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Anja,verwaiste Muttererzählt

Die Geschichte von Flynn

Anja ist Mutter von vier Kindern, Hebamme und Familientrauerbegleiterin. Im Sommer 2014 erlebt sie eine Zeit, in der sich alles richtig und gut anfühlt: Die dritte Schwangerschaft verläuft unauffällig, die Vorfreude auf Flynn ist gross. Kurz vor dem errechneten Termin werden seine Bewegungen im Bauch leiser. Anja ahnt als Hebamme, dass etwas nicht stimmen könnte – und hofft doch, dass es nichts Ernstes ist. Im Spital wird bestätigt, was undenkbar scheint: Flynns Herz schlägt nicht mehr. Mitten im Schock müssen Anja und ihr Mann Entscheidungen treffen, die Geburt planen und für die beiden älteren Kinder da sein. In ihrer Geschichte erzählt Anja von diesen ersten Stunden und Tagen, von der Geburt von Flynn, von der schweren Aufgabe, seinen Geschwistern vom Tod ihres Bruders zu erzählen, und von den Erinnerungen, die bleiben.

TodesumstandRund um die Geburt
Erzählt am28. September 2025
Alter0 Jahre
Gesamtlesezeitca. 65 min
Für wen?Betroffene Eltern
TodesumstandRund um die Geburt
Erzählt am28. September 2025
Gesamtlesezeitca. 65 min

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Zeitabschnitt

Unmittelbar nach dem Tod

Lesezeit ca. 23 min
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Christine: Ich bin Christine Kaufmann, und heute ist Anja Tamburini bei mir zu Gast. Anja ist Mami von vier Kindern und arbeitet als Hebamme und Familientrauerbegleiterin in Arth. Sie erzählt mir die Geschichte ihres Sohnes Flynn, der in der sechsunddreissigsten Schwangerschaftswoche ganz plötzlich in ihrem Bauch verstorben ist. Wir erfahren von ihr, wie sie die Geburt erlebt hat und wie sie die ersten Tage und Wochen als Familie überstanden haben. Wir sprechen darüber, wie schwer es für Anja und ihren Mann war, den Kindern zu erzählen, dass ihr Bruder gestorben ist, und wie unterschiedlich alle trauern. Zudem erfahren wir, welche wichtige Rolle das Erinnerungsalbum von Herzensbilder in der Familie spielt. Liebe Anja, herzlich willkommen bei mir im Podcast Trauern hilft.

Anja: Danke vielmals für die Einladung. Schön, darf ich hier sein.

Christine: Vor ungefähr elf Jahren, im Sommer 2014, warst du zum dritten Mal schwanger. Du standest wenige Wochen vor der Geburt, und plötzlich hast du gemerkt, dass etwas nicht stimmt. Magst du mir von dort an erzählen, wie das für dich war?

Anja: Genau. Der errechnete Termin wäre Mitte August gewesen. Gegen Ende Juli bemerkte ich abnehmende Kindesbewegungen. Vorher war die Schwangerschaft eigentlich problemlos verlaufen, und ich war auch gern schwanger. Das kam mir dann seltsam vor. Als Hebamme ahnte oder wusste ich zwar, dass etwas nicht stimmen könnte. Gleichzeitig wollte ich vielleicht auch nicht ganz wahrhaben, dass etwas ganz Schlimmes sein könnte. Ich ging dann zur Kontrolle, weil wir im Spital ohnehin noch ein Vorgespräch hatten. Ich sagte, dass mir irgendwie nicht ganz wohl sei. Bei dieser Kontrolle stellte sich heraus, dass keine Herztöne mehr gefunden wurden. Man weiss nicht genau, wann er wirklich gestorben ist, aber wahrscheinlich war es in dieser Woche, also in der 36. oder 37. Schwangerschaftswoche.

Christine: Du und dein Mann seid also zu dieser Kontrolle gegangen. Du hattest zwar gemerkt, dass etwas komisch ist und du ihn nicht mehr so spürst. Aber ich nehme an, damit habt ihr überhaupt nicht gerechnet?

Anja: Nein, gar nicht. Gerade wegen unserer Vorgeschichte dachten wir, so hart könne das Schicksal doch nicht sein. Vielleicht stellten wir uns höchstens darauf ein, dass es gut wäre, wenn er etwas früher zur Welt käme, also den geplanten Kaiserschnitt vorzuziehen. Aber dass wirklich der schlimmste Fall eintreten könnte, war für uns undenkbar.

Christine: Ihr wart dann in dieser Kontrolle, und die Ärztin hat keine Herztöne gefunden. Wie habt ihr in diesem Moment reagiert? Erinnerst du dich an die Gefühle, die da im Raum standen?

Anja: Ja. Zuerst war die Kontrolle bei der Hebamme. Ich kenne das auch aus der Sicht der Hebamme. Man versucht, es nicht wahrhaben zu müssen. Man probiert, sucht weiter, formuliert vorsichtig und holt vielleicht noch ein besseres Gerät. Am Schluss kam sie tatsächlich zum Punkt, an dem sie sagen musste, dass sie keine Herztöne finde. Danach musste noch ein Arzt kommen und es mit dem Ultraschall bestätigen. Auf dem Bild hat man es relativ schnell gesehen. Das Bild war zwar nicht zu uns gedreht, aber das Gesicht der Ärztin hat Bände gesprochen. Es war klar, dass da kein Leben mehr war. Da war einfach sehr viel Schock. Ich weiss noch, dass wir geweint und aufgeschrien haben und sagten, dass das nicht sein dürfe. Noch einmal so ein Schicksalsschlag. Warum? Warum wir? Warum ich? Nein, das darf doch nicht wahr sein. Das war sehr stark.

Christine: Und es hatte vorher keine Anzeichen gegeben. Die Schwangerschaft war soweit gut und problemlos verlaufen.

Anja: Wir hatten zu Beginn der Schwangerschaft eine Choriozottenbiopsie machen lassen. Das ist eine Probeentnahme von der Plazenta, damit eine Chromosomenanalyse gemacht werden kann. Wir wussten, dass noch einmal ein Down-Syndrom unsere Kapazitäten sprengen würde. Das Ergebnis war gut, und deshalb dachten wir, es sei gut. Tatsächlich war es danach eine sehr unbeschwerte und gute Schwangerschaft. Es gab keine Probleme, nichts war irgendwie absehbar. Ich hatte nie riesige Kinder oder einen grossen Bauch, aber alles war picobello.

Christine: Mhm. Und dann beginnt, kann ich mir vorstellen, ein Karussell. Was muss man alles organisieren? Was kommt als Nächstes? Weil du selbst Hebamme bist, frage ich mich, ob du darauf vorbereitet warst. Hast du gewusst, was nun als Nächstes kommt?

Anja: Ja, es war ein bisschen beides. Rundherum lief die Welt weiter, und für uns blieb sie stehen, ganz besonders in diesem Gebärsaal. Gleichzeitig fiel man plötzlich in die Rolle als Mami hinein und war völlig planlos. Dann kamen wir ins Funktionieren und überlegten, wen wir informieren müssen. Und mir war auch wieder bewusst, dass das Kind jetzt auf die Welt kommen muss, möglichst bewusst. Wenn es irgendwie geht, gebärt man auch in einer solchen Situation spontan. Bei uns war es ein Kaiserschnitt, weil bereits zwei Kinder per Kaiserschnitt auf die Welt gekommen waren. Bei einem dritten Kind riskiert man dann keine spontane Geburt mehr. Trotzdem wollten wir die Geburt so bewusst wie möglich angehen. Das stand schon im Vordergrund. Logistisch war ich sonst aber völlig von der Rolle. Es gab dann Aufgaben, auch von der Hebamme, die uns begleitet und geführt hat. Sie sagte, was wir jetzt machen, dass wir erst einmal nach Hause gehen und dann für den nächsten Tag die Geburt planen.

Christine: Ja, okay. Und die Zeit, in der ihr dann zu Hause wart, ungefähr einen Tag, wie war das für euch? Du warst schwanger und standest plötzlich vor einer ganz anderen Tatsache. Du hattest ein verstorbenes Kind in deinem Bauch. Wie waren diese vierundzwanzig Stunden? Gab es noch Dinge, die ihr vorbereitet habt? Ich denke auch an die ganze Planung mit den anderen beiden Kindern. Wie bringt ihr sie unter?

Anja: Genau, die Kinder waren bei meinen Eltern. Wir gingen dann auch dorthin, liessen sie am nächsten Tag aber wieder dort und fuhren nach Hause, um Sachen für das Spital zu packen. Wir haben auch intuitiv alles zusammengesucht, was schon bereitgelegen hatte. Ein Kuscheltier, bei dem wir fanden, dass wir es ihm wahrscheinlich mitgeben könnten. Es sollte ein verbindendes Stück sein. Auch sein Musikglöckli, das er schon aus der Schwangerschaft kannte und das wir regelmässig abgespielt hatten. Uns war auch wichtig, mit der Trauer und den Kindern zu Hause umzugehen. Das war noch so weit weg und völlig überfordernd. Wir hatten ja nie gelernt, wie man so etwas handhabt. Beim zweiten Kind, das auf die Welt gekommen war, hatte es dem ersten Kind etwas mitgebracht. Das hatten wir dieses Mal auch geplant, aber noch nicht umgesetzt. Also gingen wir wirklich noch völlig surreal in die Stadt, um die kleinen Geschenke für die beiden ersten Kinder zu holen, die Flynn mitbringen würde, wenn er auf die Welt kommt.

Christine: Das habt ihr an diesem Tag noch gemacht, vor dem Eintritt.

Anja: Genau. Es war immer wieder ein Wechselbad der Gefühle. Einerseits diese tiefste Trauer und das völlig Seltsame daran, mit einem toten Kind im Bauch herumzulaufen. Und gleichzeitig waren wir wie ein ganz normales werdendes Elternpaar, das durch die Stadt läuft, als wäre nichts. Ja, das war dieses Pingpong.

Christine: Magst du erzählen, was ihr damals als Geschenk von Flynn gefunden habt, das er den beiden Geschwistern mitbringen sollte?

Anja: Ja, für den einen war es etwas Einfaches zum Spielen. Für Matilda waren es kleine Anhänger, die man an ihr Armband hängen kann. Sie hat das Armband inzwischen auch erweitert und immer wieder neue Anhänger bekommen. Damals waren die Anhänger auch symbolisch. Es waren kleine Sterne. Für uns passte das damals irgendwie zusammen, die Sterne und das Verstorbensein. Oder dieses Zurück zu den Sternen. In den Himmel gehen.

Christine: Und man sagt ja auch Sternenkind, gell?

Anja: Genau.

Christine: Ein Kind, das vor der Geburt verstirbt.

Anja: Ja, genau. Darum war das für uns passend.

Christine: Ah, sehr schön. Und dann kam der Moment, in dem ihr wieder ins Spital eingetreten seid und der Kaiserschnitt stattfand. Wie war das für euch?

Anja: Ja, das war auch sehr speziell. Man merkte allen das Mitgefühl an. Alle waren sehr anständig, ruhig und nett zu uns. In einem Operationssaal herrscht sonst manchmal vielleicht Hektik. Es war gegen Ende des Nachmittags, an einem schönen Sommertag. Auch das war wieder etwas surreal. Man macht etwas, das man sich in diesem Rahmen nie gewünscht hätte. Und man kennt die Vorbereitung, man weiss, was jetzt kommt und was danach kommt. Aber es hat ein anderes Ende. Am Schluss kommt kein Baby heraus, das weint, sondern es bleibt einfach ruhig. Das war schon auch wieder happig.

Christine: Also auch so ein ...

