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  • Über die Geschichte
  • Diagnose und Behandlungen
  • Das Ende wird absehbar
  • Zeit des Sterbens
  • Unmittelbar nach dem Tod
  • Mit der Trauer Leben
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Kathrin,verwaiste Muttererzählt

Die Geschichte von Leni Malin

Kathrin wird 2017 Mutter ihrer Tochter Leni Malin. Die Schwangerschaft verläuft unauffällig, die Geburt scheint zuerst ganz normal zu sein. Doch direkt nach Lenis Ankunft im Juli kippt die Situation: Im Gebärsaal machen Ärztinnen und Hebammen plötzlich ernste Gesichter, Leni wird auf die Neonatologie verlegt und später ins Kinderspital Zürich geflogen. Für Kathrin verschwimmt dieser Tag im Schock; Erinnerungen fehlen, Zeit bricht weg. Nur ein letzter Moment ohne Kabel und Schläuche bleibt ihr mit Leni im Arm. Während ihr Mann zwischen Mutter und Kind hin- und herpendelt, versucht Kathrins Körper sich von der Geburt zu erholen, während ihre Seele längst an einem anderen Ort ist. Die Nachricht eines Herzfehlers stellt die junge Familie vor eine Realität, auf die sie niemand vorbereitet hat – und die ihr weiteres Leben tief prägen wird.

TodesumstandRund um die Geburt
Erzählt am12. September 2026
Alter0 Jahre
Gesamtlesezeitca. 47 min
Für wen?Betroffene Eltern
TodesumstandRund um die Geburt
Erzählt am12. September 2026
Gesamtlesezeitca. 47 min

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Zeitabschnitt

Diagnose und Behandlungen

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Stephi: Kathrin Freimann ist mein heutiger Podcast-Gast. Auch sie musste nach dem Verlust ihrer Tochter Leni Malin lernen, dieses Schicksal zu tragen und wieder am Leben teilzunehmen. Dieser Verlust hat auch sie nachhaltig verändert und geprägt. Auf ihrer Homepage begegnet einem gleich ein sehr starker Satz. «Das Leben verteilt Karten. Darauf haben wir keinen Einfluss. Aber wir können entscheiden, wie wir darauf reagieren.» Darunter steht Kathrin Freimann, Trauerbegleitung in Unternehmen, Coaching und Workshops, Grief Expert, Corporate Case Manager. Ja, das alles ist Kathrin. Sie ist ein unglaublich engagiertes Mami. Herzlich willkommen in meinem Podcast, liebe Kathrin. Es ist sehr schön, dass ich heute hier sein darf und dass du in meinen Podcast kommst. Das ist eine grosse Bereicherung.

Kathrin: Ich danke dir, liebe Stephi, für die Einladung und dafür, dass du heute den Weg zu mir gefunden hast.


Stephi: Sehr gern. Kathrin, ich habe im Intro schon ein wenig von dir erzählt, auch darüber, wer du bist und was du heute machst. Und ich habe natürlich auch erwähnt, dass du ein betroffenes Mami bist. Am 7. Juli 2017 kam Leni auf die Welt und nach sieben Wochen und sieben Tagen hat sich dein Leben und das Leben deines Mannes vollständig verändert. Es wäre schön, wenn du uns in deine Geschichte mitnimmst, in das, was passiert ist, und wie es dir damit ergangen ist.

Kathrin: Sehr gerne. Ja, du hast es richtig gesagt. Meine Tochter Leni Malin ist am 7. Juli 2017 zur Welt gekommen. Es zeichnete sich eine ganz normale Geburt ab. Direkt nach der Geburt erfuhren wir, dass etwas nicht stimmt. Alle wurden nervös und unruhig. Die Ärzte, die Hebamme, die dabei war, die liebe Stephi Manser, die auch Leni's Schwester auf die Welt gebracht hat. Es bedeutet mir sehr, sehr viel, dass sie meine beiden Töchter auf die Welt gebracht hat. Leni Malin wurde mir dann weggenommen, weil sie auf die Neonatologie in Münsterlingen kam. Ich kann mich nicht mehr wirklich daran erinnern. Sie kam morgens um halb zehn zur Welt, und ich bin erst am späten Nachmittag, eigentlich am frühen Abend, wieder wach geworden. Rückblickend glaube ich, dass ich wirklich im Schock war. Vielleicht hat man mir auch etwas gegeben. Ich kann mich nicht erinnern. Ich habe auch nie danach gefragt. Noch am Abend, am Tag ihrer Geburt, wurde sie ins Kinderspital nach Zürich geflogen. Ich erinnere mich, dass mein Mann mich im Rollstuhl gefahren hat, weil ich nicht laufen konnte. Die Entbindungsstation ist im ersten Stock, die Neonatologie im Erdgeschoss. Wir sind hinuntergefahren, und ich hatte sie dann noch einmal auf dem Arm. Das war tatsächlich der letzte Moment, das letzte Mal, dass ich sie ohne Kabel, ohne Schläuche, so wie sie war, so wie ich sie auf die Welt gebracht hatte, im Arm halten durfte. Dann kamen aber bereits die … wie heissen sie von der Rega?


Stephi: Die Notärzte.

Kathrin: Die Notärzte. Sie mussten sie mitnehmen.


Stephi: Bis dahin hatte sich aber nichts abgezeichnet?

Kathrin: Nein.


Stephi: Sie ist auch zum regulären Geburtstermin auf die Welt gekommen?

Kathrin: Ja, zum regulären Geburtstermin. Wir waren ein paar Tage überfällig, aber es war nichts auffällig. Ich habe auch alle normalen Ultraschalltermine wahrgenommen. Man hat es einfach nicht gesehen. Wir haben wirklich erst bei der Geburt erfahren, dass sie einen Herzfehler hat. Welche Erkrankung sie genau hat, haben wir erst viele Tage später erfahren.


Stephi: Ihr habt also erfahren, dass sie einen Herzfehler hat, und deshalb kam sie auf die Neonatologie.

Kathrin: Ja. Ihr Öhrchen war nicht ganz ausgebildet. Das hat man dann auch gesehen. Es war offensichtlich. Den Herzfehler sieht man ja nicht sofort, aber das mit dem Ohr war natürlich sehr sichtbar. Da merkte man, dass man genauer hinschauen musste.


Stephi: Und du sagst, du bist erst später wieder wach geworden.

Kathrin: Ja.


Stephi: Hat dein Mann einmal erzählt, wie diese Zeit für ihn war?

Kathrin: Das war für ihn sehr, sehr schlimm. Er war in einem absoluten Ausnahmezustand. Ich habe ihn gefragt, was er in dieser Zeit eigentlich gemacht habe. Er sagte, er sei ständig zwischen mir und Leni hin- und hergelaufen. Ich weiss gar nicht mehr, ob ich noch im Gebärzimmer war. Ich war sicher noch auf der Entbindungsstation. Meine Schwester war zu diesem Zeitpunkt auch da. Sie hat am Nachmittag ebenfalls Zeit mit Leni verbracht. Ich erinnere mich, dass sie auf der Neonatologie war und Leni auf dem Arm hatte, als ich dorthin kam. Sie hatte damals auch die Patenschaft übernommen.


Stephi: Ja, schön. Und dann ist Leni mit der Rega mitgeflogen. Wie war dieser Moment für dich?

Kathrin: Das war ganz schlimm. Wir haben noch Bilder davon, wie der Hubschrauber am Himmel ist und wegfliegt. Wir wollten mit nach Zürich fliegen, aber das ging leider nicht. Das war nicht machbar. Münsterlingen hat es sehr gut gemacht, muss ich sagen. Wir wurden wirklich gut aufgefangen. Mein Mann und ich verbrachten die Nacht dann dort, in einem Elternzimmer. Irgendwann in der Nacht klingelte das Telefon. Wir nahmen den Anruf entgegen, und es war das Kinderspital. Sie sagten, dass sie Leni intubieren mussten. Zuerst verstand ich gar nicht richtig, was das bedeutete. Ich wusste mitten in der Nacht auch nicht, was intubieren heisst. Mein Geist war irgendwie nicht da. Ich war nicht aufnahmefähig und konnte nicht begreifen, was gerade geschah. Dazu kamen all diese medizinischen Fachbegriffe, die ich in diesem Moment nicht verarbeiten konnte.


Stephi: Mhm. Ja, schwierig. Bis zu diesem Zeitpunkt wusstest du noch gar nicht genau, was es ist. Hast du in diesem Moment schon daran gedacht, dass sie vielleicht gehen könnte?

Kathrin: Nein.


Stephi: Oder war für dich klar, dass sie es schafft?

