• Geschichten
  • Themen
Geschichtenübersicht

Seiteninhalt

  • Über die Geschichte
  • Unmittelbar nach dem Tod
  • Mit der Trauer Leben
241023 1 Buralli Lila 01

Andrea,verwaiste Schwestererzählt

Die Geschichte von Corinne

Andrea war sieben Jahre alt, als ihre jüngere Schwester Corinne an einem Sommertag beim Spielen vor dem Haus von einem Auto erfasst wurde. Was als unbeschwerter Nachmittag begann, veränderte das Leben der ganzen Familie von einer Sekunde auf die andere. Inmitten von Sirenen, fremden Erwachsenen und aufgewühlten Eltern erlebt Andrea den Verlust wie durch einen Schleier – vieles ist bis heute nur bruchstückhaft oder aus Erzählungen präsent. Sie erinnert sich daran, wie sie den weinenden Menschen Taschentücher reichte und kaum verstand, was geschehen war. Später erfährt sie, dass ihre Eltern sich im Spital von Corinne verabschiedet haben, ohne sie mitzunehmen. In ihrer Geschichte erzählt Andrea, wie dieses frühe Abschiednehmen ohne Abschied sie geprägt hat – als Kind, als Erwachsene und als verwaiste Schwester.

TodesumstandUnfall
Erzählt am23. November 2024
Gesamtlesezeitca. 45 min
Für wen?Betroffene Eltern
TodesumstandUnfall
Erzählt am23. November 2024
Gesamtlesezeitca. 45 min

Geschichte als Podcast hören

Spotify Apple Podcasts Webseite

Seiteninhalt

  • Unmittelbar nach dem Tod
  • Mit der Trauer Leben
Zeitabschnitt

Unmittelbar nach dem Tod

Lesezeit ca. 6 min
Diesen Zeitabschnitt lesen als:
Lesezeit ca. 6 min

Stephi: Hallo und herzlich willkommen zur heutigen Podcast-Folge. Ich weiss, dass es kein einfacher Podcast ist. Es geht um den Tod von Kindern, um schwere Schicksalsschläge und echte Emotionen. Vor Kurzem durfte ich eine Mutter treffen, die mir erzählt hat, dass sie meinen Podcast hört, obwohl sie selbst kein betroffenes Mami ist. Sie sagte, dass er in ihr eine grosse Dankbarkeit gegenüber ihren Kindern auslöst. Manchmal, wenn ihre Kinder sie auf die Palme bringen, denkt sie an meinen Podcast und ist einfach froh, dass sie ihre Kinder hat. Es ist schön, wenn Menschen zuhören und etwas für sich daraus mitnehmen können. Und es ist wichtig, dass wir lernen, über dieses Thema zu sprechen und das Tabu zu enttabuisieren. Ganz besonders wichtig ist mir auch, dass betroffene Eltern etwas daraus mitnehmen können. Ich weiss, dass das auch Andrea wichtig ist. Sie werde ich gleich treffen. Andrea ist kein betroffenes Mami. Sie ist ein Geschwister, das zurückgeblieben ist. Sie wird uns erzählen, wie ihre Eltern mit all dem umgegangen sind und was es mit ihr gemacht hat. Ich finde, das ist eine unglaublich wertvolle Sicht, die wir hören dürfen. Ich bin gespannt auf Andrea und darauf, was sie uns erzählen wird. Ich mache mich jetzt gerne auf den Weg zu ihr. Andrea, schön, dass ich heute bei dir in Zürich sein darf. Du hast mir vor einer Weile eine Mail geschrieben. Darin hast du erzählt, dass dir mein Podcast auf Spotify vorgeschlagen wurde. Du hast dich kurz gefragt, warum, aber manchmal muss es wohl einfach so sein, wie es ist. Jedenfalls bist du an meinem Podcast hängen geblieben und hast angefangen, ihn zu hören. Er hat dich tief berührt, und deshalb hast du mir geschrieben. Danach hast du mir auch deine Geschichte geschrieben. Das hat wiederum mich tief berührt. Ich habe gemerkt, dass mir da jemand mit sehr viel Erfahrung und Wissen schreibt. Umso schöner ist es, dass ich heute bei dir sein darf und du uns von deiner Geschichte und deiner Sicht erzählst. Du bist nicht ein betroffenes Mami, sondern ein Geschwister, das zurückgeblieben ist. Mit sieben Jahren hast du deine Schwester verloren. Mittlerweile bist du vierundfünfzig. Wir sind gespannt, was du uns zu erzählen hast.

Andrea: Danke. Schön, bist du bei mir und hast den Weg auf dich genommen. Ich merke gerade, dass ich schon jetzt beim Erzählen emotional werde. Ja, es ist so. Ich war sieben Jahre alt. Es war Sommeranfang, ein Samstag, schönes Wetter. Wir waren mit dem Mami allein. Mein Papi war nicht da. Er musste Musik machen, das weiss ich noch. Wir wollten unbedingt in der Badewanne baden. Dann hiess es, dass der Boiler leer sei. Daraufhin begannen wir zu drängen, weil wir gerne nach draussen wollten. Bis zu diesem Zeitpunkt waren wir noch nie allein draussen spielen gewesen. Aber wir haben so lange gedrängt, bis Mami schliesslich sagte, dass wir gehen dürften. Wir gingen zusammen nach draussen. Sie sagte uns noch, wir sollten auf keinen Fall auf die andere Strassenseite gehen, sondern bei uns in der Siedlung bleiben. Das haben wir nicht gemacht. Bei uns hatte es keine Kinder. Also gingen wir auf die andere Strassenseite, weil es dort Kinder hatte, mit denen wir spielen konnten. Ich weiss noch, dass ich ein Kinderbüchlein dabeihatte. Sie wollte dieses Buch unbedingt haben. Ich sagte zu ihr, dass sie es jetzt nicht haben könne. Wenn sie selbst eines wolle, müsse sie halt eines holen. Dann ist sie losgerannt. An das, was danach kam, kann ich mich nicht mehr richtig erinnern. Das kenne ich nur noch aus Erzählungen, weil bei mir alles weg ist.


Stephi: Also sie ist dann losgerannt …

Andrea: Sie ist über die Strasse gerannt, und das Auto kam. Ich weiss, dass ich der Mami erzählt habe, ich hätte gesehen, wie sie durch die Luft geflogen ist. Aber daran erinnere ich mich wirklich nicht mehr. Es ist weg. Ich habe es verdrängt, oder der Körper hat einfach gesagt, dass ich das nicht mehr wissen muss. Ich weiss noch, dass ich heimgerannt bin. Dann ging natürlich alles los.


Stephi: Also hast du dein Mami darüber informiert?

Andrea: Ich glaube, weil ich geschrien habe. Ich habe dort wohl wirklich nur noch geschrien, und dadurch wurden auch die Leute aufmerksam. Mami hat, glaube ich, den dumpfen Knall gehört. Als sie mich schreien hörte, dachte sie zuerst, mir sei etwas passiert, und kam herunter. Wie es danach genau weiterging, weiss ich nicht mehr. Ich weiss noch, dass sie Mami zurückgehalten haben, damit sie nicht zu ihr geht. Sie haben sie wirklich festgehalten. Das sehe ich noch vor mir. Zwei Leute. Und mich haben sie weggetragen. Irgendwann kam auch mein Papi zurück. Jemand hatte ihn informiert oder ist ihn sogar holen gegangen.

Andrea: Wir sassen irgendwie bei den Nachbarn. Später bekam mein Vater den Anruf aus dem Spital, dass sie verstorben sei und man nichts mehr habe tun können. Danach kamen sehr viele Leute zu uns nach Hause. Ich erinnere mich, dass alle geweint haben. Ich war wie in einem anderen Zustand und habe allen Taschentücher verteilt. Das war in diesem Moment meine Aufgabe. Ich glaube, ich habe gar nicht richtig realisiert, was das alles bedeutet und dass sie jetzt nicht mehr da ist. Ich habe einfach allen weinenden Leuten Taschentücher verteilt. Auch am Tag danach nahmen mich meine Eltern nicht mit. Ich konnte mich also nicht von ihr verabschieden.


Stephi: Das heisst, sie gingen noch einmal ins Spital?

Andrea: Ja, sie gingen noch einmal ins Spital. Sie gingen sie noch einmal anschauen. Mir sagten sie das aber nicht. Mich haben sie irgendwie mitgenommen, ich glaube, ich war mit meinen Cousinen unterwegs.