Anja: Ein Durchziehen-Müssen. Wie bei einer anderen Geburt ist es gut, wenn Endorphine ausgeschüttet werden. Auch wenn man ein totes Kind gebärt, spielen trotzdem sehr viele Glückshormone mit. Bei einem Kaiserschnitt ist das etwas weniger. Auf eine Art war da auch Erleichterung. Jetzt ist er da, jetzt können wir weitergehen. Vorher war es vielleicht noch eine Art Schonhaltung. Man wusste, jetzt müssen wir noch nicht in den neuen Lebensabschnitt. Und zugleich kam die Erleichterung. Jetzt ist er da und jetzt ist ...

Christine: Das Begreifen, das dann auch ...

Anja: Ja, das hätte anfangen können, genau. Vorher war er im Bauch, und da war die Verbindung noch auf eine andere Art da. Jetzt hatte es gewechselt. Ich war dann aber auch stärker auf mich fokussiert, darauf, dass mir nicht schlecht wird. Im Operationssaal ist es kalt, und das war in diesem Moment auch präsent. Das ist dann dominanter, als wenn einem das Kind auf die Brust gelegt wird. Er ist mit der Hebamme nach oben gegangen. Wir hatten ihn dort noch nicht gesehen. Das hatten wir auch so gewünscht, weil wir noch im Schock waren und nicht wussten, was jetzt auf uns zukommt. Zuerst die Geburt hinter uns bringen und dann im ruhigen Gebärsaal mit ihm Kontakt aufnehmen.

Christine: Ja. Wurde er anschliessend auch gleich untersucht, oder wurde versucht herauszufinden, weshalb er verstorben ist? Oder hat man das nicht unbedingt gemacht?

Anja: Ja, die Hebamme hat grob geschaut, ob man direkt etwas sieht, zum Beispiel einen Knoten in der Nabelschnur oder Ähnliches. Aber offensichtlich war nichts zu sehen. Er war ein ganz normal entwickeltes Baby, das aus irgendeinem Grund nicht mehr gelebt hat. Danach kann man entscheiden, ob man das ganze Kind, nur einen Teil davon oder nur die Plazenta untersuchen lassen möchte. Das hätte erst nach dem Kennenlernen stattgefunden. Wir haben uns dagegen entschieden, ihn ganz untersuchen zu lassen. Wir haben nur die Plazenta eingeschickt.

Christine: Okay. Hat man dort etwas herausgefunden?

Anja: Nein. Eine eindeutige Diagnose oder Ähnliches gab es eigentlich nicht. Man hat gesehen, dass die Plazenta recht klein war. Das passte zum eher kleinen Kind, aber das waren sie alle, und deshalb war es nicht aussergewöhnlich. Es gab nichts, bei dem man hätte sagen können, das sei es gewesen, das hätte anders sein müssen oder man habe etwas falsch gemacht. Solche Fragen stellt man sich dann halt schon.

Christine: Also war es gewissermassen das zweite Mal, dass die Laune der Natur und das Schicksal bei euch eingeschlagen haben.

Anja: Ja, genau. Es ist sehr dumm gelaufen. Es ist etwa dieselbe Wahrscheinlichkeit wie beim Lotto. Zweimal im Lotto wäre schön. Bei uns war es einfach zweimal völliger Zufall.

Christine: Ja. Und dann habt ihr euch bewusst entschieden, dass ihr Flynn kennenlernen möchtet. Ihr hattet auch die Möglichkeit, euch dafür Zeit zu nehmen. Wie lange wart ihr im Spital, und möchtest du von dieser Zeit erzählen?

Anja: Ja. Im Gebärsaal war es eigentlich sehr schön, dass wir dort Ruhe, Platz und Zeit hatten. Es gab keine Hektik, und wir wurden zu nichts gedrängt. Wir hatten wirklich sehr viel Zeit für uns. Die Hebamme hat uns zuerst beschrieben, wie er aussieht, mit dunklen Härchen und so. Dann hat sie ihn zu uns gebracht und uns auch wirklich mit ihm allein gelassen. Was wir im Voraus noch organisiert hatten beziehungsweise wonach wir gefragt worden waren, als klar war, dass das Kind in den nächsten Stunden zur Welt kommen muss, waren Herzensbilder. Herzensbilder ist eine Organisation, bei der ehrenamtliche Fotografinnen und Fotografen Familien in einem solchen Lebenssturm Fotos schenken. Sie kommen zu Familien, die ihr Baby im Bauch verloren haben, deren Baby während oder nach der Geburt stirbt, die eine schwerwiegende Diagnose haben, oder wenn ein Elternteil schwer erkrankt ist oder man weiss, dass es palliativ ist. Die Fotografinnen und Fotografen kommen nach Hause oder ins Spital und machen ehrenamtlich Fotos, um Momente festzuhalten, die nie wiederkommen. In unserem Fall hatte er ein sehr kurzes Leben, und vor allem nur im Bauch. Nur ich habe ihn gespürt, und kennengelernt haben ihn auch nur ganz wenige Menschen. Darum kam in dieser Zeit, gleich nach der Geburt im Gebärsaal, noch eine Fotografin, die wir gefunden hatten. Sie machte Fotos von ihm. Besonders wertvoll sind für uns die Detailaufnahmen, das Füsschen im Schuh, nur das Händchen, die Lippen. In diesem Moment zählt wirklich jedes Detail.

Christine: Ja, das kann ich mir vorstellen.

Anja: Man versucht wirklich, alles festzuhalten, was man in diesem Moment noch hat, weil man weiss, dass es so begrenzt ist. Es sind nicht unendlich viele Fotos, aber sie bedeuten einem die Welt. Man hat wirklich das Gefühl, man müsse alles in sich aufnehmen.

Christine: Genau. Und irgendwie sind sie auch ein Beweis dafür, dass Flynn da gewesen ist.

Anja: Ganz genau. Sonst ist es gerade für die anderen Kinder zu Hause vielleicht kaum fassbar. Man geht weg, kommt wieder nach Hause, und das Kind ist nirgends. Darum war dieses Festhalten so wichtig. Dass er da gewesen ist und wie er ausgesehen hat. Die Fotos waren für uns sehr, sehr wichtig. Und es war schön, das so festhalten zu können. Wir haben natürlich auch Handyfotos gemacht, aber das ist kein Vergleich. Die Lichtverhältnisse und alles, was ein professioneller Fotograf machen kann, sind noch einmal etwas anderes. Dort hatten wir auch ein Abschiedsritual mit Kerzen, die die Hebamme angezündet hat. Von aussen wurden wir sehr, sehr liebevoll begleitet. Wir selber waren recht unsicher darin, wie man in so einer Situation Abschied nimmt. Wir haben auch geschaut, wer aus der Familie ihn sehen möchte. Danach war er im Aufbahrungsraum. In diesem kleinen Spital war der unten im Keller. Für uns war das aber auch ein guter Ort. Von unserem Zimmer auf der Wochenbettabteilung aus durften wir immer wieder, wenn wir wollten, in den Aufbahrungsraum gehen, ihn sehen und so lange dort bleiben, wie wir wollten. Dort konnten wir sehr bewusst immer wieder weinen, reden und Abschied nehmen.

Christine: Also hättet ihr jederzeit zu ihm gehen können?

Anja: Ja. Das war das Schöne an diesem kleinen Regionalspital. Wir hatten diesbezüglich sehr viel Freiheit.

Christine: Ja. Und wie lange war diese Zeit? Also die Zeit, in der du im Spital warst und er dort aufgebahrt war. Waren das Stunden oder mehrere Tage?

Anja: Es waren fünf Tage. Wir konnten damals grosszügig lange auf der Wochenbettabteilung bleiben. Glücklicherweise haben auch unsere Eltern die Kinder betreut. Mein Mann konnte ebenfalls lange bei mir im Zimmer sein, und wir konnten die Trauer teilen. Im Nachhinein hat das sehr geholfen. Der Besuch, der kam, war mit uns zusammen. Vielleicht hat mein Mann zwischendurch auch gearbeitet, aber wir konnten diesen Weg sehr fest gemeinsam gehen. Flynn wurde an dem Tag abgeholt, an dem auch wir nach Hause gingen. Ich glaube, andersherum wäre es schwierig gewesen. Wenn er schon gegangen wäre oder wenn wir hätten gehen und ihn zurücklassen müssen. So sind wir nach fünf Tagen wirklich alle gegangen. Und für uns war das dann auch völlig in Ordnung. Ihn zum Beispiel nach Hause zu nehmen, früher nach Hause oder was auch immer, wäre in diesem Moment gar nicht zur Debatte gestanden. Mit dem heutigen Wissen wäre das eine Option gewesen, auch um mit den Kindern anders Abschied nehmen zu können. Aber damals hatten wir dieses Wissen nicht. Wir hatten keinen Umgang damit, auch wegen des ganzen Schocks. So, wie es war, war es gut. Und man hat im Verlauf auch gesehen, wie der körperliche Prozess des Gehenlassens voranschritt.

Christine: Dass es dann irgendwann auch wirklich in Ordnung war.

Anja: Genau. Da haben wir gesagt, dass es jetzt nicht mehr er ist. Er und sein Ausdruck, er war wirklich gegangen. Es war nur noch eine Hülle, und die hat dann der Bestatter abgeholt. Zum Glück war auch das ein sehr guter Bestatter, der selbstständig geschaut und alles organisiert hat. Er hat ihn sozusagen heimgebracht, in unseren Kanton.

Christine: Wie habt ihr es mit den Kindern gemacht? Henry und Matilda waren damals, glaube ich, etwa drei und sechs Jahre alt, oder?

Anja: Ja.

Christine: Ich nehme an, wenn man noch nie mit diesem Thema konfrontiert war, thematisiert man es in der Regel wenig. Was wäre, wenn das Baby vielleicht nicht überlebt? Wie habt ihr das gemacht? Du hast ja auch gesagt, mit dem heutigen Wissensstand würdest du es vielleicht anders machen. Sind sie auch noch zu Flynn gekommen?

Anja: Nein. Wir wussten zwar, dass es wahrscheinlich gut wäre, sie damit zu konfrontieren und Abschied nehmen zu lassen. Aber Matilda, die Ältere, sagte immer, sie wolle nicht. Und das haben wir so stehen gelassen. Natürlich wäre es nicht Sinn und Zweck gewesen, sie zu etwas zu zwingen. Aber mit dem Wissen von heute wüsste man auch, wie man ganz anders mit ihr …

Christine: Ja, oder vielleicht auch Fragen stellen, warum sie dann nicht …

Anja: Ganz genau. Das war aber in Ordnung. Bei Henry wussten wir wegen seiner Behinderung und seines Alters ohnehin nicht, wie viel er mitbekommt. Er ist uns dann auch besuchen gekommen. Matilda hat eher verweigert und fand, sie sei noch so klein, sie müsse da gar nicht kommen. Ich selbst hatte in der Ausbildung zwei, drei Todgeburten begleitet oder Babys beim Sterben begleitet. Aber sonst hatte ich nicht viel Kontakt mit toten Menschen. Entsprechend wusste ich auch nicht, wie man damit selbst umgehen könnte, geschweige denn mit den Kindern. Wir haben es dann einfach versucht.

Christine: Für dich und deinen Mann war das also wirklich auch …

Anja: Völlig neu.

Christine: … das erste Mal, dass ihr so …

Anja: Genau. Es war auch nicht so, dass wir zu Hause schon einmal ein Haustier beerdigt hätten oder Regenwürmer. Auch das wäre ein Anfang gewesen, um mit dem Thema in Berührung zu kommen. Aber bis dahin wirklich gar nichts. Und wir waren völlig überfordert.