Kathrin: Daran habe ich in diesem Moment überhaupt nicht gedacht, Stephi, dass sie gehen könnte. Für mich war nur die aktuelle Situation da, dass mein Kind nicht bei mir war. Ich hatte mir das doch alles ganz anders vorgestellt. Eigentlich hätte ich jetzt mit ihr auf der Wochenbettstation liegen sollen. Ich hätte versuchen sollen, sie zu stillen. Ich hätte sie wickeln dürfen. Meine Eltern hätten uns besuchen kommen sollen. Das war alles anders geplant, und ich realisierte gar nicht, was überhaupt geschah. Deshalb dachte ich auch noch nicht an den Tod. Ich war noch gar nicht so weit. Das war noch ganz weit weg. Diese Frage hat mir noch nie jemand gestellt, Stephi. Ich habe darüber auch noch nie bewusst nachgedacht. Aber jetzt, wo du sie mir stellst und ich darüber nachdenke, beziehungsweise es spontan aus mir herauskommt, merke ich, dass ich daran nicht gedacht habe.


Stephi: Ja, du warst natürlich auch in einem Schockmoment.

Kathrin: Ja.


Stephi: In einem Schock. Eigentlich solltest du das pure Leben in den Händen halten. Eine Geburt ist ja eigentlich ein freudiger Moment. Und es war ja auch schön, dass sie da war.

Kathrin: Ja.


Stephi: Aber eben, daran denkt man in diesem Moment natürlich nicht. Das ist ja irgendwie klar. Manchmal kommt trotzdem Angst auf. Stirbt sie jetzt? Was ist jetzt? Welche Folgen hat es? Wird sie gut daraus hervorgehen oder nicht?

Kathrin: Das sicher schon. Was passiert jetzt mit ihr? Was passiert mit uns? Aber an ein Worst-Case-Szenario habe ich in diesem Moment noch nicht gedacht.

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Zeitabschnitt

Das Ende wird absehbar

Lesezeit ca. 9 min
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Stephi: Wie ist es danach weitergegangen?

Kathrin: Wir sind am nächsten Morgen, am 8. Juli, gleich früh nach Zürich ins Kispi gefahren. Dort lag sie dann komplett verkabelt. Diesen Anblick werde ich nie vergessen, wie mein kleines Baby in diesem kleinen Intensivbettchen lag, intubiert, mit all den Schläuchen. Das war für uns als Familie ein sehr schlimmer Anblick.


Stephi: Durftest du sie zu dir nehmen?

Kathrin: Nein, das war nicht möglich. Erst ungefähr eine Woche nach ihrer Geburt durfte ich sie zum ersten Mal wirklich auf den Arm nehmen. Nach etwa einer Woche oder zehn Tagen.


Stephi: Mhm. Wussten die Ärzte da schon ein bisschen, was mit ihr ist?

Kathrin: Sie hatten die Vermutung, dass ihre Erkrankung auf einen genetischen Defekt zurückzuführen ist, auf eine genetische Erkrankung, weil sie mehrere Symptome zeigte. Sie hatte einen schwerwiegenden Herzfehler. Das Ohr war nicht richtig ausgebildet. Ich verwechsle immer Speiche und Elle, aber eines von beidem hat bei ihr gefehlt und war nicht ausgebildet. Es gab mehrere Anzeichen, die für die Ärzte zu diesem Zeitpunkt darauf hindeuteten, dass es tatsächlich etwas Schwerwiegenderes ist, eine schwere Erkrankung, auch wenn sie noch keine genaue Diagnose stellen konnten. Woran ich mich wirklich noch erinnern kann, ist das Kispi. Ich weiss nicht, kennst du das alte Kispi in Zürich? Das ganz alte?


Stephi: Ich habe eine Doku im Schweizer Fernsehen gesehen, als sie umgezogen sind. Darum sind mir Bilder von dort bekannt.

Kathrin: Beim alten Kispi, und ich bin sehr froh, dass es seit letztem Jahr ein neues Kispi gibt, weil das alte sehr klein und sehr eng war, hatten wir das erste Krisengespräch mit mehreren Ärzten. Sie sassen mit uns am Tisch. Ich erinnere mich, dass wir in der Küche sassen, in der Arztküche oder Teeküche. Ich habe meinen Mann selten weinen sehen. Wir sind seit 18 Jahren zusammen. Als wir aus dieser Küche herauskamen, sagte er, warum passiert uns das? Und er weinte einfach nur. Ich glaube, nach diesem ersten Gespräch mit den Ärzten realisierten wir, dass sie tatsächlich auch jemanden vom genetischen Institut aus Zürich holen würden, der sich Leni anschaut. Sie sagten uns zu diesem Zeitpunkt schon, dass es nicht gut aussieht. Aber niemand sprach über den Tod.


Stephi: Niemand hat diesen Begriff in den Mund genommen.

Kathrin: Nein, niemand hat diesen Begriff in den Mund genommen.


Stephi: Hättest du dir das gewünscht?

Kathrin: Ich war damals in einer anderen Situation als heute. Heute könnte ich ganz klar sagen, dass ich mir gewünscht hätte, dass man offen und ehrlich mit mir spricht, mit mir kommuniziert. Damals wäre es für mich, glaube ich, nicht gut gewesen, weil ich nicht vorbereitet war. Ich glaube, wenn wir in der Schwangerschaft erfahren hätten, ich habe oft darüber nachgedacht, dass Leni krank zur Welt kommt, dann hätte ich mich darauf einstellen können. Dann wäre ich sicherlich aufnahmefähiger gewesen für das, was die Ärzte über ihre Erkrankung gesagt hätten, auch im Hinblick auf die Kommunikation und mögliche Worst-Case-Szenarien. Ich habe sehr lange und immer wieder darüber nachgedacht. Heute bin ich sehr dankbar. Ich habe auch meinem Frauenarzt gesagt, wie froh ich bin, dass er nichts gesehen hat. So konnte ich Leni während dieser neun Monate Schwangerschaft in meinem Bauch tragen. Es wäre sonst alles ganz anders verlaufen. Sie wäre vermutlich früher per Kaiserschnitt zur Welt gekommen, und vielleicht hätte sie diese sieben Wochen und sieben Tage gar nicht gelebt und geschafft. Ich glaube, gerade diese Zeit bei mir im Bauch hat ihr ermöglicht, im Rahmen ihrer Möglichkeiten und ihres Gesundheitszustandes Kraft zu entwickeln. Viele haben mich immer wieder gefragt, warum das denn nicht erkannt worden sei. Ich habe gesagt, dass das für meinen Mann und mich nie eine Rolle gespielt hat, weil man selbst dann, wenn man es erkannt hätte, an der Krankheit nichts hätte ändern können. Sie war einfach schwer krank. Irgendwann habe ich das wirklich angenommen, tatsächlich relativ schnell. Und ich war froh darüber und bin meinem Frauenarzt sogar dankbar.


Stephi: Mhm. Ja, das frage ich mich auch immer. Was würdest du machen, wenn du es weisst?

Kathrin: Genau.


Stephi: Was macht es mit dir, wenn du es weisst?

Kathrin: Richtig. Das hätte uns vor andere Herausforderungen gestellt, die wir nicht hatten. Deshalb war es für uns damals eine ganz andere Situation, als wenn wir es schon vorher erfahren hätten.


Stephi: Und Leni durfte eine sorgenfreie Schwangerschaft geniessen.

Kathrin: Ja, eben.


Stephi: Weisst du, mit einer Mami, die sich freute.

Kathrin: Ganz genau.


Stephi: Und einem Papi, der sich freute.

Kathrin: Ja, es war schön. Wir haben alles vorbereitet. Wir haben das Kinderzimmer eingerichtet, den Kinderwagen ausgesucht und das Zimmer gestrichen. Wir konnten das ganze Paket erleben. Ich sage immer, sie hat nur sieben Wochen und sieben Tage gelebt. Aber die Zeit davor, diese neun Monate, waren für mich unbeschwert. Diese ganze Zeit hat heute für mich eine enorme Bedeutung.


Stephi: Ja, das glaube ich.

Kathrin: Deshalb ist es für uns vollkommen okay, dass es so ist, wie es war, und dass wir es nicht schon in der Schwangerschaft erfahren haben. Ich bin dankbar genau dafür, dass wir es eben nicht wussten.


Stephi: Ja, manchmal ist es gut, wenn man nicht alles weiss.

Kathrin: Ja, das ist so. Da gebe ich dir vollkommen recht.


Stephi: Wie ist es nach dem Gespräch für euch weitergegangen?

Kathrin: Dann kam relativ schnell, innerhalb weniger Tage, tatsächlich die Leiterin des genetischen Instituts. Da erfuhren wir zum ersten Mal, welche Krankheit Leni hatte. Sie litt an der Fanconi-Anämie. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich davon noch nie etwas gehört. Ich glaube, es gibt weltweit nur ein paar Hundert Menschen mit dieser Erkrankung. Es gibt eine Familie in Zürich mit zwei Kindern, die ebenfalls mit dieser Erkrankung zur Welt gekommen sind. Aber ansonsten gab es damals hier bei uns in der Schweiz wirklich niemanden. Das erfuhren wir allerdings erst später. Damals war es für uns ein grosser Schock. Wir haben natürlich nachgelesen und gegoogelt.