Stephi: Hast du gewusst, dass sie zu ihr ins Spital gehen?

Andrea: Ich wusste gar nichts.


Stephi: Das hast du erst im Nachhinein erfahren?

Andrea: Ja. Sie haben mir das später erzählt. Ich weiss nicht mehr wann. Irgendwann sagte mir Mami, sie seien noch bei ihr gewesen. Sie habe das für sich machen müssen, damit sie wirklich begreifen konnte, dass sie nicht mehr kommt. Ich dachte dann für mich, dass ich das vielleicht auch gebraucht hätte. Wahrscheinlich wollten sie mich damit auch schützen. An die Beerdigung erinnere ich mich nur noch teilweise, und ich denke, dass das später für meine ganze Verarbeitung der Knackpunkt war. Ich stand weit weg. Ich sah zwar den weissen Sarg, aber sie hatten mich weit nach hinten gestellt. Ich stand nicht bei meinen Eltern. Ich stand bei irgendjemandem zwischen den Beinen, und diese Person sagte zu mir, ich solle nicht auch noch weinen, sonst werde Mami noch trauriger. Das war der Knackpunkt.

241023 1 Buralli Aubergine 01
Zeitabschnitt

Mit der Trauer Leben

Lesezeit ca. 39 min
Diesen Zeitabschnitt lesen als:
Lesezeit ca. 39 min

Stephi: Von dir wurde also von Anfang an erwartet, dass du funktionierst, dass du nicht weinst und keine Emotionen zeigst, weil du sonst noch mehr Sorgen machst.

Andrea: Genau. Ich glaube, das hat sich danach wirklich durchgezogen. Mich hat nie jemand gefragt, wie es mir dabei geht. Auch meine Eltern nicht. Es ist eigenartig, wenn ich heute daran zurückdenke. Mich hat wirklich niemand gefragt, auch keine Verwandten. Ich glaube, sie hätten auch gar nicht damit umgehen können. Sie wussten nicht, was sie machen sollten. Irgendwann haben sie mich dann zu einem Kinderpsychologen geschickt. Ich nehme an, es war kurz danach. Das haben sie gemacht.


Stephi: Weisst du, warum das damals gemacht wurde?

Andrea: Nein, das haben sie mir nie gesagt. Das wurde einfach gemacht.


Stephi: Aber hast du gewusst, dass du jetzt zu einem Kinderpsychologen gehst? Oder auch nicht? Weisst du es nicht mehr?

Andrea: Das weiss ich nicht mehr. Ich weiss nur, dass mein Mami mir später einmal gesagt hat, der Kinderpsychologe habe nach fünf oder sechs Sitzungen gefunden, die Andrea habe das sehr gut verarbeitet. Heute denke ich noch, dass man ihm dafür vielleicht die Lizenz hätte entziehen müssen. Ich weiss es nicht. So etwas kann man doch gar nicht verarbeiten. Ich konnte zusehen, ich konnte das alles sehen. Ob ich damals wirklich realisiert habe, dass sie nicht mehr kommt, weiss ich nicht. Am ersten Abend habe ich offenbar gesagt, jetzt hätte ich alle Spielsachen für mich allein. Das war meine Logik. Aber was es wirklich bedeutet, dass sie wirklich nicht mehr zurückkommt, habe ich wohl nicht verstanden. Ich habe sicher irgendwann auch gefragt, warum das passiert ist. Mein Mami sagte immer, der liebe Gott habe sie vor etwas Schlimmerem bewahrt. Für mich war das als Kind Erklärung genug. Das hat mir gereicht. Später, als ich im Teenageralter war, fand ich dann, dass das keine Erklärung ist.


Stephi: Ja. Dann hast du begonnen, es zu hinterfragen.

Andrea: Ja, man hätte sie davor bewahren können. Und auch Aussagen wie, sie sei jetzt an einem schöneren Ort. Da dachte ich, bei uns sei es doch auch schön gewesen. Mit solchen Dingen konnte ich im Teenageralter nicht viel anfangen. Ich habe das hinterfragt, aber ich habe nie eine Antwort bekommen. Mein Papi hat nie darüber gesprochen. Gar nicht. Da kam überhaupt keine Rückmeldung. Wenn ich ihn direkt etwas fragte, sagte er zu mir, das wisse er nicht, ich solle Mami fragen. Das war seine Standardantwort.


Stephi: Ja. Und mit deiner Mami konntest du aber ...

Andrea: Mit ihr konnte ich reden. Sie hat viel erzählt, aber, böse gesagt, immer aus ihrer Sicht. Sie ist nie auf mich zugekommen und hat gefragt, was ich denn gedacht habe oder wie es für mich gewesen ist. Irgendwann später merkte ich dann schon, dass ich ein extremes Schuldgefühl hatte. Ich war mit ihr draussen. Wir gingen über die Strasse, obwohl wir das nicht hätten tun dürfen. Ich war die Ältere, ich hätte aufpassen müssen. Ich habe ihr das Büchlein nicht gegeben. Ich hätte es ihr einfach geben können, dann wäre sie nicht losgerannt. Dieses Schuldgefühl ist irgendwann wirklich gekommen.


Stephi: Wann kam das?

Andrea: Viel, viel später. Ich denke, ich hatte dieses Schuldgefühl wahrscheinlich schon früher. Aber das Bewusstsein, dass ich mir Schuldgefühle machte oder dass ich sie hatte, kam erst, als ich, glaube ich, weit über 30 war. Ich habe auch einmal geträumt. Ich sah das Büchlein in meinen Händen. Da wurde es mir bewusst, und dann war es mir klar. Ich kann dieses Büchlein heute noch ganz genau beschreiben, weil ich genau weiss, dass es um dieses Büchlein ging. An solchen Dingen merkte ich, dass ich viel später beginnen musste, all das aufzuarbeiten.


Stephi: Bist du danach in Therapie gegangen?

Andrea: Ja, in gewisser Weise. Ich habe verschiedene Dinge ausprobiert, bis ich schliesslich etwas gefunden habe, das mir wirklich geholfen hat und mir hilft, darüber hinwegzukommen, sage ich jetzt einmal so. Wobei ich glaube, darüber hinweg kommt man nie. Ich glaube, das schafft man nicht. Aber man lernt, damit umzugehen. Wenn ich heute an viele Situationen zurückdenke oder höre, was man heute alles machen kann, denke ich, dass es schön ist, wenn man heute Hilfe bekommt. Meine Eltern haben keine Hilfe bekommen.


Stephi: Gar nichts?

Andrea: Nein.


Stephi: Ja. Einerseits gibt es das heute, und da gebe ich dir recht. Andererseits gibt es Und das ist manchmal auch schwierig. Ich finde schon, wir sind noch nicht ganz an dem Punkt, an dem es automatisch passiert. Aber ja, es ist natürlich eine andere Zeit als damals bei dir.

Andrea: Früher fand man einfach, man müsse mich nicht einbeziehen. Wie wichtig wäre es gewesen, dass auch ich von ihr hätte Abschied nehmen können, um zu realisieren, dass sie wirklich nicht mehr kommt. Was bedeutet es, tot zu sein? Sie schläft. Sie sieht aus, als würde sie schlafen. Das sind Aussagen, bei denen ich heute denke, ja, aber ich habe es nicht gesehen. Ich habe es nicht gespürt. Ich habe es nicht erlebt. Für mich war das sehr schwierig.


Stephi: Ja. Dahinter stand eigentlich der Gedanke, ein Kind schützen zu wollen. Das ist ja grundsätzlich kein verwerflicher Gedanke. Dass man sein Kind vor so einem Anblick schützen möchte. Aber gerade du sagst, dass das in diesem Sinn kein Schutz ist, oder? Man hat das Gefühl, man überfordere das Kind in diesem Moment, wenn man es auch ins Krematorium oder ins Spital mitnimmt, um Tschüss zu sagen. Ja.

Andrea: Ich glaube, für mich wäre es wichtig gewesen. Ich mache meinen Eltern keinen Vorwurf. Wirklich nicht. Sie haben das Beste gemacht, was sie konnten und wozu sie in der Lage waren. Ich denke auch, dass alle anderen, mein Onkel, meine Tante, meine Grosseltern, mit dieser Situation überfordert waren.


Stephi: Ja. Hat dir irgendwann einmal jemand von den Erwachsenen Schuld zugewiesen? Also hattest du zu irgendeinem Zeitpunkt das Gefühl, sie würden dir vermitteln, dass du schuld bist?