Christine: In den fünf Tagen, in denen ihr noch im Spital wart, gab es, wie du gesagt hast, auch Menschen, die zu euch kamen. Was hat dir in diesem Moment am meisten geholfen? Und wie war das für die nahen Menschen in eurem Umfeld, die gekommen sind, um von Flynn Abschied zu nehmen und ihn zugleich noch kennenzulernen?

Anja: Es war auch wieder besonders, zu erleben, wie die Eltern in diese Rolle kamen, dass ein Enkelkind stirbt. Es war speziell, das mit ihnen zu teilen, dieses Sterben und Abschiednehmen. Im Wochenbett war es sehr schön, wie eine normale Wöchnerin und Mutter behandelt zu werden. Ich glaube, das hat mir extrem geholfen. Manchmal wird man als verwaiste Mutter im Spital auf eine andere Abteilung verlegt, weil man einen schonen will. Dort wäre das auch logistisch nicht möglich gewesen. Ich fand aber auch, irgendwann muss ich schwangeren Bäuchen, Kinderwagen und Babys ohnehin begegnen. Ob das gleich am ersten Tag ist, spielt dann auch keine Rolle. Weh tut es sowieso. Ich hatte zwar kein Kind bei mir, aber ich hatte Brüste, die Milch produzierten. Ich hatte eine Kaiserschnittnaht und eine Gebärmutter, die kontrolliert werden mussten. Dann wollte ich wenigstens das selbst angehen können, also das Abstillen, und auch kontrolliert und gepflegt werden wie eine Wöchnerin. Deshalb lag ich auch auf der Wochenbettabteilung. Auch bei den Freunden, die gekommen sind, waren eigentlich diejenigen so hilfreich, die sich das zugemutet oder zugetraut haben. Ich weiss nicht, ob ich das getan hätte, wenn ich auf der anderen Seite gestanden wäre. Aber wirklich sehr viele haben geschrieben, trotzdem Blumen geschickt, sind gekommen und haben sich hineingetraut. Das war in diesem Moment sehr schön und ist im Nachhinein noch viel wertvoller. Allein das Bewusstsein, dass sie sich das auch zugemutet haben. Es braucht viel Mut, sich in so ein Zimmer hineinzuwagen.

Christine: Mhm. Und es bleibt auch eine Verbindung.

Anja: Absolut.

Christine: Ihr habt unseren Flynn auch gesehen.

Anja: Genau. Und auch wenn sie ihn nicht gesehen haben, waren sie wirklich in dieser …

Christine: In dieser Lebensphase.

Anja: … für uns da. Jedes einzelne Zeichen, jeder einzelne Blumenstrauss, der in dieser Zeit gekommen ist, bleibt bis heute.

Christine: Ja, das ist sehr schön. Du hast gerade erwähnt, dass du es geschätzt hast, wie eine in Anführungszeichen normale Wöchnerin behandelt zu werden. Du bist Hebamme, und ich weiss nicht so viel über Schwangerschaften. Vielleicht magst du noch kurz erzählen, was das bedeutet. Was bedeutet es für einen weiblichen Körper, wenn man ein Kind auf die Welt gebracht hat? Und was sind die Unterschiede, wenn das Kind verstorben ist, der Körper das aber nicht weiss? Was muss man da alles tun oder beachten?

Anja: Körperlich ist es so, dass man bei einem Kaiserschnitt oder auch sonst Geburtsverletzungen haben kann, oder auch nicht. Die Wundheilung muss man im Blick behalten. Je später eine Schwangerschaft endet, desto grösser ist zum Beispiel auch die Haftstelle, an der die Plazenta gewesen ist. Und ein Kaiserschnitt ist eine grosse Bauchoperation. Der Kreislauf ist entsprechend stabil oder eben nicht so stabil. Ganz zentral ist natürlich die Milchproduktion. Sie beginnt schon in der Schwangerschaft, ungefähr in der Mitte. Am Schluss ist sie hormonell natürlich ein grosser Teil. Manchmal reicht es dann schon, das Baby anzuschauen, und die Milch beginnt zu tropfen. Es wäre wirklich alles bereit gewesen, nicht nur im Kinderzimmer, sondern auch körperlich. In meinem Fall war die Schwangerschaft bis hin zu den Schwangerschaftsstreifen ganz da.

Christine: Ja, also zwei, drei Wochen vor der 40. Schwangerschaftswoche.

Anja: Genau. Das war dann auch eines der heftigsten Dinge. Abgesehen von den Nachwehen und den Schmerzen, gegen die man Medikamente nehmen kann, taten die Brüste weh, weil sie nicht entleert wurden. Man macht dann schon etwas, aber behutsam, damit man die Milchbildung nicht wieder anregt. Man muss kühlen, man muss … Vielleicht macht man auch Wickel. Das war wiederum sehr wertvoll, weil ich selbst etwas tun konnte.

Christine: Man kann also kaum ignorieren oder wegdenken, dass das passiert ist.

Anja: Es holt einen ein. Der Körper meldet sich und macht deutlich, dass er Zuwendung braucht.

Christine: Vielleicht zwingt es einen wirklich, ein bisschen hinzuschauen und wahrzunehmen …

Anja: Genau. Es ist auch ein Abschiedsprozess. Die Milch, die fliesst, und die Tränen müssen herauskommen können. Sie dürfen sich nicht anstauen.

Christine: Und das ist, denke ich, auch etwas, das nicht an einem Tag erledigt ist.

Anja: Nein, das braucht wirklich mehrere Tage bis Wochen, bis es ganz vorbei ist und der Körper auch wirklich realisiert, dass niemand kommt, um zu trinken. Es ist sicher nicht die ganze Zeit schmerzhaft, aber am Anfang tut einem einfach alles weh. Man hat das Gefühl, man sei so verwundet. Und seelisch hat man auch das Gefühl, dass man das nicht überlebt. Da hilft viel liebevolle Fürsorge, und auch, dass man selbst zu sich schauen kann. Auch die Hebamme daheim tat gut.

Christine: Neben den körperlichen und seelischen Schmerzen kommt dann noch die ganze Organisation dazu. Wie informiere ich die Freunde? Was muss ich alles organisieren? Wie habt ihr das gehandhabt? Hattet ihr Hilfe? Und hattet ihr überhaupt das Wissen, wann ihr was machen müsst? Wie seid ihr da vorgegangen?

Anja: Nein, dieses Wissen hatten wir eigentlich nicht. Wir hatten noch nie eine Beerdigung oder die Bürokratie darum organisieren müssen. Mein Mann hatte ein bisschen Erfahrung, weil seine Nichte auch recht früh verstorben ist und er sie im Krematorium abholen musste. Aber sonst waren wir da völlig allein. Im Gebärsaal bekommt man schon Listen, anhand derer man abarbeitet, was alles erledigt und aufgegleist werden muss.

Christine: Was kommt als Nächstes?

Anja: Genau. Aber es war etwas schwierig, weil uns der Kantönligeist dazwischenkam. Ich habe in einem anderen Kanton geboren als dem, in dem wir wohnten. Das machte es für uns unerwartet kompliziert. Man muss sich an die Gemeinde wenden, in der das Kind geboren wurde, und gleichzeitig zu Hause einen Bestatter organisieren. Diese Telefonate waren extrem schwierig. Bei jedem Telefonat kamen mir natürlich sofort wieder die Tränen. Und die Person im Büro am Telefon fragte, was ich genau brauche, sagte, dass ich dort falsch sei und noch woanders anrufen und etwas anderes organisieren müsse. Es war schon eine rechte Arbeit und auch komplex. Und das in einem Moment, in dem man sich wirklich nicht um so etwas kümmern möchte. Es war sehr herausfordernd, für sich selbst zu klären, was ich will, was ich brauche, was rechtlich gilt, was man muss und was man kann. Da ist jede Person wertvoll, die sagt, dass sie dies oder das übernimmt, dass es ihr Bereich ist und sie sich darum kümmert. Das hat dann wieder geholfen.

Christine: Und nach diesen fünf Tagen wurde Flynn vom Bestatter abgeholt und kremiert. Habt ihr ihn danach im Krematorium abgeholt und gleich beerdigt? Oder was hattet ihr geplant?

Anja: Das haben wir, solange wir im Spital waren, ein Stück weit zur Seite geschoben. Danach begann ein neuer Abschnitt. Mein Mann hat ihn selbst im Krematorium abgeholt. Irgendwann kam der Anruf, dass man ihn holen könne. Diese kleine Kinderurne. Das war wieder ein Moment, in dem man fast hätte lachen müssen, wenn es nicht zum Weinen gewesen wäre. Er sagte, er wisse gar nicht, wie er die Urne transportieren solle, und schnallte sie dann im Kindersitz an. Er fand, das sei das Letzte, was er noch tun könne. So traurig es ist. Bei der Beerdigung waren wir schon etwas unter Druck. Wir hatten das Gefühl, und man kennt es ja auch so, dass möglichst bald eine Beerdigung stattfinden muss, wenn ein Mensch verstorben ist. Wir sind katholisch, und da gibt es noch einmal diese sieben Tage und dreissig Tage. Wir haben uns ein wenig erkundigt, aber schnell gemerkt, dass das für uns purer Stress war. Es war so weit weg für uns, irgendetwas für eine Beerdigung zu organisieren. In dieser Situation war es sehr gut, dass wir bei der Fachstelle Kindsverlust angerufen haben, auch wegen rechtlicher Fragen rund um die Arbeit. Zum Beispiel hatte mein Mann keinen Vaterschaftsurlaub, damals sowieso nicht, aber auch sonst gab es eigentlich keine Möglichkeit, länger zu Hause zu bleiben. Dabei ist auch er am Boden zerstört. Auch er braucht in jeder Hinsicht Zeit und ...

Christine: Also musste er sich krankschreiben lassen.

Anja: Ja, genau. Bei solchen Fragen hingen wir ein wenig in der Luft. Die Fachstelle konnte uns da extrem gut helfen und Antworten geben. Und dann eben auch ...

Christine: Auch bei diesen rechtlichen Fragen.

Anja: Ja. Und sie konnte sehr viel Druck herausnehmen. Sie haben uns gesagt, dass wir erst einmal Zeit hätten. Im Moment gebe es keinen Grund, irgendetwas zu forcieren oder uns zu stressen, weder wegen der Kirche noch wegen irgendetwas anderem. Das hat uns enorm entlastet. Es war gut zu hören, dass wir den Druck herausnehmen dürfen und jetzt gerade gar nichts müssen. Auch nicht auf eine bestimmte Art oder irgendwo aus Pflichtgefühl. Es war sehr gut, dass das jemand von aussen gesagt hat. Dass jemand gesagt hat, nein. Dass es viel Raum gibt und keinen Grund für Stress.

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Zeitabschnitt

Mit der Trauer Leben

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Christine: Und dann hattet ihr Flynn erst einmal bei euch zu Hause. Ihr habt euch darauf eingelassen und gesagt, dass ihr zuerst schaut, wie ihr im Alltag wieder irgendwie funktionieren könnt.

Anja: Ja, genau. Ich hätte mir vorher nie vorstellen können, eine Urne zu Hause zu haben oder mich damit wohlzufühlen. Aber am Anfang hat es tatsächlich geholfen zu wissen, dass er da ist, dass er bei uns ist. Wir waren nicht die Art von Menschen, die ihn auf den Stubentisch stellen mussten. Im Untergeschoss lief das normale Leben weiter, und oben, wo wir unser Zimmer haben, war er bei uns im Zimmer. Man hätte immer wieder zu ihm gehen und mit ihm reden können. Aber es war nicht so, dass wir ihn bewusst aufgestellt hätten. Genau. Und dann haben wir von Tag zu Tag ein wenig funktioniert, überlebt und gelebt. Wochenbettmässig kam die Hebamme zu mir nach Hause und machte die normalen Kontrollen. Auch wenn kein Baby da ist, gibt es trotzdem viel zu tun, zu beachten und zu kontrollieren.

