das Schwierigste, oder das, was mir am schwersten fällt, ist der Abschied vom Physischen. Der Abschied vom physischen Körper, vom Halten, Knuddeln, Abküssen. Von diesem Physischen musste ich Abschied nehmen. Das ist schwierig. Das finde ich sehr schwierig. Aber von dem, was bleibt, von diesem Seelenanteil oder wie auch immer man das nennen will, von dem, was bleibt und weiterlebt, davon nicht. Das stirbt nicht. Für mich ist Lou nicht gestorben. Er hat seine Form verändert. Es hat mir auch bewusst gemacht, wie wunderschön er gewesen ist oder in der Erinnerung immer noch ist. Gleichzeitig macht es einem sehr bewusst, dass alles vergänglich ist, dass unsere Körper vergänglich sind, dass alles vergänglich ist, dass alles in Bewegung bleibt und nichts stehen bleibt. Darum habe ich eigentlich nicht Abschied genommen. Er ist extrem präsent und extrem in Bewegung. Er hat seine Form verändert.
Elena: Mhm. Und wie war das mit deinem Umfeld? Ihr habt ja auch als Familie, ich sage jetzt bewusst nicht Abschied nehmen müssen, sondern diesen Prozess durchlaufen müssen. Vielleicht seid ihr auch noch mittendrin. Ist deine Art, damit umzugehen, gut mit der Art deines Umfelds zusammengegangen?
Liliane: Ja, das ist eine gute Frage. Ich musste sehr schnell lernen, dass es wichtig ist zu respektieren, dass jeder komplett anders damit umgeht. Man darf nicht den Anspruch haben, dass andere gleich denken oder gleich handeln. Am Anfang dachte ich wirklich, wir seien alle gleich, wir hätten alle das Gleiche erlebt und würden alle gleich damit umgehen. Dann musste ich sehr schnell merken, dass das gar nicht so ist. Jeder ist auf dieser Reise an einem anderen Ort und geht anders damit um. Nichts ist besser und nichts ist schlechter. Jeder geht mit seiner Erfahrung und mit seiner Wahrnehmung anders damit um, wie eigentlich bei allen Themen. Natürlich ist das ein sehr fragiles und heikles Thema. Ich habe vieles mit mir selbst ausgemacht und auch gemerkt, dass ich gewisse Dinge nicht teilen kann oder nicht teilen will, weil ich mich dann erklären müsste. Für mich habe ich entschieden, dass ich das nicht will. Sonst wäre vielleicht etwas zerbrochen, in meiner Wahrnehmung oder in meiner Wahrheit. Jeder hat ja seine eigene Wahrheit. Für mich hat das Ganze so gestimmt. Für mich ist es aufgegangen, weil es mir eigentlich sehr gut geht. Ich bin nie in ein tiefes Loch gefallen und habe weder zu Medikamenten gegriffen noch sonst irgendeine Abhängigkeit entwickelt, was nach einem solchen Schicksalsschlag ja auch naheliegend wäre. Für mich ist mein Konzept, meine Wahrheit, so aufgegangen, dass es für mich stimmt. Darum habe ich gewisse Dinge auch für mich behalten. Vielleicht habe ich sie auch ein wenig geschützt oder in meinem inneren Kästchen verborgen behalten, damit es ein bisschen meines bleibt. Dass es ein Stück weit mein Zauber bleibt, meine Magie, die ich immer wieder öffnen kann und aus der ich immer wieder schöpfen kann, ohne dass sie zerredet, vertrampelt oder schlecht gemacht wird. Gleichzeitig habe ich auch die anderen mit ihrer Wahrheit gelassen, mit ihrer Trauer, ihrem Opfer-Sein oder ihrer dunklen Seite. Ich glaube, jeder hat in dieser Situation wirklich seinen eigenen Weg, den er gehen muss. Da darf man den anderen nicht hineinpfuschen. Das ist, glaube ich, sehr wichtig.