Stephi: Ja, das machen wir, oder? Man fängt an zu googeln.

Kathrin: Ja, obwohl ich sagen muss, dass wir uns wirklich zurückgehalten haben. Wir hatten einen unglaublich tollen Bezugsarzt, Dr. Döll. Fachlich strahlte er eine sehr grosse Kompetenz aus. Neben dieser fachlichen Kompetenz war er so empathisch, herzlich und verständnisvoll. Er fand eine Balance zwischen seiner Rolle als Arzt mit seiner Fachkompetenz und seiner Menschlichkeit.


Stephi: Ah, schön.

Kathrin: Er war auch Papa und vermittelte uns, dass er uns versteht und für uns da ist. Während dieser ganzen Zeit hat er uns unglaublich gut betreut. Er hat auch übersetzt. Es gab natürlich auch andere Ärzte, die ich einfach nicht verstanden habe, Stephi. Wir sassen sehr oft in solchen Gesprächen zusammen. Es gab Gespräche mit dem Handchirurgen, dem Internisten, dem Herzchirurgen und unserem Bezugsarzt Dr. Döll. Mir ist in Erinnerung geblieben, dass das alles Fachspezialisten waren. Das ist natürlich richtig. Sie sind erfahren, sie sind ausgebildet, sie haben studiert. Auch Dr. Hübler, der Leni damals am Herzen operierte, war ein sehr guter Chirurg, ein Kinderchirurg. Ich habe überhaupt grossen Respekt vor Herzchirurgen, die Babys operieren. Wir reden hier von Babys, die ein paar Tage alt sind und deren Herz nicht grösser ist als eine Haselnuss.


Stephi: Ja, das ist Wahnsinn.

Kathrin: Das ist Wahnsinn. Stephi, ich kann es bis heute nicht begreifen, und mein grösster Respekt gilt diesen Menschen, die dort arbeiten. Ich bin mir bewusst, dass man nicht immer empathisch reagieren kann. Trotzdem muss ich sagen, dass es für uns schwierig war, weil ich oft nicht verstanden habe, was sie sagten.


Stephi: Ja, sie reden ihre Fachsprache, oder? Und gehen davon aus, dass man sie versteht.

Kathrin: Genau. Ich sagte dann immer, dass es mir leidtut, ich aber nicht mitkomme. Dass ich es nicht verstehe und noch einmal nachfragen muss. Wie ist das jetzt genau? Was hat Leni? Was hat das mit den Händchen zu tun? Was bedeutet das? Gerade heute Morgen, bevor du gekommen bist, habe ich hier noch einen alten Ordner aus dem Kinderspital angeschaut. Damals führte ich eine Art Tagebuch und schrieb vieles auf. In den ersten sieben Tagen erhielten wir unglaublich viele Diagnosen. Schwere Entzündungsreaktionen. Alle Organe mussten zu diesem Zeitpunkt unterstützt werden. Herzrhythmusstörungen. Auch die Gefässe mussten unterstützt werden. Niedriger Blutdruck. Die Nieren funktionierten nicht. Die Herz-Kreislauf-Situation war sehr, sehr schlecht. Leni war wirklich sehr, sehr, sehr krank. Wenn sie, in Anführungszeichen, nur den Herzfehler gehabt hätte, hätte ich mich wahrscheinlich besser darauf konzentrieren können. Aber es waren die Hände, es waren die Ohren, es waren die Nieren. Und wir wussten gar nicht, Stephi, wo wir überhaupt anfangen sollten.


Stephi: Mhm. Ja, und du willst ja für dein Kind kämpfen. Du willst für dein Kind da sein, und du hast eine grosse Hoffnung, dass es gut kommt. Aber wenn eine Nachricht nach der anderen kommt … Ich weiss nicht, ich kann mir vorstellen, dass das reine Überforderung ist. Wo fangen wir an? Was ist jetzt wichtig? Wie geht es weiter?

Kathrin: Die Ärzte sagten irgendwann, dass das Herz die grösste Rolle spielte. Sie wurde relativ schnell am Herzen operiert. Das war die erste Operation. Insgesamt hatte sie drei Herzoperationen. Nach der ersten Operation erholte sie sich unglaublich schnell. Ich staune bis heute über mein kleines, tapferes Mädchen. Am Tag nach der Operation, vielleicht sogar noch am selben Tag, wurde sie wach. Ich habe noch Bilder davon. Ich schaute sie an, ihre Augen waren offen, sie war wach. Sie verstand, was da passierte. Sie erholte sich so schnell, und ich durfte sie dann wirklich zum ersten Mal auf den Arm nehmen.


Stephi: Oh, wie schön.

Kathrin: Das war ein so schöner Moment. Diese Momente trage ich ganz tief in meinem Herzen. Sie hatte zwar die Schläuche, aber sie war da. Sie schaute mich an, sie schaute ihren Papa an. Für diese acht Wochen war es dann einfach unser Alltag, in diesem Kinderspital zu sein. Wir hatten dieses Bettchen, darüber gab es eine Ablage. Wir stellten Bilder auf und bekamen natürlich auch Geschenke für sie. Ich stricke und häkle sehr gern, ich mache sehr gern Handarbeit. Also brachte ich Deckchen mit und häkelte Kuscheltiere für sie, direkt am Bettchen. Man musste sich ja irgendwie die Zeit vertreiben. Irgendwann fuhr ich in die Stadt, ging in einen Laden und kaufte mir Wolle, weil meine Wolle ausgegangen war. Teilweise sass ich stundenlang an diesem Bettchen, strickte, häkelte und las ihr vor. Das war dann unser Alltag.

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260602 Leni Lila 01
Zeitabschnitt

Zeit des Sterbens

Lesezeit ca. 5 min
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Stephi: Ja. Wann war der Moment, in dem du realisiert hast, dass sie gehen wird?

Kathrin: Das war tatsächlich erst beim Eskalationsgespräch, beim Krisengespräch. Vorher gab es immer wieder Situationen, die eine Berg- und Talfahrt waren. Es bewegte sich immer zwischen Hoffnung und der Nachricht, dass es ihr wieder schlechter ging. Wir kamen am Morgen hin, und Leni hatte einen guten Tag. Sie war wach, sie war da. Ich konnte sie füttern. Wobei, was heisst füttern? Die Milch wurde in eine Spritze aufgezogen, und dann durfte ich die Spritze über die … wie nennt man das, wenn die Kinder …


Stephi: So eine Magensonde.

Kathrin: Ja, wenn sie über die Magensonde ernährt werden. Ich hatte dann die Spritze und durfte ganz zaghaft die Milch in die Sonde geben. Für uns war das eine Form, da sein zu können. Im Rahmen dessen, was wir überhaupt tun konnten, war es eine der wenigen Möglichkeiten, die wir hatten.


Stephi: Da durftest du auch Mama sein.

Kathrin: Ja, ich durfte Mama sein. Ich habe sie kein einziges Mal gewickelt, aber ich konnte sie wenigstens über die Magensonde ernähren, ich konnte sie füttern. Ich habe abgepumpt, das war mir wichtig. Darauf habe ich bestanden. Irgendwann waren wir an einem Punkt, an dem sie noch irgendetwas anderes hatte. Ich weiss nicht mehr, was es war. Sie durfte keine Muttermilch mehr bekommen. Sie musste quasi … wie sagt man dazu, Schonkost? Auf jeden Fall durfte sie diese fettige Muttermilch nicht mehr trinken. Das war für mich ein ganz schlimmer Moment, weil ich jeden Tag abgepumpt hatte und einfach wollte, dass sie meine Muttermilch bekommt. Ich war überzeugt, dass Leni die Muttermilch gut tut.


Stephi: Dass es das Beste ist, oder?

Kathrin: Es ist das Beste für das Kind. Und dann konnte ich das nicht mehr machen. Ich habe aber trotzdem weiter abgepumpt. Ich habe heute noch Fläschchen mit Muttermilch im Kühlschrank stehen.


Stephi: Oh, ist das schön. Ja.

Kathrin: Ich habe sie bis heute nicht wegräumen können, Stephi.


Stephi: Das kann ich nachvollziehen. Ja. Ich habe auch solche Kisten zu Hause mit Sachen, die ich nicht weg tun konnte.

Kathrin: Ja. Ich weiss nicht, wie lange ich sie … Sie stehen einfach dort. Sie liegen dort unten, und für mich ist es okay. Irgendwann hatte ich sehr viel Muttermilch, und dann kam jemand auf mich zu und sagte, man könne Muttermilch spenden. Also habe ich sie gespendet.


Stephi: Wirklich? Oh, ist das schön. Ja.

Kathrin: Aber ein bisschen habe ich mit nach Hause genommen. Die, die man nicht mehr spenden konnte. Ja, und dann waren wir in dieser Berg- und Talfahrt. Nach der letzten Operation, die sehr, sehr gefährlich war, war Leni auch an der ECMO-Maschine. Auch das hat sie sehr gut verkraftet.