Christine: Genau, der Körper hat die gleiche Arbeit geleistet.

Anja: Absolut. Und auch psychisch tut es gut, wenn jemand eine Bauchmassage macht oder einen ...

Christine: Gerade auch, weil du gesagt hast, dass du einen Kaiserschnitt hattest. Da sind hormonell, durch das Adrenalin oder was alles dazugehört, vielleicht nicht die gleichen Voraussetzungen da wie bei einer normalen Geburt. Und vielleicht sind auch noch einmal mehr Schmerzen da.

Anja: Genau. Und man muss zusätzlich die grosse Wunde pflegen. Man ist auch nicht gleich mobil. Das kommt schon noch dazu. Man kann nicht einfach Treppen hoch- und runterlaufen. Im Wochenbett soll man sowieso viel ruhen, aber ich war auch körperlich sehr müde, weil die Trauer so anstrengend war. Das hat mich schon ein Stück weit ins Bett gelegt. Und rundherum tobte das Leben.

Christine: Gleichzeitig waren zwei kleine, wilde Kinder da. Wie hast du in den Alltag zurückgefunden? Bist du eine Zeit lang ausgefallen, und musstet ihr euch Unterstützung suchen? Wie konntest du all die alltäglichen Dinge mit deinen Kindern leisten? Und wie war die Trauer bei den Kindern in dieser Anfangszeit?

Anja: Ja, die Trauer hat uns immer wieder überkommen. Gerade in der ganz frühen Phase konnten wir sie manchmal gar nicht ausblenden oder verdrängen. Das war auch deshalb schwierig, weil Matilda das nicht gut ertragen hat. Am Anfang hat sie uns sogar gesagt, wir sollten vor ihr nicht weinen, sie wolle das nicht sehen. Auch da spürt man, dass das nicht ganz gesund ist. Wir haben uns dann wieder an Kindsverlust gewandt, und sie hat uns zu dieser Reaktion beraten. Es ist ja nicht die Idee, dass ein Kind seinen Eltern die Trauer verbietet. Man muss schauen, wie man die Trauer trotzdem leben kann, alle miteinander, und wie Matilda damit abgeholt werden kann. Es kann eine normale Reaktion sein, aber man kann vielleicht auch versuchen, sie wieder umzuwandeln. Sonst kam die Trauer wellenartig. Vieles war Funktionieren. Man macht weiter, man geht auf den Spielplatz, weil man den Kindern ja auch gerecht werden will. Ich bin mit ihnen nach draussen gegangen. Ich habe schon ein bisschen darauf geachtet, dass wir nicht gerade auf den überfülltesten Spielplatz gehen. Mental wäre das schwierig gewesen. Wir hatten ganz am Anfang im Spital alle informiert. Das hat extrem geholfen, damit wir im Wochenbett nicht ständig in schwierige Situationen gerieten. Ein- oder zweimal ist es trotzdem passiert. Jemand fragte, wo das Baby sei, und ich musste sagen, dass es gestorben ist. Dann kam bei mir natürlich ein Traueranfall. Für das Gegenüber ist das auch sehr unangenehm. Weil wir wirklich alle sofort lawinenartig damit konfrontiert hatten, konnte jeder für sich damit umgehen. Aber sonst war es vielleicht auch überlebenswichtig, dass die Kinder da waren und den Alltag eingefordert haben. Das gab Struktur. Ich glaube, sonst wäre es einfach gewesen, im Bett zu bleiben. Die Decke kommt einem dann immer näher, und die Trauer überrollt einen noch viel mehr. Weil man hinaus muss, an die frische Luft, ins Tageslicht, hat das auch ...

Christine: Also hat es auch geholfen.

Anja: Es hat geholfen. Manchmal war es aber auch im ungünstigsten Moment. Ich hätte mich der Trauer gerne hingegeben, aber ich musste das Kind in die Spielgruppe bringen oder etwas anderes erledigen. Darum war es auch gut, dass es sehr liebe Menschen gab, die uns die Kinder immer wieder abgenommen haben. Sie sagten, sie würden zwei Stunden schauen, oder sie nähmen sie einen Tag, damit wir uns auf uns konzentrieren könnten.

Christine: Und damit ihr der Trauer Raum geben konntet, so, wie es für euch stimmte, ohne dass es für Matilda schwierig war.

Anja: Ja, ganz genau. Das war sehr wertvoll, diese konkrete Hilfe. Nicht einfach zu sagen, man solle sich melden, wenn man etwas brauche. Dafür hat man in diesem Moment keine Kraft. Man hat keine Kraft, jemandem zu sagen, was man jetzt braucht, oder überhaupt zu spüren und zu unterscheiden, was nötig wäre. Aber wenn jemand kommt und sagt, er hole das Kind um zwei Uhr und bringe es um sechs Uhr wieder, dann weiss man, dass es dem Kind gut geht, dass es eine schöne Zeit hat, aber auch wieder nach Hause kommt. Diese ganz konkrete Hilfe und Unterstützung ist enorm wertvoll.

Christine: Einfach da sein und machen.

Anja: Ja, weil die Kraft fehlt. Manchmal fehlt sie schon dafür, sich etwas zu essen zu machen, geschweige denn dafür, zu spüren, was man sonst noch braucht, einzukaufen oder Ähnliches.

Christine: Schön. Hast du bezüglich Rückbildung etwas gemacht? Ich habe gehört, dass es schweizweit leider noch eher selten ist, dass es spezifische Rückbildungsgruppen für verwaiste Mamis gibt. Gleichzeitig habe ich gehört, dass das ein sehr wichtiges Angebot ist. Ich kann mir vorstellen, dass es jedes Mal ein wahnsinniger Schmerz ist, wenn man mit frisch gewordenen Mamis in die Rückbildung geht. Hattest du die Möglichkeit, in eine solche spezielle Gruppe zu gehen?

Anja: Ja. Ich wusste, dass es wichtig ist, dass ich körperlich in die Rückbildung gehe. In unserem Fall war die nächste Möglichkeit in Zürich. Es ist tatsächlich schwierig, eine ganze Gruppe zusammenzubringen, weil es nicht so häufig passiert, obwohl es irgendwo in der Schweiz jeden Tag passiert. In den Ballungszentren ist es einfacher, mehrere Betroffene zusammenzubringen. In unserer Region gab es nichts. Was mir auch geholfen hat, war, dass ich es direkt auf der Homepage gesehen habe. Ich mochte nicht noch irgendwo anrufen und fragen. Ich wollte lieber schreiben, mich anmelden und hingehen. Dann bin ich nach Zürich gefahren. Dieser Abend mit der ganzen Reise war ganz bewusst meine Zeit. Der Weg dorthin wurde nebensächlich. Es tat unglaublich gut, mit diesen gleichgesinnten Frauen zusammen zu sein. Auch die Hebamme, die uns begleitet hat, war sehr gut. Sie hat das Ganze auch rituell aufgefangen. Es hatte viel Platz für Trauer, aber eben auch für Körperarbeit. Es ging darum, dem Körper wieder zurückzuhelfen.

Christine: Ich kann mir vorstellen, dass man dort auch weiss, man ist in einem geschützten Rahmen. Alle haben Ähnliches erlebt, und man muss die Tränen nicht künstlich zurückhalten, wenn sie hochkommen.

Anja: Ja, absolut. Dort kann man den Namen des Kindes nennen. Im Umfeld ging das manchmal schon nicht mehr. Oder nicht alle haben es ausgehalten, wenn man davon erzählt hat. Dort hatte genau das einfach Raum, und man wurde zu hundert Prozent verstanden. Ich glaube, auch wenn es in einer Gruppe nicht möglich gewesen wäre, wäre es trotzdem wichtig, gut und schön gewesen, sich selbst und dem Körper diese Rückbildung zu gönnen. Vielleicht dann in einem Einzelsetting mit einer Hebamme oder so. Denn ein Gruppenkurs mit Babys oder mit Müttern, deren Babys leben, ist schon sehr schwierig. Vielleicht sogar unmöglich. Es ist ja auch noch eine sehr zeitnahe Phase nach der Geburt. In der Regel beginnt man nach sechs bis acht Wochen, und dann ist man noch sehr frisch verwundet. Es kommt immer noch ab und zu hoch. Ich glaube, dann ist es gut, wenn es in einem spezielleren Rahmen stattfindet.

Christine: In einem passenden Setting, genau. Wie seid ihr als Paar in dieser Zeit mit der Trauer umgegangen? Habt ihr ähnlich getrauert, oder war das eher schwierig? Hat es zu Konflikten geführt?

Anja: Ja, das war sicher auch herausfordernd. Man weiss ja grundsätzlich, dass Männer und Frauen unterschiedlich trauern oder schon im Leben unterschiedlich ticken. In der Trauer war es besonders schwierig, wenn wir nicht immer gleich unterwegs waren oder nicht am gleichen Ort standen. Es gab Tage, an denen es einem besser ging und man wieder etwas mehr funktionieren konnte. Und blöderweise war der andere dann gerade im Loch, und man ertrug es fast nicht, dass er jetzt so schwerfällig war. Dann dachte man, jetzt wäre ich doch gerade ein bisschen besser dran. Und umgekehrt war es genauso. Das zu handhaben, war nicht immer einfach.

Christine: Habt ihr euch in dieser Situation Hilfe geholt oder Unterstützung gehabt?

Anja: Ja, wir hatten eigentlich schon immer die Haltung, dass es keine Schande ist, Hilfe anzunehmen. Egal, ob man zum Arzt geht oder psychologische Unterstützung braucht. Glücklicherweise hatten wir nach Henry, als klar war, dass er behindert ist und die Frage im Raum stand, wie es weitergehen soll, über unsere Gynäkologin bereits den Weg zu einem psychologischen Team und zu einem Psychologen gefunden. Dorthin gingen wir teilweise auch gemeinsam.

Anja: Viel lief über die Dynamik, dass der Mann nichts macht und die Frau gerne bevormundet. Wir haben dort also schon an uns und an unserer Beziehung gearbeitet. Das konnten wir in der zweiten Trauerphase oder Trauersituation direkt wieder aufnehmen. Wir gingen relativ schnell wieder zum gleichen Psychologen, und er konnte den Faden natürlich wieder aufnehmen und auch gezielt anknüpfen.

Christine: Er hatte also dieses Vorwissen schon?

Anja: Ja, das war natürlich sehr wertvoll. Wir konnten ganz anders einsteigen und wieder dort anknüpfen. Es ging darum, wie man den anderen annehmen kann, wenn man merkt, dass man genervt ist von dem, was er tut oder wie er ist. Wie kann ich es so formulieren, dass es nicht verletzend ist? Wie finden wir wieder zusammen? Wie kann man auch sagen, dass man jetzt Raum braucht, eine Pause oder einfach Ruhe? So, dass der andere es auch annehmen kann.

Christine: Ihr hattet ja auch ganz andere Voraussetzungen. Dein Mann ging gleich wieder arbeiten. Er musste ja auch. Und du bleibst zurück mit zwei Kindern, mit einem leeren Körper, mit diesen Schmerzen. Oder eben mit einem Körper, der einen immer wieder daran erinnert, dass da jetzt eigentlich ein drittes Kind wäre.