Elena: Ich finde, das ist ein Thema, das auch eng mit Erwartungen verbunden ist. Gerade bei Trauer begegne ich immer wieder gesellschaftlichen Erwartungen, die an Trauernde gerichtet werden. Viele Trauernde können damit überhaupt nichts anfangen und sind trotzdem damit konfrontiert. Innerhalb einer Familie hat man ja ebenfalls gegenseitige Erwartungen daran, wie man mit so etwas umgeht. Du wirst diese klassischen Normvorstellungen einer trauernden Mutter wahrscheinlich nicht erfüllt haben. Hat das zu Konflikten geführt?
Liliane: Ich glaube, ich habe noch nie irgendeine Erwartung erfüllt.
Elena: Du meinst jetzt Erwartungen an Normen?
Liliane: Genau. Von daher ist meine Familie, glaube ich, daran gewöhnt, dass …
Elena: Dass du deinen Weg gehst?
Liliane: Oder sie haben diese Erwartungen gar nicht mehr, weil sie wissen, dass es diesen klassischen Weg vermutlich nicht gibt. Also nein, wir hatten keine Konflikte. Wirklich nicht. Das hat aber auch damit zu tun, dass wir in der Familie ein sehr schönes Verhältnis haben. Ich bin ja nicht mehr mit dem Vater von Lou und Mali zusammen und auch nicht mit dem Vater von Gaia. Wir haben aber alle einen guten Draht zueinander, einen respektvollen Draht. Wir können einander sein lassen und respektieren, wie wir sind. Darum hat es wirklich keine Konflikte gegeben.
Elena: Auch nicht mit den Grosseltern der Kinder oder so?
Liliane: Nein, gar nicht. Darüber bin ich auch froh.
Elena: Ja. Was hat dir in dieser verrückten Situation geholfen? Oder besser gefragt, inwiefern hat dir dein Umfeld geholfen?
Liliane: Ich muss wirklich sagen, dass ich von meinen Freundinnen sehr liebevoll und gut aufgefangen wurde. Ich werde nie vergessen, wie sie an diesem Tag dagestanden sind, alles liegen gelassen haben und mit irgendeinem Taxi kamen. Ich vergesse dieses Bild nie, wie das Taxi herangefahren ist. Sie sind aus dem Taxi gesprungen und haben mich wirklich aufgefangen. Sie haben mich sehr engmaschig und liebevoll begleitet, mit Organisation, mit Essen, mit Betreuung, mit dem Spital. Mali war verletzt. Der Papi von Lou war auch verletzt. Es brauchte wahnsinnig viel Organisation. Das ganze Medizinische, dann die Bestattung, die Beerdigung, die Versicherungen. Es kam wie ein Tsunami auf mich zu. Ich habe wirklich viel Hilfe, Beistand und Unterstützung von meiner Familie, von meiner Mutter und von meinen Freundinnen bekommen. Das war extrem hilfreich. Es gab Momente, in denen ich dachte, dass es mir fast ein bisschen zu viel ist. Im Nachhinein musste ich sagen, dass ich dankbar bin, dass es mir zu viel war. Sonst wäre ich wirklich überfordert gewesen, das alles alleine zu machen. Es ist unglaublich viel, was auf einen zukommt, wenn ein Familienmitglied plötzlich nicht mehr da ist und die anderen vielleicht fast noch zu ohnmächtig oder traumatisiert von diesem Moment sind. Dann muss alles sofort funktionieren. Zwei Tage später muss alles stehen, und das ist schon auch …
Elena: Einfach die totale Überforderung?
Liliane: Komplett.
Elena: Was hat dir konkret am meisten gebracht von dem, was dein Umfeld gemacht hat? Wenn wir auch an Menschen denken, die in eine ähnliche Situation kommen, etwa weil eine Freundin so etwas erlebt. Was hat dir wirklich am meisten geholfen?
Liliane: Am meisten geholfen hat sicher das Verständnis. Dass jemand einfach da ist und nicht nachbohrt oder Fragen stellt, sondern einfach da ist. Ich bin da. Ich bin für dich da. Punkt. Das hilft enorm. Dann auch, dass Grundbedürfnisse gedeckt werden. Es gibt Essen, es gibt Kaffee, es gibt Wein. Das war ganz wichtig. Dazu kam natürlich das ganze Organisatorische. Wo kann ich dir helfen? Was müssen wir erledigen? Es müssen ziemlich schnell Entscheidungen getroffen werden. Wie soll die Beerdigung sein? Wie läuft alles ab? Was brauchst du? Das geht alles sehr schnell. In diesem Moment jemanden an der Seite zu haben, der auch beim Administrativen unterstützt, hat mir extrem geholfen.