Stephi: Was ist das?

Kathrin: Das Herz wird nach einer OP künstlich unterstützt. Ihr Herz konnte nicht arbeiten, und diese ECMO-Maschine unterstützt und übernimmt die Herzfunktion. Auch während der Operation hat sie dafür gesorgt, dass Leni am Leben blieb. Diese Maschine war sehr laut. Ich erinnere mich noch genau daran. Nach dieser Operation ging es ihr zunächst gut, und sie sollte auf die normale Station verlegt werden. Wir gingen nach oben, eine Etage höher, und das war eine ganz andere Station, Stephi. Es war die Neonatologie und nicht mehr die Intensivstation, die IPS. Die Mamas liefen mit ihren Babys herum. Sie durften ihre Kinder im Kinderwagen fahren. Da war Leben. Es war eine andere Atmosphäre, und ich habe mich so gefreut. Dr. Döll hatte den Termin schon organisiert. Er hatte oben bereits angerufen und uns angemeldet, weil wir die Station wechseln sollten, von der IPS auf die Neonatologie. Und dann ging alles ganz schnell.


Stephi: Okay.

Kathrin: Dann bekam Leni eine Sepsis. Das zog sich, glaube ich, über ein paar Tage hin. Man konnte zusehen, wie es ihr zunehmend schlechter ging. Sie erholte sich nicht mehr. Es war damals der Pseudomonas-Keim. Das ist ein typischer Spitalkeim. Ich habe auch erst im Nachhinein erfahren, was das ist. Irgendwann hatten wir dieses Eskalationsgespräch mit den Ärzten, zu dem sie uns alle zusammengerufen hatten. Auch Dr. Döll war wieder dabei. Ich weiss noch genau, welche Frage ich ihm gestellt habe. Ich fragte ihn, was er tun würde. Darauf sagte er, er würde das Gleiche tun, was er uns gerade geraten habe, nämlich die Maschinen abzustellen.


Stephi: Ja. Schwierig.

Kathrin: Ja.


Stephi: Aber wichtig, oder?

Kathrin: Sehr wichtig. Rückblickend fand ich diese offene Kommunikation sehr wertvoll. Auch von seiner Seite aus. Nicht nur als fachlichen Rat aufgrund seiner Expertise, sondern auch als menschliche Antwort. Ich kann mir vorstellen, dass viele Ärzte in so einer Situation sagen würden, diese Frage könnten sie nicht beantworten.


Stephi: Ja. Weil sie die Verantwortung nicht übernehmen wollen, oder?

Kathrin: Genau. Das meinte ich vorhin am Anfang. Er war so sehr Mensch und so empathisch. Er war eben nicht ausschliesslich in seiner Rolle als Arzt, und das habe ich sehr geschätzt.

260602 Leni Lila 01
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Zeitabschnitt

Unmittelbar nach dem Tod

Lesezeit ca. 6 min
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Stephi: Ja. Und dann habt ihr euch so entschieden?

Kathrin: Dann haben wir uns entschieden. Ich war mit meinem Mann dort, und die anderen gingen hinaus. Ich weiss noch, dass dieses Gespräch im Stillzimmer stattfand, weil es keine anderen Räume gab. Es gab keine geeigneten Möglichkeiten, solche Gespräche zu führen. Wenn ich heute darüber nachdenke, merke ich wieder, wie eng dort alles war. Das soll kein Vorwurf sein, du verstehst, es war einfach alles ganz, ganz eng.


Stephi: Das waren die Gegebenheiten. Dafür konntet ihr auch nichts.

Kathrin: Nein, nein, dafür konnte niemand etwas. Und es tat ihnen auch immer unheimlich leid. Ich glaube, sie haben sich teilweise fast für die Umstände geschämt, die dort herrschten. Gespräche wurden in der Küche geführt oder im Stillzimmer. Dann mussten Frauen hinausgehen, die gerade stillten oder abpumpten. Wir sassen auf Gartenstühlen, auf solchen Holzhockern. Ich weiss noch, dass ich meine Tochter sehen wollte. Ich wollte an ihrem Bettchen stehen und auf sie hinunterschauen. Stattdessen gab es nur die Möglichkeit, auf so einem ganz harten Hocker zu sitzen. Das war alles im wahrsten Sinne des Wortes hart. Dann war eben dieses Gespräch. Wir blieben in diesem Stillzimmer zurück, mein Mann und ich sahen uns an, und wir waren uns sofort einig. Wir waren uns in dieser ganzen Zeit immer einig. Alle Entscheidungen, die wir in dieser Zeit getroffen haben, haben wir vorher gemeinsam gefunden, immer im Konsens.


Stephi: Mega wertvoll.

Kathrin: Uns war dann wichtig, dass wir den Zeitpunkt wieder ein Stück weit mitbestimmen konnten. Dass wir die Zeit noch ein wenig anhalten konnten, um das zu planen und zu organisieren, was man überhaupt planen und organisieren konnte. Uns wurde das am Abend mitgeteilt, und für den nächsten Tag haben wir es geplant. Vierundzwanzig Stunden später war Leni schon verstorben. Der nächste Tag war dann als Abschiedstag geplant.


Stephi: Der ganze Tag und wie ging es dann weiter?

Kathrin: Ja. Der ganze Tag war … Auch da wurde wieder alles sehr achtsam gemacht. Meine Schwester kam. Zwei Freundinnen waren da. Dann kam noch einmal der Pfarrer, jemand von der Seelsorge. Wir hatten eine ganz tolle Pflegefachfrau. Ich weiss ihren Namen nicht mehr, aber sie war so toll. Überhaupt die ganzen Pflegenden auf dieser Station. Ich sage es noch einmal, Hut ab vor diesen Menschen, die dort arbeiten. Sie kümmern sich ja nicht nur um die Kinder. Sie sind auch so nah bei den Eltern. Wir hatten immer eine Eins-zu-eins-Betreuung.


Stephi: Ja, sie sind Seelsorger.

Kathrin: Ja, sie sind so vieles. So vieles. Und sie hat diesen Tag mit uns so achtsam gestaltet. Sie war auch diejenige, die die Herzensbilder gerufen hat. Ich kannte sie nicht. Sie liegen heute hier auf dem Tisch. Die Pflegerin fragte uns, ob wir die Herzensbilder kennen. Ich sagte, nein, was das sei. Sie erklärte es mir kurz und fragte, ob sie sie rufen solle. Ich sagte, ja, gerne. Dann kam eine Fotografin. Ich werde das nie vergessen, Stephi. Die Fotografin kam herein, und sie hatte keine Angst. Sie war da, sie war präsent. Heute weiss ich, dass es genau darum geht. Es geht nicht darum, die richtigen Worte zu finden. Es geht darum, da zu sein. Und sie war da und hat diese Situation mit uns ausgehalten. Sie hat Fotos gemacht und sich sehr viel Zeit genommen. Sie hat Leni zugedeckt. Ich hatte immer einen Schal bei mir, und damit haben wir sie eingewickelt. Sie hat das sehr achtsam und wertschätzend gemacht, mit Ruhe und mit ganz viel Liebe.


Stephi: Ja, und es ist sehr wertvoll, dass die Pflegerin daran gedacht und euch darauf hingewiesen hat. Man weiss so etwas einfach nicht.

Kathrin: Nein, ich wusste das nicht. Ich kannte den Verein Herzensbilder nicht. Ich hatte noch nie gehört, dass es so etwas gibt.


Stephi: Wie hast du dich gefühlt, als sie gegangen ist? Was war das für ein Gefühl?

Kathrin: Auch das war wieder vorbereitet. Ich glaube, es war schon dunkel oder es wurde langsam dunkel, und ich hatte sie auf dem Arm. Dann kam der Arzt. Er hat uns jeden Schritt mitgeteilt, den er machte. Ich kann mich wirklich noch sehr gut daran erinnern. Wahrscheinlich auch deshalb, weil wir an diesem Tag alles sehr bewusst gemacht haben. Es war vorbereitet, und wir haben versucht, uns darauf einzulassen. Vielleicht war es eine Intuition, dass Weglaufen keine Option war.

Kathrin: Ich weiss es nicht. Das ist wahrscheinlich auch der Grund, weshalb ich mich heute noch so gut erinnere. Er sagte dann, dass sie jetzt die Maschinen abstellen würden. Und das hat er getan. Danach war Ruhe.


Stephi: Mhm. War das auch ein erlösender Moment? Zumindest ein bisschen?

Kathrin: Ein bisschen schon, glaube ich. Ich fragte ihn dann, ob sie noch atme. Er sagte, nein. Es war tatsächlich so, dass Leni es nicht geschafft hat, einen Atemzug alleine zu machen. Das war ihr nicht möglich.


Stephi: Ganz alleine.


Stephi: Ja. Das bestätigte aber auch wieder, dass es gut gewesen ist.

Kathrin: Genau.