Andrea: Nein, nein.


Stephi: Ja, zu keinem Zeitpunkt.

Andrea: Nein, wirklich nicht. Das kam mehr aus mir selbst heraus. Ich weiss, dass meine Mutter sich natürlich selbst auch Vorwürfe gemacht hat. Sie fragte sich auch, warum sie uns überhaupt hinausgelassen hatte. Das sind natürlich Dinge, die ich weiss. Von meinem Vater weiss ich, wie gesagt, gar nichts. Er hat wirklich nie darüber gesprochen. Ich habe ihn auch nie weinen sehen. Nur am Unfalltag selbst habe ich ihn weinen sehen, danach nie mehr. Meine Mutter sagte auch, sie habe ihn nie weinen gesehen. Nachts, wenn er allein war und dachte, niemand merke es, hat er geweint. Sonst kamen von ihm keine Emotionen. Man hat gar nichts gemerkt. Das finde ich heute so schade. Ich habe keine Erinnerungen mehr. Ich weiss alles nur aus Erzählungen. Ich weiss auch, dass meine Eltern damals den Kontakt zur Unfallfahrerin gesucht haben, weil es hiess, sie leide so sehr. Meine Eltern sind zu ihr nach Hause gegangen.


Stephi: Sie haben also als Betroffene den Schritt auf sie zu gemacht. Das finde ich unglaublich. Eigentlich müsste es ja umgekehrt sein.

Andrea: Wirklich. Von ihrer Seite kam nichts. Und das ist etwas, bei dem ich heute merke, dass ich nicht so verzeihend bin. Nein, das bin ich nicht. Vielleicht liegt es auch daran, dass ich nicht weiss, wie der Unfall wirklich genau passiert ist. Ich komme nicht an die Akten heran.


Stephi: Bis heute nicht?

Andrea: Bis heute nicht. Ich dachte dann, ich fände sie vielleicht beim Räumen der Wohnung meiner Eltern. Ich dachte, irgendwo dort müsste noch etwas sein. Aber mein Vater hat alles vernichtet. Es ist gar nichts mehr da. Wirklich.


Stephi: Du weisst also auch nicht, wie sie heisst, oder kennst du den Namen?

Andrea: Den Namen habe ich immer gewusst. Und jetzt ist er weg. Jetzt, wo ich die Akten beschaffen möchte, ist der Name dieser Unfallfahrerin einfach weg. Das finde ich schon auch speziell. Es ist, als sollte es nicht sein, dass ich jetzt an die Akten komme. Ich habe inzwischen viele Versuche unternommen und war bisher nicht wirklich erfolgreich. Vielleicht muss es so sein, ich weiss es nicht.


Stephi: Ja, manchmal ist es so. Was ich gerade unglaublich finde, ist, dass du vierundfünfzig bist und es dich immer noch beschäftigt. Für mich stellt sich die Frage, ob es dich heute noch gleich beschäftigen würde, wenn du all die Fragen, die du jetzt hast, schon als Kind beantwortet bekommen hättest. Wenn du mit deinen Eltern darüber hättest sprechen können und alles. Was meinst du?

Andrea: Ich glaube, nicht gleich. Ich glaube, all diese Schuldgefühle und all diese Dinge hätte ich vielleicht früher, viel früher, zur Seite legen können, wenn sie mir gesagt hätten, dass sie mir keine Vorwürfe machen. Also, dass sie mir keine Schuld geben. Ausgesprochen. Nicht nur ausgesprochen, dass ich schuld bin, sondern auch ausgesprochen, dass ich nicht schuld bin. Ich glaube, das hätte mir schon etwas gebracht. Oder wenn sie mich von Anfang an allgemein mehr einbezogen hätten. Ich glaube, auch das hätte mir etwas gebracht. So muss ich mir jetzt alles irgendwie zusammensuchen und …


Stephi: Zusammenreimen.

Andrea: Ja, genau, wirklich zusammenreimen. Ich weiss es nicht. Ich weiss bis heute auch nicht, ob die Unfallfahrerin wenigstens rechtliche Konsequenzen tragen musste. Danach sieht es nämlich nicht aus. So, wie ich die Informationen von diesen Ämtern jetzt erhalten habe, wirkt es ein wenig, als wäre der Fall abgeschlossen worden. Also … Wie soll ich sagen, abgeschlossen. Man sagte mir, das weiss ich eben auch nur aus Erzählungen, dass sie alkoholisiert gewesen sein müsse. Sie fuhr zu schnell. Sie hat nicht gebremst. Dafür müsste sie ja schon Konsequenzen tragen. 1977 war es anscheinend so, dass man den Blutwert nicht sofort bestimmen konnte. Sie bekam eine Beruhigungsspritze, die die Werte verfälscht haben. Sie bekam diese Beruhigungsspritze noch am Unfallort, und darum konnte man es nicht nachweisen. Ich möchte wissen, ob das wirklich so gewesen ist. Denn ich denke, menschlich hat sie ihre Konsequenzen wahrscheinlich schon tragen müssen.


Stephi: Ja, logisch.

Andrea: Das denke ich.


Stephi: Diesen Rucksack trägt sie.

Andrea: Das glaube ich auch.


Stephi: Oder sie hat ihn ihr Leben lang getragen.

Andrea: Das glaube ich auch. Und jetzt nimmt es mich wunder, ob sie diese auch rechtlich tragen musste. Ich will dieser Frau nichts. Für mich ist es …


Stephi: Ich weiss. Aber manchmal geht es auch darum, zu verstehen.

Andrea: Genau.


Stephi: Darum, zu verstehen, wie etwas passiert ist. Und vielleicht kann man es dann eher einordnen. Akzeptieren ist nicht das richtige Wort. Aber vielleicht kann man eher einen Haken dahinter machen. Oder irgendwie verstehen, was es bedeutet.

Andrea: Genau. Das ist es. Und das sind alles Fragen, die mir niemand mehr beantworten kann. Ich habe inzwischen versucht, Freunde meiner Eltern zu fragen, oder auch meinen Onkel. Alle haben mir dieselbe Antwort gegeben. Sie sagten, ich wisse ja, wie mein Papi gewesen sei. Er habe ihnen keine Auskunft gegeben. Sie wüssten nichts. Sie wissen einfach nichts. Er hat das alles irgendwie mit sich selbst ausgemacht, alles vernichtet.


Stephi: Ich habe mir auf dem Weg hierher Gedanken gemacht. Dabei kam bei mir der Gedanke auf, ob es für mich einfacher wäre, wenn ich nicht mehr hören würde, wie über mein Kind gesprochen wird, das gestorben ist. Wäre es bequemer? Und ich musste sagen, ja, es wäre bequemer.

Andrea: Absolut.


Stephi: Ja, weil ich dann nicht mehr ständig mit dem Unfall konfrontiert wäre. Ich wäre nicht mehr ständig mit meiner Tochter konfrontiert, die zurückgeblieben ist, mit ihrem Schmerz und ihren Emotionen. Wenn ich einfach nicht mehr darüber sprechen und es totschweigen würde. Aber für mich ist das der falsche Weg. Darum reden wir darüber. Bequemer wäre es trotzdem. Und darum ist es für mich auch ein Stück weit nachvollziehbar. Das klingt vielleicht seltsam, aber der Schmerz ist so stark. Es tut so weh. Es ist viel, viel einfacher, es beiseitezulegen und zu sagen, dass man nicht darüber reden mag und dann alles wieder gut sei.

Andrea: Das glaube ich auch. Bequemer ist es auf jeden Fall. Und es war sein Weg. Ich denke, das muss man auch akzeptieren, auch wenn es für mich schwierig war. Aber es war sein Weg. Er konnte nicht anders. Davon bin ich überzeugt.


Stephi: Ja, es hat ihm zu sehr wehgetan.

Andrea: Mhm, das glaube ich auch.


Stephi: Hattest du vor und nachher andere Eltern? Hast du das Gefühl, dass das Familienleben vorher idyllischer oder schöner war als danach? Dass du danach andere Eltern hattest? Oder sind sie vielleicht sogar liebevoller oder fürsorglicher mit dir umgegangen? Hast du da einen Unterschied bemerkt?