Elena: Mhm. Und es waren verschiedene Personen, die unterschiedliche Aufgaben übernommen haben.
Liliane: Ja. Jede hat sofort ihre Aufgabe übernommen. Jemand hat die Kommunikation gemacht, jemand die Administration, jemand das Medizinische. Es hat sich wirklich alles sehr stimmig gefügt. Dieses Getragenwerden durch die Tage und Wochen war wirklich so wertvoll. Sehr wertvoll.
Elena: Mhm. Gibt es auch etwas, bei dem du heute sagen würdest, dass es in einer solchen Situation mit hoher Wahrscheinlichkeit niemand braucht? Gibt es etwas, wovon du aktiv abraten würdest, wenn jemand so etwas erlebt?
Liliane: Ja, absolut. Es gibt wirklich etwas. Nein, es gibt zwei Dinge. Das eine war im Spital. Sie waren zurückgeflogen, und wir sind uns dort im Spital begegnet. Das Spital, die Stadt Zürich, hatte einen Beistand organisiert, der mich auffangen sollte. Das war wirklich die schlimmste, schrecklichste Begegnung überhaupt. Das braucht es definitiv nicht. Es war für mich fast schon übergriffig. Es war keine schöne Begegnung. Das ist etwas, von dem ich finde, dass es das nicht braucht.
Elena: Kannst du kurz erklären, was in diesem Zusammenhang mit Beistand gemeint ist?
Liliane: Ich weiss ehrlich gesagt gar nicht, was genau die Funktion dieser Dame war. Ihre Aufgabe war es, mich als Beistand aufzufangen.
Elena: Aber nicht als Psychologin?
Liliane: Doch. Ja. Sie sollte mich psychologisch auffangen, abholen und schauen, dass ich mir nichts antue. Nach meinem Empfinden war das wahnsinnig inkompetent. Es hat überhaupt nicht gepasst. Es hat einfach nicht gestimmt. Vielleicht wäre es für eine andere Person wunderbar gewesen, aber für mich hat es überhaupt nicht gestimmt. Das war das eine. Beim anderen kann ich niemandem einen Vorwurf machen, weil ich es wirklich verstehe. Ich bin Menschen begegnet, die mich kannten und mit der Situation völlig überfordert waren. Sie wussten nicht, ob sie mich ansprechen sollten oder nicht, und was sie sagen könnten. Ich finde, man kann offen darüber reden, am besten wirklich offen. Man kann es ansprechen. Aber ich verstehe Menschen, die überfordert waren, die vielleicht noch nie über dieses Thema gesprochen hatten oder noch nie damit konfrontiert gewesen waren. Und dann begegnest du mir plötzlich und weisst, dass vor drei Tagen mein Sohn gestorben ist. Da bleibt einem die Luft weg, weil man nicht weiss, was man sagen oder wie man es ansprechen soll. Das sind Situationen, die komisch sind und in gewisser Weise auch schade. Aber ich glaube, das ist ein gesellschaftliches Thema und ein gesellschaftliches Problem, weil dieses Thema so tabuisiert wird. Darum finde ich es wirklich gut, dass du das machst, dass du es aufgreifst und darüber sprichst. Es ist so wichtig.