Stephi: Oder? Dass ihr euch so entschieden habt.

Kathrin: Mhm. Ich konnte gerade spüren, wohin deine Gedanken gehen, Stephi. Und genau das kann ich teilen. Ich habe dieselbe Meinung. Es war wie eine Bestätigung dieser Entscheidung. Viel später habe ich gelernt, dass es Lenis Entscheidung war und dass ich diese Entscheidung, so hart sie auch ist, akzeptieren muss. Und dass ich sie in einer Form auch wertschätzen muss.


Stephi: Mhm. Ja. Und dadurch, dass man die Maschine abgestellt hat, hat man ihr diese Möglichkeit gegeben.

Kathrin: Mhm. Eben. Sie hat entschieden.


Stephi: Sie hat entschieden.

Kathrin: Es war ihre Entscheidung. Heute kann ich das nicht nur sagen, ich fühle es auch. Und so ist es.


Stephi: Ja. Und das ist das Schwerste überhaupt, was Eltern durchmachen müssen, wenn sie ihr Kind verabschieden müssen. Wenn sie es auf den Weg schicken müssen. Das kann man mit Worten gar nicht beschreiben.

Kathrin: Nein, es gibt keine Worte, um so etwas zu beschreiben, diese Gefühlslage zu beschreiben. Wir können die Situation beschreiben und wie etwas abgelaufen ist. Aber was in diesem Moment in uns vorgeht, ist nicht beschreibbar.


Stephi: Nein. Wir hatten das bei Aaliyah auch, und für mich hatte das etwas sehr Natürliches, etwas Ursprüngliches und auch etwas Intimes. Fast vergleichbar mit einer Geburt. Etwas sehr Heikles, etwas Unzerbrechliches.

Kathrin: Ich denke, wir konnten unserer Tochter die grösste Ehre erweisen. Ich habe sie auf die Erde gebracht, auf die Welt gebracht. Wir waren die ganze Zeit bei ihr, wir haben sie bis zu ihrem letzten Atemzug begleitet und waren bei ihr. Und wir haben in dieser Zeit für sie gekämpft. Ich habe viel gekämpft, mit mir selbst, aber auch mit Situationen dort. Das gibt mir heute auch Kraft. Es mag sich verrückt anhören. Ich glaube, das versteht auch nur ein Mami oder Eltern, die so etwas durchgemacht haben, dass einem solche Situationen heute auch Kraft geben können.


Stephi: Ja. Es braucht Zeit.

Kathrin: Mhm. Ja, die braucht es. Viel Zeit.

260602 Leni Lila 02
260602 Leni Lila 01
Zeitabschnitt

Mit der Trauer Leben

Lesezeit ca. 23 min
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Lesezeit ca. 23 min

Stephi: Aber wenn man in diesem Prozess ist und durch diesen Prozess geht, kann man gestärkt daraus hervorgehen. Das ist definitiv so. Was war für dich in der ersten Zeit danach besonders schwer? Was war schwierig und herausfordernd?

Kathrin: Das Schwierigste war natürlich, dass ich keine Aufgabe mehr hatte.


Stephi: Sie war ja euer erstes Kind.

Kathrin: Genau. Abgesehen davon, dass Leni nicht mehr da war. In der Zeit davor habe ich im Kinderspital funktioniert. Wir hatten eine Aufgabe. Wir waren dort, wir hatten die Gespräche mit den Ärzten. Wir haben uns um Leni gekümmert. Wir haben die Beerdigung organisiert. Bis zur Beerdigung waren wir ständig mit etwas beschäftigt. Der erste solche Moment war sicher, als wir nach Hause kamen, nachdem sie an diesem Abend verstorben war. Wir kamen in unsere Wohnung und waren allein. Im Auto hatten wir nur geweint. Ich habe geschrien. Ich konnte es nicht glauben und wollte es nicht glauben. Ich glaube, in diesem Moment ist auch eine riesige Last von mir abgefallen. Denn während der Zeit im Spital haben wir tatsächlich bei ihr am Bett nicht geweint. Das rechne ich meinem Mann unheimlich hoch an. Er wollte nicht, dass wir an ihrem Bett weinen. Das ist ein ganz wichtiger Punkt, den ich heute hier im Podcast sagen möchte. Vielleicht ist einmal ganz zaghaft eine Träne geflossen, aber wir wollten ihr immer Kraft, Mut und Hoffnung geben. Wir haben immer mit ihr gesprochen, weil wir überzeugt waren, dass Leni uns versteht und hört. Wenn ich heute daran denke, sehe ich ihre Augen noch ganz genau. Ich sehe diesen wachen Blick. Und sie hat schon damals so viel mehr gewusst als ihre Mami.


Stephi: Das ist so eindrücklich, dass man das so spürt.

Kathrin: Ja, das ist Wahnsinn. Und gleichzeitig ist es etwas Schönes. Für mich ist es etwas Schönes. Eine sehr gute Freundin von mir kam zweimal ins Spital, besuchte uns und wollte Leni kennenlernen. Sie brachte Smoothies und Gipfeli mit, und wir sassen am Bett. Wir beide hielten ihre Händchen und lachten. Wir sprachen mit ihr. Zusammen mit meinem Mann erzählten wir Leni Geschichten. Wir sprachen darüber, wie wir uns kennengelernt hatten, und erzählten Anekdoten. Wir haben so viel gelacht. Wir haben auch eine ganz tolle Familie kennengelernt, die Familie der kleinen Livia. Sie kam ein paar Tage nach Leni auf die Welt, und wir sind bis heute sehr, sehr gut mit dieser Familie befreundet.


Stephi: Schön, ja.

Kathrin: Mit ihrem Mami und ihrem Papi. Sie hat auch noch einen Bruder. Das ist eine Verbindung, und diese Verbindung bleibt. Wir haben in diesem Spital so viel Zeit miteinander verbracht, auch danach.


Stephi: In der schwersten Zeit.

Kathrin: Ja, in der schwersten Zeit. Und das schweisst einen zusammen. Soweit ich mich erinnere, haben sie es ähnlich gemacht. Meinem Mann war das so wichtig. Ohne es werten zu wollen, aber ich habe auch andere Situationen erlebt, und ich kann das verstehen. Am liebsten wäre ich selbst nur über dem Bett gehangen und hätte geweint und geschrien. Aber irgendwann sagte mein Mann das, und ich dachte, nein, komm, du hast recht. Wir müssen jetzt stark sein für Leni. Dieses Starksein macht mich heute auch stärker, weil ich es damals geschafft habe. Mein Mann hatte da eine richtige Intuition. Das war mir noch sehr wichtig zu sagen.


Stephi: Mhm. Und bei deiner Freundin war es eine so schöne Geste, dass sie keine Berührungsängste hatte und Leni kennenlernen wollte.

Kathrin: Ja. Ich würde mir wünschen, dass die Menschen mutiger sind. Du darfst doch auf eine IPS. Du darfst dieses Kind anfassen, ihm über den Kopf streicheln, es berühren, und du darfst auch lachen. Du darfst da sein. Es geht darum, was die Eltern gerade brauchen. Das ist ja etwas, das wir in unserer Ausbildung gelernt haben, wirklich zu fragen, was brauchst du und was würde dir gerade guttun. Und sie hatte den Mut zu fragen, ob sie uns besuchen kommen darf. Stephi, ich weiss es noch wie heute, mein Herz hat gehüpft. Ja, bitte komm. Es war eben nicht diese Frage, dass ich mich melden soll, ob sie einmal zu Besuch kommen darf. Ich hatte keine Kraft, ihr zu sagen, bitte besuche uns doch einmal im Kispi.


Stephi: Ja. Ich bin froh, wenn du einfach kommst.

Kathrin: Genau. Ich bin froh, wenn du einfach sagst, Kathrin, ich kann morgen freimachen und komme euch so gerne besuchen. Passt das für dich? So in etwa hat sie es gesagt.


Stephi: Mhm. Ja, und wenn man merkt, dass es dieser Person ein Anliegen ist.

Kathrin: Ja, und das war so. Mein Mann konnte dann zu Hause bleiben. Wir haben uns irgendwann auch abgewechselt, und dann kam sie, meine Freundin Julia. Das sind Momente … Sie war auch beim Abschied dabei. Juli war auch dabei, als Leni an diesem Tag verstorben ist. Das bedeutet mir heute noch unheimlich viel, und das werde ich immer in meinem Herzen tragen. Ich werde das nie vergessen. Ich werde ihr das nie vergessen.


Stephi: Ja. Ich durfte das auch erleben mit Freundinnen, die mich einfach ausgehalten haben. Die einfach da waren und nicht gewertet haben. Sie haben auch meine Trauer und meinen Schmerz nicht gewertet, sondern es einfach ausgehalten und zugelassen. Das ist so, so wertvoll.