Andrea: Das weiss ich nicht mehr. Ich bin aber überzeugt, auch durch die Verarbeitung, die ich jetzt hinter mir habe, dass mit dem Tod meiner Schwester ein Teil meines Vaters mitgestorben ist. Er war danach sicher nicht mehr derselbe Mensch wie vorher. Davon bin ich überzeugt. Meine Mami war viel ängstlicher. Das ist vielleicht auch noch eine wichtige Information. In der Nacht, bevor meine Schwester gestorben ist, hat meine Mami davon geträumt.


Stephi: Oh, das ist fürchterlich.

Andrea: Ja. Sie stand am Morgen auf, erzählte es meinem Vater und sagte, sie habe in der Nacht einen schlimmen Traum gehabt. Sie wisse nicht, welches Kind sie gesehen habe. Sie habe ein Kind im Sarg gesehen, aber nicht erkannt, ob es Andrea oder Corinne gewesen sei. Und er sagte noch sinngemäss, das bedeute ein langes Leben. Keine zwölf Stunden später war sie nicht mehr da. In diesem Moment wusste meine Mami, welches Kind sie im Sarg gesehen hatte. Von da an war es so, dass die Tür geschlossen war, wenn sie auch nur ein schlechtes Bauchgefühl hatte oder etwas Schlechtes geträumt hatte. Dann durfte ich nicht mehr ...


Stephi: Nicht mehr raus?

Andrea: Nein.


Stephi: Du hast später noch Geschwister bekommen?

Andrea: Ja. Ich habe später noch drei Brüder bekommen. Wenn ich mir das heute im Nachhinein überlege, fällt mir auf, dass ich keine Erinnerungen daran habe. Ich kann mich nicht mehr daran erinnern, wie meine Brüder zur Welt gekommen sind. Es ist, als wäre bei mir ungefähr das Jahr vor dem Tod und etwa fünf, sechs, sieben Jahre danach ausgelöscht. Ich habe in dieser Zeit kaum Erinnerungen.


Stephi: Ich finde das unglaublich. Es wirkt, als hätte dein Körper dich geschützt. Vor all diesen Emotionen, die zu viel waren.

Andrea: Mhm. Tiefgefroren, so nennen sie das. Es war, als wäre ich in diesem Moment tiefgefroren gewesen und hätte es nicht mehr an mich heranlassen können. Darum ist es so, dass ich mich beim Anschauen von Fotos zwar erinnere. Aber daran, dass meine Mama schwanger war und dass sie zur Welt gekommen sind, habe ich keine Erinnerungen.


Stephi: Du hast keine Erinnerungen.

Andrea: Nein, einfach nicht. Später schon, als sie älter waren. Aber nicht wirklich. Ich weiss auch aus Erzählungen und von Fotos, dass ich sie immer herumgetragen habe. Bei mir hat sich eher das andere Extrem entwickelt. Im anderen Podcast war es ja so, dass sie ihr Geschwister eher von sich weggeschoben hat. Ich habe das Umgekehrte gemacht. Ich habe sie noch mehr beschützt. So ein bisschen mit dem Gefühl, ihnen dürfe jetzt ja nichts passieren. Ich müsse auch darauf achten, dass es diesen Kindern gut geht. Dieses Gefühl habe ich zum Teil bis heute. Dass ich manchmal immer noch das Gefühl habe, ich müsste ein wenig auf meine Brüder ...


Stephi: Ja, aufpassen?

Andrea: Ja. Und das muss ich auch heute noch immer wieder lernen. Es sind immerhin erwachsene Männer. \[lacht\] Ich muss nicht mehr auf sie aufpassen. Ich bin weder ihre Mutter noch sonst etwas, ich bin einfach die grosse Schwester.


Stephi: Verstehe. Wie haben sie das empfunden? Haben sie dir das je gesagt? Habt ihr miteinander darüber gesprochen, wie sie ihre Kindheit erlebt haben?

Andrea: Nicht von sich aus. Ich habe sie gefragt.

Andrea: Ich habe konsequent nachgefragt. Vor allem meinen mittleren Bruder, mit dem ich viel Kontakt habe, habe ich gefragt, wie es für ihn gewesen sei und ob er je das Gefühl gehabt habe, ein Ersatz zu sein. Er hat ganz klar Nein gesagt. Dieses Gefühl hatten sie nie. Vielleicht auch, weil sie keine Mädchen waren. Sie waren Buben. Und sie waren Rabauken. Das waren sie wirklich. Sie waren auch ganz anders als ich. Ich war die Angepasste. Ich wollte keine Probleme machen. Nichts sagen, nichts. Und sie waren die Haudraufs. Sie waren wirklich rechte Rabauken. Das Einzige, was er mir lustigerweise erzählt hat, war Folgendes. Meine Eltern hatten ein kleines Körbchen, ein Bastkörbchen. Darin lagen Sachen von meiner Schwester, Stofftierchen, ich glaube ihr Lieblingskleid, eine Zeichnung, einfach die letzten Erinnerungen, die sie behalten hatten. Dieses Körbchen stand oben auf dem Estrich, und dort durften wir spielen. Sie sagte immer, wir dürften zwar oben auf dem Estrich spielen, aber das Körbchen von Corinne sei für uns tabu. Für meinen Bruder war das so, dass er sagte, er hätte sich nie getraut, das Körbchen anzufassen, weil er immer gedacht habe, sie liege dort drin. Darum haben sie immer einen grossen Bogen darum gemacht. Als meine Eltern gestorben waren, sagte ich ihm, dass ich das Körbchen bei mir habe, und fragte, ob sie einmal hineinschauen wollten. Er sagte, nein, im Leben nicht, da schaue er nicht hinein. Ich musste innerlich schmunzeln, weil es für sie so ein Tabu ist.


Stephi: Ein Tabu.

Andrea: Er wollte nicht einmal jetzt hineinschauen. Ich habe dann aber auch gemerkt, dass das Körbchen für mich eine enorme Belastung war.


Stephi: Wirklich?

Andrea: Mhm. Mich hat dieses Körbchen richtig heruntergezogen. Als ich das mit meiner Therapeutin besprochen habe, sagte sie zu mir, ich müsse das Körbchen loswerden. Ich sagte, das könne ich doch nicht machen. Sie sagte, doch, das könne ich.


Stephi: In mir wehrt sich gerade alles. Wenn ich das höre, denke ich, nein, das kannst du doch nicht weggeben.

Andrea: Ja, ich habe es gemacht, aber mit einem Ritual. Ich habe die Sachen verbrannt. Wir haben in einer Feuerschale ein schönes Feuer gemacht, und ich habe sie verbrannt. Danach habe ich die Überreste in ein Säckchen getan, bin auf den Friedhof gegangen und habe beim Grab meiner Eltern ein Loch gegraben. Ich habe das Säckchen hineingelegt und hatte das Gefühl, jetzt sei es am richtigen Ort.


Stephi: Aber ich finde es gerade sehr schön, dass du es zu deinen Eltern gelegt hast.

Andrea: Ja, es war ihr Körbchen.


Stephi: Ihre Tochter.

Andrea: Ja, das sind nicht meine Erinnerungen. Und seitdem ist es, als wäre ein Stein weg.


Stephi: Ja, es hat dir gutgetan.

Andrea: Ja, es hat mir wirklich gutgetan. Ich habe es dann noch fotografiert, damit ich trotzdem irgendwo eine Erinnerung daran habe. \[lacht\] Ich weiss noch, was dort drin war. Aber ich habe die Fotos nie mehr angeschaut. Ich brauche das nicht mehr. Für mich ist wirklich ein riesiger Stein vom Herzen gefallen. Es war eine Belastung.


Stephi: Das Grab. Sie wurde ja beerdigt. Gibt es das noch?

Andrea: Leider nicht mehr. Nach zwanzig Jahren, oder etwas mehr, ich glaube, nach etwa fünfundzwanzig Jahren, wurde es aufgehoben. Das war für mich schwierig.


Stephi: Haben deine Eltern das auch noch erlebt?

Andrea: Mein Papi nicht mehr. Er ist etwa zwei Jahre vorher gestorben. Meine Mami hat es noch erlebt. Meine Mami hat kaum etwas dazu gesagt. Ich weiss auch nicht, was es mit ihr gemacht hat. Sie ist dann aber auch gar nicht mehr hingegangen, im Gegensatz zu früher. Früher gingen wir wöchentlich auf den Friedhof, jeden Samstag. Ob die Blumen dort noch schön waren oder nicht, sie nahm sie einfach weg. Dann gab es neue. Ich fand das als Kind sehr schlimm.