Elena: Dafür braucht es auch Menschen, die aus einer Perspektive wie deiner darüber sprechen, auch öffentlich. Das ist natürlich sehr viel wert. Um solche Situationen noch einmal etwas zu beleuchten, weil wir gerade darüber sprechen. Ich stelle mir das schon auch befremdlich vor, wenn ich als Mutter vor drei Tagen meinen Sohn verloren habe und dann Menschen begegne, die mich eigentlich kennen, aber kein Wort darüber verlieren. Das ist eigentlich eine absurde Vorstellung, weil es in diesem Moment ja kaum etwas anderes gibt, worüber man sprechen könnte, oder? Gleichzeitig frage ich mich schon, wenn ich die Rolle wechsle und eine Bekannte wäre, weiss ich ja nicht, was ich auslöse, wenn ich frage, wie es dir geht. Oder wenn ich frage, wie es passiert ist. Also schon nur das. Was stelle ich überhaupt für eine Frage? Welche Frage wäre angemessen? Und dann auch, was ich mit einer solchen Frage allenfalls auslöse. Kann ich danach mit der Reaktion umgehen, die vielleicht kommt? Hast du diesen Rollenwechsel schon einmal durchgedacht?
Liliane: Mhm. Also wenn ich jetzt an der Stelle der Freundin wäre, die mich anspricht?
Elena: Ja. Oder vielleicht nicht Freundin, sondern Bekannte.
Liliane: Ja, natürlich. Ich glaube, jede Begegnung ist anders, und jeder Mensch kann und will anders darüber sprechen. Für mich persönlich waren die einfachsten Begegnungen jene, in denen Leute auf mich zugekommen sind und ganz klar gefragt haben, ob ich darüber reden möchte oder ob sie mich etwas fragen dürfen. Auch die Frage, wie es mir gehe, ist natürlich die schwierigste Frage. Gleichzeitig ist sie auch sehr menschlich, weil dahinter das Interesse steht, wie es mir geht und ob ich etwas brauche. Es braucht sehr viel Empathie. Wirklich sehr viel. Ich glaube, wenn man diese Empathie hat, spürt man, ob jemand bereit ist für eine Frage oder ob man im Moment besser gar nichts sagt. Mir kommt gerade etwas in den Sinn. Ein paar Wochen später war ich mit Mali in der Stadt. Es war das erste Mal, dass wir wieder in die Stadt gingen. Wir hatten uns sehr lange nicht mehr unter die Leute gewagt. Irgendwann gingen wir dann doch. Wir waren in einem Laden, und ein Bekannter von mir lief vorbei, schaute ins Schaufenster und sah mich. Er öffnete die Tür, kam herein, umarmte mich sehr fest, liess mich wieder los und ging hinaus. Das war eine der schönsten Begegnungen, muss ich wirklich sagen. Manchmal sind Worte fast zu viel. Und gesuchte Worte sind sowieso viel zu viel. Diese Geste war so schön, so liebevoll. Ich kann mich … Ja, das war sehr schön. Ich glaube, genau darum geht es. Um Empathie und um das Gefühl, mit dem man spürt, was es gerade braucht und was in diesem Moment in Ordnung ist. Oder eben auch, was es gerade nicht braucht. Es gab aber auch Situationen, in denen Leute vorbeikamen und ich sie eigentlich trösten musste. Das kam sehr oft vor. Menschen kamen, waren so erschüttert, weinten und nahmen so stark Anteil, dass ich am Ende sie trösten musste, obwohl sie gekommen waren, um mir Das gab es sehr oft. Irgendwie ist das absurd.
Elena: Es ist eigentlich absurd. Gleichzeitig kann ich mir gut vorstellen, dass das passiert. Und das, was du am Anfang gesagt hast, noch vor diesem wunderschönen Beispiel mit der Umarmung, war ja auch das Aussprechen. Dass man sagt, ob es für dich in Ordnung ist, darüber zu reden, ob du darüber sprechen möchtest oder ob man dich etwas fragen darf. Oder ob du einfach erzählen möchtest, was dir im Moment durch den Kopf geht. Damit spiele ich dir den Ball zu, und du entscheidest, ob wir jetzt erst recht über etwas völlig anderes sprechen. Oder ob es genau das ist, was dich gerade am meisten beschäftigt.
Liliane: Mhm. Ja, ich denke, am einfachsten kommt man über Fragen ins Gespräch, die wirklich von Herzen kommen. Man sollte nicht zu viel überlegen. Wirklich so wie Kinder. Ehrlich und direkt, wie Kinder. Wir Erwachsene denken viel zu viel nach. Wir denken so viel nach. Ich glaube, das ist auch unser grösster Stolperstein. Man überlegt immer, was der andere wohl denkt, ob man das jetzt wirklich sagen kann und ob sich das gehört. Ich finde, wir können so viel von Kindern lernen. Einfach geradeheraus.