Kathrin: Diese Momente waren damals für uns, wie für dich, das Heilsamste, was in diesem Moment möglich war. Dass jemand es einfach mit aushält. Ich habe eine sehr, sehr gute Freundin, die in Leipzig lebt. Sie ist Psychologin und kam zur Beerdigung. Sie kam schon vorher. Und ich weiss noch, ich lag im Bett und habe so geweint, Stephi. Ich habe so bitterlich geweint. Wir lagen da in der Embryostellung. Sie lag hinter mir und umarmte mich. Wir lagen ganz eng zusammen, die Decke über uns. So lagen wir da. Dann sagte sie zu mir, sie glaube ganz fest daran, dass jedem Menschen vorgeschrieben sei, wie viel Zeit er auf dieser Welt verbringen dürfe, um die Aufgaben zu erfüllen, die für ihn bestimmt seien. Und sie sei fest davon überzeugt, dass Leni ihre Aufgaben bereits erfüllt habe. Wir wüssten heute noch nicht, welche Aufgaben das seien. Aber sie versprach mir … Jetzt könnte ich gerade weinen, weil das bis heute so emotional für mich ist. Sie versprach mir, dass wir erfahren würden, welche Aufgaben das waren. Und Leni hat viele, viele Aufgaben erfüllt. Sie hat viel Gutes gebracht. Sie hat vieles in meinem und in unserem Leben verändert. Ich ertappe mich heute sehr oft dabei, dass ich in den Himmel schaue und in kleinen Momenten sage, danke, Leni. Danke. Manchmal sind es Zeichen, die sie schickt und die ich sehe und annehme. Das mag sich auch verrückt anhören. Das verstehen wahrscheinlich nur Menschen, die das selbst erlebt haben.


Stephi: Ist so, ja.

Kathrin: Du weisst, was ich meine. Und dieser Moment mit meiner Freundin war damals unheimlich schön.


Stephi: Ja, das ist ein schöner Moment. Traurig, aber schön. Schöne Worte und so wahr. Für mich ist es auch so. Aliya hat für mich riesengrosse Fussabdrücke auf dieser Welt hinterlassen.

Kathrin: Was für eine schöne Metapher, Fussabdrücke. So schön. Wirklich eine schöne Metapher.


Stephi: Und dass so kleine Wesen so grosse Fussabdrücke hinterlassen können, ist unglaublich. Das schaffen manchmal erwachsene Menschen nicht. Darum können wir stolz sein auf unsere Kinder, die gegangen sind. Was hat das alles mit dir gemacht? Wie hat es dich verändert? Du machst heute so viel in der Trauerarbeit, auch um das Tabu aufzubrechen. Nimm uns mit.

Kathrin: Sehr gerne. Das war ein langer Weg. Es war ein sehr langer und sehr harter Weg. Der Weg zurück in den Alltag war für mich sehr schwierig. Und so, wie wir das alle erleben, die einen schweren Verlust erlitten haben, sind neben dem Verlust auch die Hilflosigkeit, die Sprachlosigkeit und die Ohnmacht im Aussen eine sehr grosse Wunde, die wir in unserem neuen Alltag mittragen. Diese Erfahrung, der Verlust von Leni, aber auch diese Sprachlosigkeit und Hilflosigkeit im Aussen, hat mein Leben und unser Leben nachhaltig verändert. Irgendwann bin ich in meinen Beruf zurückgekehrt. Ich habe dann aber gemerkt, dass ich das nicht mehr bin. Mein Mann hat schon vor einigen Jahren gesagt, dass ich dort eigentlich gar nicht mehr hingehöre. Aber ich habe immer sehr gerne dort gearbeitet und mochte dieses Unternehmen. Ich hatte einen tollen Chef, und ich war immer gerne dort. Ich konnte mir auch nicht vorstellen, wegzugehen. Aber dieser Ruf in mir wurde immer grösser. Und manchmal passieren Dinge, die wir erst im Nachhinein verstehen. Ich habe mich dann vorletztes Jahr, nein, war es letztes Jahr, entschieden, eine Weiterbildung im Case Management zu machen. Zudem habe ich die Ausbildung zur Trauerbegleiterin angefangen, ebenfalls bei Monica Lonoce, so wie du.


Stephi: So wie ich, ja genau.

Kathrin: Für mich ist sie die Koryphäe hier in der Schweiz.


Stephi: Absolut.

Kathrin: Monica ist für mich … ich bin so dankbar. Ich sage ihr das auch immer wieder, dass ich bei ihr und von ihr lernen darf, weil sie so viel Erfahrung hat. Sie ist eine Powerfrau. Sie ist für mich eine riesige Inspiration und eine Motivation. Sie ist so viel, in jeder Hinsicht. Früher war ich Führungskraft. Sehr lange, tatsächlich über zehn Jahre. Ich habe auch sehr lange im Projektmanagement gearbeitet. Ich habe lange Teams geführt und geleitet und war in der Erwachsenenbildung tätig, natürlich in anderen Unternehmenskontexten. Aber irgendwann habe ich mich gefragt, warum ich diese Erfahrung nicht nehme und sie mit dem Case Management, mit der Trauerbegleitung und mit der Erwachsenenbildung verbinde. Denn bei meiner Rückkehr habe ich festgestellt, dass nicht nur Menschen im Privaten überfordert sind.


Stephi: Ja, auch in der Arbeitswelt.

Kathrin: Auch in der Arbeitswelt. Und im Freundeskreis. Irgendwann habe ich mich selbst gefragt, ob ich in all den Weiterbildungen, Leadership-Programmen und Coaching- Ausbildungen je etwas zum Thema Führen in Krisenzeiten gelernt habe. Ich habe tatsächlich noch alte Ordner von früher. Ich war Mitte zwanzig, als ich in diesem Themenbereich angefangen habe und meine ersten Leadership-Seminare hatte. Ich habe sogar meinen alten Ordner hervorgeholt. Damals hatte man noch Ordner, da war noch nichts online. Ich habe ihn durchgeblättert, und das Einzige, was ich einmal hatte, war ein Modul dazu, wie man mit Mitarbeitenden umgeht, die ein Suchtproblem haben. Das ging ein wenig in die Richtung, wie man mit schwierigen Mitarbeitenden-Situationen umgeht, mit herausfordernden Situationen, die man nicht beeinflussen kann. Wie geht man als Führungskraft damit um? Es zielte ein bisschen in diese Richtung. Das war es dann aber auch. Dann habe ich Kolleginnen und Kollegen gefragt, die ebenfalls im Kader arbeiten, ob sie je etwas zu diesem Thema hatten. Einer Kollegin sagte ich, sie sei inzwischen auch schon lange Chefin. Sie antwortete, nein, Kathrin, aber wenn du jemanden kennst, der mir etwas beibringen kann, würde ich sehr gerne etwas darüber lernen. So ist es Schritt für Schritt entstanden, aus meiner beruflichen Rolle als Führungskraft und gleichzeitig aus meiner Rolle als Betroffene. Ich habe eine Brücke geschlagen. Ich habe diese Puzzleteile zusammengesetzt. Denn als verwaistes Mami kenne ich natürlich die Rolle der Betroffenen. Ich weiss, was es mit mir als Person macht, wenn ich in die Arbeitswelt zurückkomme und dieser Prozess nicht so begleitet wird, wie er begleitet werden könnte, um zu unterstützen. Ich spreche ja nicht nur von mir. Ich habe in den letzten Jahren, wie du auch, sehr viele Menschen kennengelernt, die in ihren Tätigkeitsbereich zurückgekehrt sind. Es gab kein Case Management, keine Gespräche vor der Rückkehr, keine Frage der Führungsperson, wie es einem heute geht und was man braucht. Es ging auch darum, überhaupt in Kontakt zu bleiben. Ich erinnere mich, dass mein damaliger Chef sogar ins Kispi kam, als Leni noch dort lag, und mich besucht hat. Er hat den Kontakt immer gehalten. Er hat immer gefragt, wie es mir geht. Und er hat auch immer gefragt, wie es Leni geht. Er hat ihren Namen immer ausgesprochen.


Stephi: Oh, schön.

Kathrin: Auch das ist ein Moment, den ich nie vergessen werde. Er hat das wirklich grossartig gemacht. Aber es gibt eben auch andere Geschichten. Wobei, es sind keine Geschichten, es sind leider Tatsachen und es fehlt selten an Mitgefühl.


Stephi: Ja, es sind Tatsachen.