Stephi: Ich wollte gerade fragen, wie das für dich war.

Andrea: Ich fand das sehr schlimm. Ich nahm dann jeweils die Blümchen, die noch schön waren, und verteilte sie auf die Kindergräber, die keine Blumen hatten. Das war mein Ritual.


Stephi: Ja. Warum war es schlimm für dich?

Andrea: Ich weiss es gar nicht mehr.


Stephi: War es einfach so bedrückend?

Andrea: Ja, wahrscheinlich. Vielleicht hatte ich auch das Gefühl, es ist ja schon in Ordnung, aber wir sind doch auch noch da. Es war irgendwie so mächtig, denke ich. Ich durfte immer mein Röschen mitbringen. Aber wenn ich das Röschen hingesteckt hatte, war es für mich erledigt. Ich war da, ich hatte das Röschen hingelegt. Jetzt hätten wir eigentlich wieder gehen können. Mit der Zeit wurde es mir zu lang. Dann begann ich, die schönen Blümchen zu nehmen, und lief damit über den Friedhof. Ich ging zu den Kindergräbern und legte überall Blümchen hin. Ich fand, die armen Kinder haben gar keine Blumen. Dann bekommen sie auch eines. Später war es anders, dann ging ich wieder hin.


Stephi: Bist du allein gegangen? Als du erwachsen warst?

Andrea: Für mich war es so ein Ort. Ich weiss noch, als ich endlich mit dem dritten Kind schwanger war, führte mich der erste Weg auf den Friedhof.


Stephi: Zu deiner Schwester. Um ihr zu erzählen, dass …

Andrea: Ja, um es ihr zu erzählen.


Stephi: Wahnsinn. Das ist sehr emotional.

Andrea: Als das Grab dann nicht mehr da war, war das für mich fast schlimmer als für meine Mami, glaube ich. Mir fehlt es auch heute noch, dass ich keinen Ort mehr habe, an den ich gehen kann. Ich weiss genau, wo das Grab war. Ich gehe dorthin und weiss genau, da ist sie. Es war eine Erdbestattung. Das wurde natürlich nicht ausgeräumt. Darum weiss ich genau, da ist sie.


Stephi: Gehst du heute manchmal noch dorthin?

Andrea: ja, ich gehe hin und zünde ein Kerzchen an. Ich weiss, sie haben das auf dem Friedhof nicht so gern, aber meistens sieht mich ja niemand. \[lacht\] Manchmal habe ich auch schon ein Blümchen hingelegt. Das mache ich wirklich, solange dort einfach noch Wiese ist.


Stephi: Solange es Wiese ist und niemand anderes dort liegt.

Andrea: Genau, das habe ich schon noch gemacht, ja.


Stephi: Vier Jahre war sie in deinem Leben. Und trotzdem habt ihr eine wahnsinnige Verbindung. Das ist auch für mich spürbar. Ich spüre das bei meiner Tochter auch, bei meiner Grossen. Letztens haben wir zusammen Kärtchen ausgefüllt. Wir haben aufgeschrieben, wer für sie die wichtigsten Personen sind. Und zwei Menschen hat sie unterstrichen. Sich selber. Das fand ich schön. Aber auch Alia, ihre Schwester. Das sind die wichtigsten Personen in ihrem Leben. Nicht das Mami, nicht der Papi. Nicht die neue Schwester Kiana, sondern Alia. Das war für mich als Mami schon ein kleiner Hammer. Ich dachte, Wahnsinn, sie war zwei Jahre in ihrem Leben, und trotzdem hat sie eine solche Bedeutung für sie. Einerseits tut mir das weh, weil ich mir eigentlich wünschen würde, dass wir jetzt eine viel grössere Bedeutung haben. Andererseits finde ich es auch sehr schön. Ich habe aber auch ein bisschen Angst oder Respekt davor, dass das für sie zu einer Last wird, die sie durchs Leben mitträgt. Weisst du? Wie ein Mensch, der immer fehlt. Der in bestimmten Lebenssituationen immer fehlt, so wie bei dir jetzt an der Hochzeit.

Andrea: Genau, das ist es.


Stephi: Dann ist es immer auch ein bisschen emotional schwerer. Oder?

Andrea: Es ist so. Das sind Dinge, bei denen ich manchmal denke, dass ich danach ja gar keine Schwester mehr hatte. Ich hatte Brüder, die viel jünger waren, aber keine Schwester mehr. Vielleicht wäre es auch ein bisschen anders gewesen, wenn einer meiner Brüder ein Mädchen geworden wäre.


Stephi: Eine andere Verbindung.

Andrea: Vielleicht noch einmal. Andererseits waren es eben acht, zehn, zwölf Jahre Altersunterschied. Das macht schon auch etwas aus.


Stephi: Das ist ein riesiger Abstand.

Andrea: Zum Glück hatte ich dann meine Cousine, die für mich ein Stück weit die Rolle einer Schwester übernommen hat. Sie war meine Trauzeugin. Sie ist Gotti von meinem ersten Kind. Und manchmal denke ich, das wäre Corinne gewesen. Das wäre ihr Part gewesen. Oder umgekehrt ich bei ihren Kindern. In solchen Situationen merke ich schon, wie extrem sie mir fehlt. Auch wegen dieser Verbindung. Mein Mami hat mir immer gesagt, wir zwei hätten nie oder nur sehr, sehr wenig gestritten.


Stephi: Das hatten Malea und Alia auch.

Andrea: Ja, als hätten wir gewusst, dass uns nicht viel Zeit bleibt. Wir hätten eine wahnsinnige Verbindung gehabt. Meine Brüder haben dann miteinander gestritten und einander genervt.


Stephi: Ja, weil Kinder das eben so machen.

Andrea: Genau, was Kinder eben machen. Aber wir hätten wirklich nicht viel gestritten. Das sind Dinge, bei denen ich manchmal denke, dass man es natürlich nicht im Voraus weiss, aber dass vielleicht irgendwo doch etwas da ist …


Stephi: Ja.

Andrea: Vielleicht hat man doch eine Ahnung.


Stephi: Wenn man zurückschaut, denkt man oft, da hätte man einen Hinweis sehen sollen. Aber man kommt ja nicht darauf. Man kommt nicht darauf, dass das Kind stirbt.

Andrea: Nein, zum Glück nicht.


Stephi: Zum Glück nicht. Auch wenn man davon träumt, schiebt man es schnell beiseite und denkt, nein, das war nur ein Traum. Gott sei Dank.

Andrea: Ich habe später einmal das Buch von Kübler-Ross gelesen. Da war ich wahrscheinlich schon etwa fünfundzwanzig oder sechsundzwanzig. Nein, ich glaube, wir hatten noch kein Kind. Ich habe dieses Buch gelesen, in dem es auch um Kinder geht. Ich merkte schnell, was mich daran belastete. Viele Kinder scheinen mit Zeichnungen oder auf andere Weise etwas vorauszuahnen. Meine Schwester hat auch solche Zeichnungen gemacht. Sie zeichnete immer Hände, die bis in den Himmel hinaufgehen. Das sind Dinge, bei denen man dann denkt, nein, zum Glück ahnt man das nicht voraus. Man hinterfragt alles. Ich begann, jede Aussage meiner Kinder und meiner Brüder zu hinterfragen. Dann sagte ich mir, jetzt müsse ich aufhören, ich fange schon an zu spinnen.


Stephi: Hast du das auch in die Erziehung deiner Kinder mitgenommen? Warst du ängstlicher?

Andrea: Ich glaube schon. Wenn ich heute meine Kinder fragen würde, würden sie das wahrscheinlich sehr deutlich bestätigen. Und ich denke mir, nein, ich war doch gut. Ich habe wirklich versucht, meine Ängste nicht zu stark einfliessen zu lassen. Ich kann loslassen. Ich habe sie auch allein in den Kindergarten gehen lassen. Ich habe aber schon hingeschaut. Ich sagte ihnen, diesen Weg sollen sie nehmen, weil der Fussgängerstreifen dort übersichtlicher ist. Den anderen Weg sollten sie nicht nehmen. Er ist zwar kürzer, aber unsicherer. So war ich schon. Oder meine jüngere Tochter sagt immer, ich hätte sie so festhalten müssen, dass es manchmal wehgetan habe. Ja. Bei mir hätte sich nie ein Kind aus der Hand losreissen können.