Elena: Genau, das stimmt. Wie geht es dir denn heute?
Liliane: Mir geht es gut. Ja, mir geht es heute wirklich gut. Ich vermisse Lou oft, aber wir haben einen wunderschönen Ort für ihn. Es geht mir gut. Danke.
Elena: So schön. Du hast gerade gesagt, dass ihr einen schönen Ort habt. Das wäre auch noch eine Frage, die mir auf der Zunge brennt. Wie ist Lou heute in euer Leben integriert? Du hast es schon erwähnt. Er ist präsent. Er ist physisch weg, aber nicht ganz weg. Ihr habt einen schönen Ort, an dem ihr ihn in diesem Sinn besuchen könnt. Wie kann ich mir das im Alltag vorstellen? Wo ist er dabei?
Liliane: Ja, er ist eigentlich rund um die Uhr dabei, wirklich. Am Anfang war es sogar so, dass Guy jeweils für ihn den Tisch deckte und ihn so in den Alltag einbezog. Wir haben viele Bilder. Sie helfen uns, überall, wo wir sie anschauen. Wir sprechen sehr viel über ihn. Dadurch ist er im Alltag sehr präsent. Wir haben Symbole, die uns immer wieder begleiten. Seine Schuhe stehen vor der Tür. Das wird wohl immer so bleiben. Es sind kleine Dinge, durch die er über Gegenstände immer wieder präsent ist. Und natürlich ist auch seine Energie da, die wir spüren. Seine Energie ist sehr präsent. Wir spüren sie. Ja.
Elena: Ich stelle mir vor, dass es vielleicht auch Momente gibt, in denen der Anblick dieser Schuhe eher Schmerz auslöst als Trost. Ist das von Tag zu Tag unterschiedlich? Hat sich das mit der Zeit ein bisschen abgelöst?
Liliane: Nein, das ist total unterschiedlich. Es kommt sehr darauf an. Ich kann nur von mir sprechen. Bei mir hängt es extrem von meiner eigenen Verfassung ab. Für mich ist es sehr wichtig geworden, meinen Energiepegel hochzuhalten und wirklich gut für mich zu sorgen. Wenn es mir gut geht, kann ich mit diesen Schuhen, mit Bildern, mit den Fragen der Kinder oder mit Fragen von Freunden umgehen. Dann kann ich mit genügend Kraft in die Situation hineingehen, ohne dass sie mich erschüttert. Dann kann ich standhaft bleiben. Aber ich bin auch nur ein Mensch. Es gibt natürlich Momente oder Phasen, in denen ich nicht so gut drauf bin, in denen es mir nicht gut geht, in denen ich traurig, müde oder erschöpft bin. Dann können ein Paar Schuhe, ein Foto oder ein Besuch an dem Ort, den wir für ihn haben, mich schon sehr treffen. Dann kann ich fast ein bisschen zusammenbrechen. Aber auch diese Momente braucht es. Sie sind nicht mehr so intensiv, wie sie einmal waren. Ich weiss nicht, wie es in Zukunft sein wird. Diese Momente sind nicht angenehm. Eigentlich sind sie total schrecklich. Aber sie braucht es. Am Anfang habe ich versucht, sie ein bisschen wegzudrücken. Dann habe ich gemerkt, dass ich sie zulassen muss. Es ist sehr wichtig, dass ich sie zulasse. Also habe ich auch zugelassen, dass ich ein bisschen zusammenbreche, dass die Trauer wirklich durch mich hindurchfliessen kann und dass ich so lange weine, bis ich vor Tränen nichts mehr sehe. Das hat es wirklich gebraucht. Es ist auch ein Teil der Heilung. Es ist extrem heilsam. Das braucht es. Das ist wirklich sehr wichtig.
Elena: Ja, damit man die Wunde nicht einfach übergeht. Hast du je Wut empfunden?