Kathrin: Es sind Tatsachen. Und dann denke ich mir, Kathrin, hier muss sich doch etwas verändern. Es muss sich etwas verändern. Deswegen auch das Case Management. Und deswegen auch der Ansatz, HR und Führungskräfte zu befähigen und deutlich zu machen, dass es am Ende darum geht, die Fürsorgepflicht wahrzunehmen. Auch das gehört zur Fürsorgepflicht. Empathie und Professionalität schliessen sich für mich nicht aus. Im Gegenteil, sie ergänzen sich. Was kann ich aus Sicht einer Führungsperson tun, damit die Mitarbeiterin oder der Mitarbeiter zurückkommen kann? Ich bin nicht verantwortlich für den individuellen Trauerprozess. Aber ich kann sehr viel dafür tun, dass sich ein Mensch, der einen schweren Verlust erlebt hat, gesehen und wertgeschätzt fühlt. Ich kann präsent sein. Ich kann fragen, wie es der Person geht und was sie braucht. Ich kann in Kontakt bleiben. Und ich kann auch wahrnehmen, wenn genau das im Moment nicht gewünscht ist. Beides ist in Ordnung. Wenn es dann darum geht, dass die Person irgendwann zurückkommt, ist das Team verunsichert. Du weisst es, Stephi. Das Team schwimmt. Diese Gedanken sind da. Oh Gott, morgen kommt er wieder. Ich habe solche Angst. Ich weiss nicht, was ich sagen soll. Dann gehen sie zur Führungsperson und fragen, was sie sagen sollen und wie sie ihm begegnen sollen. Und dann kommt vielleicht die Antwort, dass man es auch nicht wisse und am besten gar nichts sagen solle, bevor man etwas Falsches sage. Das ist Realität. Genau da würde ich mir wünschen, dass man sinnvolle Prävention statt hilfloser Reaktion betreibt. Wenn man schon einmal eine solche Situation erlebt hat, sollte man über diese Unterstützungsangebote Bescheid wissen. Es gibt Menschen wie mich, und es gibt auch viele andere, die das machen, die Workshops geben, Seminare anbieten, Inhouse-Schulungen durchführen und Mitarbeitende überhaupt erst auf solche Situationen vorbereiten. Es geht ums Bewusstsein. Auch um Bewusstsein für Trauerprozesse. Was passiert überhaupt mit einer trauernden Person? Und was kann ich in meiner Rolle als Führungskraft, als Kollegin oder Kollege tun, um eine Rückkehr zu erleichtern? Es kann die Frage sein, ob jemand mit mir einen Kaffee trinken gehen möchte. Oder ob ich jemanden zum Mittagessen einladen darf. Es kann das Stück Kuchen sein, das auf deinem Tisch steht und das ich am Abend zuvor gebacken habe. Einfach, um dir zu zeigen, dass ich dich sehe und da bin. Und das bewirkt so viel.


Stephi: Das bewirkt enorm viel.

Kathrin: Aber meistens kehren die Menschen zurück, und die anderen wechseln die Gänge. Sie haben Angst, mit dir ins Gespräch zu kommen. Oh Gott, jetzt fängt sie vielleicht an zu weinen. Davor habe ich Angst. Ich weiss nicht, wie ich reagieren soll. Die Menschen haben Angst und es fehlt nicht an Mitgefühl.


Stephi: Ja, sie haben Angst. Sie haben Angst, dass sie etwas auslösen könnten.

Kathrin: Ja. Und diese Angst möchte ich nehmen. Deshalb möchte ich, oder wünsche ich mir, ein Stück zu dieser Enttabuisierung beizutragen. Mo hat einmal gesagt, wir hätten hier ein professionelles Kompetenzloch. Und ich möchte versuchen, dieses Kompetenzloch ein bisschen zu schliessen. Was sie auch sagt, und das ist ebenfalls ein wunderbarer Satz von ihr, ist, dass man fast alles kann, wenn man Trauer kann. Wenn ich jetzt an mich denke, damals als Führungskraft, und an andere Führungskräfte, dann ist es so, dass man auch alle Bereiche darunter kann, wenn man sich in solchen Krisensituationen als Führungskraft bewegen, professionell bleiben und gleichzeitig empathisch reagieren kann. Mo hat mit diesem Satz so recht. Deshalb sage ich ihn immer wieder. Ich muss ihn immer wieder zitieren. Weil darin so viel Kraft und so viel Wahrheit steckt. “Kannst du Trauer - kannst du (fast) alles”


Stephi: Wie lange darf Trauer im Job für dich sichtbar sein?

Kathrin: Das ist eine sehr schwierige Frage. Wir wissen beide, dass Trauer nie linear verläuft. Trauer ist immer wellenartig. Auch hier geht es wieder um Bewusstsein. Ich glaube, es geht wirklich auch um Übersetzung. Wenn wir mit Kolleginnen und Kollegen sprechen, die noch nie so etwas erlebt haben, und die trauernde Person zurückkommt und einen guten Tag hat, denken die Menschen meistens, jetzt geht es ihr wieder gut.


Stephi: Ja, genau. Jetzt ist es wieder gut.

Kathrin: Jetzt sind wir wieder auf einem guten Niveau. Das ist aber nicht die dauerhafte Realität. Es kann auch wieder Tage geben, an denen dich die Trauer einholt. Wir sprechen über Geburtstage, über Jahrestage, vielleicht auch über den eigenen Geburtstag. Das kann ein kurzer Moment sein, in dem die Trauer dich wieder packt. Ich kann nur von mir sprechen. Wir haben es heute geschafft, und dafür bin ich sehr dankbar und auch ein kleines bisschen stolz, diese Trauer in unser Leben zu integrieren. Und trotzdem darf ich heute wieder glücklich sein. Es ist erlaubt. Genau das ist mir so wichtig weiterzugeben, dass du das sein darfst. Gleichzeitig hat Trauer kein Verfallsdatum, weder privat noch beruflich. Wenn ich an mich denke, auch nach zwanzig Jahren, darf ich für einen kurzen Moment traurig sein, wenn ich an den Geburtstag meiner Tochter denke. Das ist erlaubt. Es darf alles sein. Alles hat seine Berechtigung. Und du hast es vorhin so schön gesagt, dieses Werten und Bewerten von aussen. Man darf das einfach nicht bewerten.


Stephi: Nein, aber es wird eben oft gemacht, oder?

Kathrin: Ja, das ist so.


Stephi: Weil man immer von sich selbst ausgeht. Man hat das Gefühl, so, wie ich trauere, sei es vielleicht richtig. Oder man fragt sich, weshalb sie jetzt das macht. Oder weshalb sie jetzt lacht. Ich finde auch, Lachen darf in der Trauer Platz haben. Lachen und Brüllen liegen so nah beieinander, aber wir bewerten es. Lachen bedeutet dann gleich, es geht wieder gut. Und manchmal kann es auch heissen, jetzt geht es ihr schon wieder gut. Also fast ein bisschen zu früh, oder?

Kathrin: Ja. Und dadurch fühlen sich trauernde Menschen auch unter Druck gesetzt. Denn du spürst die Reaktion. Wenn du sehr sensibel bist, nimmst du von aussen wahr, dass jemand denkt, jetzt sei es wieder richtig gut. Innerlich sieht es aber ganz anders aus. Und du hast das Gefühl, du müsstest eine Rolle spielen. Dann wird es schwierig. Dann kann es für alle Beteiligten schwierig werden.


Stephi: Für alle. Ich merke das auch heute noch. Ich arbeite Teilzeit, und ich habe immer wieder Phasen, die mich zurückwerfen. Dann habe ich Konzentrationsschwierigkeiten und bin wieder stärker mit der Trauer beschäftigt. Ich gehöre zu denen, die versuchen, das zu verstecken. Dann gehe ich zur Arbeit und versuche, es nicht zu zeigen, weil ich denke, es habe keinen Platz mehr. Es dürfe nicht mehr sein. Es ist jetzt schon so lange her, und meine Mitarbeitenden erwarten von mir, dass ich arbeite und alles gebe, oder? Dann überlege ich, ob ich etwas sagen muss. Soll ich sie darauf hinweisen oder nicht? Soll ich das wieder aufmachen oder soll ich es einfach lassen? In der Regel entscheidet sich der trauernde Mensch dafür, es zu lassen. Ich behalte es bei mir.

Kathrin: Ja. Dann ist es auch okay.


Stephi: Und das ist so schade, oder? So schade, dass auch das keinen Platz haben darf. Oder dass man das Gefühl hat, es dürfe keinen Platz haben.

Kathrin: Es liegt daran, dass es diese Räume nicht gibt und dass das Bewusstsein für Trauerprozesse in unserer Gesellschaft generell fehlt. Ich glaube, wenn es uns gelingt, weiterhin mehr zu enttabuisieren, Räume zu öffnen und Bewusstsein zu schaffen, kann sich vielleicht auch die Haltung einiger Menschen verändern. Ich merke das immer wieder in Workshops. Kürzlich hatte ich einen Workshop mit medizinischen Fachpersonen. Dabei waren Hebammen, Physiotherapeutinnen und Physiotherapeuten, Ärztinnen und Ärzte und MPAs. Sie kamen alle mit der Erwartung, dass es sehr schwer werden würde. Dass wir vier Stunden lang über ein dunkles, graues, schwarzes Thema sprechen würden. Sie wissen ja nicht, was sie in einem solchen Workshop erwartet. Dann lernt man sich kennen. Wir beginnen, und ich gestalte diese Workshops immer sehr interaktiv, sodass die Teilnehmenden wirklich in Gruppen zusammenkommen. Sie dürfen sich austauschen, und dabei entstehen immer sehr wertvolle Verbindungen. Das ist tatsächlich einer der ersten Momente, in denen sie merken, dass sie nicht die Einzigen sind, die Schwierigkeiten im Umgang mit trauernden Menschen haben. Der Physiotherapeutin geht es genauso. Dann kommen sie miteinander ins Gespräch, und man merkt wirklich, dass etwas passiert. Die schönsten Aha-Momente nach Workshops sind für mich immer, wenn ich in diese Augen schaue, in diese tiefe Dankbarkeit, und alle mir sagen, wie wertvoll es war. Kürzlich hat eine Ärztin zu mir gesagt, ich hätte in vier Stunden ihre Sinne geschärft. Sie habe heute ein völlig neues Bewusstsein für das Thema Trauer bekommen, und das nehme sie mit in ihren Alltag als Ärztin.