Anja: Ja, genau das hat mich manchmal auch sehr gestresst. Er durfte gehen und in die Normalität abtauchen. Er war abgelenkt. Und ich war auf eine Art in diesen Räumen und mit diesem Körper gefangen. Das Kinderzimmer, das bereitstand, hat uns immer wieder daran erinnert. Man bringt es nicht über sich, es wegzuräumen, und man will es auch nicht verdrängen. Gleichzeitig ist es jedes Mal wieder wie ein Schlag ins Gesicht. Das habe ich manchmal als gemein empfunden. Natürlich wäre es mit einem anderen Beruf vielleicht anders gewesen. Dann hätte ich mich, Mutterschaftsurlaub hin oder her und obwohl der Körper Zeit braucht, vielleicht wieder in die Arbeit stürzen können. Als Hebamme war das schwierig. Frischgeborene und Neugeborene habe ich längere Zeit nicht ertragen. Gleichzeitig hatte ich mit zwei Kindern genug zu tun und einen Alltag. Das hat mich trotz allem immer wieder abgelenkt. Aber es sind dann zwei Schienen, auf denen man in einer Beziehung nebeneinander fährt. Es wäre sicher leicht gewesen, sich darin zu verlieren.

Christine: Mhm. Ihr seid auch noch zusammen und habt das irgendwie gemeinsam gemeistert, oder?

Anja: Ja, das hat uns sicher sehr geprägt. Wenn man einmal an den Punkt kommt, an dem man diesen Gedanken berührt, weiss man auch wieder, dass uns so viel verbindet. Es war keine Option, einfach aufzugeben.

Christine: Ja, ihr habt schon so viel zusammen geschafft.

Anja: Ja, genau. Wir haben es als Team geschafft, und das geben wir nicht einfach auf. Es hat uns auch gezeigt, dass wir viel schaffen können. Dieses Wissen stärkt natürlich enorm.

Christine: Und wie ging es mit Matilda und ihrer Trauer oder eben Nicht-Trauer weiter?

Anja: Sie hat sich tatsächlich lange ein Stück weit dagegen gewehrt. Ungünstigerweise hatte sie zwei Wochen nach seinem Tod ihren ersten Schultag. Das war für mich sehr schwierig, weil ich die Lehrerin unter Tränen informieren musste, obwohl ich sie noch gar nicht kannte. Ich musste ihr sagen, dass da nun ein Kind kommt, das traumatisiert ist. Nach aussen zeigte sich das zunächst kaum. Sie reagierte dort nicht sichtbar. Erst viel später zeigte sie in der Schule manchmal Ängste oder reagierte in gewissen Situationen panisch, sodass andere sich fragten, was denn da der Auslöser sei. Natürlich steckte ihr das in den Knochen. Aber in der ersten Zeit war sie einfach ein unbeschwertes Kind, das sich freute, in dieser Schule zu sein, und Normalität lebte. Das war ja auch sehr gut. Auch wir haben uns an diesem ersten Schultag für sie zusammengerissen. Wir haben alles gegeben, um Normalität auszustrahlen und uns mit ihr zu freuen. Das war gut und es war auch richtig so. Irgendwann hatten wir dann das Fotobuch mit den Fotos aus dem Spital. Henry schaute es immer wieder an wie ein Bilderbuch und blätterte für sich darin. Matilda haben wir es ebenfalls angeboten. Wir sagten ihr, dass es vielleicht wichtig und gut wäre, es anzuschauen, weil es ihr Bruder ist. Wir wünschten uns das auch für sie. Sie sträubte sich aber ziemlich dagegen, das so konkret anzugehen. Irgendwann schaute Henry das Buch an, und sie blickte ihm über die Schulter. Sie war etwas erstaunt und sagte, das sei ja das Baby. Ich sagte, ja, natürlich sei das das Baby. Ich fragte sie, was sie denn gemeint habe. Und sie sagte, sie habe gedacht, es sei gar kein Baby herausgekommen. Das war ein totaler Aha-Moment. Es hatte ja auch niemand mit ihr das Gespräch gesucht, um herauszufinden, welche Vorstellungen sie eigentlich hatte. Aber ein sechsjähriges Kind hat vom Tod, mit allem, was es schon gesehen und erlebt hat, irgendeine Vorstellung. Darum war das wirklich ein Aha-Moment. Wir konnten sie dann abholen, und sie hat dabei, glaube ich, viel Heilung erfahren. Sie merkte etwas im Sinn von «Aha, Jesus, Gott». Ab dann konnte sie auch die Bilder anschauen und auf eine Art wieder ganz anders stolz sein. Von da an sagte sie auch wirklich, dass sie zwei Brüder habe, auch wenn der eine im Himmel sei und der andere hier.

Christine: Und rückwirkend hat dadurch auch eure Trauer wieder etwas mehr Raum bekommen, weil sie nicht mehr so stark abgeblockt hat.

Anja: Ja, genau. Sie konnte es dann auch annehmen. Manchmal hat sie auch geweint oder konnte sagen, dass sie jetzt einfach gerne dieses Baby und diesen zweiten Bruder hätte. Sie konnte das Traurigsein herauslassen und formulieren. Das hat natürlich viel weitergebracht. Wir konnten weitergehen und alle miteinbeziehen.

Christine: Und Flynn war weiterhin in der Urne bei euch. Kam irgendwann der Moment, in dem ihr gemerkt habt, dass ihr nun einen Abschluss in Anführungszeichen finden müsst? Oder hat sich das nach und nach entwickelt? Wie sind die Monate nach seinem Tod vergangen?

Anja: Ja, tatsächlich haben wir nach etwa drei Monaten gemerkt, dass es schön wäre und auch Zeit, weiterzugehen. Für uns bedeutete das, ihn aus unserem Haus loszulassen. Es war ja nur noch die Urne mit der Asche bei uns. Wir haben uns dann in Ruhe umgeschaut. Wir wussten, dass auf ganz alten katholischen Friedhöfen Totgeborene zum Teil gar nicht beerdigt werden dürfen. Man muss sich zuerst erkundigen, was möglich ist. Wir konnten dann Kontakt mit einem sehr liberalen, guten Pfarrer bei uns aufnehmen, der abgeklärt hat, dass es geht. Wir haben uns aber auch den Friedwald angeschaut und überlegt, ob eine Beisetzung bei uns im Garten infrage käme. Wir haben wirklich in Ruhe durchgedacht, was für uns als Ort stimmen würde. Gleichzeitig wussten wir, dass wir einen Platz möchten, an den wir hingehen können, und nicht nur eine Erinnerungsstelle zu Hause. Das eine oder andere schied dann aus, weil es zu weit weg oder logistisch schwierig gewesen wäre. Hinter unserem Garten liegt nur etwa ein halber Meter Erde. Für unsere Lebenssituation, mit unserem Wohnort in diesem Dorf, war der Friedhof eigentlich eine gute Option, auch für Kinder in diesem Alter. Man kann hingehen, Abschied nehmen, trauern und sich dort erinnern. Darum haben wir uns für eine normale Abschiedsfeier bei uns auf dem Friedhof und für ein Grab entschieden.

Christine: Mit einem Kindergräblein.

Anja: Ja, genau. Wir haben dann recht zögerlich begonnen zu planen, ein Datum festzulegen und zu überlegen, was wir möchten. Wir haben es in einem kleinen Rahmen gemacht. Am Anfang haben wir zum Beispiel keine Todesanzeige aufgegeben, sondern nur enge Freunde, Gotti und Götti eingeladen, aber auch Freunde von Matilda. Das hat ihr sehr viel bedeutet. So konnten wir die Feier auch recht kinderfreundlich und mit Ritualen planen. Sie fand dann, zufällig oder auch nicht, kurz vor Weihnachten statt. Auch das hat uns geholfen. Wir konnten ihn noch vor Weihnachten abgeben oder abschliessen und es im alten Jahr lassen. Das war eigentlich auch schön. Es war eine Abschiedsfeier mit Musik, die wir ausgewählt hatten. Wir haben zum Beispiel Steine gesammelt, auf die während der Feier alle etwas schreiben oder die sie gestalten konnten. Wir hatten Ballons, die wir dann beim Grab abgelegt haben. Es war noch einmal sehr intensiv.

Christine: Ihr habt also viele Rituale eingebaut.

Anja: Ja. Ich glaube, das hat wegen der Kinder und für die Kinder, aber auch allen Erwachsenen geholfen. Es gab einen schönen roten Faden. In der ganzen Vorbereitung konnten wir etwas tun, und es war auch schön, ihm das noch mitgeben zu können. Es war viel Aktionismus. Gleichzeitig hat es mich in der Trauer noch einmal stark zurückgeworfen. Ich weiss noch, wie wir mit Kind und Kegel zur Kirche gingen. Ich musste noch die Urne und das Kreuz einpacken. Als ich dann um die Ecke kam, war dort das Grab vorbereitet, diese Öffnung im Boden. Das Loch zu sehen, hat mich völlig aus der Bahn gehauen. Und dann kam auch das Bewusstsein, dass man ihn wirklich loslässt, ihn dort lässt und gehen lässt. Das war noch einmal sehr heftig. Gleichzeitig waren all die Kinder dort. Eines fragte, was denn das für ein Honigtopf da vorne sei. Das war die Urne. Es fragte auch, wer dort drin sei. Das waren alles Sechsjährige, sehr neugierige Kinder, die sehr gezielte Fragen stellten.

Christine: Fragen, die Kinder in diesem Alter stellen.

Anja: Genau. Und es hilft, wenn man sie einfach beantworten kann.

Christine: Gleichzeitig kann ich mir vorstellen, dass es einem noch einmal einen Schlag versetzen kann, wenn man dieses Wissen nicht hat, wie Kinder reagieren. Dass man denkt, was fragst du denn jetzt da?

Anja: Ja, genau. Es ist so ein bisschen dieses Unverständnis. Oder auch die anderen Erwachsenen, die dann dachten, oh mein Gott, was sagt sie jetzt? Aber man macht dann einfach. Mit dem Wissen von heute wäre es natürlich eine ganz andere Feier und ein ganz anderer Umgang. Aber wir haben damals nach bestem Wissen und Gewissen und mit der Zeit, die wir uns gelassen haben, diese Feier in dieser Form gestalten können.

Christine: Ja. Du hast mir im Vorgespräch erzählt, dass auch die Abschiedsfeier fotografisch festgehalten wurde. War das auch ein bewusster Entscheid?

Anja: Ja, genau. Auch aus dem Gedanken heraus, dass Kinder wachsen und Erinnerungen verblassen. Gerade bei Henry, bei dem man nicht so genau weiss, was er mitbekommen hat oder wie er es fassen kann, war es schön, auch festzuhalten, wer alles dort war und was wir gemacht haben. Und das ist im Nachhinein sehr wertvoll. Natürlich ist es auch stark tabuisiert. Man fotografiert doch keine Beerdigung. Der Pfarrer hat aber gut mitgemacht, und alle anderen haben es respektiert. Im Nachhinein ist das sehr wertvoll. Manchmal war es auch erschreckend, zum Beispiel zu sehen, wie sehr wir geweint und getrauert haben. Man hat aber auch gesehen, wie wir gelacht haben, wie viel an diesem Tag an uns vorbeigegangen ist und wie es im Nachhinein auf den Fotos doch sichtbar wurde. Dieses Festhalten ist uns bis heute geblieben. Es ist uns wichtig geworden, den Moment festzuhalten. Das war ein guter Entscheid, auch wenn er in diesem Moment eher impulsmässig war. Wir dachten, komm, wir lassen sie kommen und machen das einfach. Heute ist es so wertvoll.

Christine: Sehr schön. Ungefähr ein Jahr nach dem Verlust von Flin durftet ihr noch einmal schwanger werden. War das wieder ein bewusster Entscheid, und magst du von dieser Schwangerschaft erzählen?