Stephi: War deinen Kindern bewusst, dass du sie so festhältst, weil du eine Schwester verloren hast? Hast du ihnen das gesagt?

Andrea: Ich habe das relativ früh angesprochen. Ich habe immer gesagt, dass für mich der Strassenverkehr das Schlimmste ist. Sie sollen aufpassen, wenn sie unterwegs sind, auch mit dem Velo. Trotzdem konnte ich sie gehen lassen. Ich habe ihnen deshalb nicht das Velo vorenthalten. Aber es ist schon so. Ich habe das heute noch, wenn ich irgendwo ein Kind an der Strasse sehe, das nicht an der Hand der Mutter ist, oder auf einem Like-a-Bike. Dann denke ich immer, halt dieses Kind fest. Bei mir zieht sich dann alles zusammen. Ich glaube, das legt man nie mehr ab. Das kann man gar nicht. Aber ich habe mir wirklich sehr Mühe gegeben, keine Helikoptermutter zu werden. Ich glaube, das ist mir einigermassen gelungen. Man müsste jetzt noch meine Kinder fragen, wie sie das erlebt haben, aber ich glaube schon. Ich hatte ja auch einen Partner an meiner Seite, der das wusste. Und ich glaube, er hätte mich schon gebremst, wenn ich zu weit gegangen oder zu extrem geworden wäre.


Stephi: Ja. Ich muss auch sagen, dass ich eher ängstlich bin. Ich weiss einfach, dass meine Kinder jederzeit sterben können. Diese Sicherheit, dass nichts geschieht, habe ich nicht, und du hattest sie auch nicht.

Andrea: Diese Unbeschwertheit hat man nicht.


Stephi: Die Unbeschwertheit ist nicht mehr da.

Andrea: Nein, die hat man nicht.


Stephi: Ich weiss noch, als ich mit Kiana im Spital war, nachdem sie auf die Welt gekommen war. Ich habe mich umgeschaut. Wir hatten kein Einzelzimmer. Ich war, glaube ich, im Zweierzimmer mit einer anderen Mutter. Da habe ich für mich gedacht, welche Unbeschwertheit diese Mutter jetzt hat, die ihr Kind geboren hat und denkt, dass sie dieses Kind ein Leben lang begleiten wird und dass sie vor ihm sterben wird. Das hatte ich bei Malea auch. Aber als sie auf die Welt kam, hatte ich diese Unbeschwertheit nicht mehr. Und das ist schon anders.

Andrea: Ich weiss, dass meine Mutter sehr extrem war. Da habe ich immer für mich gedacht, dass ich das meinen Kindern nicht weitergeben darf. Das darf ich nicht. Sie müssen leben können. Ich kann nicht alles abschliessen und sagen, dass sie hierbleiben müssen. Das mache ich nicht.


Stephi: Du hast da auch gelernt, das für dich aufzulösen.

Andrea: Mhm, genau.


Stephi: Ja, weil es sonst in der Familiengeschichte bleibt.

Andrea: Das zieht sich durch. Lustig ist, dass meine jüngere Tochter gesagt hat, diesen Griff habe sie übrigens auch drauf. Sie war kürzlich mit dem Sohn eines Kollegen unterwegs. Es machte zack, und sie hatte ihn sofort so im Griff an der Hand, wie ich es immer gemacht habe.


Stephi: Du hast ihn weitergegeben.

Andrea: Ich habe ihn weitergegeben, ja. Ich glaube, dass …


Stephi: Ja. Vielleicht ist das gar nicht so schlecht, wenn du einmal Enkelkinder hast. Ein gewisses Grundmass darf man, finde ich, schon haben. Nicht Helikoptern, aber so ein bisschen.

Andrea: Ich fand das schon im Kindergarten speziell. Da habe ich den Unterschied zwischen den anderen Müttern und mir gemerkt. Ihr grösstes Problem war, dass ihr Kind nie zu einer fremden Person ins Auto steigen oder mit jemand Fremdem mitgehen darf. Ich sass dort und dachte, ja, das stimmt, das finde ich auch schlimm. Aber die Strasse. Habt ihr an die Strasse gedacht?


Stephi: Habt ihr an die Strasse gedacht, ja.

Andrea: Da merkte ich, dass sie mich angeschaut haben. Nach dem Motto, sie lernen das ja mit dem Polizisten. Ja, natürlich lernen sie es.


Stephi: Ja. Aber auch die Autofahrer müssen sich das immer wieder ins Bewusstsein rufen. Es gibt im Strassenverkehr schon Situationen, die man erlebt und die grenzwertig sind. Für mich klingt es so, als hättest du dir im Rückblick wirklich gewünscht, dass man mit dir geredet hätte. Dass man dich nicht geschont hätte. Und dass man auch deine Gefühle zugelassen hätte. Weisst du, was ich meine?

Andrea: Ja, genau. Dass ich auch hätte weinen dürfen. Dass das kein Problem gewesen wäre. Ich habe wirklich Verständnis für meine Eltern. Aber ich denke manchmal, sie hätten doch auch merken müssen, dass es für mich nicht einfach erledigt ist, nur weil ich nicht weine. Oder dass ich keine Bedenken gehabt hätte, einfach zu sagen, dass ich heute sehr traurig bin. Oder einfach zu weinen oder Fragen zu stellen. Das war irgendwie nicht möglich. Ich meine, mich haben sie in der Schule auch geplagt.


Stephi: Wieso haben sie dich in der Schule geplagt?

Andrea: Mit dummen Sprüchen. Sie sagten zum Beispiel, meine Schwester habe ja eigentlich am Boden geklebt. Solche Sachen haben sie gesagt.


Stephi: Im Ernst?

Andrea: Ja. Das konnte ich zu Hause nie erzählen. Das ging nie.


Stephi: Du hast sehr viel mit dir selbst getragen. Hättest du dir auch gewünscht, dass man in der Schule darüber aufklärt?

Andrea: Ja.


Stephi: Dass jemand kommt und sagt, was passiert ist.

Andrea: Genau, ja. Ich kam nach den Sommerferien in die erste Klasse, und das war für mich ein völlig neuer Abschnitt. Ich weiss gar nicht, wie ich das gemacht habe.


Stephi: Mhm. Du weisst auch nicht, ob deine Lehrpersonen informiert waren.

Andrea: Keine Ahnung. Manchmal fragte ich mich auch, wenn ich abends ins Bett ging, wie ich das gemacht habe. Wir haben ja im gleichen Zimmer geschlafen. Wir haben uns das Zimmer geteilt. Und plötzlich bist du allein. Ich weiss nicht mehr, wie ich die erste Nacht geschafft habe. Das sind alles Dinge, an die ich mich wirklich nicht mehr erinnere. Und ich wünschte mir, ich wäre damals irgendwie betreut gewesen.


Stephi: Ja, vielleicht begleitet. Nicht unbedingt vom Mami oder vom Papi. Es kann auch eine Trauerbegleiterin sein.

Andrea: Absolut.


Stephi: Oder irgendjemand anderes. Jemand, bei dem man nachfragen kann.

Andrea: Ja. Richtig bewusst geworden ist es mir vor etwa zwei Jahren. Ich war an der Beerdigung eines zehnjährigen Kindes, das an einem Hirntumor gestorben war. Ich ging an diese Beerdigung und dachte, ob ich das schaffe. Ich fragte mich, wie es für mich sein würde, die Eltern zu sehen. Und dann merkte ich, dass das für mich gar nicht so schlimm war. Ich sah die Eltern, die Grosseltern und die Kinder, die so traurig waren. Aber als der Kleine kam, der Bruder, da hat es mich fast überrollt. Dort hat es mir wirklich ...


Stephi: Ja, weil du weisst, wie es sich anfühlt.

Andrea: Ich dachte, warum läuft dieser Bub so weit weg von den Eltern? Nehmt ihn zwischen euch. Warum muss er drei Sitze hinter euch sitzen? Nehmt ihn zwischen euch. Ich war wirklich kurz davor ... Und dann dachte ich, dass ich aufhören muss, weil er es vielleicht so gewollt hat. Das weiss ich ja gar nicht. Aber ich merkte, dass genau das der Punkt war, der mich fast wahnsinnig gemacht hat. Diesen Jungen zu sehen und zu denken, dass er jetzt seinen grossen Bruder verloren hat.