Stephi: Oh, schön.

Kathrin: Ich habe dann in dieser Runde gefragt, ob sie im Studium, in der Ausbildung oder in Weiterbildungen je etwas zu diesen Themenbereichen hatten. Weisst du, Stephi, niemand. Niemand hatte das.


Stephi: Da fragt man sich, warum Ärztinnen und Ärzte nicht empathisch sind, oder?

Kathrin: Ja. Und was ich daran auch so wertvoll finde … Ich schlage ja Brücken. Ich übersetze und versuche, die Angst zu nehmen. Wenn man den Teilnehmenden die Angst nimmt und ihnen sagt, dass sie nicht für den Trauerprozess verantwortlich sind und die Trauer der betroffenen Person nicht lösen müssen, verändert das viel. In diesem Moment geht es nur darum, präsent zu sein, da zu sein, die Situation ein Stück weit mit auszuhalten und nicht in Floskeln und Phrasen zu verfallen. Das macht unheimlich viel mit diesen Menschen. Sie gehen wirklich mit Werkzeugen hinaus und sind motiviert. Ich habe darüber nachgedacht und fand, dass es auf den ersten Blick fast ein Widerspruch ist. Aber wir sagen ja, und das hast du eben auch gesagt, dass Tränen und Lachen beides sein dürfen. Auch hier bringt dieses schwere Thema am Ende so viel Motivation hervor, auch eine intrinsische Motivation, die bei den Teilnehmenden entsteht. Das zeigt mir und bestätigt mich in meiner Arbeit und in meinem Tun. Diese Arbeit macht Sinn.


Stephi: Ja. Und ohne Leni wäre das so nicht möglich.

Kathrin: Ganz genau. Das ist eine der grössten Aufgaben, vielleicht sogar die grösste Aufgabe, davon bin ich überzeugt, die meine Tochter Leni für ihre Mami bereithatte. Ich habe dir vorhin von diesem Moment erzählt, als sie mich einmal anschaute. Ich glaube, sie wusste damals schon so viel mehr, während mir überhaupt nicht klar war, was dieses Kind mir sagen wollte. Ich glaube, sie wusste schon damals, was passieren wird.


Stephi: Es ist schön, dass daraus so etwas entstanden ist. Und ich finde so wichtig, was du machst. Ich treffe immer wieder auf Fachkräfte, die wirklich sagen, dass sie Schwierigkeiten haben und nicht wissen, wie sie mit Menschen in Trauer umgehen sollen. Oder mit einer Mami, von der ich gerade weiss, dass sie ihr Kind verliert. Es ist so wichtig, dass es dafür solche Workshops gibt. Menschen, die darüber sprechen und einem das näherbringen. Ich finde das wirklich eine Bereicherung, auch von dir. Kathrin, du hast vorhin einmal gesagt, es habe dich stärker gemacht. Ich hatte das auch schon in einem Podcast, diese Stärke, die man daraus mitnimmt. Letztens wurde ich in einer Schulung gefragt, ob ich das Gefühl habe, dass mir nichts Schlimmes mehr passieren kann, oder ob ich es wieder schaffen würde, wenn mir noch einmal etwas Schlimmes passiert. Ob ich jetzt Vertrauen in mich habe. Ich habe gesagt, ja. Ich bin durch das Schlimmste hindurchgegangen. Ich habe mein Kind verloren, und ich habe es geschafft. Ich war gefühlt wirklich ganz am Boden. Ich bin diesen Berg hinaufgestiegen und habe es geschafft, allein. Und da müssen wir leider durch. Es kann einem niemand helfen. Den Schmerz kann einem niemand nehmen. Heute würde ich sagen, doch, ich glaube, ich würde es wieder schaffen. Geht dir das auch so?

Kathrin: Ich habe tatsächlich gerade gestern über diese Frage nachgedacht, im Hinblick auf unser heutiges Gespräch. Und ich teile deine Ansicht, weil ich es genauso sehe wie du. Wir sind da hindurchgegangen. Wir sind zuerst in dieses Tal hinunter, in dieses tiefe Tal, und dann sind wir aus eigener Kraft diesen Berg hinaufgeklettert. Ich erinnere mich an das Bild von Mo.


Stephi: Ja, genau.

Kathrin: Du hast wahrscheinlich gerade das gleiche Bild vor Augen wie ich.


Stephi: Genau, ja.

Kathrin: Und wir sind hinaufgekommen. Mit all unserer Kraft sind wir auf diesen Berg gestiegen. Auch wir haben das Schlimmste erlebt, was wir erlebt haben. Und ich sehe es wie du. Ich würde heute auch anders mit einer solchen Situation umgehen.


Stephi: Mhm. Und das ist auch etwas, das unsere Kinder uns hinterlassen haben. Eine gewisse Stärke, eine gewisse Kraft. Ich sage immer, es ist eine heimliche Superkraft, die in mir schlummert.

Kathrin: Das ist sehr schön. Eine schöne Metapher.


Stephi: Gibt es etwas, das du Mamis, Papis oder Angehörigen unbedingt mit auf den Weg geben möchtest, die vielleicht gerade jetzt ein Kind im Kinderspital haben oder ihr Kind gerade verloren haben?

Kathrin: Ja, sehr gerne sogar. Zum einen, sich nicht zu scheuen, Hilfe zu holen, Unterstützung anzunehmen und das Vertrauen nicht zu verlieren. Wirklich zu versuchen, ins Vertrauen zu gehen, so schwer das auch ist. Jemand hat einmal zu mir gesagt, dass wir manchmal erst hinterher verstehen, warum Dinge so passiert sind, wie sie passiert sind. Der Grund, warum ich meine Geschichte oder unsere Geschichte so offen teile, ist, anderen Eltern und Betroffenen Mut und Kraft zu geben. Ich möchte aufzeigen, dass es Wege gibt, aus diesem tiefen Tal wieder auf diesen Berg hinaufzusteigen. Dass man das schaffen kann. Das ist mir sehr wichtig. Das gilt für Betroffene und auch für Eltern. Und was den beruflichen Kontext betrifft, wünsche ich mir eine Kultur der Offenheit, auch eine Trauerkultur. Wir sprechen so viel über Prozesse und Strukturen. Ich kenne diese Welt sehr gut. Ich habe jahrelang darin gearbeitet. Ich würde mir wünschen, dass wir uns auch für solche unerwarteten Situationen einen Notvorrat an Empathie anschaffen und uns frühzeitig präventiv darauf vorbereiten. Damit wir im Ernstfall die Menschen, die so etwas erfahren haben, ein Stück auf ihrem Weg begleiten und im Rahmen unserer Möglichkeiten präsent sein können. Und damit nicht diese Hilflosigkeit und Sprachlosigkeit entstehen, dieses Ausweichen, dieses Wechseln auf einen anderen Gang. Damit solche Dinge weniger passieren. Damit weniger Floskeln und Phrasen verwendet werden. Denn häufig sind es genau solche Sätze, das weisst du auch, die sich ins Bewusstsein einbrennen und die betroffene Menschen unter Umständen viele Jahre lang nicht vergessen. Zum Beispiel der Satz, man sei ja noch jung und könne noch einmal Kinder bekommen. Die Person, die das sagt, meint es nicht böse. Deshalb sage ich immer, dass ich übersetze. Aber diesen Satz sollte man wirklich nicht sagen.


Stephi: Ja. Kathrin, ich möchte dir von Herzen danken, dass du dir heute Zeit genommen hast. Ich fand es ein unglaublich bereicherndes Gespräch. Und ich möchte noch einmal alle, die mit dir in Kontakt kommen möchten, ermutigen, sich wirklich bei dir zu melden.

Kathrin: Sehr gerne.


Stephi: Kathrin, danke vielmals.

Kathrin: Ich danke dir von Herzen, Stephi, dass ich gemeinsam mit dir den Podcast aufnehmen durfte. Das hat mir heute sehr, sehr viel bedeutet.


Stephi: Ja, mir auch.

Kathrin: Vielen Dank für dein Vertrauen und für diesen Raum.

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