Liliane: Hm. Das ist eine sehr spannende Frage. Ob ich jemals Wut empfunden habe? Nein, ganz ehrlich, nein. Ich habe keine Wut empfunden. Ich habe ehrlich gesagt auch kein Gefühl von Ungerechtigkeit empfunden. Ich habe das oft von anderen gehört. Dass es so ungerecht sei, dass mir mein Sohn weggenommen worden sei. Oder dass es so ungerecht sei, dass er einfach in das Auto hineingefahren sei. Man sucht immer einen Schuldigen für alles. Das ist ja auch ein Thema von uns Menschen. Aber ich habe keine Wut empfunden. Der Tod gehört zum Leben. Ich kann nicht wütend sein auf eine höhere Macht, die über uns steht. Nein, ich habe keine Wut empfunden.
Elena: Hm. Das beeindruckt mich sehr. Wirklich. Wie unterscheidet sich deine Trauer von damals, in den ersten Wochen, von deiner Trauer heute?
Liliane: Die Trauer von damals ist ja noch nicht so lange her. Sie war viel stärker mit Emotionen verbunden. Das heisst, es kamen Emotionen hoch, die an Erinnerungen geknüpft waren. Diese Erinnerungen haben mich ein bisschen überrollt, und dadurch ist die Trauer ausgebrochen. Es war wie eine Welle. Eine Welle von Erinnerungen, über die Emotionen bis hin zur Trauer. Und dann bricht alles aus. Ich glaube, durch den Prozess der Versöhnung hat sich die Trauer verändert. Wenn ich auf die letzten zwei Jahre zurückschaue, war das ein sehr intensiver Prozess der Versöhnung. Der Versöhnung mit dem, was passiert ist, und mit dem Schmerz. Dadurch hat sich die Trauer verändert. Auch das Vermissen ist ja ein Teil der Trauer. Das Vermissen von Lou hat sich ebenfalls verändert. Natürlich vermisse ich ihn immer noch. Aber es ist nicht mehr dieses Loch oder etwas Hohles, das da ist. Es ist mehr eine Begegnung, aus der wieder Freude entsteht. Das hat sich wirklich sehr verändert. Wenn ich ihn vermisse, spüre ich relativ schnell seine Nähe und freue mich darüber. Es ist nicht mehr so, dass ich in ein hohles Loch falle, das aufreisst und offen bleibt.
Elena: Die Versöhnung, von der du sprichst, war das ein aktiver Prozess? Hast du ihn bewusst gestaltet, oder ist er eher entstanden?
Liliane: Ja, es ist irgendwie alles geflossen. Eigentlich fliesst ja immer alles auf eine gewisse Weise. Gleichzeitig habe ich mich natürlich auch aktiv damit auseinandergesetzt. Ich habe vieles aufgeschrieben, meine Gedanken immer wieder notiert und diese Texte später auch verbrannt. Das waren alles Handlungen innerhalb dieses Prozesses. Am Schluss habe ich es aber mehr fliessen lassen, als dass ich ganz bewusst etwas Bestimmtes gemacht hätte. Ich bin zum Beispiel nicht zu einer Psychologin oder einem Psychologen gegangen, um darüber zu sprechen. Das wäre für mich ein klassischer aktiver Schritt gewesen.
Elena: Du hast also auch nicht bewusst ein Ritual gestaltet oder eine bestimmte Routine entwickelt?
Liliane: Doch, Rituale gab es natürlich viele. Die gibt es immer. Gerade jetzt an Weihnachten wieder. Ich verbinde mich oft mit Räucherwerk, mit Kerzen, mit Lichtern und mit der Natur. Das sind alles Rituale. Aber ich habe es nicht so ritualisiert, dass ich jeden Tag dasselbe mache. Wenn ich spüre, dass es wieder Zeit ist, wirklich in die Verbindung zu gehen, dann mache ich das meistens mit Feuer. Feuer ist für mich die Verbindung nach oben. Rauch und Feuer gehen für mich direkt nach oben, in den Himmel, ins Universum, zu all diesen Lichtwesen. Ich habe für mich das Gefühl, dass es wahrgenommen wird, wenn ich Feuer mache, räuchere oder etwas tue, das in die Luft hinaufsteigt. Dann entsteht für mich eine Verbindung.