Stephi: Ja. Mir ist es auf jeden Fall auch ein Anliegen, dass man die Kinder in dem Ganzen nicht vergisst. Ich weiss noch, als es bei uns passiert ist ... Es ist so schwierig, mit dem Schmerz und allem umzugehen. Und dann hast du auch noch dein Kind, das ebenfalls trauert. Und das musst du auch noch tragen. Das ist einfach zu viel. Es ist einfach zu viel. Es braucht wirklich ein System, das greift, oder Unterstützung, die fast automatisch zur Familie kommt. Dass jemand fragt, ob sie Unterstützung brauchen oder ob man etwas mit dem Kind machen soll. Und dass wir auch als Eltern lernen, mit unseren Kindern darüber zu sprechen. Die Emotionen zu benennen.

Andrea: Ganz wichtig. Und auch, dass das Kind das Gefühl bekommt, jederzeit zum Mami oder zum Papi gehen und über seine Gefühle sprechen zu können. Mami und Papi schauen dann schon, was sie mit ihren eigenen Gefühlen machen.


Stephi: Dass wir stark sind und du mit allem zu uns kommen kannst, auch mit deinen Tränen.

Andrea: Genau.


Stephi: Dass man dieses Gefühl vermittelt. Und diese Sicherheit gibt.

Andrea: Mhm, genau. Und das hatte ich nicht. Das hatte ich wirklich nicht. Ich habe wirklich die Hoffnung, dass heute vieles anders geregelt wird als damals. Ich meine, 1977 kam bei uns der Pfarrer nach Hause. Am Tag des Unfalls.


Stephi: Ja, das wäre nicht jetzt.

Andrea: Er hat uns ja weder in den Arm genommen noch sonst etwas. Ich habe ihn ja nicht einmal gekannt. Für jemanden, der sehr gläubig ist, kann das vielleicht schon auch ...


Stephi: Ja, es kann eine Unterstützung sein.

Andrea: ... eine Unterstützung sein. Aber für uns ... Dieser Pfarrer hatte uns getauft, glaube ich. Ich meine, ja. Was sollte ich mit ihm anfangen? Es waren ja auch Verwandte da, aber ich glaube, auch von ihnen hat mich niemand in den Arm genommen. Das hat man einfach nicht gemacht. Sie waren ja selber so mit sich beschäftigt.


Stephi: Ja, sie waren mit sich beschäftigt. Man vergisst es eben auch ein bisschen. Wenn man so stark mit sich selbst beschäftigt ist und in diesem Moment das Gefühl hat, es sei nur der eigene Schmerz, dann vergisst man die Kinder manchmal schon.

Andrea: Mhm. Und es war ja für alle eine extreme Situation. Ich weiss auch noch, wie es mit dem Polizisten war, der bei uns war. Es waren ein jüngerer und ein älterer Polizist. Der Jüngere hat geweint. Er hat wirklich geweint. Das weiss ich noch. Ihm ist das so nahegegangen. Und ich sehe auch noch meine Mutter, wie sie voller Emotionen auf die Scheibe eingeschlagen hat. Als Kind musst du ja auch damit klarkommen.


Stephi: Ja, damit musst du klarkommen. Da wirst du dann auch nicht geschont.

Andrea: Mhm. Das sind solche Sequenzen, an die ich mich noch erinnern kann.


Stephi: Ich frage mich die ganze Zeit, und ich finde es so schade, dass du diese Erinnerungen nicht hast, ob man sie irgendwie wieder hervorholen könnte.

Andrea: Ja, es gibt ein Für und Wider. Im Moment weiss ich es noch nicht, ich habe mich noch nicht entschieden. \[lacht\] Ich bin noch dabei, das ein bisschen auszuloten. Soll ich das wirklich machen? Was macht es mit mir, wenn ich diese Gefühle hochhole? Ich muss sie ja auch auf der Strasse gesehen haben. Was mache ich, wenn diese Erinnerungen zurückkommen? Will ich das wirklich? Das habe ich auch gedacht, als es um das Lesen des Unfallberichts ging. Dort wird ja alles ganz genau beschrieben. Will ich das wirklich lesen? Oder will ich das nicht? Das sind Fragen, die man sich schon stellen muss. Aus irgendeinem Grund hat der Körper ja diesen Schutz aufgebaut.


Stephi: Ja, das hat er gemacht. Das ist so.

Andrea: Darum weiss ich es nicht.


Stephi: Es ist noch ein Prozess.

Andrea: Ja, ich bin immer noch darin.


Stephi: Du bist noch darin, du bist noch mittendrin.

Andrea: Auch mit vierundfünfzig ist es nicht abgeschlossen. Das ist definitiv so.


Stephi: Ja, Wahnsinn. Was kannst du Eltern mitgeben? Du hast schon sehr viel erzählt, und ich finde sehr wichtig, was du gesagt hast. Mit den Kindern darüber sprechen, die Kinder an die Hand nehmen und sie unterstützen. Gibt es noch etwas, von dem du sagst, dass es dir besonders wichtig ist und dass es bei Kindern nicht vergessen gehen darf? Vielleicht auch später, wenn es weitergeht, wenn man noch einmal Kinder bekommt oder wenn noch einmal Geschwister dazukommen. Oder vielleicht auch, wenn ein Kind in der Pubertät ist.

Andrea: Ich glaube, damit ist eigentlich schon fast alles gesagt. Das Wichtigste ist wirklich, dem Kind das Gefühl zu geben, dass es jederzeit mit seinen Problemen kommen darf. Dass es seine Gefühle zulassen darf. Natürlich macht es dich als Mami oder Papi auch traurig, aber das ist ja okay. Wir dürfen traurig sein. Wir dürfen das miteinander. Wir können auch miteinander weinen. Ich glaube, das ist sehr wichtig. Und wenn Mami und Papi damit überfordert sind, ist auch das okay. Es gibt ja noch das Umfeld. Vielleicht kann auch ein Gotti oder ein Götti auf das Kind zugehen und sagen, ob es mit ihm sprechen oder etwas mit ihm unternehmen möchte. Solche Dinge meine ich. Mir selbst ist das auch passiert. Als mein Papi gestorben ist, hat mir meine jüngste Tochter später noch den Vorwurf gemacht, dass sie sich nicht von ihm verabschieden konnte. Damals habe ich einen grossen Fehler gemacht, weil ich ihr gesagt habe, wir würden uns ja an der Beerdigung verabschieden. Das ist eben das Denken von Erwachsenen. Sie war danach richtig wütend auf mich und sagte, ich hätte sie angelogen. Ich fragte, warum. Sie sagte, ich hätte gesagt, wir würden uns verabschieden. Ich sagte, das hätten wir doch gemacht. Darauf sagte sie, nein, verabschieden heisse, jemandem die Hand zu geben. Und sie habe die Hand nicht mehr geben dürfen. Da ist mir das erst richtig bewusst geworden. Ich merke, dass man in einem solchen Moment so viele Dinge „falsch“ macht.


Stephi: Weil man als Erwachsener denkt.

Andrea: Ja. Ein Kind denkt einfach anders. Für sie hiess verabschieden, die Hand zu geben.


Stephi: Ja, vielleicht kann man einem Kind genau erklären, was man meint, oder fragen, was es unter Abschied versteht und was es noch gerne machen würde. Damit man es besser verstehen kann. Jedes Kind ist ja auch anders.

Andrea: Sie war damals erst fünf. Sie konnte sich zwar ausdrücken und hat gewisse Dinge auch verstanden. Es war also nicht so, dass sie nichts verstanden hätte. Sie hat es wirklich verstanden.


Stephi: Ich habe noch eine Frage, die mich sehr interessiert. Machst du etwas, wenn deine Schwester Geburtstag hat?

Andrea: Nein. Aber ich denke immer daran. Ich denke schon vorher daran, und auch am Tag selbst ist es irgendwo präsent. Aber ich mache nichts.


Stephi: Und am Todestag?

Andrea: Nein. Auch nicht. Früher habe ich immer Blumen gebracht. Das mache ich heute natürlich nicht mehr. Aber ich denke auch dann immer daran. Ich weiss es ganz genau. Was ich heute mache und früher nicht gemacht habe, und was auch ein wichtiger Schritt war, ist etwas anderes. Wenn mich jemand gefragt hat, wie viele Geschwister ich habe, habe ich früher immer gesagt, ich habe drei Brüder.


Stephi: Heute nicht mehr?

Andrea: Nein, heute sage ich, ich habe vier Geschwister.


Stephi: Schön. Das freut mich.