Anja: Ja. Grundsätzlich war der Wunsch nach einem dritten Kind sehr bewusst. Wir wollten nicht, dass ein behindertes und ein nicht behindertes Kind in einem Ungleichgewicht stehen und das nicht behinderte Kind dadurch zu stark in diese Rolle gedrängt wird. Gleichzeitig mussten wir uns fragen, ob wir das auch tragen können. Denn allen ist klar, dass jedes Kind wieder Baustellen haben kann, vom Kleinkind bis ins Erwachsenenalter. Kann man das als Paar tragen? Wir haben uns bewusst dafür entschieden. Dann ist Flin gestorben. Der Wunsch und der Entscheid waren aber immer noch da. Wir fanden, dass wir es eigentlich immer noch möchten. Gleichzeitig braucht es extrem viel Mut, es noch einmal zu wagen. Wir hatten aber auch immer ein wenig das Gefühl, jetzt erst recht. Jetzt soll dieses Kind noch kommen. Deshalb war es schwierig, dass wir noch einmal ziemlich lange warten mussten. Auch in der akuten Trauerphase hatten wir sofort wieder das Gefühl, dass ich schwanger werden möchte, dass wir etwas Neues in Angriff nehmen wollen. Das ging aber nicht, weil ich nach dem Kaiserschnitt warten musste. Wenn man zu früh wieder schwanger wird, ist das Risiko einer Ruptur dreissigfach höher. Darum ist es sehr sinnvoll, dem Körper eine gewisse Zeit zu lassen. Dieses Warten mussten wir aushalten. Darin lag wieder sehr viel Ohnmacht. Um mich herum wurden extrem viele Menschen schwanger. Man hat dann nur noch Augen dafür und sieht überall Kinderwagen. Das war auch gemein, und meine Geduld wurde wieder ziemlich strapaziert. Etwa nach einem Jahr hat es dann doch wieder geklappt. Die Schwangerschaft war schnell wieder angstbehaftet. In der ersten Schwangerschaftshälfte kann man nicht viel machen. Wenn man das Kind wieder verlieren würde, müsste man auch damit irgendwie umgehen. Wir haben ein paar Tests mehr gemacht, aber keine invasiven mehr. Ansonsten versuchten wir, möglichst unbeschwert schwanger zu sein. Körperlich ging es mir sehr gut. Ich war wieder gern schwanger und war gut schwanger. Mental war es aber sehr anstrengend. Es kamen immer wieder Ängste auf, und wenn etwas einmal nicht ganz in der Norm war, ging ich schnell vom Schlimmsten aus. Das war kräftezehrend.

Christine: Ja. Und gleichzeitig gab es eine viel engmaschigere Betreuung, die dir auch ein Stück weit die Sicherheit geben konnte, die du gebraucht hast.

Anja: Ja, genau. Es braucht sowieso eine Portion Vertrauen. Ohne das ging es grundsätzlich nicht. Mir persönlich hat es aber geholfen, engmaschiger begleitet zu sein und etwas mehr Kontrolle zu haben, vor allem ab dem Zeitpunkt, an dem das Kind überlebensfähig war. Natürlich ist auch das trügerisch. Auch wenn man Herz und Lunge hört, kann trotzdem etwas sein. Aber mir hat es geholfen. In diesem Moment war gerade wieder alles gut. Ich spürte es. Ich habe sicher auch extrem viel am Bauch gerüttelt, um mich zu vergewissern, dass das Kind lebt. Zum Glück war er auch ein sehr lebendiges Kind, das sich viel bewegt hat. Das hat geholfen, sich durch die Schwangerschaft zu hangeln.

Christine: Und bei diesen Tests war soweit immer alles gut?

Anja: Ja. Einmal gab es noch eine Situation bei einer zusätzlichen Kontrolle, die man sonst zu diesem Zeitpunkt gar nicht gemacht hätte. Dabei sah man eine Zyste im Kopf. Da war ich sofort wieder am Boden und hatte ein schwer behindertes Kind vor Augen. Fachpersonen konnten uns dann aber sagen, zwar nicht mit hundertprozentiger Sicherheit, aber doch ziemlich sicher, dass sonst nichts Auffälliges da sei und es gut komme. Tatsächlich waren die Zysten später wieder weg.

Christine: Das zeigt auch, wie wichtig die Rolle der Ärztinnen, Ärzte und Spezialistinnen ist. Sie können einem Ängste nehmen, wenn sie auf die Person und die Situation eingehen und wenn sie vielleicht auch von der Totgeburt und von der schwierigen Schwangerschaft mit Henry wissen.

Anja: Ja, genau. Das war wirklich ein riesiges Glück. Unsere Gynäkologin kannte uns sehr gut, schon seit langer Zeit, und sie kannte die ganze Geschichte. Diese Bezugspflege hat enorm geholfen. Sie hat mich auch machen lassen, und ich konnte jederzeit anrufen. Das hat mir sehr viel Sicherheit gegeben. Ich war nicht einfach Teil einer anonymen Maschinerie, in der ich mich immer wieder neu hätte erklären müssen. Gleichzeitig habe ich mich auch mit alternativen Angeboten begleiten lassen, mit Fussreflexzonentherapie und verschiedenen Therapeutinnen und Therapeuten. Diese Menschen konnten mich mental ebenfalls ein Stück weit mittragen. Auch das hat geholfen.

Christine: Ihr habt ein gesundes Mädchen zur Welt gebracht. Wusstet ihr schon im Voraus, dass es ein Mädchen wird? Und hat es ein Stück weit geholfen, dass es nicht noch einmal ein Junge war?

Anja: Ja, mir hat es sehr geholfen, uns beiden. Wir wussten es früh, weil man über das Fruchtwasser oder über eine Blutentnahme noch einige Dinge abklären konnte, unter anderem eben auch, dass es ein Mädchen wird. Das hat sehr viel unterschieden. Man musste nicht das Gefühl haben, es sei ein Ersatz oder so, sondern es war eine ganz neue Person. Ja, das hat sehr gutgetan. Am Schluss wurde es dann trotzdem noch etwas schwierig. Ich merkte irgendwann, dass ich nicht mehr konnte. Etwa in der 34. Woche dachte ich, jetzt mache ich einen Kaiserschnitt, jetzt soll sie heraus.

Christine: Also als der Zeitpunkt in der Schwangerschaft näher rückte, an dem damals Flynn gestorben war, hat das noch einmal etwas ausgelöst.

Anja: Ja, dort begann es, mich zu triggern. Ich dachte, sie wird noch grösser, und trotz der vielen Kontrollen hatte ich das Gefühl, ich nehme jetzt einfach den Weg des geringeren Widerstands und mache einen Kaiserschnitt. Das Kind ist da, zwar etwas zu früh und mit allem, was dazugehört, aber es ist da. Dann hatte mein Mann aber einen Nierenstein, und es folgte ein ganzes Rätselspiel mit Untersuchungen und einem Spitalaufenthalt. Dadurch ging das gar nicht. Ich war abgelenkt, musste funktionieren und es noch ein bisschen durchziehen. Darum kam sie dann auch erst um den Termin herum, zwei Wochen vorher. Und das ist dann auch ihre Geschichte. Es musste wohl so sein, und sie durfte noch so lange ausreifen. Ja, im Bauch bleiben. Und sie war dann tatsächlich dieses Mädchen. Von Anfang an blond, mit blauen Augen, ganz anders als alle anderen in der Familie. Das war total gut.

Christine: Ja, weil es irgendwie einfach so sein musste. Sie ist auch wieder mit einem Kaiserschnitt zur Welt gekommen. Ich stelle mir das noch einmal unglaublich emotional vor. Wart ihr wieder im gleichen Spital?

Anja: Ja, ganz bewusst. Dort konnte uns unsere Gynäkologin wieder als Belegärztin begleiten. Ich hatte auch eine Doula dabei, auch bei einem Kaiserschnitt.

Christine: Magst du kurz erklären, was eine Doula ist?

Anja: Ja, sicher. Eine Doula ist eine Geburtsbegleiterin. Sie kann aber auch schon in der Schwangerschaft und vor allem im Wochenbett sehr hilfreich sein, zum Beispiel für jemanden, der nicht so viel Umfeld hat oder keine Begleitperson bei der Geburt. Man engagiert sie, und sie sorgt für einen, schaut wirklich, was es gerade braucht und was guttut. Sie macht aber keine medizinischen Interventionen, also keine Blutentnahmen oder Ähnliches. Ich dachte zuerst, es sei halt ein Kaiserschnitt und für sie nicht so spektakulär. Trotzdem war es sehr wertvoll, dass sie dabei war, und es hat sehr geholfen.

Christine: Sie war also in Ausbildung und hat noch …

Anja: Genau. Neben meinem Mann war auch sie dabei und konnte zum Beispiel fotografieren. Sie konnte mich auch noch einmal beruhigen, als es gegen Schluss nervlich etwas brenzlig wurde. Wieder in den gleichen Operationssaal hineingefahren zu werden, wieder diese gleichen grünen Plättchen zu sehen, das war schon noch einmal viel. Bei einem geplanten Kaiserschnitt weiss man sehr bewusst, dass es jetzt passiert. Gleichzeitig tragen einen die ganzen Hormone durch. Aber wir haben es geschafft. \[lacht\]

Christine: Und dieses Mal war da zum Glück nicht mehr diese gespenstische Ruhe. Im Gegenteil. Euer Kind ist zur Welt gekommen und hat geschrien.

Anja: Genau, so nach dem Motto, da bin ich. Sie war direkt bei mir. In diesem Moment waren da natürlich sehr viel Entlastung und Erleichterung.

Christine: Was hat das mit deiner Gefühlswelt gemacht? Hat die Freude überwogen, oder ist auch der Verlust noch einmal stark aufgekommen?

Anja: Ja, viel stärker, als ich gedacht hätte. Am Anfang waren natürlich die Endorphine da, trotz Kaiserschnitt. Es war Freude da, dieses Endlich, dieses Schöne. Dann kommt man auf die Wochenbettstation, kommt ein wenig an, und die Geschwister sind auch gekommen. Sie hatten nur Freude, es war wirklich alles gut. Gleichzeitig war da überraschenderweise auch etwas Dumpfes, weil eben nicht einfach alles gut war. Ich war ein wenig davon ausgegangen, dass jetzt das Happy End kommt. Aber die Trauer war immer noch da, in Wellen und Phasen. Und dann war es noch einmal ein sehr starker Trigger. Nicht dem Baby gegenüber, das ist gar nicht böse gemeint. Aber es wäre ja so anders gedacht gewesen. Ich hatte Freude an ihr, aber die Lücke blieb. Und ich lag auch dort mit leeren Armen.

Christine: Eigentlich hast du das Gleiche noch einmal durchgemacht, aber auf eine völlig andere Art. Und das ist auch ein wenig absurd.

Anja: Ja, und das ist schwierig. Man denkt, du musst doch jetzt glücklich sein, du musst dich doch jetzt endlos freuen. Und das habe ich auch. Gleichzeitig war da dieser Schatten. Dankbarerweise war es dasselbe Spital. Ich habe die Kleine im Wochenbett zweimal abgegeben und bin bewusst noch einmal in die Aufbahrungsräume von einem Jahr zuvor gegangen, um zu trauern. Ich bin noch einmal dorthin, habe mir Zeit genommen, zurückgedacht, mich noch einmal damit auseinandergesetzt und auch wieder ein Stück dort lassen können.

Christine: Du hast also im Spital gefragt, ob du noch einmal in die Aufbahrungsräume darfst, um noch einmal zurückzugehen. Und um den Schmerz zuzulassen.

Anja: Ja, genau.

Christine: Ganz bewusst eigentlich.

Anja: Ja, für mich allein. Sie haben mir einen Schlüssel gegeben und gesagt, ich solle mir die Zeit nehmen. Sie würden zur Kleinen schauen. Das war sehr wertvoll.