Elena: Hat das auch Einfluss auf deine berufliche Entwicklung gehabt, oder auf deine Yogapraxis? Hat sich dort etwas verändert?
Liliane: Sehr. Wirklich sehr. Ich kann es gar nicht so genau sagen. Doch, eigentlich hat sich in den letzten zwei Jahren alles extrem verändert. Wirklich alles. Auch beruflich. Meine Yogapraxis und meine Yogastunden haben sich in den letzten zwei Jahren sehr verändert. Das hängt sicher damit zusammen, dass ich mich in dieser Zeit sehr intensiv mit der geistigen Welt auseinandergesetzt habe, wenn ich es einmal so nennen soll. Ich weiss manchmal gar nicht genau, welche Begriffe ich verwenden soll. Jedes Wort wird sofort auf die Waagschale gelegt und dann gleich als esoterisch, superspirituell, suchend oder was auch immer eingeordnet. Ich habe ein wenig genug von diesen Schubladisierungen und Begriffen. Aber ja, ich habe mich in den letzten zwei Jahren wirklich intensiv damit beschäftigt, mit der geistigen Welt, mit Lichtwesen, mit Seelenreisen, mit all diesen Themen. Die Neugier ist immer noch da, wie schon vor dreissig Jahren, und sie ist sogar noch stärker geworden. Ich glaube, am meisten verändert hat sich mein Bewusstsein. In mir hat sich das Bewusstsein dafür geschärft, dass Trennung wahrscheinlich die grösste Illusion und der grösste Feind von uns Menschen ist. Die Menschen gehen mit dem Tod oft so um, als ob es ihn nicht gäbe. Sie trennen ihn extrem von ihrem Leben. Und ich glaube, wenn man etwas Lebendiges von sich trennt, nimmt man ihm die Lebendigkeit. Für mich ist es extrem wichtig geworden, durch diesen Prozess hindurchzugehen und von dieser Trennung wegzukommen. Ich wollte in die Vereinigung kommen, Lou spüren, den Tod spüren und das nicht als Trennung sehen, sondern als Einheit. Als etwas, das eins ist. Das ist sehr schnell gesagt und auch sehr schnell gelesen. Aber es wirklich zu verinnerlichen, zu verstehen, zu integrieren und zu spüren, ist nochmals etwas anderes. Das braucht sehr viel Zeit. Ich habe extrem viel Zeit gebraucht. Und ich war auch froh, dass ich in diesen letzten eineinhalb, zwei Jahren so viel Zeit hatte, um in mich hineinzuspüren und mich zu fragen, was das Getrenntsein für mich bedeutet, was es bedeutet, nicht mehr getrennt zu sein, was Vereinigung und Verbindung bedeuten, die Verbindung zu allem, was existiert, und wie ich aus dieser Getrenntheit herauskomme. Das war für mich in den letzten zwei Jahren eigentlich der grösste Prozess, ausgelöst natürlich auch durch den Tod von Lou. Und wie du gefragt hast, in der Yogapraxis kommt das ebenfalls sehr stark zum Tragen. Ich beobachte selbst, wie sich das verändert hat. Der Körper, der Geist, die Verbindung und die Inspirationen, die ich bekomme, sind miteinander vereint und verbunden. Daraus entsteht eine eigene Dynamik. Alles wird tiefer, extrem viel tiefer. Es geht durch Schichten hindurch und bekommt eine Tiefe, in der sich die Getrenntheit auflöst. Ich glaube, das ist das, was in den letzten zwei Jahren wirklich intensiv passiert ist. Und es ist sicher noch nicht beendet. Noch gar nicht.