Andrea: Aber natürlich löst man damit beim Gegenüber etwas aus.


Stephi: Das ist so.

Andrea: Und das möchten nicht immer alle.


Stephi: Das ist so. Bei verwaisten Eltern ist es ähnlich mit der Frage, wie viele Kinder man hat. Was sagt man dann?

Andrea: Mhm, genau. Heute habe ich gemerkt, dass mir das eigentlich egal ist. Es muss mir egal sein.


Stephi: Ja, sie ist deine Schwester.

Andrea: Ja. Ich habe vier Geschwister. Eines lebt zwar nicht mehr, aber ich habe vier. Das war auch ein Prozess, durch den ich gehen musste. Manchmal fragen die Leute nach, manchmal nicht. Es ist auch in Ordnung, wenn sie nicht fragen. Für mich ist es aber auch in Ordnung, wenn sie fragen. Heute habe ich keine Mühe mehr, darüber zu sprechen. Mir kommt gerade noch ein Erlebnis in den Sinn. Das war vor etwa sechs oder sieben Jahren. Da bin ich jemandem begegnet. Die Person sagte zu mir, ich sei doch Andrea. Ich sagte, ja. Dann sagte er, ich sei mit seiner Schwester zur Schule gegangen und könne mich sicher nicht an ihn erinnern. Ich sagte, nein. Darauf sagte er, er könne sich aber noch gut an den Unfall meiner Schwester erinnern.


Stephi: Oje.

Andrea: Ich sagte nur, ach ja. Dann sagte er, es sei eine sehr schlimme Zeit gewesen. Er sei gut befreundet gewesen mit dem Sohn der Unfallfahrerin. Ich sagte, okay. Und dann sagte er, diese Familie habe sehr gelitten. Danach verabschiedete er sich und ging. Ich musste mich hinsetzen. Ich musste das zuerst setzen lassen. Ich dachte, ob das jetzt wirklich sein müsse. Ob mich das in diesem Moment interessiere. Es interessierte mich überhaupt nicht.


Stephi: Ja, wie es ihnen gegangen ist.

Andrea: Ja. Und ich fragte mich, wie man dazu kommt, so etwas zu sagen. Aber vielleicht war es in diesem Moment auch Hilflosigkeit. Er hätte ja auch fragen können, wie es uns damals gegangen ist.


Stephi: Ja, genau.

Andrea: Das hat er nicht gemacht. Stattdessen erzählte er mir, wie es dieser Familie gegangen sei. Ich musste mich wirklich hinsetzen und durchatmen. Das war unglaublich.


Stephi: Er hat dir einfach sehr viele Informationen hingeworfen. Er wusste wahrscheinlich gar nicht, wie sehr er dich damit trifft. Vielleicht meinte er sogar, er sage etwas Gutes.

Andrea: Ja. Aber es ist mir eigentlich wirklich egal.


Stephi: Ja, das kann ich total nachvollziehen.

Andrea: Vielleicht ist das hart. Ich merke das auch an den Reaktionen, wenn ich mit Freunden darüber spreche. Letztens hat einer gesagt, gegenüber dieser Unfallfahrerin sei ich nicht besonders versöhnlich. Da habe ich gemerkt, nein, das bin ich wirklich nicht. Das bin ich einfach nicht. Ich verzeihe ihr das nicht.


Stephi: Ja. Das musst du auch nicht.

Andrea: Muss ich auch nicht, nein. Wirklich nicht. Ich weiss nicht, wie es wäre, wenn sie plötzlich vor mir stehen würden. Das weiss ich nicht. Ich weiss nicht, wie ich reagieren würde, aber …


Stephi: Aber ich glaube, verzeihen kann man in diesem Sinn nicht?

Andrea: Nein, vor allem, weil sie aus meiner Sicht meinen Eltern gegenüber sehr schlecht reagiert haben. Es war ein Unfall, ja. Meine Schwester ist einfach hinausgerannt. Das kann jedem passieren. Das ist der Horror.


Stephi: Ja, natürlich.

Andrea: Wenn einem das mit einem Kind passiert …


Stephi: Das ist das Horrorszenario für jeden Autofahrer

Andrea: Absolut.


Stephi: Dass einem ein Kind vor das Auto läuft.

Andrea: Absolut. Aber sie haben sich nie bei uns gemeldet, weder schriftlich noch sonst irgendwie. Das Einzige, was der Mann der Unfallfahrerin meinem Vater sagen konnte, war, dass sie nicht das Gefühl haben müssten, sie müssten Anzeige erstatten. Er würde sonst gleich mit einer Gegenklage wegen Nichtbeaufsichtigung des Kindes kommen. Ich meine, das ist ein Schlag in die Magengrube.


Stephi: Total.

Andrea: Meine Eltern haben sich ohnehin schon Vorwürfe gemacht. Das brauchten sie nicht auch noch. Und ich glaube wirklich, meine Eltern haben rechtlich gar nichts unternommen.


Stephi: Ja, sie hatten wohl auch Angst vor genau dieser Konsequenz, die er ausgesprochen hatte.

Andrea: Richtig. Und auch, weil es sie ja nicht zurückgebracht hätte.


Stephi: Eine Mutter macht sich solche Vorwürfe. Du hast ja erzählt, dass deine Mutter sich diese Vorwürfe gemacht hat.

Andrea: Absolut.


Stephi: Sie denkt, sie habe nicht geschaut, sie sei nicht mit hinausgegangen, sie sei nicht dort gewesen. Und dann kommt noch der Mann der Unfallfahrerin und unterstreicht genau das noch einmal so stark. Da zieht man sich zurück. Ja, das ist wirklich …

Andrea: Ganz schlimm.


Stephi: … schlimm. Auch dass einem so etwas überhaupt passiert. Ich meine, wir sind alle auf der Strasse unterwegs. Aber entscheidend ist, was man danach daraus macht.

Andrea: Ja, genau. Das ist es. Ich meine, das hätte sie uns ja nicht zurückbringen können.


Stephi: Nein.

Andrea: Aber emotional hätte es etwas bedeutet, wenn sie einfach gesagt hätten, dass es ihnen leidtut.


Stephi: Ja, und ich glaube, für sie und für die Verarbeitung wäre der andere Weg besser gewesen.

Andrea: Glaube ich auch.


Stephi: Andrea, ich habe es sehr schön gefunden, mit dir zu sprechen und wieder einmal die Sicht eines Geschwisters zu hören, das zurückgeblieben ist. Als betroffene Mutter tut mir das sehr gut. Es ruft mir immer wieder ins Bewusstsein, dass ich mit meinem Kind sprechen muss und direkt fragen soll und mich nicht davor scheuen darf. Auch wenn ich sehr offen bin und darüber rede, gibt es bei mir trotzdem etwas, das mir Sorge macht. Ich frage mich immer wieder, wie sie damit umgeht. Was macht es mit ihr? Wie trägt sie diesen Rucksack durchs Leben? Ich hoffe, sie macht es gut. Und gleichzeitig hat man Respekt davor, nachzufragen.

Andrea: Das glaube ich. Aber ich glaube, allein dadurch, dass du dir diese Gedanken überhaupt machst trägst du schon viel dazu bei. Ich glaube, meine Eltern haben sich diese Gedanken gar nicht gemacht. Das glaube ich einfach nicht.


Stephi: Ja. Darum ist es schön, das wieder zu hören. Vielen Dank für deine Zeit.

Andrea: Ja, danke dir.

Teile deine Geschichte

Deine Erfahrung kann anderen helfen.

Du hast Ähnliches durchlebt? Wir suchen Betroffene, die bereit sind, in einem vertraulichen Gespräch über deinen Weg zu sprechen. Ohne Druck, in deinem Tempo und an einem Ort deiner Wahl. Dein Erfahrungswissen kann anderen Betroffenen Orientierung geben.

Meine Geschichte erzählen

Adresse

Schweizerische Gemeinschaft verwaister Eltern

Scharnachtalstrasse 12

3006 Bern

Für wen?

Betroffene ElternNahestehendePädagogische FachpersonenArbeitgebende

Zeitabschnitte

Diagnose und BehandlungenEnde absehbarZeit des SterbensUnmittelbar nach dem TodMit der Trauer leben

Weitere Inhalte

GeschichtenThemen

Über uns

Über diese PlattformÜber die SGVEKontakt
ImpressumDatenschutz

© 2026 SGVE — Schweizerische Gemeinschaft verwaister Eltern