Christine: Sehr eindrücklich. Es sind eben solche Kleinigkeiten, wie dir einen Schlüssel zu geben. Das kann die Welt bedeuten, oder? Und es kann ein wichtiger Schritt in einem Trauerprozess sein.

Anja: Ja. Ich glaube, das ist sehr wesentlich, sei es im Wochenbett nach dem Verlust oder in einem Folgewochenbett, weil noch so viel mitschwingen kann. Natürlich muss man spüren und formulieren können, was man braucht oder was helfen würde. Aber wenn das Pflegepersonal dann sagt, dass es schaut, wie man es möglich machen kann, wo es Platz haben kann oder was es braucht, dann ist das enorm wertvoll. Auch wenn im Pflegealltag eigentlich keine Zeit für solche zusätzliche Zeit und diesen Raum ist. Für die Familie ist das in diesem Moment Gold wert. Das ist mir auch als Hebamme geblieben. Ich weiss, wie unendlich schwierig es ist, in diesem Trubel zusätzlich jemanden zu mobilisieren oder freizustellen, um diese eine Frau so intensiv zu begleiten. Ihr so viel Zeit zu geben. Aber genau das ist in diesem Moment für diese eine Frau so wichtig.

Christine: Ja. Ich kann mir auch vorstellen, dass es sehr wertvoll sein kann, wenn man zwischen beidem pendeln darf. Zwischen dem vollständigen Eintauchen in die Trauer und der Freude über das gesunde Baby.

Anja: Ja. Die Demut ist dann natürlich viel intensiver. Das haben wir stark gemerkt. Diese Demut vor dem Leben, gerade nach einem toten Kind. Auch dieses Dürfen, in die Trauer hineinzugehen und sie wahrzunehmen. Und dann das Glück, dass es noch einmal sein durfte. Unsere lebenden Kinder waren sicher unser Glück und eine Überlebenshilfe, um weiterzugehen. Sie haben uns Mut, Demut und Kraft gegeben, im Leben zu bleiben.

Christine: Und vielleicht auch, das Leben einfach zu geniessen und zu machen.

Anja: Genau. Dabei hilft einem ein Kind natürlich.

Christine: Ja. Erbarmungslos. Einfach darauf los. Flin wäre vor Kurzem elf geworden. Es ist inzwischen viel Zeit vergangen. Wie hat sich die Trauer verändert? Und wie sind die Trauer oder Flin als Bruder bei seinen Geschwistern im Alltag noch präsent?

Anja: Ich denke, die Trauerwellen, die einen hin- und herschleudern, sind ruhiger geworden. Das erste Jahr ist wahrscheinlich für alle, die jemanden verlieren, das Schlimmste, weil man alles zum ersten Mal ohne erlebt. Jetzt wäre das geplant gewesen. Danach nimmt die Wucht dieses Hin- und Hergeschleudertwerdens etwas ab. Es verblasst nie ganz, aber es wird wirklich ruhiger. In unserem Fall merken wir es jeweils vor dem Todestag, besonders in der Woche davor. Wir sind gereizter und dünnhäutiger. Manchmal ziehen wir uns dann etwas zurück. Oft sind wir auch in die Ferien geflüchtet. Das spürt man schon.

Christine: Habt ihr rund um den Todestag auch Rituale, die ihr immer gemeinsam macht?

Anja: Ja. Egal, wo wir auf der Welt sind, schreiben wir jeweils Flin in den Sand, mit Blumen oder mit Steinen. Davon machen wir Fotos, die wir manchmal posten oder verschicken. Manchmal behalten wir sie auch einfach für uns und nehmen uns bewusst einen Moment Zeit, um zurückzudenken. Wenn wir zu Hause sind, gehen wir sicher auch auf den Friedhof. Dieses Jahr haben wir Steine angemalt und Wimpel genäht und sind dann wirklich zu fünft auf den Friedhof gegangen. Es ist nicht mehr so traurig wie auch schon. Man kann dort inzwischen auch lachen und miteinander plaudern. Der Friedhof ist über all die Jahre für uns wirklich auch zu einem besonderen Ort geworden. Obwohl er bei uns mitten im Dorf liegt und man dort ziemlich ausgestellt ist. Das war für mich am Anfang neu. Ich kannte Friedhöfe eher am Dorfrand. Und dort fühlte ich mich manchmal beobachtet. Das habe ich nicht immer gut ertragen. Manchmal waren der ruhige Wald oder der Bach besser zum Trauern. Der Friedhof war eher der Ort, um mit den Kindern hinzugehen, Wasser zu geben. Dort konnten sie viel machen und mithelfen. Es war eigentlich auch schön, dass sie ihn so ganz bewusst als Bruder in ihr Leben eingeflochten haben. Auch in Vorstellungsrunden oder in Zeichnungen, wenn wieder ein erster Schultag war. Dann hiess es ganz selbstverständlich, ich bin die und die, und ich habe noch einen Bruder im Himmel. Für sie war das völlig geradeaus und normal. Sie haben auch Geschenke mitgenommen, sind über den Friedhof gelaufen, haben noch schnell Wasser gegeben, erklärt und erzählt und die Engel umplatziert.

Christine: Der Friedhof liegt direkt auf dem Schulweg, oder?

Anja: Genau. Das Schulhaus ist gleich nebenan, der Bach auch. Man läuft direkt an der Kindergräberreihe vorbei. Sie ist sehr präsent. Dann stellt man noch schnell etwas um, gibt wieder etwas Wasser oder hält ein kleines Schwätzchen. Das war eigentlich sehr schön und erfrischend, dass die Kinder überhaupt keine Berührungsängste mit dem Friedhof hatten. Das hat uns manchmal sogar ermutigt. Wir gehen hin. Dort ist es kein Tabu.

Christine: Und mit ihrer natürlichen Art konnten sie auch ihren Schulkolleginnen und Schulkollegen den Tod etwas näherbringen. Dass er einfach dazugehört und etwas Normales ist.

Anja: Ja, ich glaube, manches Kind hätte diese Chance sonst vielleicht gar nicht gehabt. Und so ist es wie …

Christine: Sehr wertvoll.

Anja: Oder wenn im Religionsunterricht an Feiertagen Kerzen angezündet wurden, wussten danach alle sofort, wohin man diese bringen kann. Ich glaube, das war für viele Kinder schon auch ein wertvoller Beitrag. Wenn Kinder Fragen stellten, bekamen sie direkte Antworten. Meine Kinder wussten dann zum Beispiel, dass es dort unten dunkel ist, aber nicht fürchterlich. Oder sie stellten Fragen dazu, wohin es geht. Sie halfen auch, den Grabstein zu putzen. Es war ganz handfest. So konnte man es annehmen, ins Leben integrieren und nicht wegschieben. Wir hatten auf dem Friedhof schon viele spannende Gespräche. Wenn man dort ist, mit Kindern oder ohne Kinder, kommen Menschen vorbei, fragen, warum und wieso, und trauen sich auch. Das ist eigentlich etwas sehr Schönes. Denn es gibt viele Menschen, die sich nicht trauen, nachzufragen, den Namen zu nennen oder an den Todestag zu denken. Das war direkt nach dem Tod so, aber auch im ganzen Verlauf. Umso schöner ist es, wenn es Menschen gibt, die sich trauen und plötzlich von ihrem eigenen Verlust erzählen oder von einem Bruder, der sehr früh einmal gestorben ist.

Christine: Der Friedhof wird eigentlich zu einem Begegnungsort.

Anja: Ja. So ist es dann doch wieder etwas Schönes, dass der Friedhof mitten im Dorf liegt. Zu Hause ist er auch weiterhin präsent, aber nicht in der Stube oder so. Es gibt eine Ecke im Kinderzimmer, in der wir persönliche Erinnerungsstücke aufbewahren.

Christine: Im Zimmer der Jüngsten, oder?

Anja: Genau. In ihrem Zimmer gibt es ein Tablar. Für sie ist das kein Thema und kein Tabu. Sie schaut die Dinge an, und das hat dann …

Christine: Ihr Bruder, den sie nie kennenlernen durfte, gehört dort hin und gehört dazu.

Anja: Total. Und sie weiss auch, dass wir sonst zu viert wären. Obwohl sie diese Geschichte und auch die ganze Trauer nicht auf die gleiche Weise mit uns teilt, ist sie manchmal ein Stück weit aussen vor. Dann muss sie auch betonen, dass sie dazugehört. Grundsätzlich sagt auch sie, dass sie drei Geschwister hat und eines davon im Himmel ist. Auch bei ihr kamen diese Themen in verschiedenen Kindheitsphasen. Bei Matilda waren es eher die frühen Phasen. Bei Henry war es zeitweise wegen seiner kognitiven Einschränkung schwieriger. Als sie bei den Pfützenspringern waren, wurde es ihnen immer bewusster. Die Kleine hat sehr viel nachgefragt. Sie wollte wissen, warum er gestorben ist. Irgendwann hat sie dann ihre eigene Erklärung gefunden. Er habe Schneckenkörner gegessen.

Christine: Ah, was?

Anja: Irgendwann hatte sie mitbekommen oder war alt genug, um zu wissen, dass Schneckenkörner giftig sind. Für sie war das dann eine Erklärung. Es war wirklich eine sehr kindliche Neugier. Die hat sie uns allen natürlich sehr stark mitgegeben. Das war auch beeindruckend. Bei uns ist es mit der Zeit etwas abgeflacht, aber bei den Kindern kommt es immer wieder hoch. Ich hatte das Gefühl, auch bei ihnen sei es irgendwann abgeschlossen. Das stimmt überhaupt nicht. Es war zum Beispiel ziemlich überraschend, dass Matilda in der Pubertät plötzlich wieder in eine Krise kam, auch mit dem Bewusstsein für die Endlichkeit, das dann entsteht. Sie stellte sich Fragen. Was wäre gewesen? Wie wäre es gewesen? Wo wäre er? Was wäre dann? Das hat uns noch einmal ziemlich kalt erwischt. Mich hat es aber auch dazu gebracht, dass ich mehr über Trauer wissen und verstehen wollte. In dieser Zeit habe ich mich für einen Lehrgang als Familientrauerbegleiterin angemeldet. Vor allem, um meinen Rucksack zu füllen. Natürlich hatte ich einen Teil meines Wissens als Hebamme, und inzwischen auch viel Selbsterfahrung. Aber ich wollte noch mehr Fakten haben, um für die Zukunft wirklich gestärkter zu sein.

Christine: Um in deiner Arbeit als Hebamme, aber eben auch mit deinen eigenen Kindern dieses Verständnis zu haben, dass das normal ist.

Anja: Genau. Und auch, wie viel normal ist. Es wird sehr viel geurteilt. Ich weiss noch, dass gewisse Leute nach etwa drei Monaten fanden, ich sei immer noch traurig und weine immer noch in der Öffentlichkeit. Für mich ist das eigentlich logisch. Vielleicht ist gerade dein Kind, das genau gleich alt ist wie meines, mein Trigger. Natürlich werde ich noch lange weinen. Man muss sich oft auch rechtfertigen, wenn man zum Beispiel wieder lacht oder an einem Fest auftaucht. Das verändert sich manchmal sehr schnell. Man darf auch fröhlich sein. Aber auch das wurde manchmal fast nicht gutgeheissen. Da passiert sehr viel. Mehr Wissen im Rucksack zu haben, hat mich sehr gestärkt. Ich glaube, über das Ganze kann man sagen, dass der Verlust eine Narbe ist. Die offene Wunde, die im ganzen ersten Jahr brennt und immer wieder aufgeht, vernarbt tatsächlich. Sie wird sogar blasser. Der Schmerz wird weniger. Man kann die Narbe pflegen, aber sie wird immer bleiben. Dieses Bild hat uns geholfen. Die Narbe darf da sein, sie darf sichtbar sein. Man kann sie aber auch verdecken. Sie wird immer da sein, so wie dieses Loch immer da ist. Auch in der Geschichte zwischen diesen Kindern, weshalb es jetzt diesen grossen Altersabstand gibt. Das ist jetzt einfach unsere Geschichte und die Reihenfolge.