Elena: Das Thema Sterben und Tod war für dich also schon früher präsent. Du bist früh damit konfrontiert worden und hast es nie als Tabu behandelt. Ich weiss noch, als wir uns begegnet sind und uns kennengelernt haben, hat Lou noch gelebt. Wobei ich sagen muss, dass ich ihn ja nicht kennengelernt habe. Ich weiss aber noch, dass ich mich damals bereits mit diesen Themen befasst habe und dass du sehr offen darauf reagiert hast, auch sehr interessiert. Das war anders als bei vielen anderen, bei denen man merkt, dass sie sagen, es sei gut, danke für die Information, aber mehr möchten sie darüber nicht wissen. Mir ist damals schon aufgefallen, wie offen du diesem Thema gegenüber bist. Und jetzt, in dieser letzten Zeit, hat sich das weiterentwickelt. Vom Nicht-Tabuisieren hin zu einem wirklichen Vereinen von Leben und Sterben, fast zu einem Aufheben der Grenze. Habe ich das richtig verstanden?
Liliane: Ja, genau. Ich glaube, das ist der Weg, auf den mich meine Neugier geführt hat. Und wahrscheinlich hat mich auch das Schicksal noch tiefer dorthin geführt. Für mich ist das eigentlich das Sinnhaftigste überhaupt, vielleicht die grösste Sinnhaftigkeit in unserem Dasein, dass wir von dieser Trennung wegkommen und uns mit allem, was ist, wirklich aus dem tiefsten Seelenanteil heraus verbinden können. Das entschleunigt alles. Es gibt eine ganz andere Perspektive auf das ganze Leben, auf den Alltag, auf alles. Wirklich auf alles, sogar auf die Atmung, auf das Einatmen. Es verändert den Blick vollständig. Und ja, es macht etwas mit mir. Ich merke, dass es wirklich etwas mit mir macht. Ich stecke da ganz drin. Es ist eigentlich ein ziemlich stiller Prozess. Es ist ein stiller Prozess, und ich merke, wie er mich weich macht. Ich merke auch, wie er mich noch ruhiger macht. Ich werde irgendwie stressfrei. Ich werde irgendwie so …
Elena: Kann es auch sein, dass in diesem täglichen Struggle, in dem wir immer stecken, die Kleinigkeiten, die uns sonst stressen, sehr stark an Bedeutung verlieren, wenn man versucht, diese Grenzen und die Box im eigenen Kopf aufzuheben?
Liliane: Ja, sehr. Sehr. Und ich denke auch, der Tod von Lou hat sowieso sehr vieles verändert. In diesem Moment kommt eine grosse Demut auf. Bei mir war es wirklich eine ganz grosse Demut. Ich habe das Wort Demut erst damals wirklich verstanden. Da ist eine grosse Demut aufgekommen, und viele kleine Dinge, an denen ich vorher gehangen habe, waren überhaupt nicht mehr relevant. Sie waren irgendwie gar nicht mehr präsent. Es ist, als würde eine kleine Perspektive immer grösser werden, als würde sie aufgehen und aufgehen, und alles wird grösser. Und dadurch, dass alles grösser wird, vereint sich viel mehr. Natürlich sind diese kleinen Dinge im Alltag immer noch da, aber sie verlieren extrem an Gewicht. Es wird alles leichter. Obwohl man ja eigentlich sagt, der Tod sei so schwer.
Elena: Ja, gell?
Liliane: Eigentlich ist es genau umgekehrt. Es wird alles leichter, weil es Freiheit ist. Tod ist Freiheit. Wir können uns achtzig Jahre lang damit beschäftigen, uns mit Kleinkramstress aufzuhalten. Oder wir können das Spektrum wirklich öffnen und sehen, dass wir gekommen sind und wieder gehen werden. Ich habe eine Aufgabe. Ich habe zu lernen und ich habe hier etwas zu geben. Ich glaube, das ist extrem wichtig. Man darf nicht unterschätzen, was man auf diesem Weg zu lernen hat. Es ist extrem wichtig, und es ist extrem individuell. Jeder hat eine andere Aufgabe, und jeder hat einen anderen Weg, den er gehen darf, gehen muss, darf, muss.
Elena: Vielen Dank, Liliane. Das ist ein wunderbares Schlusswort. Danke viel, vielmals, dass du das alles geteilt hast. Ich wünsche dir alles Gute auf deinem weiteren Weg, auf diesem sehr interessanten Weg.
Liliane: Danke, Elena. Danke vielmals.
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