Christine: Ja, ein sehr schönes Bild. Und ich möchte auch noch erwähnen, was du mir erzählt hast. Du bist, glaube ich, seit acht Jahren auch im Vorstand von Herzensbilder dabei.

Anja: Genau. Die Gründerin und damalige Präsidentin hat mich damals angefragt, weil wir selbst Herzensbilder hatten und wegen meines beruflichen Hintergrunds. Sie fragte, ob ich mir das vorstellen könnte. Es kamen dann noch viele andere tolle Frauen ganz neu in den erweiterten Vorstand. Inzwischen haben die meisten einmal gewechselt, sind aber noch dabei. Irgendwann wurde ich sogar ins Co-Präsidium gewählt. Ich fand auch, dass das etwas so Sinnvolles ist. Das darf nicht verloren gehen, das muss weitergehen. Und auch bei uns kann aus etwas so Sinnlosem wie dem Tod des eigenen Kindes doch etwas Gutes entstehen. Darum ist es ein sehr intensives Ehrenamt. Aber es ist auch unglaublich sinngebend.

Christine: Mhm. Und das hast du mir vorher noch kurz erzählt. Auf der Webseite von Herzensbilder findet man auch einzelne Berichte von Einsätzen.

Anja: Genau. Jede Familie entscheidet selbst, ob sie auf die Seite möchte und mit wie viel. Ob dort einfach Einsatz Nummer so und so steht, oder der Name des Kindes, ob es einen längeren oder kürzeren Bericht dazu gibt und vielleicht auch Fotos. Für sehr viele Eltern ist das auch mit Stolz verbunden. Man hat dieses Kind geboren, das Kind gehört dazu, man will es benennen. Und dort hat es einen würdevollen Platz. Natürlich war das dann wieder eine Herausforderung, zum Beispiel im Vorstand. Es ging darum, alles datenschutzsicher und würdevoll abzudecken. Die Homepage sollte nicht nur schön und würdevoll sein, sondern auch sicher. Und es sollte immer nur das gezeigt werden, was die Eltern auch möchten.

Christine: Mhm. Und für die Zuhörerinnen und Zuhörer, die Herzensbilder bisher noch nicht kennen, schaut gerne einmal auf der Webseite vorbei. Es ist wirklich eine ganz tolle und wichtige Organisation, die diesen Familien Bilder schenkt, die ihnen die Welt bedeuten. Gerade auch für Geschwisterkinder zeigen diese Bilder, dass da noch jemand gewesen ist. Das ist sehr schön.

Anja: Genau. Manchmal gibt es Situationen, in denen es vielleicht gerade noch gut kommt oder machbar ist, ohne dass man das ahnt. Oder es sieht so aus, als würde es eng werden. Bei einer Krebsdiagnose zum Beispiel verbringt man vielleicht monatelang Zeit im Spital und denkt nicht einmal an ein schönes Foto. Dann kann es sein, dass man zwar Erinnerungen an diese Zeit hat und auch schöne Fotos, vielleicht aber trotzdem keine Haare. Darum hat ein Bild auch für uns persönlich einen grossen Wert. Wir machen immer viele Fotos und hatten auch schon Shootings, weil sich nichts besser anfühlt als das Wissen, dass ich die Fotos von dieser und jener Situation habe.

Christine: Du hast vorhin das schöne Bild der Narbe verwendet, die entsteht und immer da ist, aber mit der Zeit auch ein wenig verblasst. In eurem Fall, mit einem Kind mit einer Behinderung, ist dort ja auch Trauer da. Eine Trauer um etwas, das er nie erleben können wird, um Dinge, die ihm nicht möglich sind. Gibt es bei dieser Trauer auch eine Parallele? Oder wie zeigt sich das bei euch im Alltag?

Anja: Ja, das hängt manchmal ein wenig zusammen. Wenn man ein behindertes Kind hat, gibt es immer wieder Momente, in denen die Trauer stärker wird. Wobei es eigentlich nicht Trauer darüber ist, dass es ihn gibt. Überhaupt nicht. Er ist wunderbar, so wie er ist, und es ist gut, dass er da ist. Aber das System löst sehr viel Ohnmacht aus. Es braucht so viel Kampf um seine Rechte, um Geld oder um Inklusion, die in der Schweiz und in der Gesellschaft nicht wirklich vorhanden ist. Niemand möchte sich mit ihm verabreden. Oder es bedeutet sehr viel Aufwand, damit er gesellschaftliche Kontakte pflegen kann. Dann kommt vielleicht wieder die Trauer um den anderen, gesunden Jungen auf, der eben auch nicht da ist. Umgekehrt hat man manchmal weniger Energie, wenn zum Beispiel Flins Jahrestag wieder näher rückt und die Trauer und die Dünnhäutigkeit grösser sind. Dann fehlt die Kraft für die Kämpfe rund um Henry und seinen Alltag. Und dann ist da auch die Ohnmacht. Er würde so gerne Auto fahren, und du weisst einfach, dass das nicht gehen wird.

Christine: Das wird nicht gehen.

Anja: Genau. Und wie kann er das verstehen? Er wird das nie können oder nie so wie die anderen. Es sind Dinge, die man nicht ändern kann und die so sind, wie sie sind, wegen der Behinderung, aber auch wegen des Systems. Das macht schon ohnmächtig, manchmal auch wütend. Es ist dann wie doppelt. Man denkt, nein, jetzt ist genug, so mag ich das einfach nicht.

Christine: Und auch der Kampf, den man führen muss, damit ein Kind mit einer schweren Behinderung zu seinen Rechten kommt. Man muss immer wieder beweisen, was das eigene Kind nicht kann oder nie können wird. Man weiss es ja selbst, und man sieht es. Aber man muss es immer wieder aufs Neue beweisen. Und das ist doch einfach ...

Anja: Genau. Das braucht extrem viel Energie, und genau diese Energie hat man ohnehin nicht. Sie ist schon lange auf der Strecke geblieben. Bei uns ist es wie doppelt, weil uns auch die ganze Trauer um Flin so viel Energie und Boden geraubt hat. Das ist schon sehr ermüdend. Man hat das Gefühl, ich wünschte, ich müsste nicht um irgendetwas betteln oder für etwas einstehen. Aber ich mache es für all meine Kinder so gut ich kann, damit sie das bestmögliche Leben haben können. Gleichzeitig muss man dafür so viele Hürden überwinden.

Christine: Ja. Und ich glaube, es wäre schön und wichtig, wenn Trauer mehr Sichtbarkeit bekäme. Ich kann mir vorstellen, dass es auch Leute gibt, die denken, Henry sei ja so ein toller und aufgestellter Junge, und jetzt hätten sie ja noch ein gesundes Mädchen bekommen, also sei wieder alles gut. Aber es ist eben nicht alles gut. Es ist schön, und ihr seid auch glücklich, aber die Trauer darf trotzdem immer wieder da sein und Platz haben. Ich glaube, es wäre schön, wenn das in unserer Gesellschaft etwas normaler wäre oder wenn man vielleicht auch einmal ein bisschen ...

Anja: Anerkennung.

Christine: Ja, oder vielleicht auch, dass jemand fragt, wie es euch eigentlich geht.

Anja: Ja, genau. Vieles, was für andere selbstverständlich ist, ist es für uns nicht. Im Gegenteil, es kommen zusätzliche Belastungen dazu. Ich denke zum Beispiel an die Schulferien. Das kann ein Albtraum sein, wenn man ein Kind hat, bei dem man ständig gefordert ist. Das habe ich auch erlebt. Oder wenn man ständig etwas organisieren muss. Das geht manchmal etwas unter. Vielleicht hat man von aussen auch das Gefühl, die schaffen das, sie lachen ja, also ist alles gut. Aber manchmal tut es gut, wenn es einfach gesehen wird. Und genauso war es auch bei der Trauer. Dass sie weniger tabu ist, dass man sie ansprechen darf und dass sie gesehen wird. Das heisst nicht, dass alles gut ist. Es heisst aber auch nicht, dass alles schlecht ist. Es geht einfach auch um das Wissen, dass es so vielschichtig ist. Und dass das sein darf. Ich darf schlechte Tage haben, und ich habe auch gute. Aber es wird gesehen.

Christine: Unser Podcast heisst ja «Trauern hilft». Was würdest du sagen, was dir über all die Jahre in der Trauer geholfen hat? Oder gibt es Dinge, bei denen du sagst, das hättest du gebraucht? Und was machst du heute aus dem Erlebten? Ist aus dieser Trauer etwas entstanden?

Anja: Ja, ich glaube, wie eben gesagt, war es ganz konkret das Gesehenwerden und auch konkrete Hilfe. In der akuten Trauerphase kann man, wenn man sich nicht traut, der betroffenen Person direkt zu begegnen, etwas in den Briefkasten legen. Einen Zopf oder einen Kuchen. Oder auch nach drei Monaten noch einmal einen Zopf bringen, denn die Betroffenen trauern immer noch, und es ist immer noch streng. Man mag manchmal kaum kochen. Oder ein Blümchen, eine Karte. Das alles bedeutet unglaublich viel. Es braucht keine riesigen Aktionen. Das gehört für mich zum Gesehenwerden. Sehr konkrete Hilfe hat mir sehr geholfen. Und auch Fachstellen, Selbsthilfegruppen, Anlaufstellen und Begleitungen. Es hilft, wenn ich weiss, dass dort Menschen sind, die wissen, was es ist und worum es geht, und die mir konkrete Antworten geben können. Und für sie ist es kein Tabu, darüber zu reden. Daraus ist auch entstanden, dass ich meinen Horizont erweitern und meinen Rucksack mit der Ausbildung in Trauerbegleitung füllen wollte. Inzwischen bin ich so weit, dass ich diese Begleitung auch anbiete, wenn jemand Trauer- oder Familientrauerbegleitung braucht. Ich bin auch in einer Gemeinschaftspraxis und habe dort einen Raum. Das hätte ich mir vorher nie gedacht. Und es ist doch auch etwas Schönes. Gerade deshalb, weil ich jemandem eine Krücke oder eine Hand anbieten kann, wenn jemand in dieser Trauerphase an Stolpersteine kommt oder Fragen hat, die schwierig zu beantworten sind. Dass daraus jetzt etwas wachsen durfte. Ich habe auch gemerkt, dass es sehr viele Parallelen zum Hebammensein gibt. Der Anfang und das Ende des Lebens haben sehr viele Parallelen. Und Trauerbegleitung und Familienbegleitung im Wochenbett sind sich auch in vielem ähnlich. Es geht quer durch die Gesellschaft. Da begegnet man allen möglichen Menschen, und alle beginnen gleich und enden gleich. Das ist sehr faszinierend. Das hatte ich vor dieser Ausbildung sehr unterschätzt.

Christine: Liebe Anja, danke vielmals, dass du da warst und deine Geschichte mit uns geteilt hast. Es ist schön zu sehen, was du aus dieser Trauer heraus Neues entstehen lassen hast, mit deinem Rucksack, mit dem du jetzt unterwegs bist, und wie du Frauen und Familien als Hebamme und Familientrauerbegleiterin weiterhin auf ihrem Weg begleitest. Danke vielmals, dass du da warst.

Anja: Ich danke dir viel, vielmals, dass ich hier sein durfte und das Thema etwas breiter streuen durfte.

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